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Estland kauft Bahn zurück

Estland gilt in wirtschaftsliberalen Kreisen als Land mit Vorbildcharakter. Das ehemals sowjetisch besetzte Land (auch wenn die Russen die Version vom “besetzten Estland” bis heute nicht akzeptieren und die Grenzen zwischen den beiden Staaten bis heute deshalb undefiniert sind) ist seit 1991 unabhängig und hat es innerhalb von 13 Jahren in die EU geschafft. Dafür war natürlich ein gewaltiger Transformationsprozess notwendig, der auch am sozialen Gefüge des Landes kräftig rüttelte. 2001 ging die Liberalisierung so weit, dass die Eisenbahn privatisiert wurde, und mit ihr also staatliche Infrastruktur. Für etwa 65 Millionen Euro verkaufte man den Großteil der Anteile an Investoren. Die haben daraufhin umstrittene (und zum Teil erwiesenermaßen unsinnige) Investitionen in Höhe von 110 bis 120 Millionen Euro getätigt und Vorgaben für EU-Förderungen missachtet und so dem Staat eine Strafe eingebracht, die von den privaten Investoren natürlich nicht übernommen wurde.

Jetzt drohte das Eisenbahnnetz gar ins Ausland verkauft zu werden: die Deutsche Bahn und russische Gruppen zeigten sich interessiert. (Was ich schon aus historischer Perspektive sehr interessant, vielleicht sogar brisant, finde. Russen und Deutsche waren im Baltikum schon immer sehr aktiv. Während des Zweiten Weltkriegs traten beide als Besatzungsmächte auf.) Der Staat zieht die Notbremse und kauft die Bahn nun wieder zurück. Im wirtschaftsliberalen Vorzeigeland wird wieder verstaatlicht, weil die wundersame Hand des Marktes offensichtlich einmal mehr nicht akzeptabel funktioniert. 150 Milionen Euro lässt man sich das kosten – 85 mehr als man nur 5 Jahre früher bekommen hat.

Die Bahn hat in Estland heute für die Bevölkerung kaum noch Relevanz, haben mir einige Internetquellen geflüstert. Der Verlust an Bedeutung und von Geld: Eine Warnung an all jene die davon besessen sind, um jeden Preis staatliche Betriebe und vor allem Infratstruktur zu privatisieren?

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| 6. November 2006

3 Reaktionen bisher

    majin sagt:

    guter artikel, tom. die infrastruktur aus der hand zu geben, ist ein unterschätztes problem: schön, dass du es ansprichst.

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    !!! | 6. November 2006 | 02:16
    Anonymous sagt:

    ich wusste nicht, dass die Deutschen Estland im 2.WK besetzt hatten. Ich dachte immer, sie hätten es befreit. Schließlich hat das Reich ja auch die Baltendeutschen (aus diesem alten deutschen Siedlungsgebiet) abgesiedelt und schließlich sind die Esten und anderen Balten bis heute den Deutschen mehr als freundlich gesinnt.

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    !!! | 14. November 2006 | 12:21
    Tom Schaffer sagt:

    ganz wirre sache – hab letztes semester ne arbeit darüber geschrieben. nazideutschland hat natürlich gar niemanden befreit, sondern besetzt.

    als die deutschen in estland einmarschierten, hofften die esten befreit zu werden. stattdessen verfolgten und töteten die deutschen alle, die früher mit den kommunisten zusammengerarbeitet hatten und führten zwangsrekrutierungen durch.

    estland verlor seine unabhängigkeit übrigens erst 1940 durch den molotov-ribbentrop-pakt – also mit kräftiger deutscher unterstützung. zuvor war es 20 jahre lang unabhängig.

    im ersten weltkrieg hatte deutschland estland schon einmal eingenommen, dann aber germanisiert statt in die unabhängigkeit entlassen. mit der niederlage der achsenmächte wurde estland dann zum autonomen staat.

    am baltikum war der deutsche einfluss seit jeher beträchtlich, darum gibts da bis heute gute bande nach deutschland.

    wie gesagt: sehr wirr, aber sicher keine befreieung.

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    !!! | 14. November 2006 | 18:14

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