Überfremdung

 

Bei meinem täglichen Besuch in einem Forum (dessen öffentliche Nennung leider nicht gern gesehen wird), krache ich immer wieder mit sogenannten “rechtskonservativen” Kreisen zusammen. Der Begriff der “gefährlichen Überfremdung” der deutschen Kultur fällt in diesem Zusammenhang schon das ein oder andere Mal. Man bekommt diesen heutzutage regelmäßig zu Ohren. Setzen wir uns doch einmal mit seiner Bedeutung auseinander.

Gemeint ist damit wohl eine Veränderung einer – angeblich existierenden – deutschen Kultur durch zu viele Menschen von außerhalb. Ich selbst bin ja schon immer sehr skeptisch, wenn es darum geht, überhaupt eine allgemeine deutsche Kultur zu erkennen. Ein Bauer in Tölz und ein Manager in Berlin leben meiner Meinung nach ohnehin in verschiedenen Welten (oder: für all jene, die auch Österreich dazuzählen: ein Schwabe oder Tiroler und ein Burgenländer sind sich mit Sicherheit nicht näher, als Kärntner und Slowenen). Es bestehen regionale Unterschiede. Durch die Sprache gibt es einen gewissen gemeinsamen Nenner, aber den findet man mit offenen Augen vermutlich auch mit vielen oder allen anderen Gruppen überall auf der Welt. Ja, selbst mit einem Muslim aus Ankara gibt es für sächsische Protestanten verbindende Elemente. In der Angst sich der Welt zu öffnen, kann man das leugnen – aber es wird in der Wirklichkeit nicht verschwinden.

Die gesellschaftlichen Werte und Normen des Deutschlands von vor einem halben Jahrhundert sind mit dem heutigen nicht mehr vergleichbar. Wenn man also von der angeblichen “Überfremdung” spricht, sollte man sich im Klaren sein, dass man bei Kulturen ohnehin mit dynamischen Gegebenheiten hantiert, und nicht mit festen Größen über alle Zeitalter. Es ist eine Illusion zu glauben, dass eine Kultur sich nicht verändern würde. Sie tut es schon immer – von “innen” und “außen”.

Im Rahmen des natürlichen Globalisierungs- und Individualisierungsprozesses kommt es durch einen noch größeren Austausch auch noch stärker zur Erneuerung von Kulturen (was fälschlich gerne für eine Vereinheitlichung gehalten wird). Das ist eine Entwicklung, die für Angst sorgt. Denn Erneuerung bringt Unbekanntes und mit Unbekanntem will sich ein verschlossener Geist nicht auseinandersetzen.

Gerade diese Verschlossenen werden aber aus Eigenverschulden auf der Strecke bleiben. Denn wer sich offen gibt, wird Möglichkeiten vorfinden, seine Welt, seine Gesellschaft und als Überbegriff auch die Kultur seines Umfeldes mitzugestalten. Wer sich auf die Bewahrung der Vergangenheit beschränkt, wird zwangsläufig scheitern. Panta Rhei – alles fließt. Veränderung ist allgegenwärtig. Und sie ist nicht zu stoppen. Konservativ zu sein, kann sinnvoll sein – aber nur im gesunden Maß. Man muss seine Wurzeln bewahren, seine eigenen Werte nicht verleugnen. Dabei geht es aber wirklich um die eigenen Werte, nicht darum was ein Strache meint, was denn diese Werte für die Allgemeinheit sein müssten. Dieses Selbstvertrauen und die vorhergehende Selbsterkenntnis muss jeder für sich selbst aufbringen – kein Parolendrescher kann das für ihn übernehmen. Das Gegenteil von der starren Bewahrungshaltung ist nicht der offene Umgang mit Fremdem, sondern ein zielloses Mittreiben.

Wenn jemand von Überfremdung spricht, dann kann er nur die Realität verkennen – oder aber er meint soziale Probleme und Integrationsproblemene – etwa entstehende Parallelgesellschaften. Die Probleme gibt es, die sind lösbar (wenn auch manchmal aufwändig) und sie müssen gelöst werden. Aber nicht durch Einigelung und Barrikaden – dadurch entstehen sie ja überhaupt erst. Es gibt keine angebliche Grenze dafür, wie viel Fremdes eine Gesellschaft verträgt. Ich glaube, die FPÖ hat diese kürzlich mit 5% festgelegt. Eine willkürliche Blödheit. Wer diese existenten Probleme mit kultureller Bewahrung in Verbindung bringt, ist von der falschen Annahme geblendet, dass Veränderung verhinderbar und schlecht wäre.

Überfremdung ist nicht der richtige und ein gefährlich negativer Begriff für diese Problematiken. Das Konzept der angeblichen kulturellen Überfremdung ist eine Konstruktion ohne Fundament. Ein “rechtskonservatives” Luftschloss, das ein faktisch falsches Verständnis der Welt fördert. Es soll Angst schüren und einen einfachen Weg zum Glück weisen. In Wahrheit wird jeder zum Verlierer, der ihm folgt. Wer es vernünftig reflektiert, wird unweigerlich zu diesem Schluss kommen.

 
Tom Schaffer | 7. January 2007

Du kannst uns ganz einfach auf verschiedenste Weise unterstützen. Danke!
Auf Twitter posten Auf Facebook posten Auf Delicious posten Digg it Poste auf SU Poste auf Scoop.at Abonniere die Seite! Registrieren/Einloggen Etwas spenden

5 Reaktionen bisher

    laurenzennser sagt:

    wie recht du hast, tom. ich hab manchmal schon angst, dieses thema mit bekannten zu diskutieren, um nicht seiten an leuten zu entdecken, die mir gar nicht gefallen würden.

    !!! | 7. January 2007 | 22:19
    Tom Schaffer sagt:

    dieses entdecken passiert mir allzu oft, sehr bitter :(

    !!! | 7. January 2007 | 22:50
    Anonymous sagt:

    welche seite ist es?

    Natürlich ist Nationalismus keine Sache durch sich. Welchen Strache-Spruch meinst du bestimmt?

    Aber welchen Vorteil siehst du, wenn sich zwei Staaten und Völker durchmischen und ineinander leben anstatt dass sie weiter nebeneinander leben?
    Vermischen erschwert Politik, oder???

    !!! | 7. January 2007 | 23:23
    Tom Schaffer sagt:

    ich hatte jetzt keinen bestimmten strache sager im sinn – eher seine generelle geistige haltung, die er neben anderen v.a. im bzö und fpö zur schau stellt.

    vermischung erschwert die politik nicht. wieso sollte sie das tun?

    das forum möchte ich wirklich nicht öffentlich nennen, weil das dort nicht gern gesehen wird. da es eigentlich ja nur der anstoß meines postings war, und für die argumentation nicht wichtig, möchte ich diesen wunsch der dortigen community respektieren (nur soviel zu klärung: dort sind diese angesprochenen kreise natürlich eine minderheit. nicht dass da ein falscher eindruck entsteht)

    !!! | 8. January 2007 | 11:48

Externe Reaktionen

Jetzt sag doch was!

Registrierte UserInnen surfen hier ohne Werbung!