Uncategorized

Bei der serbischen Anti-Kosovo-Demo in Wien (mit Fotos und Ausschreitungen)

Heute Mittag machte ich mich auf zum Heldenplatz um Fotos von einer Demonstration von Serben gegen die Unabhängigkeit des Kosovo zu machen. Als wir ankamen schlug es gerade 13 Uhr, der offizielle Beginn der Veranstaltung. Aus den Boxen tönte serbische Musik, tausende Menschen waren bereits da und dutzende weiß-blau-rote Fahnen flatterten im lauen Lüftchen. 5.000 Demonstranten sollen angeblich dagewesen sein, wir hätten 10.000 geschätzt. Es waren nicht nur gebürtige Serben, sondern auch Österreicher da. Eine Frau fragte an der Straßenbahn-Haltestelle, was hier los sei. Eine ältere Frau mit dunkler Brille und Gehstock antwortete im typischen Wiener Dialekt: “Wir demonstrieren für Gerechtigkeit auf der Welt”.

Das Wetter war heute in Wien erstmals in diesem Jahr Kurzärmeligkeits-tauglich. Mein Begleiter und Ebenfalls-Fotograf M. und ich schossen die ersten Fotos und verloren uns dann auch schnell in der Menge. Ich versuchte aus allen erreichbaren Perspektiven Bilder vom Geschehen zu machen, gute Motive gab es aber wenige. Bei den brennenden Fahnen der USA und Großbritanniens war ich leider gerade etwas zu weit weg. Abseits des Getümmels, dort hinten vor der Neuen Burg, wo ein orthodoxer Priester während seiner Gottesdienst-ähnlichen Rede manchmal deutete, spielten Kinder Fußball. Sie wurden zwar von den Eltern zur Kundgebung gezerrt, schienen sich ansonsten aber natürlich nicht besonders für diese Politik zu interessieren. Irgendwie fragt man sich, wie die Kleinsten in unserer Gesellschaft sich jemals vom Nationalismus erholen können sollen, wenn sie ihn schon so früh eingetrichtert bekommen. Andererseits hat sich die Jugend schon von ganz anderen Unsitten ihrer Vorfahren losgesagt.

Viele Plakate verstand ich nicht, nur etwa die Hälfte waren in deutscher Sprache verfasst. Auch die meisten Reden waren serbisch. “Srpska” war das Signalwort. Immer wenn es ausgesprochen wurde, gab es Jubel. Nationalismus ist mir schon seit langer Zeit sehr suspekt. Ich werde das weder in US-Wahlkampfreden noch auf serbischen Kundgebungen in Wien jemals verstehen – schon gar nicht gut finden – wie man einer konstruierten Identiät so viel Bedeutung zumessen kann. Irgendjemand hat dann auch auf deutsch gesprochen – es wurden auch Stellungnahmen von Strache und Handke vorgelesen. Da hatte ich M. bereits wieder gefunden und erfahren, dass er sich bei der Motivsuche auch nicht leichter getan hat. Dann hat es uns gereicht. Es wurde langweilig. Wir erkundigten uns bei Polizisten, ob hier noch etwas größeres geplant sei. Nein, sagte man uns, die Demo würde hier am Heldenplatz bleiben.

Wir gingen nach Hause, tranken auf dem Weg noch einen Frappucino. Es war nun zwischen drei und vier Uhr. Im Pub bei uns ums Eck stieg eine Party von Kosovo-Albanern. Da wurden genau jene Fahnen angehimmelt, die nur einen knappen Kilometer weiter verbrannten. NATO, EU, USA. Wir überlegten kurz, hinein zu gehen, beschlossen dann aber, die Leute auch in Ruhe zu lassen. Immerhin war der Rahmen hier privat.

Daheim spielte ich die Bilder auf meinen Rechner, zeigte sie den interessierten WG-Mitbewohnern. “Serbien oder Tod” stand auf manchen Plakaten, übersetzte mir D., ein bosnischer Serbe aus der Republika Srpska. Plötzlich Lärm von draußen. Ich schnappte die Kamera, sprang im 7. Stock beim Fenster hinaus (keine Sorge, da war noch ein Vorsprung). Ein Hubschrauber kreiste über uns. Unten vor dem Pub standen etwa fünfzehn bis zwanzig Polizisten in schwerer Montur und hielten Leute die von der Demo kamen davon ab, mit den Kosovo-Albanern aus dem Lokal aneinander zu krachen. Ich knippste Bilder davon. Die waren auch ganz super, glaube ich. Ich hatte aber clevererweise keine Speicherkarte eingelegt , wie ich später bemerkte. Die steckte noch im Kartenlesegerät am Computer (arghs).

Die Demonstranten, so laß ich später beim Standard, hatten dann versucht die amerikanische Botschaft zu erreichen, die auch keine hundert Meter weit weg und schon das Ziel einer türkischen Demo vor einigen Monaten war. Die Polizei konnte sie aber davon abhalten. Aber es gab verletzte. Die Demo-Organisatoren haben sich bereits davon distanziert und sich entschuldigt. Im ganzen Wien klangen in den nächsten Stunden die Polizei-Sirenen. Immer wieder zogen kleine Gruppen mit serbischen Fahnen an uns vorbei – manche hatten auch jugoslawische. “Sollte man auch abfackeln”, sagte D.. “Warum ist die Abspaltung des Kosovo für Serben eigentlich so schwer zu verkraften?”, fragte ich. Weil es das Gebiet sei, auf dem der erste serbische Staat einst gegründet wurde. Und natürlich wegen der Amselfeld-Schlacht-Dings-Sache. So versuchte er es mir zumindest zu erklären.

Bilder hatte ich auch versprochen. Hier bitte (alternativ mit einigen Untertiteln auch hier):

Hat dir der Eintrag gefallen? Hilf ihn zu verbreiten!
 
| 24. February 2008

6 Reaktionen bisher

    maschi sagt:

    Wenn ich Bilder von einer national(istisch) motivierten Ansammlung samt Fahnenschwenken am Heldenplatz sehe, wird mir etwas anders. Ich sag das jetzt einfach mal so, ganz ohne damit gleich ungerechtfertigte Vergleiche ziehen zu wollen, sondern mehr als ein Plaudern über persönliche Assoziationen und Emotionen, die ich nun mal habe…

    Like! Thumb up 0

    !!! | 25. February 2008 | 18:34
    Tom Schaffer sagt:

    die stimmung am heldenplatz war allerdings nicht bedrohlich. auch wenn das ein oder andere schon sehr zum kopfschütteln angeregt hat (leute in militäruniformen, serbien oder tod-plakate, die fahnenverbrennung…)

    Like! Thumb up 0

    25. February 2008 | 18:37
    Relator sagt:

    Leider gibt es durchaus in Österreich einige junge Serben, die aufgrund Identitäts- und Orientierungsloisgkeit ihr Heil in nationalistisch-fundamentalistische Ideologien suchen, einen Milosevic anhimmeln und die Geschichte rund um den Kosovo-Krieg absichtlich falsch interpretieren.
    Die Integration scheint hier auf beiden Seiten fehlgeschlagen zu sein.
    Die älteren Serben, die den Krieg mitbekommen haben, sind da eigentlich ganz anders, aber nicht verwunderlich.

    Like! Thumb up 0

    !!! | 25. February 2008 | 22:17
    Tom Schaffer sagt:

    uns muss bei der diskussion immer klar sein, dass wir im problemfall von kleinen gruppen innerhalb einer unproblematischen großen sprechen. zehntausende serben in wien und österreich haben sich für die demo gleich gar nicht interessiert, tausende demonstrierten absolut friedlich. einige hunderte sind schlussendlich übriggeblieben.

    da aber ältere von jüngeren zu trennen, funktioniert glaube ich in manchen fällen, aber nicht grundsätzlich. die alten sind es, die diesen nationalistischen quatsch von sich aus weiter geben…

    Like! Thumb up 0

    25. February 2008 | 23:03
    kristina sagt:

    KOSOVO JE SRBIJA i to mora da se zna i tako mora i da ostane…
    Na silu uzeti nesto sto je tudje nije nikakvo resenje i prema tome protiv jednoglasnog proglasenja kosova je cela srbija.

    Svi imaju interes od kosova zato su ga i proglasili nezavisnim. Ljudi budite ljudi pa lepo razmislite o svemu tome i ko je u pravu a ko ne.

    Like! Thumb up 0

    !!! | 6. March 2008 | 15:37
    Tom Schaffer sagt:

    please use english or german in your future postings, otherwise i have to delete them, since i don’t understand them and therefore can’t know, if they are offensive to anyone.

    Like! Thumb up 0

    6. March 2008 | 18:49

Jetzt sag doch was!

Registrierte UserInnen surfen hier ohne Werbung!