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Der sympathische Gusenbauer läutet eine neue Ära ein


Gerade vorhin war der Bundeskanzler in der ZiB 2. Alfred Gusenbauer ließ im Interview mit dem so gar nicht zahmen Armin Wolf wieder einmal sein ganzes politisches Können aufblitzen. Da saß er. Nach vielen Jahren unter Dauerbeschuss. Nach Ereignissen die unheimlich an die Psyche gehen und enorm viel Kraft kosten müssen. Nach all dem erhielt er den finalen Dolchstoß aus der eigenen, hysterischen Partei. Ein Zeitpunkt zum Zerbrechen – um ein Häufchen Elend zu sein. Aber Gusenbauer saß bei Armin Wolf und machte einfach eine gute Figur.

Eine viel bessere als in all den Monaten in denen er noch Kanzler einer “funktionsfähigen” Regierung war. Er argumentierte gut, er lächelte, er schiffte um unangenehme Stellen geschickt herum. Das zeigt das katastrophale Medienmanagement der SPÖ.

Gusenbauers Stärke war immer das Interview, oder das direkte Live-Gespräch mit Kontrahenten. Da konnte er seine Intelligenz ausspielen, seine oft fundierten Argumente vorbringen und seine Schwächen, vorrangig das unattraktive Äußere und die schwierig zu vermittelnden Politentscheidungen, traten in den Hintergrund. Viel zu selten wurde das eingesetzt.

An den Medien gescheitert?

Gusenbauer scheiterte auch an den Medien-Kurzschnippseln des Alltags. Der sekundenlange Ausschnitt einer halbstündigen Rede in der ZiB war oft der, der gar nicht gut wirkte. Das Zitat als Überschrift in Zeitungen war immer jenes, das den Leser provozierte. Das Bild in einer Online-Bildershow war immer das, wo Gusenbauer gerade am Lächerlichsten aussah. Er konnte diese Plattformen einfach nicht geschickt für sich nutzen. Das war nicht seine Welt.

Das kann man nun bewerten wie man will. Gusenbauer hat sicher mindestens ebenso viele Fehler gemacht wie er oft ungerecht attackiert wurde. Er war mindestens so ungeschickt wie unglücklich. Ich hab ihn mindestens genauso oft verflucht wie ich ihn beklatscht habe. Aber trotz seiner Fehler habe ich bis heute eine gewisse Grundsympathie für ihn (deutlich mehr als für seine Partei).

Vielleicht weil ich ihm immer noch glaube, dass er es sich selbst ganz anders gewünscht hätte und von Sachzwängen besiegt wurde. Vielleicht schlummert aber auch in meinem Hinterkopf der Gedanke, dass eine Demokratie in der ein Gusenbauer besser zur Geltung käme, auch eine bessere Politik erfahren würde. Eine Demokratie nämlich, in der im Zweifelsfall der Klügere den Geschickteren besiegt.

Die Zukunft wartet

Natürlich kann es aber auch als Optimalfall einfach jemanden geben, der oder die das alles beherrscht. Jemand der die Klaviatur der Medien (der “Neuen” wie “Alten”) spielen UND im Live-Gespräch klar denken und klug sprechen kann. Notwendig wird es jedenfalls.

Gusenbauer ist eigentlich nicht zu alt dafür (kaum zu glauben: nur ein Jahr älter als Barack Obama), aber vielleicht ist er nicht jung genug, weil er schon zu lange in diesem alten Politiksystem steckt (und es auch bekämpft hat). Sein Abstieg könnte das erste Anzeichen einer neuen Ära von Politik sein, die nun auch Österreich erreicht. Die tendentiell überalterte Politikerkaste muss da erst Fuß fassen.

Fotocredit: SPÖ

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| 7. July 2008

10 Reaktionen bisher

    Georg sagt:

    Ich halte diese nachträgliche Gusi-Glorifizierung für falsch. Gusi ist erst in den letzten 2 Monaten wirklich an der “hysterischen Partei” und den Medien gescheitert. Davor hatte er es noch selbst in der Hand, auch wenn er schon länger angezählt war.

    Der NR-Wahlkampf 06 war natürlich jener, in dem er vor allem live “geglänzt” hatt, aber trotzdem hat er sich vielfältiger bewähren müssen. Nur mit Liveinterviews ist eine Wahl mit einem solchen Ergebnis angesichts der BAWAG-Sache nicht zu machen. Da muss man als Spitzenkandidat auch in einer gut gemachten Kampagne mehr draufhaben als das direkte Wort.

    Zudem hat er sich ja gehalten als Frontmann. 2006 war bekanntlich nicht sein erster Antritt als Kanzlerschaftsanwärter.

    Sicher ist er grundsätzlich ein intelligenter Mensch, aber ich zweifle stark an seiner Integrität als Politiker. Hätte er all die Qualitäten, die du ihm da indirekt zuschreibst, hätte er diese Regierung schon vor Monaten beendet, oder den Kanzlerposten geräumt. Oder es gar nicht zu der Situation kommen lassen, schließlich gab es Zeiten da war er als Spitzenkandidat/Kanzler & Parteichef noch nicht umstritten.

    Soviele offene Fenster die die SPÖ und Gusenbauer verpasst haben, soviele Chancen das Ruder herumzureissen die sie verstreichen ließen und so lange wie sie diese permanent mit gegenseitiger Demontage befasste Regierung am Leben ließen – es hat es mir verunmöglicht Gusi noch in dem Licht zu sehen, wie du es tust.

    Hätte er beim Kniefall vor der Krone für sich selbst die Notbremse gezogen, vielleicht würde mein Resümee viel weniger kritisch ausfallen. Natürlich gab es einen gewissen Zwang seinen Fixnachfolger in dieser Sache entsprechend zu unterstützen, er hätte diesen finalen Akt des politischen Selbstverkaufs aber genauso gut verhindern können. Oder eben für sich die Konsequenzen ziehen. Wohl aus Loyalität hat er es nicht getan.

    Sicher, die Selektivität der Medien, die zunehmend ein Fettnäpfchenfokus wurde, wie auch die innerparteilichen Bewegungen waren Probleme. Solche, die er hätte verhindern können, die keine hätten werden müßen. Die Chronologie von Rotschwarz zeigt mir, dass es nicht nur pures Ungeschick gewesen sein muss. Im Grunde ordnete auch er sich klar dem politischen Machterhalt so deutlich unter, dass eben kein Raum für Glorifizierung bleibt.

    Wenn er selbst die Auslieferung an Dichand noch bis zur Wahl mitträgt, was soll dann noch übrigbleiben vom “Mythos Gusi”?

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    !!! | 8. July 2008 | 08:41
    pezi sagt:

    “Vielleicht weil ich ihm immer noch glaube, dass er es sich selbst ganz anders gewünscht hätte und von Sachzwängen besiegt wurde.” – kann mich tom nur voll und ganz anschließen, ich hätt der einzelperson gusenbauer sehr viel sinnvolle veränderungen in diesem land zugetraut. leider war die gesamte kanzler-periode kommunikativ einfach nur unglaublich ungeschickt aufgezogen, vor allem gusis wunsch nach einer ständigen kompromisssuche war ein klarer fehler – da warn die övp-granden strategisch zu gut aufgestellt.

    schade drum, vll. war das anfangs endlich mal der versuch, abseits von endlosem populismus und taktieren ein wenig normalität und realitätssinn in den polit-alltag zu bringen – mehr als bedenklich, dass dies so kläglich scheitern musste. und leider von vom ersten regierungstag an.

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    !!! | 8. July 2008 | 09:05
    Thomas sagt:

    In meinen Augen ist Gusi an seiner “machtbesessenheit”, an einem fehlenden politischem Geschick und an der Angst vor der VP gescheitert.

    Er hätte und hat alles gemacht um Kanzler zu werden und zu bleiben. Man kann es sich nicht so einfach machen wie er und sagen: “Ohne Zustimmung des Koalitionspartners kann man die Abfangjäger nicht abbestellen, und die Studiengebühren nicht abschaffen”, wenn man ein paar Wochen zuvor gemeint hat: “Ohne Abschaffung der Studiengebühren wird es keine SPÖ in der Regierung geben”. Es war von dem Moment der Aussage an klar, dass es nur 2 Alternativen gibt, die diese fixe Aussage zulassen: Rot/Grün, Regierung ohne Rot. Dass Rot Grün nicht kommen wird war sehr wahrscheinlich. Gusenbauer kann im Gegensatz zu Schüssel die Medien bei weitem nicht so geschickt nutzen, als dass er diesen Umfaller verkaufen kann. Schüssel meint: “Wenn wir dritter werden gehn wir in die Opposition”, lässt die Zeit für sich spielen, und spielt sich irgendwann als Retter auf: “Ok, wenns nicht anders geht dann tuts mir leid, dann werd ich halt Kanzler”. Gusi hat glaub ich in den Verhandlungen gefühlte 3 Minuten gebraucht bis “Gut, Abfangjäger und Studiengebühren bleiben, ich werd Kanzler” gekommen ist.
    Kommt genau aufs selbe raus. Vor der Wahl die Wähler bewußt anlügen um Stimmen zu gewinnen, nur der eine lässt sich nachher als Retter, weil es ohne ihn nicht geht, feiern, der andere ist der Umfaller. In meinen Augen ist das weniger die Fähigkeit die Medien zu nutzen, sondern schlicht und einfach politisches Geschick.
    Ab diesem Zeitpunkt hat er innerparteilich ein Ablaufdatum gehabt, und jeder Kompromis ist als Umfaller gewertet worden. War klar, dass er nicht sehr lange bleiben wird – nichtmal dass er um sich nur mehr Getreue gescharrt hat, hat ihn retten können.
    Er hätte jederzeit sagen können: Nein, sorry, wir haben auch unsere Prinzipien, so weit und nicht weiter, aber aufgrund seiner (IMHO) Besessenheit Kanzler zu bleiben, hat er zu allem Ja und Amen gesagt und sich von der VP demütigen lassen.

    NATÜRLICH hat die Matchpartei wiedermal einen Vorwand gesucht und gefunden um das für sie schlechte Ergebnis zu korrigieren. Schaut mal zurück, oft hat eine Regierung mit einer Schüssel VP nicht durchgearbeitet. zuerst ein Jahr, dann hat sies mal geschafft durchzuarbeiten, die Regierung mit der FP ist zerbrochen als die auch mal ihre eigenen Punkte durchsetzen wollten, und die zweite Regierung mit der VP die durchgehalten hat war die quasi Alleinregierung mit unterstützung der FP/BZÖ, und jetzt wieder, ein Koalitionsknecht muckt auf: Neuwahlen.
    Die Begründung jetzt ist natürlich ein Klassiker. Ich glaub, die Machtverhältnisse in der VP mit Molterer/Schüssel/Pröll (NÖ) waren nie klarer als die Machtverhältnisse Gusenbauer/Faymann/Häupl, und dass gerade die VP, die die FP in die Regierung geholt hat (und wieder holen wird), die offen für einen Austritt aus der EU ist, das Thema EU als Hauptgrund angibt, ist eigentlich eine Frechheit.

    Meine Vermutung: Der Wähler ist so deppert und wird die VP zur stärksten Partei machen, und dann bekommen wir wieder eine große Koalition mit einem für die VP korrigierten Verhältnis…

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    !!! | 8. July 2008 | 09:14
    Tom Schaffer sagt:

    @georg, auch mal etwas nettes über einen gescheiterten politiker zu sagen sollte man jetzt net unbedingt gleich zur glorifizierung verzerren. zudem ists nicht nachträglich, weil ich ähnliches in all den jahren gesagt habe (abgseehen von den zeiten, wo er mich grade aufgeregt hat).

    zudem kann man einem politiker den willen zum machterhalt nicht unbedingt vorwerfen. politik dreht sich nunmal um macht. ohne die kann man auch nichts ändern. und dass gusenbauer die abschaffung der studiengebühren anliegen gewesen ist, oder dass er gerne ohne die eurofighter ausgekommen wäre, das glaub ich ihm eben einfach.

    was gefehlt hat war der mut das mit etwas risiko durchzuziehen (also mit grün und blau gegen schwarz und dann neuwahlen). hätt ich mir gewünscht, aber das realpolitische fenster in dem das wirklich machbar war, war imo sehr kurz (der verhandlungsmoment an dem schüssel ausstieg). ein schwerer fehler, aber kein grund, den mann an sich für immer zu hassen.

    jetzt faymann an der spö spitze zu haben, zipft mich deutlich mehr an.

    zur VP wird es heute oder morgen noch einen eigenen artikel geben – und dann werden wir uns langsam auf die wahl-vorberichterstattung einstellen dürfen ;)

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    8. July 2008 | 13:49
    taciturus sagt:

    Für das letzte Jahr würde ich der Analsye im Grunde recht geben. Viele Nichtigkeiten sind hochgeschaukelt worden (Gesudere, 16-Uhr-Witz), vor allem aber von der SPÖ selbst. Die Medien haben den Ball dankend aufgegriffen und der Umfaller wurde zu einem Selbstlaufer.

    Für die Zeit des Wahlkampfes, Koalitionsverhandlungen und Beginn der Regierung würde ich das anders sehen. Hier hat Gusenbauer meines Erachtens auch schwere Fehler gemacht. Hier wurden bewusst Dinge versprochen, von denen er wusste, dass er sie nicht halten werden kann. Er hat eine große Erwartungshaltung aufgebaut, viele haben ihn gerade wegen dieser Versprechen gewählt.

    Andererseits sehe ich auch in seinem engsten Team Personen, die an dem Zustand der Regierung mitverantwortlich sind. Kalina und Cap haben mE von Seiten der SPÖ am Zustand des politischen Klimas viel mitgewirkt, wodurch die Stimmung insgesamt in den Keller ging. Das es dafür auch Pendants auf schwarzer Seite gibt, will ich nicht bestreiten.

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    !!! | 8. July 2008 | 16:26
    Tom Schaffer sagt:

    vielleicht sollte ich nochmal verdeutlichen, dass die hier angesprochene problematik NATÜRLICH nicht der alleinige grund für gusenbauers abstieg waren.

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    8. July 2008 | 17:20
    weltbeobachterin sagt:

    seh es großteils so wie Taciturus.
    aber so intelligent fand ich auch nicht alles was er sagte. Das die Form nicht so wichtig ist, wie der Inhalt finde ich falsch. Zitat McLuhan: “Das Medium ist die Botschaft.”
    ich glaube, er ist intellektuell, aber er kann es nicht rüberbringen zumindest nicht vor der Kamera.

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    !!! | 8. July 2008 | 20:36
    LAN sagt:

    gusi hätte ein mehrheitswahlrecht gebraucht…

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    !!! | 8. July 2008 | 21:46
    Thomas sagt:

    @LAN: Das triffts vermutlich auf den Punkt!

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    !!! | 9. July 2008 | 10:47

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