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Frauen, Bundesheer und Zivildienst 2015

Vor einigen Jahren, als ich noch auf dem Weg zur Matura war, besuchten wir im Rahmen des Geschichte Wahlpflichtfachs eine politische Veranstaltung. Wenn ich mich recht erinnere, kamen Herr Öllinger von den Grünen und Frau Sima (bei ihr bin ich sicher) von der SPÖ zu einer Debatte. Irgendwann kam das Gespräch aufgrund des großteils jungen Publikums natürlich auch auf den Wehr- bzw. Zivildienst. Ich erinnere mich, etwas nervös nachgefragt zu haben, wie die Anwesenden denn dazu standen, auch Mädels zu diesen Diensten zu verpflichten. Die Antwort von Frau Sima war prägend, denn sie hat mich damals überzuegt: Frauen würden doch Kinder bekommen.

Heute muss man sich das langsam aber sicher erneut ansehen. Die Debatte rund ums Kinderkriegen und die Familie dreht sich zunehmend (zurecht!) darum, dass auch Männer gleichermaßen in Karenz gehen sollen, was sich wohl spätestens in den heutigen Jugendgenerationen durchsetzen wird. Zusätzlich, das kommt immer wieder auf, sollen dafür auch finanzielle Anreize geschaffen bzw. andere Hürden abgebaut werden. Mit diesem Ziel vor Augen wird das Argument von Frau Sima zunehmend obsolet – und mit ihm auch der einzige mir einleuchtende Grund für eine exklusive Belastung von Männern durch den Präsenz- und Zivildienst. Abgesehen von den Schwangerschaftsmonaten der Endphase würden Frauen beim Kinderkriegen dann nicht mehr außergewöhnlich belastet (ganz abgesehen von der soweit ich weiß steigenden Anzahl der ewig Kinderlosen).

Die Errungenschaft der Emanzipation müsste dann konsequenterweise sein, dass auch Frauen zum Dienst an der Gesellschaft gebeten werden. Man kann davon ausgehen, dass dann die Zahl der Zivildiener massiv steigen würde, da sich die Menge der militärbegeisterten Mädels in Grenzen halten dürfte. Weil aber das Bundesheer mittelfristig, so die Vernunft sich durchsetzt, zusätzlich ohnehin in ein Berufsheer wandeln wird, bleibt irgendwann nur noch der Zivildienst übrig. Dann kommt es zum großen Dilemma: Denn selbst bei einer (von den Trägerorganisationen heftig bekämpften, aber vollkommen ungerechtfertigt ausgebliebenen) Verkürzung des Zivildienstes auf sechs Monate, könnten wohl kaum noch alle jungen Erwachsenen einer Stelle zugewiesen werden. Ja sogar wenn die irgendwann wahrscheinlich zweifelhafte Außer-Acht-Lassung von Frauen aufrecht erhalteb bliebe, könnte nur eine massive Ausweitung der zugelassenen Arbeiten den Dienst dann noch retten, würde ihn aber für viele Zivis zur nutzlosen Tortur machen.

Es gibt meiner Ansicht nach zwei Auswege aus diesem anstehenden Dilemma:
1. Das System bleibt, wie es ist. Sinnlos und ungerecht. Zivildiener werden länger als Grundwehrdiener aus dem Lern- oder Arbeits-Leben gerissen, Frauen müssen sich auch bei fortschreitender Emanzipation nicht am Gesellschaftsdienst beteiligen, junge Erwachsene vergeuden weiterhin gute Zeit mit dem Salutieren oder schlecht bezahlter Arbeit die ihnen aufezwungen wird. Seien wir ehrlich: eigentlich ist das keine Alternative sondern eine inakzeptable Wahl.
2. Präsenz- und Zivildienst werden ersatzlos gestrichen. Das Sozialsystem würde darunter leiden. Ohne die billigen Halb-Sklaven kann so mancher Verband baden gehen. In Wahrheit führt aber mittel- bis langfristig an dieser Option kein Weg vorbei. Ob genug Anreize geschaffen werden können, um ein freiwilliges soziales (Halb-?)Jahr attraktiv zu machen, wird daher von entscheidender Bedeutung sein. Die ohnehin explodierenden Kosten inbesondere im Gesundheitswesen könnten sonst noch zusätzlich durch den Wegfall günstiger Kräfte erhöht werden. Politik mit Weitsicht müsste mit den vorbereitenden Maßnahmen schon jetzt beginnen, denn es braucht wohl auch einen gesamtgesellschaftlichen Wandel in der Einstellung gegenüber sozialen Diensten…

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| 9. April 2007

8 Reaktionen bisher

    Andreas Lindinger (LAN) sagt:

    guter artikel, es scheint logisch dass es über kurz oder lang auf option 2 hinauslaufen wird. die anreize für ein freiwilliges soziales (halb)jahr müssten aber wahrscheinlich hauptsächlich monetärer natur sein, damit würde jedoch wieder der aspekt der “billigen halb-sklaven” wegfallen. andere altruistische motive unterstelle ich leider nur einer (zu) kleinen minderheit des jungen teils unserer heutigen gesellschaft. im endeffekt wird es so kommen, dass die finanzielle abgeltung deutlich erhöht wird und diese zusätzliche finanzielle belastung der sozialen einrichtungen vom staat getragen werden müssen. dies erscheint mir momentan am wahrscheinlichsten und vernünftigsten. an einen gesamtgesellschaftlichen wandel in der einstellung gegenüber sozialen diensten glaube ich ebensowenig wie an einen gesamtgesellschaftlichen wandel in der einstellung gegenüber studenten, zumindest nicht solange es krone, heute & co. zum lesen gibt.

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    !!! | 9. April 2007 | 09:32
    laurenz e sagt:

    hallo tom!

    nach meinem wissensstand DARF es keinen zivildienst ohne wehrdienst geben. der hintergrund: der staat darf seine bürgerInnen nicht zur zwangsarbeit verpflichten. einzige ausnahme: wehrdienst, bzw. wehrersatzdienst (artikel 4 der europäischen menschenrechtskonvention). das heißt: zivildienst, der mehr ist als freiwillige sozialarbeit, kann es nur geben, wenn die wehrpflicht bestehen bleibt. meiner meinung nach ist das auch der einzige grund, warum die wehrpflicht nach dem vorrücken der schengen-grenze 2009 (und damit dem wegfall der grenzeinsätze etwa im burgenland) weiter bleiben wird.
    das ausfallen von tausenden rekruten beim bundesheer könnte leicht verschmerzt werden. das ausfallen von tausenden hilfskräften beim roten kreuz, in krankenhäusern, pflegeheimen, gefängnissen, … aber nicht.

    die von vielen leuten ventilierte möglichkeit, doch das bundesheer abzuschaffen, aber dafür alle (auch mädels) zu einer paar monaten sozialdienst zu verpflichten besteht als aus gründen des internationalen rechts nicht. was man bräuchte, wäre eine massive attraktivierung des zivildienstes, neben geld etwa auch anrechenbarkeit für gewisse studien etc., dann könnte man auch auf freiwilliger basis sicher viele leute mobilisieren. aber das heutige system lässt sich ohne wehrpflicht nicht aufrecht erhalten.

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    !!! | 9. April 2007 | 14:56
    Tom Schaffer sagt:

    interesanter punkt – daran hätt ich gar nicht gedacht, danke laurenz.

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    9. April 2007 | 17:05
    rvgw sagt:

    Auf die Gefahr hin kompletten Schwachsinn zu verzapfen:

    Nachdem ja auch eine Debatte zur Attraktivierung des Kinderkriegens läuft – warum nicht das auch gleich miteinbeziehen? Kinderlose Paare tragen ja, brutal gesagt, ohnehin schon weniger zum Allgemeinwohl bei. Würde man zu einem gewissen Zeitpunkt (momentan liegt diese Grenze ja bei 35 Jahren, mit denen man spätestens eingezogen wird) alle Menschen, die noch keine Kinder haben, zu Sozialdienst verpflichten, könnte man einerseits die “Zwangsarbeit” argumentieren (über den Beitrag zum genannten Allgemeinwohl nämlich), andererseits einen zusätzlichen Anreiz zum Kinderkriegen schaffen. Die Altersgrenze 35 ist natürlich verhandelbar (würde übrigens auch gleich einen Beitrag des Gesetzgebers zur Alte-Mütter-Diskussion bringen).

    Klingt das in euren Ohren einer weiteren Verfolgung würdig?

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    !!! | 9. April 2007 | 20:01
    Tom Schaffer sagt:

    nein, das klingt eher schwerst antiliberal. man könnte bestenfalls steuererleichterungen für kinder-bekommende menschen diskutieren. man kann menschen nicht dafür bestrafen, dass sie einen legalen lebensstil wählen, aber man kann natürlich das kinderkriegen attraktiver machen.

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    9. April 2007 | 23:15
    rvgw sagt:

    Naja, aber mir kommt die Schwangerschaft als Argument für die nicht vorhandene Wehrpflicht bei Frauen ja grundsätzlich gerechtfertigt vor. Es ist müßig, da jetzt Monat für Monat gegeneinander aufzurechnen (wieviel ist jetzt wirklich notwendig für eine Schwangerschaft usw. blabla).
    So würde man aber nur diejenigen Frauen einspannen, die ebenjene “Ausgleichshandlung” (das wird immer weirder…) gar nicht erfüllen.
    Ich nehme die Beschimpfung “antiliberal” zur Kenntnis, reicht aber nicht um die Frage vom Tisch zu wischen. Schließlich ist ja “Steuererleichterung” auch nur eine andere Formulierung für “Strafe zahlen”, was wiederum für mich antiliberal klingt.
    Hm.

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    !!! | 10. April 2007 | 00:05
    Tom Schaffer sagt:

    ob es eine beschimpfung ist, liegt im auge des betrachters – es spricht immerhin für dich, dass du es so siehst ;)

    dennoch ist es nicht zu leugnen, dass es absolut jedem liberalen denken widerspricht, einen menschen zu einem sozialdienst zu verpflichten, bloß weil er keine kinder hat. (was passiert dann eigentlich mit homosexuellen, die ja keine kinder bekommen dürfen oder unfruchtbaren, die das nicht können?) ganz abgesehen davon, macht es wirtschaftlich auch keinen sinn, leute im mittleren alter aus der arbeitswelt zu reissen und für zivildienerartige dienste zu engagieren – es ist sogar ziemlich riskant. wie willst du es rechtfertigen, einen 35-jährigen der sich zum manager hochgearbeitet hat, ein jahr aus dem beruf zu nehmen? der muss doch bei der bezahlung seinen lebensstandard völlig runterschrauben..

    weil du sagst: “So würde man aber nur diejenigen Frauen einspannen, die ebenjene “Ausgleichshandlung” (das wird immer weirder…) gar nicht erfüllen.” – das is übrigens ein ganz frappierender denkfehler drin. du würdest nämlich männer und frauen gleichermaßen einspannen müssen. bei der definition dessen, wer nun alles eingespannt werden muss, wirst du ein schwammerl. nein, nein, da kommst du in einen völlig wackeligen, rechtlich bedenklichen und moralisch auch fragwürdigen bereich mit mordsbürokratischen aufwand.

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    10. April 2007 | 01:08
    rvgw sagt:

    Auch wenn die Manager-Passage auf einem Missverständnis basiert, glaube ich nun verstanden zu haben.
    Ich danke und lese weiter. :)

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    !!! | 10. April 2007 | 17:02

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