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Sozialismus für die Reichen
Der Staat Österreich hat im Zuge der “Finanzmarktkrise” 100 Milliarden Euro an Sicherungen für die Banken ausgelegt, damit diese nicht Pleite gehen (angeblich ist nur dadurch die Bank Austria gerettet worden). Es gibt darüber keinen großen öffentlichen Aufschrei, weil es als notwendig akzeptiert wird, um eine Depression zu verhindern. Das dahinterliegende Problem, dass ein marodes Finanzsystem und unfähige bis skrupellose Manager auf diese Weise weltweit gerettet werden, stört mich allerdings enorm. Normalerweise dürften so verstaatlichte Betriebe nicht mehr privatisiert werden, bis die Investitionen in mindestens gleicher Höhe wieder zurückgezahlt wurden (andererseits: wenn die Dinger Gewinn bringen, braucht man sie erst recht nicht zu privatisieren).
[ad#ad-1]Besonders penetrant wird diese Rettungsaktion für etwas, das eigentlich nicht gerettet werden dürfte aber praktisch gerettet werden muss (Josef Joffe nannte das in der Zeit kürzlich “Sozialismus für die Reichen“), wenn dann bei anderen gesellschaftspolitisch hochrelevanten Bereichen alles am Geld scheitert.
Schon seit Jahren werden Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert. Das ist das Prinzip rechter Wirtschaftspolitik. Österreichische Unternehmen dürfen seit der von ÖVP und BZÖ auf den Weg gebrachten Steuerreform von 2005 dank der Gruppenbesteuerung ihre Fehlinvestitionen im Ausland hierzulande einfach von der Steuer absetzen. Laut Finanznministerium hat allein diese Maßnahme mindestens 100 Millionen Euro pro Jahr gekostet. Eine knappe Milliarde investierte man zeitgleich in eine Senkung der Köperschaftssteuer (PDF). Insgesamt waren also für diese beiden Investitionen rund 1,075 Milliarden Euro veranschlagt – jährliche Kosten. Weitere 250 Millionen wurden vor allem reichen Menschen mit der Abschaffung der Erbschaftssteuer zugespielt – die man alternativ ja auch reformieren hätte können.
Diesem rechten Konzept des “Sozialismus für die Reichen” kommt noch ein “Kapitalismus für die Armen” hinzu. Just jene verantwortlichen Rechtsparteien haben sich etwa im vergangenen Monat gegen die Abschaffung der durch und durch kranken Studiengebühr gestemmt (mit vergleichsweise lächerlichen Kosten von meines Wissens 125 Millionen Euro). Die ÖVP konnte diese parlamentarische Niederlage sogar so schlecht verkraften, dass sie in der Emotion eine Volksabstimmung über die Studiengebühren forderte – wohl mit der latenten Studierendenfeindlichkeit im Land liebäugelnd.
Sie hat sich vom Schock seither nicht erholt, geht aber wieder zur Tätigkeit über, sozial Schwache zu belasten (und das sind Studierende alles in allem – auch solche mit reichen Eltern haben nur in Ausnahmefällen selbst viel Einkommen). Minister Johannes Hahn hat sich mit dem Vorschlag vorgewagt, Studenten pro absolviertem Kurs zur Kasse zu bitten. Seit Jahren tut die ÖVP so, als wäre es unmöglich die läppischen Einnahmen aus der Studiengebühr öffentlich zu ersetzen. Es werden nur immer abstrusere Mittel gesucht, um die katastrophalen Studienbedingungen (die mit jedem Jahr abstruser werden) auch noch eine ordentliche Stange Geld kosten zu lassen.
Der neueste ÖVP-Vorschlag kommt von Johannes Hahn: Für jeden absolvierten ECTS-Punkt soll man zahlen. Eine ECTS-Maut sozusagen. Wenn ich mich also im nächsten Jahr wieder durch ein Literatur-Leseseminar mit 80-100 Leuten quäle, die Note hart erarbeite oder Prüfungen in dreifach besetzten Hörsälen positiv absolviere, dann soll ich doch bitte auch dafür zahlen. Sehr gscheit, Herr Gscheit.
Ein Glück, dass die ÖVP diesmal die deutlich schlechtere Verhandlungsposition zur Koalitionsbildung haben. Die Studiengebühren sind abgeschafft, und die Anti-Studiengebühren-Parteien haben auch nach der Wahl eine parlamentarische Mehrheit.
In die “Kapitalismus-für-die-Armen”-Ideologie der ÖVP bzw. herrschender rechtskonservativer Parteien passt dieser Schwachsinn aber sehr fein rein: Wer Leistung will, soll zahlen – zumindest wenn er nicht reich genug ist, dass seine Ausgaben verstaatlicht werden müssen. Das ergibt ein schönes Bild von einer Partei, sie sich nach wie vor manchmal als “christlich-SOZIAL” bezeichnet, wenn man es den jährlichen 1,2 Milliarden Euro gegenübergestellt, mit denen Reiche und Unternehmen entlastet werden (oder den 100 Milliarden, mit denen die politisch verfilzten und finanziell maroden Banken gerettet werden).
Sozialismus für die Reichen, Kapitalismus für die Armen. Some are more equal than others.
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6 Reaktionen bisher
Hahn ist ja lustig. Vor einem Monat sollten die Studiengebühren noch beibehalten werden, um jene “Schnorrer” auszusortieren, die nicht wirklich studieren, aber Ermäßigungen abstauben wollen. Nach seinem jetzigen Vorschlag würde diese Gruppe gratis davonkommen, während die tatsächlich Studierenden bezahlen müssten. Seltsame Logik, Herr Hahn.
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!!! | 21. October 2008 | 19:34
Herr wirf Hirn vom Himmel, fallt mir dazu nur mehr ein. Ich bin zwar grundsätzlich kein Gegner der Studiengebühren, aber Hahn führt hier deutlich vor, dass scheinbar doch andere Motive für Studiengebühren bestehen, als jene, die öffentlich argumentiert werden. Wenn man Studiengebühren u.a. auch damit begründet, dass dadurch Bummelstudenten zu einem zielgerichteterem Studium angehalten werden soll, dann zeigt der Vorschlag Hahns, dass es genau darum scheinbar nicht geht.
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!!! | 21. October 2008 | 20:31
Privatisieren der Gewinne und sozialisieren der Verluste ist NICHT rechte Wirtschaftspolitik. Es ist die aktuell vorherrschende Politik, aber hat mit rechts oder links rein gar nichts zu tun und wird dementsprechend sowohl von (angeblich) rechten und auch linken Politikern betrieben.
Ich weiß vom linken Talk Radio nichts und ich hab das Transkript der Talk-Radio-Sendung jetzt auch nur teilweise gelesen. Aber selbstverständlich wird auf der rechten Seite (z.B. bei Glenn Beck) wegen den ganzen Bailouts usw. auch ziemlich arg geschimpft (es fallen da sogar so Sachen wie z.B. “I’m through with Bush”).
Ich sehe das so, dass es den Leuten aus der Bankenwelt offensichtlich gelungen ist, den Politikern einzureden, dass der Untergang von ein paar Banken zum Untergang der Welt führen würde. Den Bankern kann man das nicht verdenken, die müssen schließlich auf sich selber schauen, aber die Politiker hätten sich vielleicht etwas gründlicher informieren sollen. Interessant ist in dem Zusammenhang auch http://www.minneapolisfed.org/research/WP/WP666.pdf , der FED Minneapolis, die im wesentlichen behauptet, dass es nie ein Anzeichen für das Überschwappen der Kreditkrise auf den Nicht-Bankensektor gegeben hat.
Was hat das dann aber alles mit der Gruppenbesteuerung, Senkung der Körperschaftssteuer und den Studiengebühren zu tun hat versteh ich nicht. Du kannst ja wohl eine Steuersenkung nicht als “Sozialismus für die Reichen” bezeichnen. Worin der Sinn von höheren Körperschaftssteuern liegen soll hab ich sowieso noch nie verstanden: es sollte ja eigentlich im Interesse aller liegen, wenn ein bisschen Geld in den Firmen bleibt. Eine Erhöhung der Körperschaftssteuer hat nur zur Folge, dass mehr Geld aus den Firmen entnommen wird, damit man dieser Steuer entgeht (EK muss dann ja sowieso gezahlt werden). Und mit der Gruppenbesteuerung ists das gleiche: wenn ich irgendwo investier möcht ich die Verluste schon auch gern abschreiben können – auch wenns eine Investition bei den Ausländern (sorry – konnte nicht widerstehen) ist. Falls die Investition dann Gewinne abwirft, müssen diese schließlich auch versteuert werden – wieso soll man die Verluste dann nicht abschreiben dürfen?
Noch eine Frage: Das mit der Rettung der BA – ist das nur ein Gerücht oder kann man da was nachlesen? Ich find nämlich nix darüber.
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!!! | 22. October 2008 | 20:38
Ist ein “Unter der Hand”-Gerücht, ich halts für zuverlässig, kanns aber nicht endgültig beurteilen.
btw. auch wenns nicht rechte theorie ist, wirds doch von allen rechten parteien weltweit nun so praktiziert
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22. October 2008 | 20:48
Wird wohl was damit zu tun haben:
http://www.telegraph.co.uk/finance/comment/ambroseevans_pritchard/3260052/Europe-on-the-brink-of-currency-crisis-meltdown.html
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!!! | 28. October 2008 | 21:43
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