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Ob LehrerInnen mehr unterrichten sollen? Falsche Frage!

Schule
Bildungsministerin Claudia Schmied hat angekündigt, dass LehrerInnen ab Herbst um zwei Stunden mehr unterrichten müssen – ohne zusätzliche Bezahlung. Der seltsam anmutende Grund ist die Wirtschaftskrise. Inklusive Vorbereitung und Nachbearbeitung ergibt das eine vierstündige Mehrbelastung für LehrerInnen. Die auf diese Entscheidung hin entbrannte Debatte ist aber eigentlich entbehrlich. Sie lässt bei seriöser Betrachtung ohnehin nur einen Schluss zu: Österreich muss beim Bildungssystem Tabula Rasa machen. Alles muss neu werden.

Im Anschluss an die gestrige ZiB 2, in der Schmied ihre Absichten unterstrich, gab es einen Runden Tisch, an denen verschiedenste Positionen ausgetauscht wurden.

Der Elternvertreter forderte, dass LehrerInnen mehr Zeit mit den SchülerInnen verbringen. In allen erfolgreichen Bildungssystemen der Welt, sei der Unterricht anders gegliedert als bei uns (mit mehr individueller Betreuung). Etwa die Hälfte der OberstufenschülerInnen braucht teuren, privaten Nachhilfeunterricht.

Die LehrerInnen-Gewerkschaft wiederum beteuert, dass ihre Klienten erstens schon einen hohen Wochenstundensatz leisten, zweitens auch gar nicht die Voraussetzungen vorfinden, die für das von den Eltern geforderte Modell nötig wären und drittens gerade Schmieds aktuelle Maßnahmen das Gegenteil bewirken würden. Wenn ein Lehrer zwei Stunden länger in der Klasse unterrichtet, dann bedeute das, dass er nicht mit einer bereits ihm unterstellte Klasse arbeitet – zwei zusätzliche Unterrrichtsstunden hießen, dass er eine weitere Klasse zur Betreuung bekommt.

In den vergangenen Jahrzehnten veränderten sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Immer öfter gehen beide Elternteile arbeiten (oder sind geschieden) und immer stärker muss deshalb die Schule erzieherische Aufgaben übernehmen. (Wer wird heutzutage schon noch von den Eltern aufgeklärt?) Die Schülerzahlen in den Klassen sind aber zu hoch, als dass die LehrerInnen diese individuelle Betreuung auch wirklich übernehmen könnten. Erfolgreiche Bildungsländer haben die Veränderungen früher erkannt und Ganztagsschulen implementiert, in denen am Nachmittag gezielter Förderunterricht stattfindet und wo Lehrer auch tatsächlich ein vernünftiges Arbeitsumfeld vorfinden, zusätzlich wurden SozialarbeiterInnen und SchulpsychologInnen angestellt.

Hierzulande hat das System Gehrer die Schulen an allen Ecken und Enden marode gespart. Statt auf neue Bedürfnisse von Jugendlichen einzugehen und sich abzeichnende Probleme zu lösen, wurde ihnen ausgerichtet, sie sollen doch verdammt nochmal weniger Party machen. Und bei den LehrerInnen? Jahr für Jahr wurden Stunden gekürzt und so vor allem junge LehrerInnen aus der Schule ferngehalten, während man pragmatisierte alte nicht loswerden konnte. Diese permanenten negativen Erfahrungen mit der Politik sind der Grund, warum die LehrerInnen noch heute mißtraurisch auf fast jede Maßnahme reagieren. Es wird nach wie vor gefürchtet, dass mit jeder Änderung ein weiterer Personalabbau (statt des notwendigen Ausbaus) oder eine weitere Belastung folgt. Und man hat damit eigentlich auch fast immer recht.

[ad#ad-1]Umgekehrt vermutet die Regierung hinter den ständigen “Nein”-Statements der LehrerInnen eine grundsätzliche Blockadehaltung, um vermeintliche Bequemlichkeiten aufrecht zu erhalten (die es gerade für junge LehrerInnen überhaupt nicht mehr gibt). Wie fast immer ist der erste Teil des Problems, ein Kommunikationsfehler. Regierung und LehrerInnen vertrauen einander nicht und man nimmt von der jeweils anderen Seite auch nicht an, dass sie die Dinge verbessern will. Wenn die Politik grundlegende Änderungen zuerst über die Medien bekannt gibt, dann ist das zumindest von einer Seite her auch nicht weiter verwunderlich.

Der Hund im heimischen Bildungswesens und damit auch dieser Debatte liegt aber ohnehin noch tiefer begraben. Kürzlich sah ich einen TED-Talk von Bill Gates (siehe unten, ab etwa der Hälfte des Videos, das sich alle Entscheidungsträger in Schulen ansehen sollten), bei dem er unter anderem über das US-Bildungswesen sprach. Gates weist unter anderem darauf hin, dass das wofür die LehrerInnen belohnt würden, nahezu überhaupt keinen Einfluss auf die Qualität ihrer Arbeit haben: Es sind Alter und Bildungsgrad.

Das Engagement und die Qualität von LehrerInnen werden hingegen nicht belohnt oder gar aktiv gefördert. Als Ergebnis davon verlassen katastrophalerweise die besseren Lehrer eher das System und suchen sich etwas anderes. Die Drop-Out-Rate hierzulande kenne ich zwar nicht, der Rest gilt aber auch für Österreich. Den eh schon beschränkten Karriereweg beschreiten selten die, die sich im Klassenzimmer den Arsch aufreissen und die für ihre SchülerInnen ein Projekt nach dem anderen organisieren. Viel mehr muss die politische Farbe und das Vitamin B stimmen.

“Großartige Lehrer zu haben ist der Schlüssel. Ein guter Lehrer verbessert die Leistung seiner Klasse pro Jahr um 10% mehr.” (Bill Gates)

Leiden tun unter diesen völlig verkorksten und weltfremden Strukturen alle: LehrerInnen werden überfordert, in der Folge demotiviert und im schlimmsten Fall auch noch gesellschaftlich geringgeschätzt (na wer hat denn am PISA-Debakel Schuld?). Eltern müssen privat Nachhilfe bezahlen und tun sich zudem schwer, Kindererziehung und Beruf zu vereinen (die Schüler kommen schon mittags nach hause). Und SchülerInnen leiden darunter, dass sie von allen Seiten zu wenig Aufmerksamkeit bekommen (wenn nicht irgendjemand in diesem Umfeld sich aufopfert).

Ich habe mich hier schon öfters zur notwendigen Reform von Lehrplänen geäußert. Diese Forderung steht nach wie vor. Aber in Wahrheit ist der Handlungsbedarf viel größer, als dass (endlich) politische Bildung und Medienkompetenz oder lebenswichtige Dinge wie ein gesicherter, umfassender Aufklärungsunterricht eingeführt werden. Nicht nur was gelehrt wird (und wie es gelehrt wird) muss sich ändern, die österreichische Schule muss grundsätzlich anders werden. Man könnte damit anfangen, großartige Lehrer zu schätzen, zu fördern und zu vermehren, statt sie über die Medien vor vollendete Tatsachen zu stellen und ihnen immer mehr Aufgaben zukommen zu lassen.

Die Behauptung erscheint mir nicht zu kühn, dass es am Ende einer all diese Punkte berücksichtigenden Reform gar kein Problem wäre, wenn LehrerInnen mehr Zeit in kleineren Klassen und den ganzen Tag in Schule mit passender Infrastruktur verbringen sollen. Aber es ist wohl zutiefst österreichisch, dass lieber einseitig autoritär am unwichtigen Detail herumgedoktort (und so noch mehr zerstört wird), statt gemeinsam eine große Verbesserung anzustreben.

Fotocredits: Rob Shenk, CC 2.0 BY-SA

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| 27. February 2009

11 Reaktionen bisher

    maschi sagt:

    Das Problem ist doch, dass alles miteinander zusammen hängt. Unser Schulsystem leistet im Verhältnis zu seinen Kosten insgesamt zuwenig – und gerade wenn wir daher umfassende Änderungen haben wollen dürfen wir nicht nur A sagen (wir wollen mehr und andere Leistungen) sondern müssen auch B sagen (das System muss für mehr Qualität auch quantitativ mehr leisten). Wenn der OECD Schnitt bei 23,5h liegt, ist gegen eine Anhebung von 20 auf 22 eben schwer zu argumentieren.

    Besonders schwierig macht solche Debatten natürlich, dass sie immer auf dem Rücken der Besten ausgeht, also jenen von denen Du sprichst. Sie sind es nämlich, die schon heute ganz sicher ihre 40h leisten und vielfach sicher darüber hinaus. Wie es der Direktor am Runden Tisch gesagt hat: die 40 Stunden braucht man “wenn man den Job ernst nimmt” – unser Problem ist aber: wir haben Rahmenbedingungen für Lehrerinnen und Lehrer geschaffen, von denen scheinbar viel zuviele angezogen werden, die den Job nicht ernst genug nehmen. Das zumindest ist meine Erfahrung mit dem “System”.

    Wir werden in Österreich zB nur dann eine Ganztagsbetreuung schaffen, wenn der Durchschnitt aller Lehrer an eine wahre volle Woche (vorwiegend in der Schule) herangeführt wird. Der Widerstand dagegen wird erbittert sein – und bittschön nicht deswegen, weil diese 40h im Schnitt schon heute geleistet werden.

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    !!! | 27. February 2009 | 09:02
    nathilion sagt:

    Hast du immer schon mit Binnen-I geschrieben? Schrecklich is das.

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    !!! | 27. February 2009 | 13:50
    Tom Schaffer sagt:

    Ich vergesse es manchmal, bemüh mich aber darum, Gender-gerecht zu schreiben. Ist zwar leider nicht überaus ästhetisch, aber ich halte es für sinnvoll.

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    27. February 2009 | 14:06
    nathilion sagt:

    Ja eh, gendergerecht ist gut, aber ich finde halt, dass das Binnen-I dieses Kriterium nicht erfüllt. (Beispiel: ÄrztInnen – mal abgesehen davon, dass man die männliche Form eigentlich überliest)

    Aber darüber eh schon ausgiebig diskutiert ;) Wills eh nicht nochmal aufwärmen …

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    !!! | 27. February 2009 | 14:30
    Tom Schaffer sagt:

    Das Binnen-I ist die besssere mir bekannte Lösung. Ständig beide Geschlechterbezeichnungen hintereinander zu verwenden bläht die Texte auf, Frauen oder Männer komplett zu unterschlagen wäre nicht richtig. Langfristig wäre es sinnvoll, wenn sich einfach neutralere Sammelbegriffe finden (bei StudentInnen bietet sich zB Studierende als Alternative an, die ich auch nutze).

    Aber stimmt, bleiben wir beim Thema. ;)

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    27. February 2009 | 14:34
    nathilion sagt:

    Wobei für mich der Student genauso neutral ist wie der Studierende :)

    Oba wurscht. Ich bin für psychologische Betreungsmöglichkiten für Lehrer, ebenso wie Motivationstrainings oder ähnliches. Lehrerausflüge sind wohl meist das Gegenteil.

    Zudem bin ich für mehr HAK in den AHS. Längeren Pausen und Entspannungsräume für Lehrer.

    Ganz ehrlich: Ich würd sterben bei dem Beruf und schon nach einem Jahr durch Burn-out ausscheiden.

    Lehrer können nur gut unterrichten, wenn sie fit und motiviert sind. Alles andere hat keinen Sinn.

    So, meine sehr schön allgemeine Meinung zu dem Thema, um das andere abzuschließen :)

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    !!! | 27. February 2009 | 15:43
    Herr B sagt:

    Was ich nicht verstehe ist, wie Claudia Schmied die Sache so ungeschickt angehen konnte. Dass “arbeite mehr fürs gleiche Geld” bei den Betroffenen nicht gut ankommen wird, war schließlich klar.

    Wäre sie clever gewesen, dann hätte sie ihre Mahnahme mit einem Mindestmaß an Systemreform verknüpft – etwa in Form von Prämien für besonders engagierte Lehrkräfte (geschlechtsneutral :-) , die außerordentliche Schulprojekte hochziehen oder dergleichen. Wenn sie das Gefühl bekämen, Fleiß und Engagement werde belohnt, dann würden sich die Lehrkräfte wohl auch nicht so übervorteilt fühlen.

    So war es aber fast ein ganz kleinwenig stümperhaft von Claudia Schmied, auch wenn hierzulande “echte” Reformen aufgrund der verkrusteten Strukturen an sich schon sehr sehr schwer umzusetzen sind…

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    !!! | 3. March 2009 | 17:59
    Schaffer KH sagt:

    Vergiss net: wenn schmied sagt sie wird keinen lehrer entlassen, dann sagt sie zwar nicht die unwahrheit, die wahrheit ist es aber auch nicht!
    ca. 10-15 % (=Junglehrer) haben die ersten 7 Jahre nur immer Anstellungen für 1 Jahr, d.h. sie werden zwar net entlassen, weils natürlich nimmer angestellt werden

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    !!! | 4. March 2009 | 00:24
    Schaffer KH sagt:

    Und kleinere Klassen????? Sind auch nur ein Witz!!!!!!!
    Meine heurige 1. Klasse besteht aus 31 SchülerInnen!!

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    !!! | 4. March 2009 | 00:33
    bruckner sagt:

    ich denk ebenfalls, dass an mehr stunden in den schulen (richtung ganztagsbetreuung) für lehrerInnen kein weg vorbei führt. wofür natürlich die entsprechende infrastruktur geschaffen werden muss. ob es gschickt war, zuerst von “zwei stunden mehr” zu sprechen, nunja,… auf der anderen seite hat sich die frau schmied so den großteil der bevölkerung auf ihre seite geholt. wie auch immer. aber: die “mehr”-stunden sind ja nur teil einer umfassenden notwendigen bildungsreform!

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    !!! | 10. March 2009 | 13:02

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