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Militärische Normalität

In Deutschland wird im Moment darüber diskutiert, ob das Eiserne Kreuz als Ehrenmedaillie zurückkehren soll. Doch das wird nie geschehen. Und das ist gut so. Klar: Die Auszeichnung gab es bereits lange vor Hitler. Doch jene Traditionalisten die sich vom militärischen Ruhm früherer Jahrhunderte noch nicht ganz erholt haben und fordern, das Kreuz deshalb wieder zurück zu holen – es symbolisch von Hitler zu lösen – zeigen nur den alten Verdrängungseffekt, der am liebsten die Jahre des Dritten Reichs ausblenden möchte. Verständlich, aber nicht zulässig.

Hitlerdeutschland hat für Deutschland (und Österreich und die Welt) alles verändert. Für immer. Symbole dieser Zeit sind belastet und werden es für immer bleiben. So positive Dinge könnte man unter ihrem Bild gar nicht mehr machen, dass die Greuel vergessen werden können. Da ist das Hakenkreuz nicht anders als das Eiserne Kreuz. Und ganz ehrlich: Die menschliche Intelligenz sollte groß genug sein, um diesen “Verlust” einiger Symbole locker wegzustecken und sie durch neue zu ersetzen.

Falls man das überhaupt muss.

Die International Herald Tribune hat die ganze Debatte zu folgender Artikeleinleitung bewogen:

The German Army today has no awards for courage, only for attendance. The painful debate over reviving the famed Iron Cross to fill that gap underscores how distant Germany remains from normality when it comes to the military. (Donnerstagsausgabe)

Ein schreckliches Statemet hinter dem ein amerikanischer Irrtum steckt. Der deutsche Antimilitarismus, der im letzten Jahrzehnt eh langsam zu bröckeln begann, wird hier als Abnormalität dargestellt und begriffen. Als Trauma, das nach dem Zweiten Weltkrieg wirkt. Es ist eine ähnliche Debatte, die auch beim Nationalismus und Patriotismus geführt wird. Der “neue Patriotismus” der Deutschen wird ja insbesondere seit der WM 2006 gefeiert. Endlich würde man die Last des Zweiten Weltkriegs, schlimmer noch, der Shoah abschütteln.

Das Statement scheint zu sein, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Tatsächlich müsste man aber fragen, ob nicht gerade diese einschneidende Erfahrung Deutschlands – die Täterschaft der eigenen Nation – dazu beigetragen hat, dass in der Bevölkerung endlich Normalität eingekehrt ist. Die primitiven Reflexe des Nationalismus und Militarismus schienen überwunden. Wenn man aus den Schrecken der 1930er- und 1940er-Jahre etwas positives mitnehmen konnte, dann das.

[ad#ad-1]Nun aber will man aber zurück zur “Normalität” kehren. Zurück in die Vergangenheit. Wenn ich das sage, dann meine ich damit nicht Nazi-Deutschland. Das kommt hoffentlich nie wieder und auch Schwarz-Rot-Goldene Fahnenmeere werden das nicht ändern. Ich meine allerdings, dass auch die harmloseren Auswüchse damaliger Zeiten nicht “normal” sind, sondern “gestrig”.

Und lächerlich. Die Liebe zu einem Nationalvolk ist schon allein deshalb lächerlich, weil es keine homogenen Nationalvölker gibt. Innerhalb einer uralten Grenze geboren worden zu sein, sagt wenig bis gar nichts über Menschen aus. Eine derartige Identität muss zwangsläufig künstlich konstruiert werden. In einer sich globalisierenden Welt sind die Mittel des Nationalismus gestrig. Und im schlimmsten Fall auch nach wie vor gefährlich. Aus einem “Wir”-Gefühl entsteht immer auch eine “Die Andere”-Abgrenzung. Kein potentieller Spalt in der Weltgesellschaft darf uns willkommen sein.

Zugegeben: Beim Militarismus ist die Frage freilich etwas schwieriger. Das Militär wird heutzutage bedauerlicherweise immer noch gebraucht – zum Schutz, zur Konfliktlösung und -beruhigung, zur Rettung. (Benutzt wird es freilich auch noch immer anders, das ist weder zu leugnen noch zu verteidigen.) Wenn auch nicht unmittelbar hier in diesen Breitengraden, dann doch andernorts. Und dazu braucht es Menschen, welche die unschönen Seiten dieser Notwendigkeit ausführen. Menschen die man respektieren sollte, wenn sie ihre Aufgabe gut und anständig machen. Und die man vielleicht auch ehren kann. Mit irgendeinem anderen Symbol. Wenn es denn wirklich sein muss.

RSS-FeedJedoch: Die amerikanische Normalität ist anscheinend, dass man diese Leute nicht kritisieren darf – es zumindest nicht allzu leicht kann (das hat der Irak-Krieg gezeigt). Ja es brauchte schon einige Jahre bis es in den Staaten politisch salonfähig wurde den Sinn ihres Einsatzes überhaupt anzweifeln. Ohne stumpfen Anti-Amerikanismus bedienen zu wollen: Was “Normalität” ist, sollte man sich in dieser Frage nicht von der politischen Mehrheits-Realität in den USA absehen.

Das Trauma der Shoa darf nicht einfach nur überwunden werden, es sollte ruhig auch etwas lehren. Die Lehre die man in Deutschland möglicherweise daraus gezogen hat, sind vielleicht teilweise noch übertrieben – in ihrem tiefsten Kern aber normal.

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| 21. March 2008

4 Reaktionen bisher

    christoph sagt:

    sehr klug gesagt. hab genau gestern so eine diskussion geführt und war erschüttert über die ansichten einige meiner mitstudenten. kannst du gedanken lesen? das kollektive unterbewusste? jedenfalls danke, dass ich nicht mehr das gefühl habe allein zu sein mit der meinung, dass nationalismus immer ausgrenzung anderer bedingt und dass eine weltgesellschaft tatsächlich vorhanden is und auch funktionieren kann.

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    !!! | 21. March 2008 | 19:37
    Tom Schaffer sagt:

    stets zu diensten ;)

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    21. March 2008 | 20:03
    Früdö sagt:

    Symbole dieser Zeit sind belastet und werden es für immer bleiben. So positive Dinge könnte man unter ihrem Bild gar nicht mehr machen, dass die Greuel vergessen werden können. Da ist das Hakenkreuz nicht anders als das Eiserne Kreuz.

    Das ist wohl die grottigste Argumentation, die ich zu dem Themenkomplex gelesen habe, und sie ist leicht widerlegt: das Eiserne Kreuz ist das Hoheitszeichen der Bundeswehr.

    Bitte informiere dich mal zum Eisernen Kreuz, dann wirst du bemerken, dass das Eiserne Kreuz vollkommen anders ist als das Hakenkreuz, in quasi allen Beziehungen. Der Umstand, dass es in der Bundeswehr keine Tapferkeitsmedaillen gibt, hat völlig andere Gründe als eine mögliche “Nazi-Symbolik”: eine Armee oder ein Heer, das keine großen Eroberungs- oder Verteidigungskriege führt, sondern an friedenssichernden Einsätzen teilnimmt, hat keinen Verwendungszweck für Tapferkeitsauszeichnungen.

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    !!! | 23. March 2008 | 01:34
    Anneliese sagt:

    Für die grottigste Argumentation zu diesem Thema halte ich das zwar nicht, da der Artikel mir aus der Seele spricht, und die Grundmeinung – den Antimilitarismus Deutschlands im Vergleich zu den USA als Errungenschaft, denn als Schande darzustellen (dass jedwede Form von Nationalismus lächerlich ist, steht ja ohnehin außer Frage) – sicherlich vollkommen zutreffend ist. Ein jeder Schritt in Richtung alter Miltär-Symbolik ist zweifellos ein Schritt zurück – und damit meine ich gar nicht mal die Vorstellung, dass den selben Orden schon haufenweise ausgemachte Nazis mit Stolz getragen haben, nein, sondern die Tatsache, dass ja auch ein Schritt in die pickelhaubentragende, preussische Armeementalität nicht wirklich das ist, was unsere Zukunft ausmachen sollte.
    Doch scheint mir der angsteinflößende Vergleich mit den USA hier zu weit gegriffen zu sein. Man macht hier diesem kleinen, doch völlig unwichtigem Kreuz zuviel der Ehre. Es bedeutet, solange man in Europa als “Kriegsheld” (wenn ich das schon höre..) nicht von Talkshow zu Talkshow gereicht wird, oder Präsidentschaftskanditat genau damit wird, sicher keinen Indikator für eine Remilitarisierung oder ein wieder auflebendes Heroentum. Man sollte es vielmehr etwas nüchterner sehen… als etwas für eine pazifistische, aufgklärte Masse völlig Belangloses, für die Zielgruppe der potentiellen Empfänger (und bei denen spielt zu einem großen Anteil dieser Nationalismus, oder nennen wir ihn doch besser Patriotismus, nun mal unbestritten ein viel größere Rolle) sehr Wichtiges, Anspornendes.
    Sollen sie sich halt daran freuen, es zuhause mit kleinen Gänseblümchengirlanden schmücken und es jeden Tag 2 mal polieren – solange unsere Gesellschaft ihnen keine Paraden widmet und ihnen als strahlende Vorbilder huldigt, ist das für mich völlig ok.

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    !!! | 23. March 2008 | 21:55

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