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Unschwer zu erraten: Die “Pro-Amerikaner” und der NIE-Report am Beispiel von Zettels Raum

US-Präsident Bush hat den Report ganz offensichtlich verstanden und wird sein Land ganz sicher nicht mehr in einen Krieg mit dem Iran führen (können). Das ist gewiss eine bittere Pille für das “pro-amerikanische” Lager hier in Europa, dass sich schon in der Konfrontation mit dem Iran aufblühen sah. Der irrationale “Islamofaschismus” und sein befürchteter neuer Holocaust scheinen aber vorerst in weite Ferne gerückt.

Dass selbst ihre bisherigen Lieblingsquellen das jetzt einsehen, ist für die “Proamerikaner” aber noch kein Grund zu akzeptieren, was sogar ein “Kriegspräsident” hinnehmen muss. Zettels Raum, ein Blog das ich zumindest manchmal für seine gut fundierten Meinungen schätze, auch wenn es meistens ziemlich genau konträre Ansichten vertritt (und ein abschreckendes Kommentarsystem hat), sitzt beispielsweise so einem “Dass kann doch nicht sein also darf es nicht sein”-Reflex auf. Da wird viel geschrieben und aus dem Bericht zitiert, also versucht, die im Moment leicht zufrieden grinsenden Skeptiker der Neocon-Strategie (und damit meine ich ausdrücklich nicht irgendwelche antisemitischen oder antiamerikanischen Plattköpfe, sondern jene, die weder dem iranischen Regime noch der Bush-Doktrin etwas abgewinnen können) mit Masse unterzubuttern. Was im Endeffekt dann nur zeigt, dass viel schreiben und verlinken nicht unbedingt einen richtigen Rückschluss ergibt.

Denn obwohl Zettel zwar Recht hat, wenn er auf diverse Euphoriebremsen im Bericht verweist (habe ich heute ja auch angedeutet), stimmt beim Rest nicht allzu viel. Die Geheimdienste seien noch verunsichert wegen dem Irak-Krieg, meint er zum Beispiel. Und deshalb wären sie im Bericht vorsichtig und würden mit Wahrscheinlichkeiten argumentieren, statt mit sicheren Aussagen. Das ist sogar ganz bestimmt richtig. Aber anders als er das darstellt, ist das auch gut so. Denn wenn die US-Geheimdienste aus dem gewaltigen Irak-Debakel nichts gelernt hätten, wäre das alles, nur ganz sicher kein gutes Zeichen.

Zettel kritisiert hingegen nicht ganz zu unrecht, die Invasions-Skeptiker (andere würden vielleicht in ihrem Eifer “Suizidpazifisten” dazu sagen) würde nun auf Geheimdienstberichte verweisen, deren Autoren sie noch vor kurzer Zeit für unglaubwürdg erklärt haben. Das sieht auf den ersten Blick wie ein Dilemma aus. Denkt man allerdings kurz darüber nach… Gerade das ist ja ein Grund um sich noch sicherer zu sein. Denn wenn einem schon bisher klare Gegner Unterstützung liefern, dann kann man eher davon ausgehen, dass man in einer Debatte die Nase weit vorne hat.

Ob dieser Bericht nun belegt, dass Bush mal wieder gelogen hat, wie man nun häufig zu lesen bekommt, das vermag ich ohne Insiderwissen ehrlich gesagt nicht mit letzter Konsequenz zu sagen. Es gibt allerdings Indizien die das nahe legen – und auch hier muss ich dem Eindruck den Zettel erzeugen will deshalb widersprechen. Erstens darf man davon ausgehen, dass Bush die Inhalte zumindest erahnt, wahrscheinlich aber schon länger gekannt hat – und zwar auch als er am 17. Oktober den drohenden Dritten Weltkrieg beschwor. Denn der Bericht ging zwar erst gestern an die Öffentlichkeit, es würde mich aber doch sehr wundern, wenn das Weiße Haus nicht auf dem neuesten Stand wäre, was die Meinungen seiner Geheimdienste angeht. Und die müssen diese Tendenz ja schon länger ausgedrückt haben. Und beim zweiten Indiz schießt sich Zettel irgendwie selbst ins Knie, weil er auf einen Artikel im Harper’s Magazine verlinkt. Dort steht geschrieben:

But one highly reliable intelligence community source I consulted immediately after Hadley spoke answered my question this way: “This is absolutely absurd. The NIE has been in substantially the form in which it was finally submitted for more than six months. The White House, and particularly Vice President Cheney, used every trick in the book to stop it from being finalized and issued. There was no last minute breakthrough that caused the issuance of the assessment.” (Hervorhebungen von Zur Politik)

Und wenn sich das bewahrheitet (und Zettel findet diesen Artikel ja ausdrücklich gut), dann gäbe es nur einen Rückschluss daraus: Bush hat entgegen besseren Wissens gehetzt. Man kann das auch lügen nennen.

Und, es tut mir leid, wenn ich belehrend oder überheblich wirken sollte, schlussendlich sitzt mein Kollege noch einem ganz zentralen Fehler auf: Wären die Geheimdienst noch so fatal selbstbewusst wie vor dem Irak-Krieg, dann wäre ihr Urteil nicht “Der Iran hat ein Atomwaffenprogramm”, sondern “Der Iran hat kein Atomwaffenprogram”. Zettel tut also nicht weniger, als die richtigen Argumente mit völlig falschen Schlussfolgerungen zu verdrehen. Ich will ihm zugute halten, dass das keine Absicht ist, sondern in der Verwirrung der (zumindest vorläufigen) Niederlage seiner bisherigen Position entstammt.

| 5. December 2007

3 Reaktionen bisher

    Zettel sagt:

    Lieber Tom Schaffer,

    vielen Dank für die Mühe, die Sie sich mit meinem Artikel gemacht haben.

    Ich denke, wir sollten es denen, die beide Beiträge gelesen haben, überlassen, zu entscheiden, ob sie sich Ihrer Kritik anschließen wollen oder ob sie eher meiner Auffassung folgen.

    Nur einen Punkt möchte ich richtigstellen, weil da ein Mißverständnis vorzuliegen scheint. Sie schreiben:

    “Die Geheimdienste seien noch verunsichert wegen dem Irak-Krieg, meint er zum Beispiel. Und deshalb wären sie im Bericht vorsichtig und würden mit Wahrscheinlichkeiten argumentieren, statt mit sicheren Aussagen. Das ist sogar ganz bestimmt richtig. Aber anders als er das darstellt, ist das auch gut so.”

    Ich habe nicht geschrieben und auch nicht impliziert, daß diese Vorsicht schlecht sei. Ich habe sie überhaupt nicht bewertet.

    So, wie es mir in dem Artikel generell nicht ums Bewerten ging. Ich wollte nur a bisserl über das informieren, was tatsächlich in diesem Bericht steht.

    Das hat auch Harper’s Magazine getan, indem es, wie ich, längere Passagen zitiert hat, und deshalb habe ich es gelobt.

    Was natürlich nicht heißt, daß ich jedem Satz darin zustimme.

    Also, lieber Tom Schaffer, kein Schuß ins Knie. Auch wenn mir der Knieschuß aus der Lektüre von Karl May noch in guter Erinnerung ist. ;-)

    Herzlich, Zettel
    .

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    !!! | 6. December 2007 | 04:54
    Lindwurm sagt:

    Dass der Iran möglicherweise keine Atombombe bastelt und dass es hoffentlich keinen Krieg mit möglicheriwese Millionen Toten geben wird, ist eine “bittere Pille für das pro-amerikanische Lager”? Das verstehe, wer will.

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    !!! | 7. December 2007 | 02:39

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