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Interview: Christoph Breitler über die Wikipedia

Als neues Feature auf Zur Politik gibt es zukünftig in unregelmäßigen Abständen auch Interviews. Den Anfang mach ich heute mit einem Gespräch über das Enzyklopädie-Wunder Wikipedia.

Zur Politik: Hallo Christoph! Was ist deine Aufgabe bei der Wikipedia?
Christoph Breitler: Ich bin als Pressekontakt in Österreich für die Beantwortung von Fragen über Wikipedia zuständig, und gehöre auch zum Benutzerkreis der gewählten Administratoren innerhalb der deutschen Wikipedia Ausgabe.

Zur Politik: Ist das viel Arbeit?
Christoph Breitler: Es ist nicht durchgehend viel arbeit, allerdings wenn es etwas zu beantworten gibt, wie die Einführung eines neuen Features, treten Anfragen gehäuft auf. Ansonsten verteilt sich das. Als Administrator hat man hingegen täglich innerhalb der Wikipedia zu tun.

Zur Politik: Wird dein Einsatz auf irgendeine Weise vergütet?
Christoph Breitler: Nein, die Mitarbeit bei Wikipedia ist freiwillig. Es gibt allerdings einige Mitarbeiter fest von der Wikimedia Foundation (der gemeinnützige Betreiberverein) angestellt sind. Hauptsächlich kümmern sich diese um die technischen Belange wie Serverwartung und Weiterentwicklung der Mediawiki Software hinter Wikipedia.

Zur Politik: Also ist dein Antrieb der pure Idealismus?
Christoph Breitler: Ein gewisser Idealismus ist schon dabei, aber ich würde es nicht aus reinem Idealismus machen. Es muß halt Spaß machen was man tut. Es ist wohl wie bei allen freiwilligen Tätigkeiten, wenn sie keinen Spaß machen, könnte man aufhören. Und man leistet seinen Beitrag zum Web 2.0 – wie immer man das definieren mag.

Zur Politik: Im “Web 2.0″ gibt es ja zahlreiche Projekte, an denen man mitarbeiten könnte. Was ist es, was die Wikipedia für dich so besonders attraktiv macht? Was macht sie aus?
Christoph Breitler: Ich bin eher zufällig auf Wikipedia gekommen, ich hab mir die Seite angesehen und gedacht, da könnte ich Wissen beisteuern. Ich glaube zu anderen “Web 2.0″ Plattformen hätte ich nicht so viel beitragen können. :-)

Zur Politik: Bei der Wikipedia wird ja oft von der “Demokratisierung des Wissens” gesprochen. Wie sehr trifft das deiner Meinung nach zu?
Christoph Breitler: Ich glaube das Schlagwort ist unzutreffend. Es geht nicht um Demokratisierung von Wissen. Wenn man sich an wissenschaftliche Standards hält, sollte ja demokratisches Wissen dabei entstehen. Ich denke es geht eher um die breite Verfügbarkeit von Wissen, jeder soll unmittelbaren Zugriff darauf haben. In dem Sinn kann man das demokratisch nennen, ja.

Zur Politik: Natürlch ist das Wikipedia-System aber nicht vollkommen. Die Kritikpunkte sind bekannt – etwa die Unzuverlässigkeit, weshalb sie in Wissenschaftskreisen für gewöhnlich auch nicht als zitierfähig gilt. Gibt es überhaupt die Möglichkeit diese Unzuverlässigkeit im WP-System zu vermeiden?
Christoph Breitler: Ich denke das Problem läßt sich nur durch Qualitätssicherung vermeiden. Die deutsche Wikipedia tut hier sehr viel, um Artikel zu verbessern. Wikipedia sollte man eher als Einstieg sehen und nicht als “Werksgrundlage”. Dennoch liegen die Stärken von Wikipedia eher in der Übersichtsinformation. Niemand würde zum Beispiel den Brockhaus oder Meyer’s Lexikon als Werksgrundlage verwenden. Das gab es schon vor Wikipedia. Die Unzuverlässigkeiten lassen sich nur durch Kontrolle vermeiden. Zur Zeit funktioniert das System, es wird aber immer darauf hingewiesen, dass zu jedem Artikel die Autoren und die früheren Versionen zur Einsicht existieren – so kann man schnell sehen, ob sich Unfug eingeschlichen hat. Gerade Wikipedia kann dazu beitragen, Quellenkritik wieder verschärft anzuwenden.

Zur Politik: Ein anderes Problem scheint mir zu sein, dass auch gerne Links in werbender Absicht eingesetzt werden – wie schnell wird sowas für gewöhnlich entdeckt?
Christoph Breitler: Es gibt gute Richtlinien für das Einsetzen von Weblinks und Funktionen in der Software mit der man erkennen kann, ob irgendwo massiv Links gesetzt werden. Die englische Ausgabe geht zusätzlich den Weg Weblinks mit dem “no follow”-Tag zu versehen, das macht Spamming zusätzlich uninteressant.

Zur Politik: Was würdest du am System ändern wollen, wenn du es könntest?
Christoph Breitler: Ich denke es sollte mehr auf Quellen geachtet werden, als jetzt schon wird. Viele Artikel sind auch noch ausbaufähig, weil Wikipedia gewisse Leute nicht erreicht, da würde ich vermehrt ansetzen.

Zur Politik: Welche Leute?
Christoph Breitler: Den Hauptanteil machen zurzeit Studenten und andere mit akademischen Background aus, es fehlen Menschen, die zum Beispiel handwerkliche Begriffe einpflegen könnten.

Zur Politik: Eine Art “Digital Divide” innerhalb der Wikipedia?
Christoph Breitler: Der “Divide” findet nicht innerhalb der Wikipedia statt, sondern beginnt außerhalb. Es gab vor zwei Jahren ein Projekt, eine Ausgabe der Wikipedia in einer fast ausgestorbenen afrikanischen Sprache zu etablieren. Dafür wurde Geld aufgewendet, um die Beiträge der Muttersprachler einzeln aufzuschreiben und zu übertragen. Das ist der “Digitale Divide”, es geht um den Abbau von Barrieren, die Menschen vom Zugriff auf die Wikipedia abhalten.

Zur Politik: Und wie würdest du die Barrieren abbauen?
Christoph Breitler: Es geht darum die Menschen zuerst ins Internet zu bringen, danach muß man den Einstieg in das System erleichtern. Ich glaub je komplexer und umfangreicher Wikipedia wird, desto schwieriger wird es, einzusteigen als Neuling. Da kann man durch Ansprechen der Benutzer viel erreichen. Auch Textspenden oder Bilderspenden werden ja angenommen, sofern sie frei verfügbar sind.

Zur Politik: Letzte Frage: Wie viel Vertrauen hast du persönlich in die Informationen bei der Wikipedia? Vertraust du im Zweifelsfall darauf?
Christoph Breitler: Ja, sofern ich die Informationen überprüfen kann – und das sollte eigentlich eine Enzyklopädie leisten, Informationen bereitstellen mit Quellenverweisen die man nachprüfen kann – es wird auch ständig geprüft. Daher vertraue ich Wikipedia genauso wie anderen (Print)Werken.

Zur Politik: Danke für deine Zeit. :)
Christoph Breitler: Ich danke :)

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| 20. March 2007

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