Blog

Die Anschläge von Bombay

 

Mumbai
Vielleicht sind die Bombay-Anschläge das erste große Ereignis, das mir die Vorzuüge des sozialen Webs und des technologischen Fortschritts richtig vor Augen geführt hat. Nicht falsch verstehen. Ich war schon vorher ein Fan von Twitter und Blogs und RSS-Feeds. Ich mach das alles ja nicht ohne Grund. Aber erst als an einem Ort der Welt etwas passierte, von dem ich keine Ahnung hatte, entfaltete all das seine Möglichkeiten. Ohne etwas zu tun, flogen mir Analysen, Kommentare und Berichte zu.

Die NYTimes erkannte schnell, dass die Medien in Indien völlig überfordert mit den Ereignissen waren (manchmal auf skurrile Weise), und bat Augenzeugen um Hilfe, die sie in Form von Twitter-Feeds, Blogeinträgen, Kommentaren und anderen Formen von Citizen Journalism auch bekam. Lauter Informationen, die die indische Polizei für schlecht hielt, die aber eher gut sind.

Ich erfuhr von Menschen, die einst in Bombay aufwuchsen, was die Terroristen an Mumbai hassen. Und sie erzählten, dass jetzt die richtige Zeit wäre, genau dorthin zu fliegen um den Terroristen zu demonstrieren, dass ihre Gewalt und Angstmache die Freiheit dieser “großen Stadt” nicht einschränken wird. Um zu zeigen, dass sie verlieren würden.

Im Anschluss daran erklärte man mir, wieso Bombay eigentlich inzwischen Mumbai heißt. Und warum das mit der Umbenennung von Burma in Myanmar zu vergleichen ist, und ich es trotzdem wieder Bombay nennen werde. Und auf Flickr und Google Earth sah ich, wie Bombay eigentlich abseits brennender Hotels aussieht.

Mancher machte darauf aufmerksam, das hierzulande gerne ignoriert wird, dass die Anschläge ziemlich gezielt gegen Juden gerichtet waren. Jemand in Berlin warnte, dass wir uns nicht aufschwatzen lassen sollten, es ginge hier um internationalen Terrorismus. Er meinte wohl, wir sollten den Angstnutznießern Schäuble, Fekter und Co. nun nicht wieder zuviel Handlungsspielraum überlassen. Denn Terroristen aus Pakistan, die Menschen in Indien töten, sind nunmal das, was den Begriff internationalen Terrorismus ausmacht. Aber auch jemand in Kalifornien erklärte, warum mehr Sicherheitswahn gegen eine kleine Gruppe Menschen mit Maschinen gewehren und Granaten nichts hilft.

Diese Anschläge würden auch die fragile Stabilität in Pakistan gefährden, erfuhr ich. Die Terroristen (bemerkenswerterweise keine Selbstmordattentäter, sondern Leute die eigentlich wieder heimkehren wollten) wurden möglicherweise in Pakistan ausgebildet. Und einige von ihnen haben anscheinend noch während den Anschlägen bei indischen Medien angerufen, um den Besuch eines israelischen Generals im umstrittenen Gebiet Kaschmir zu verteufeln

Es waren nicht die heimischen Massenmedien, die mir das erklärten. Es waren mein RSS-Reader, Blogs und Twitter. Das neue Medeinzeitalter ist endgütig da. Wer sich noch nicht damit beschäftigt hat, sollte es nachholen. “If the news is important, it will find me” – auch dann wenn heimische Medien sie manchmal gar nicht wichtig finden würden. Ich bin mündig und unabhängig. Bombay hat es gezeigt.

Fotocredits: digitalclickclick

 
Tom Schaffer | 2. December 2008

Du kannst uns ganz einfach auf verschiedenste Weise unterstützen. Danke!
Auf Twitter posten Auf Facebook posten Auf Delicious posten Digg it Poste auf SU Poste auf Scoop.at Abonniere die Seite! Registrieren/Einloggen Etwas spenden

3 Reaktionen bisher

    @schaffertom sagt:

    Nuer Blogpost: Die Anschläge von Bombay – http://is.gd/9Ubm

    !!! | 2. December 2008 | 18:02
    malte sagt:

    im wortsinn wäre das international, wenn – wie immer in dieser gegend – der pakistanische geheimdienst dahintersteckt. aber vorher hatten wir keine angst um unsere sicherheit, wenn es in indien anschläge gab und das möchte in ungern ändern. bleibt die frage, warum die alte dame new york times versteht, dass man das netz nutzen kann, während hier sofort darauf hingewisen wird, dass twitter eine riesige desinformationsmaschine ist.
    danke für den artikel:)

    !!! | 2. December 2008 | 20:09
    Tom Schaffer sagt:

    Nichts zu danken, empfiehl ihn weiter! ;)

    Über die Sache mit dem International könnte man noch wunderbar ein bisschen streiten. Das mit der Angst und Indien stimmt natürlich.

    2. December 2008 | 20:59

Jetzt sag doch was!

Registrierte UserInnen surfen hier ohne Werbung!