Blog

Beenden wir den zerstreuten Bildungs-Protest

In letzter Zeit beschäftige ich mich viel mit politischen Protest. Einerseits beteilige ich mich selbst daran, die Studierenden an der Uni Wien zu mobilisieren – müssen wir ja leider selbst ohne die Unterstützung unserer “Interessensvertretung” machen, da die AG-geführte ÖH sich anscheinend als harmlose Pressemeldungs-aussendender Taschenkalender-Verteilverein wohl fühlt. Andererseits beschäftigt mich der mediale Umgang mit großen Demonstrationen und ich möchte mich bei der Aktion für Grüne Vorwahlen einbringen. (Nettes Progamm eigentlich für einen arbeitenden Studenten, der so nebenbei drei Webprojekte führt und auch ein ausgefülltes soziales Leben hat.) Irgendwann stoßt man beim Mobilisieren immer an die Grenzen menschlichen Engagments und unausgesprochen oder ausgesprochen auf die Frage: Was bringts schon?

Gestern bin ich auf diesen interessanten Blogeintrag des amerikanischen Soziolgie-Professors Brayden King gestoßen, der genau diese Frage beantwortet. Seiner Einschätzung nach kommt diese Skepsis gegenüber den Veränderungschancen durch einen Protest vom Unwissen über die Sache an sich.

I like what Alan has to say about the tendency of public intellectuals to cast contemporary activists as either ineffective amateurs or as old hippies who’ve never been much good anyway. My guess is that most critics of protestors have never met professional activists and so they have no idea of just how organized and savvy they can be. (orgtheory.net)

Er selbst hat Studien dazu durchgeführt, welche Effekte und Ziele Protestaktionen von sozialen Bewegungen haben. King folgert: Protest ist nicht dazu da, ausgeklügelte Argumentationen zu transportieren, ist aber dann besonders effektiv, wenn der Protest eine einigermaßen klare Nachricht transportiert. Der Erfolg kommt nicht auf direktem Weg (Demo -> neues Gesetz), sondern über eine langfristige Beschäftigung der Medien und Politik. Mit einer einzelnen Demo erreicht man ziemlich sicher nichts, dafür aber erwiesenermaßen mit gut gemachter, kontinuierlicher Protestarbeit. Eine besondere Rolle spielen dabei “professionalisierte” Aktivisten von NGOs, die im Gegensatz zum durchschnittlichen Demo-Teilnehmer eben an einer langfristigen Agenda arbeiten.

Tendenz zum Staatsveragen bei Bildung

Kehren wir zurück zum Dilemma des österreichischen Bildungswesens. Das jahrzehntelange Kaputtsparen hat zu einem Punkt geführt, an dem niemand mehr akzeptieren kann, was hier passiert. SchülerInnen hocken in viel zu großen Klassen während die Studierenden von den viel zu großen Klassen ihrer Schulzeit nur träumen können, während sie im Kampf um die stickige Luft in mies ausgerüsteten, übervollen Hörsälen mit ihren KommilitonInnen die Ellbogen ausfahren. Die LehrerInnen an den Schulen sollen in Legebatterien-ähnlichen Konferenzräumen arbeiten, während sie als menschlicher Rohstoff wie Kühe gemolken werden – junge LehrerInnen werden in nächster Zeit gleich gar nicht mehr zu Jobs kommen. Ihre KollegInnen an den Universitäten hingegen werden prekär beschäftigt. Hoch qualifiziert und (mit Glück) bezahlt wie ein Ticketabreisser im Kino ist das Credo.

So kommt es, dass so gut wie alle Beteiligten protestbereit sind. Die Lehrenden drohen mit Streik, die Studierenden beginnen zu demonstrieren (mit ersten Erfolgen) und auch bei den Schülern formiert sich etwas. Und bei allen ist der Grund derselbe: Der Staat vernachlässigt seine Aufgaben im Bildungswesen sträflich und versagt selbst bei der Finanzierung des Mangelbetriebs.

Das ist nicht nur unangenehm für die Betroffenen, es ist eine Gefahr für die Zukunft Österreichs – das nur durch ein deutlich besseres Bildungswesen seinen Status als eines der reichsten Länder der Welt halten können wird. Rohstoffe gibt es hier keine, die Industrie wandert ab (besonders wenn es eben mangels Personal zu wenig Innovation nachkommt) und vom krisen- und wetteranfälligen Tourismus allein wird man die 8 Millionen Menschen nicht ernähren können.

Keine wirksame Vertretung

Alle sitzen im selben Boot und können nur ein Ziel haben: Deutlich mehr Geld für alle im Lehrbetrieb. Aber ein gemeinsamer, langfristig angelegter Protest bleibt aus. Stattdessen stellen sich die Gruppen vereinzelt auf, wissen nichts voneinander und werden gegeneinander ausgespielt. Denn wo zum Beispiel beim Umweltschutz oder bei Menschenrechten NGOs das Personal stellen, das die Koordination übernimmt, ist im Bildungwesen tote Hose. Die ÖH hält den Schlaf der zahnlosen “Servicefraktion”, die LehrerInnen-Gewerkschaften sind grundsätzlich ein lahmer Haufen und die Schülervertretung habe ich (vielleicht tue ich ihr Unrecht) noch nie so richtig wahrgenommen.

Die Frage ist: Soll man Energie investieren, um diese (theoretisch mächtigen) dösenden Institutionen aufzuwecken? Oder soll man sie umgehen und auch den groß angelegten gemeinsamen Protest von unten vernetzen?

Der Zusammenschluss muss jedenfalls passieren. Bei einer so großen Unzufriedenheit auf allen Ebenen gibt es viel Potential etwas gemeinsam zu erreichen. Ein Potential das übrigens alle Partein vollkommen verpennen.

Tom Schaffer | 13. April 2009
Du kannst uns ganz einfach auf verschiedenste Weise unterstützen. Danke!
Auf Twitter posten Auf Facebook posten Auf Delicious posten Digg it Poste auf SU Poste auf Scoop.at Abonniere die Seite! Registrieren/Einloggen Etwas spenden

16 Kommentare bisher

Armin Soyka sagt:

“und vom krisen- und wetteranfälligen Tourismus allein wird man die 8 Millionen Menschen nicht ernähren können.”

Anmerkung: Wie lange wird es den bei unserem Nachhaltigkeitsdenken von heute noch geben?

“und die Schülervertretung habe ich (vielleicht tue ich ihr Unrecht) noch nie so richtig wahrgenommen.”

Ich bin gerade Schulsprecher an einer AHS und vor meiner Wahl zum SSP hatte ich auch noch nie etwas von ihr gehört. Das Problem sehe ich dort, dass sie es (dank indirekter Inderektdemokratie) noch nicht geschafft hat die Schüler zu erreichen, sondern nur die Landesschülervertretungen oder maximal vielleicht einige Schulsprecher!

!!! | 13. April 2009 | 17:15
christoph chorherr sagt:

lieber Tom,
es wäre in der Tat klug, eine breitere Vernetzung jener anzustreben, die im so wichtigen und noch immer unterschätzten Bildungsbereich arbeiten.
Nur Achtung, in einem liegst Du, wie leider fast alle “Kritiker” nicht ganz richtig. Bei den notwendigen Veränderungen im Schulbereich darf es nicht primär um Finanzielles gehen. Schau Dir einmal das an: http://chorherr.twoday.net/stories/5641278/
Auf den Universitäten schaut es hingegen ganz anders aus.
Da fehlt die finanzielle Ausstattung an allen Ecken und Enden.

!!! | 13. April 2009 | 18:19
Tom Schaffer sagt:

hallo christoph,

Du hast natürlich recht. es darf nicht nur um Finanzielles gehen (siehe u.a. meine vielen anderen Beiträge zum Bildungsthema). Aber mangelndes Geld ist ohne Frage eine der Hauptkomponenten. Ob das Geld an den Schulen fehlt oder im System, das ist natürlich eine zu erörternde Frage (die wahrscheinlich schon beantwortet ist).

Das aktuelle Lehrpersonal kann sich fünfzig mal revolutionieren und wird es trotzdem nicht schaffen die aktuellen Schülerzahlen zu betreuen. (Ich verfolge die Stundenplanerstellung und Klasseneinteilung an meiner alten Schule dank meinem Vater seit 15 Jahren mit – jedes Jahr wurde daran gespart). Mehr LehrerInnen kosten mehr Geld. Bessere Räumlichkeiten kosten mehr Geld.

Als ich in der Unterstufe war, waren Oberstufenklassen an unserer Schule mit 15 Leuten besetzt. In meiner Oberstufenzeit waren wir zwischen 23 und 31 Leute.

Deine Folien zeigens ja. Blatt 20: In den letzten 10 Jahren gibts gleich viele SchülerInnen, aber weniger Klassen und weniger LehrerInnen. Der umgekehrte Trend wäre wünschenswert gewesen.

Den allgemeinen Vergleich der internationalen Schulsysteme mag ich bei den Folien nicht. Da wird einfach zu viel ausgeblendet und am Ende sogar geleugnet, dass ein besseres Betreuungsverhältnis bessere Ergebnisse bringt. Der Hausverstand sagt, dass es diesen Zusammenhang geben muss, auch wenn er empirisch vielleicht durch irgendwas verwässert wird (weil natürlich auch viele andere Komponenten stimmen müssen – zB LehrerInnenausbildung und -motivation (und da beißt sich die Katze in den Schwanz)).

Im Endeffekt brauchen die Schulen einfach mehr Personal und bessere Ausstattung für Lehrpersonal und Lehrbetrieb. Ob das Geld dafür nun aus neuen Mitteln kommt oder ob es aus Strukturänderungen gewonnen werden kann, ist im Endeffekt für den Lehrbetrieb egal. Freilich ist zweiteres anzustreben, wenn da der Hund begraben liegt. Aber es wäre auch sehr fragwürdig das jetzt auf dem Rücken jener Lehrer auszutragen, die in ein Alter gekommen sind, in dem sie gut verdienen. Die haben ja schließlich jahrzehntelang darauf hingearbeitet.

Eben weil man den Alten das Geld im Sinne der Gerechtigkeit nicht nehmen sollte und den Jungen eigentlich mehr zahlen müsste, brauchts … na klar … mehr Geld an den Schulen. ;)

13. April 2009 | 18:48
Michael sagt:

Ich sehe das eher wie CC: Ich hatte während meiner Schulzeit nie das Gefühl, dass es zu wenig Lehrer gibt. Hingegen hatte ich den Verdacht, dass einige meiner Lehrer vielleicht gar nicht als Lehrer hätten arbeiten sollen.

Zwar war der Großteil der Lehrer in Ordnung. Ein kleiner Prozentsatz war aber ganz offensichtlich nicht für den Beruf geeignet. Und dann hat man das Problem: solange ein Lehrer die Schüler nicht verprügelt passiert einfach nichts. Es gibt kein System, nach dem Lehrer Bewertet werden und woraus sie dann auch Konsequenzen (z.B. geringeres Gehalt bis hin zur Kündigung) fürchten müssen. Im Gegenteil: als wir versucht haben etwas gegen eine Lehrerin von uns zu unternehmen wurde den Lehrern, die sich offen mit uns solidarisiert haben mit Versetzung gedroht. Es ist genau so, wie Frau Schmied sagt: die Lehrergewerkschaft ist ein Netzwerk der Verhinderer.

Das gilt aber umgekehrt auch für Schüler: Dass die Lehrer Schüler nicht mehr verprügeln dürfen ist schon eine gute Sache. Dass es aber für Lehrer kein Verfahren gibt Schüler auszuschließen (solange der Schüler nichts ungesetzliches macht), die sich nicht für den Unterricht interessieren und nur stören ist auch ein Problem. In meinem Bekanntenkreis ist mir jemand bekannt, der sehr gerne in die Schule ging, weil er im Raucherhof seine Kifferkollegen treffen konnte, dass er in praktisch allen Fächern auf 5 stand war ihm einfach wurscht. Dass solche Schüler die Lehrer frustrieren (bis hin zum Burn-Out) ist auch kein Wunder. (Er hats dann so weit getrieben, bis ihm ein Lehrer tatsächlich eine gescheuert hat – danach ist er nimmer in die Schule gegangen).

!!! | 13. April 2009 | 19:46
Tom Schaffer sagt:

Egal welches System wir aufziehen, es wird immer LehrerInnen geben, die in dem Job nichts zu tun haben. Andernfalls wäre das die einzige Berufsgruppe in der nur Berufene arbeiten würden. Dass du selbst sagst, dass es dabei nur um einen kleinen Prozentsatz geht, macht das als Hauptproblem bereits unbrauchbar. (Soll nicht heißen, dass man etwa nicht mehr Anreize für LehrerInnen schaffen könnte – das habe ich selbst ja z.B. hier bereits als Problem identifiziert.)

Das einzige mir bekannte Argument das es überhaupt möglich erscheinen lässt, dass wir bereits genügend LehrerInnen haben, ist dass unsere LehrerInnen zu viel mit anderen Dingen beschäftigt werden. Ansonsten spricht es für sich, dass in unseren Klassen durchschnittlich mindestens 5 SchülerInnen mehr sitzen als in Dänemark.

Die Frage ist: Kann man diesen Rückstand tatsächlich über Arbeitszeitumschichtung ohne zusätzliche LehrerInnen aufholen? Und wenn ja, wie? Wohl nur durch Investitionen in die Arbeitsplatz-Bedingungen und/oder Personal, das die Lehrer bei administrativen Tätigkeiten entlastet. Was braucht es dazu? Mehr Geld. ;)

Dass Schüler vom Bildungswesen ausgeschlossen werden können erscheint mir hingegend einfach nicht zielführend. Das wäre eine “Deckel drauf, Augen zu”-Lösung. So ein Verhalten kommt ja nicht aus dem Nichts. Ich halte es für die Pflicht eines Bildungswesens, dass niemand zurückgelassen wird – auch unbequeme Fälle nicht. Und ich denke, dass man über bessere LehrerInnen-SchülerInnen-Betreuungsquote und ernsthafte schulpsychologische Betreuung die Zahl solcher Fälle auch deutlich reduzieren könnte. Das wiederum kostet Geld.

Ein tolles Bildungssystem kostet nunmal richtig Geld. Ich denke, selbst bei der totalen Optimierung der aktuellen Mittel würde es für ein tolles, modernes Bildungssystem immer noch MEHR Geld brauchen. Ein besseres Investitionsziel als das Bildungswesen wird ein Staat aber wohl auch kaum finden.

14. April 2009 | 01:50
Michael sagt:

Aber wenn Du die Statistik vom CC anschaust, siehst Du, dass die Bildungsausgaben (hier gehts nur im die Schulen) pro Schüler in % des BIP pro Kopf in Österreich gleich hoch sind wie in Dänemark und höher als in Finnland (Seite 7).

Wenn man bedenkt, dass Finnland nun mal das (laut PISA) beste Bildungssystem hat, dann kann man doch zum Schluss kommen, dass bei uns irgendetwas grundlegend falsch laufen muss. (Natürlich hat Finnland bessere Voraussetzungen, z.B. hat Österreich Probleme mit Kindern, die schlecht Deutsch sprechen, Finnland hat weniger Zuwanderung aus “bildungsfernen Schichten”, trotzdem kann der Unterschied ja nicht so extrem sein).

Dass es extrem schlechte Lehrer gibt, die nicht gefeuert werden ist ja nur die eine Seite. Auch bei den Lehrern, die in Ordnung sind besteht Verbesserungspotential (wie bei jedem Menschen). Aber wer überwacht die Performance von Lehrern? Welcher Pädagoge, der über die neuesten Entwicklungen informiert ist geht in die Klassen und schaut sich den Unterricht an und sagt dem Lehrer, was er besser machen könnte? Und welcher Lehrer bekommt was auf den Deckel, wenn er 20 Jahre lang das gleiche unterrichtet?

!!! | 14. April 2009 | 07:55
dieter sagt:

Das ist nicht nur unangenehm für die Betroffenen, es ist eine Gefahr für die Zukunft Österreichs – das nur durch ein deutlich besseres Bildungswesen seinen Status als eines der reichsten Länder der Welt halten können wird. Rohstoffe gibt es hier keine, die Industrie wandert ab (besonders wenn es eben mangels Personal zu wenig Innovation nachkommt) und vom krisen- und wetteranfälligen Tourismus allein wird man die 8 Millionen Menschen nicht ernähren können.

Das ist eine gängige, merkantilistische Auffassung, nämlich, dass ein Land, das nicht in einer Kategorie Spitzenreiter ist, verhungern würde.
David Ricardo hat das 1817 wiederlegt und Paul Krugman hat in den 1970ern noch mal nachgelegt.
Außerdem sind fruchtbares Land, jede Menge Wasser inkl. Wasserkraft und die Alpen nicht zu verachten.

Innovationen kommen von hoch Intelligenten, die die Kinder von intelligenten Eltern sind. Schulen produzieren keine Einsteins. Darüber hinaus profitiert die ganze Welt von Innovationen. Computer erhöhen die Produktivität in Österreich, auch, wenn sie anderswo erfunden und entwickelt werden.

Deine Folien zeigens ja. Blatt 20: In den letzten 10 Jahren gibts gleich viele SchülerInnen, aber weniger Klassen und weniger LehrerInnen. Der umgekehrte Trend wäre wünschenswert gewesen.

Ich sehe da eine Verdoppelung der Lehrer pro Schüler seit 1970 und kaum Veränderung in letzter Zeit.

Das einzige mir bekannte Argument das es überhaupt möglich erscheinen lässt, dass wir bereits genügend LehrerInnen haben, ist dass unsere LehrerInnen zu viel mit anderen Dingen beschäftigt werden.

Mir erscheint es durchaus möglich, dass halb so viel Beschulung auch keinen Unterschied machen würde. 90 Prozent vergisst man sowieso wieder. Abraham Lincoln hatte übrigens nur 18 Monate Schulbildung.

Ich halte es für die Pflicht eines Bildungswesens, dass niemand zurückgelassen wird – auch unbequeme Fälle nicht.

Ich fordere weiters, dass jeder schön, geschickt, sportlich und musikalisch sein soll und jeden Tag einen Regenbogen. Jawoll!

!!! | 14. April 2009 | 08:45
Tom Schaffer sagt:

@Michael Wie schon gesagt bin ich durchaus dafür, dass die pädagogischen Fähigkeiten der Lehrer mehr gefordert und gefördert werden. Schlussendlich bleibt dann aber immer noch das Dilemma, das unsere Klassen größer sind als es gut wäre. Ich behaupte ja ganz sicher nicht, dass das unser einziges Problem wäre (siehe meine vielen anderen Bildungsposts – drum bringts nicht, mir jetzt alle anderen Probleme aufzuzählen) – aber ich halte es schon auch für ein Zentrales, dass unsere Klassenschülerzahlen einfach keine individuelle Betreuung erlauben. Und das ist eben nur mit mehr Geld für den Lehrbetrieb zu lösen.

@Dieter

Das ist eine gängige, merkantilistische Auffassung, nämlich, dass ein Land, das nicht in einer Kategorie Spitzenreiter ist, verhungern würde.

1. finde ich es durchaus wichtig, dass man sich gerade in der Bildung an der Spitze orientiert.
2. ist die Tendenz, dass Österreich (das aktuell deutlich nicht im Spitzenfeld ist) weiter zurückfällt. Der unterdurchschnittliche Platz wird also auch nicht gehalten. Wenn die USA, China und Indien ihre Bildungsoffensiven durchziehen und hunderte Millionen Menschen plötzlich auf oder über österreichischem Niveau liegen, dann kann sich ein Land wie Österreich nicht leisten, zu stagnieren.

Außerdem sind fruchtbares Land, jede Menge Wasser inkl. Wasserkraft und die Alpen nicht zu verachten.

Natürlich ist das alles nicht zu verachten, aber das sind auch keine Träger von wohlhabenden Volkswirtschaften. Und zudem sind diese Dinge gerade angesichts des Klimawandes nicht auf ewig gesichert. Nicht vergessen: Heutige Revolutionen(!) in der Bildungspolitik entfalten ihre volle Wirkung ja erst in frühestens 15-20 Jahren!

Innovationen kommen von hoch Intelligenten, die die Kinder von intelligenten Eltern sind. Schulen produzieren keine Einsteins.

Wir haben weder Spitzenförderung noch einen wettbewerbsfähigen Durchschnitt. Beides wäre nötig. Im übrigen widerspreche ich bei der Behauptung, Schulen würden keine Einsteins produzieren. Ich hab in meinem letzten Bildungsbeitrag einen Vortrag von Bill Gates verlinkt in dem er Studien zeigt, wonach ein guter Lehrer (der auch die nötigen Ressourcen hat) die Performance einer Klasse im Jahr um 10% gegenüber einem durchschnittlichen steigert. Selbst wenns nur 2% wären: Mal dir mal aus, was das über ein gesamtes Schulleben hindurch bedeutet und was für einen Kompetenzunterschied das macht.

Darüber hinaus profitiert die ganze Welt von Innovationen. Computer erhöhen die Produktivität in Österreich, auch, wenn sie anderswo erfunden und entwickelt werden.

Aber die Industrie rund um eine Innovation entsteht dort, wo die Innovation entwickelt wurde. Die Innovation ist deshalb von volkswirtschaftlicher Bedeutung – nicht nur von entwicklungshistorischer. Außerdem würde ich den Begriff “Innovation” nicht zu eng fassen.

Wenn man den Bildungsstand einer ganzen Gesellschaft hebt, dann erfindet man dadurch vielleicht nicht die nächste revolutionäre Technologie, aber man bekommt als Ergebnis viele kleine Verbesserungen auf vielen Ebenen von Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Mehr Entrepeneure, mehr Produktivität, mehr Engagement etc. …

Ich sehe da eine Verdoppelung der Lehrer pro Schüler seit 1970 und kaum Veränderung in letzter Zeit.

Im denke, dass das Bildungsniveau seit 1970 deutlich gestiegen ist. Aber wir leben 2009. Der internationale Vergleich und neue pädagogische Erkenntnisse sind der Maßstab – nicht das was Österreich 1970 hatte. Die Welt hat sich seither ziemlich grundlegend verändert.

Abraham Lincoln hatte übrigens nur 18 Monate Schulbildung.

Abraham Lincoln lebte vor 150 Jahren und wurde erfolgreich, weil er begabt war UND in eine reiche Familie eingeheiratet hat. Und seine 18 Monate Schulbildung waren immerhin gerade so effektiv, dass er sich das Lesen mithilfe einer Bibel selbst beibringen musste. Sorry, aber Lincoln das sicher kein Maßstab für ein modernes Bildungswesen. Überhaupt sind irgendwelche Ausnahmetalente der Weltgeschichte kein Maßstab, sondern das gesamtgesellschaftliche Niveau.

Ich fordere weiters, dass jeder schön, geschickt, sportlich und musikalisch sein soll und jeden Tag einen Regenbogen. Jawoll!

Dich über egalitäre politische Grundsätze lustig zu machen, ist eher peinlich für dich als dass es mich jucken würde. Ohne Normen und Werte wie Solidarität und Gleichheit wären wir alle heute bestenfalls versklavte Kleinbauern in einer despotischen Monarchie. Man muss nicht links oder antiliberal sein, um das anzuerkennen.

14. April 2009 | 13:43
dieter sagt:

2. ist die Tendenz, dass Österreich (das aktuell deutlich nicht im Spitzenfeld ist) weiter zurückfällt. Der unterdurchschnittliche Platz wird also auch nicht gehalten. Wenn die USA, China und Indien ihre Bildungsoffensiven durchziehen und hunderte Millionen Menschen plötzlich auf oder über österreichischem Niveau liegen, dann kann sich ein Land wie Österreich nicht leisten, zu stagnieren.

Die PISA-Studie zeigt, dass trotz unterschiedlicher Bildungsausgaben, Bildungsysteme, Bildungsdauer usw. die meisten OECD-Länder sich extrem dicht drängen.
Auch die stark unterschiedlichen Akademikerquoten scheinen keinen Unterschied zu machen.
Japan ist Dritter bei PISA, hat aber 30% weniger BIP/Kopf als Österreich.

Außerdem sind fruchtbares Land, jede Menge Wasser inkl. Wasserkraft und die Alpen nicht zu verachten.

Natürlich ist das alles nicht zu verachten, aber das sind auch keine Träger von wohlhabenden Volkswirtschaften.

Ganz im Gegenteil. Wenn eine gewisse Basis an Landwirtschaft, Bauwirtschaft für Infrastruktur usw. nicht da ist, wird man sich wohl kaum mit spezialisierter Medizintechnik befassen können. (Wasser ist übrigens für die Industrie sehr wichtig)

Im übrigen widerspreche ich bei der Behauptung, Schulen würden keine Einsteins produzieren. Ich hab in meinem letzten Bildungsbeitrag einen Vortrag von Bill Gates verlinkt in dem er Studien zeigt, wonach ein guter Lehrer (der auch die nötigen Ressourcen hat) die Performance einer Klasse im Jahr um 10% gegenüber einem durchschnittlichen steigert. Selbst wenns nur 2% wären: Mal dir mal aus, was das über ein gesamtes Schulleben hindurch bedeutet und was für einen Kompetenzunterschied das macht.

Bill Gates beschäftigt sich mit Ghetto-Schulen.
Um zwei Prozent auf ohnehin hohem Niveau besser als Schüler zu funktionieren und die Anforderungen der Schule zu erfüllen, was macht das für einen Unterschied?

Aber die Industrie rund um eine Innovation entsteht dort, wo die Innovation entwickelt wurde.

Das ist nur bei einer wirklich bahnbrechenden Innovation der Fall. Aber heute gibt es Patente und Lizenzen und die Innovation wird dann dort umgesetzt, wo die jeweilige Industrie schon etabliert ist. Es profitiert aber die gesamte Menschheit. Siehe Mobiltelefonie in Afrika als Extrembeispiel.

Stichwort Gesellschaft, Politik usw.:
Ich würde mir wünschen, dass mehr handfestes, offensichtlich sinnvolle Kulturtechniken gelehrt werden: Erste Hilfe, Kindererziehung, Elektroinstallation für den Haushalt, Ernährung und Kochen, Bankgeschäfte, wie läuft eine Gerichtsverhandlung ab, Rede halten, Argumentation, wissenschaftliche Methode, ….
Da gäbe es hunderte Dinge, da hat jeder was davon und dafür muss niemand begabt sein.

Leider dreht sich die Bildungsdebatte primär darum, wie man die vor hundert Jahren willkürlich ausgesuchten Fächer noch besser eintrichtern kann.

!!! | 14. April 2009 | 22:00
Hollerbusch sagt:

Ich fordere weiters, dass jeder schön, geschickt, sportlich und musikalisch sein soll und jeden Tag einen Regenbogen. Jawoll!

Dich über egalitäre politische Grundsätze lustig zu machen, ist eher peinlich für dich als dass es mich jucken würde. Ohne Normen und Werte wie Solidarität und Gleichheit wären wir alle heute bestenfalls versklavte Kleinbauern in einer despotischen Monarchie. Man muss nicht links oder antiliberal sein, um das anzuerkennen.

Ich halte viel von Mindeststandards, aber es gibt einfach Menschen, die nicht mitkommen können – und denen man auch nichts Gutes tut, sie zu zwingen, aufgepropfte Mindeststandards zu erfüllen. Ja, auch die brauchen ein Rüstzeug fürs Leben. Aber dass schaut sicher nicht so aus, dass sie alles schaffen müssen, was auch die meisten anderen schaffen.
Über das mit Solidarität und Gleichheit könnte man jetzt auch noch diskutieren, weil diese Begriffe so unheimlich vielschichtig und mehrdeutig sind. Aber ein andermal.

!!! | 14. April 2009 | 22:16

Trackbacks

aaron sagt:

Lieber Thomas,

zu deinem Eintrag von wegen der bundesweiten SchülerInnenvertretung (BSV) und ihrer nicht-Aktivität: Die kommen momentan aus der selben konservativen (sprich ÖVP-nahen) Ecke wie die AG und sehen sich auch als gewähltes Service-Center. Ausserdem geb ich Armin recht, ich kenne sie wahrscheinlich auch nur weil ich da letztes Jahr selbst darin gesessen bin und sie nicht direkt gewählt wird (also nciht unbedingt total demokratisch legitimiert ist).

LG Aaron

PS: Es ehrt mich hier verlinkt zu werden ;-)

!!! | 15. April 2009 | 11:00

Trackbacks

Tom Schaffer sagt:

Ehre wem Ehre gebührt. ;)

Muss ein Zufall sein, dass die untätigsten und unwirksamsten “Interessensvertretungen” (tschuldige: “Servicevertretungen”) ausgerechnet aus dem ÖVP-Eck kommen.

15. April 2009 | 16:50

Trackbacks

Michael sagt:

Ich möchte Dich daran erinnern, dass die Interessenvertretung der Lehrer aus dem ÖVP-Eck kommt und die sogar besonders effektiv ist (PDF von CC Seite 26, Personalkosten um 12% zu hoch, Seite 22: Österreich hat zwar eine hohe Klassenschülerzahl, aber die Zahl Schüler pro Lehrer ist hervorragend: mit anderen Worten die Arbeitszeit ist zu kurz).

Grundsätzlich ist es ganz einfach: Die Lehrer müssen bei gleichem Gehalt länger arbeiten: und zwar mehr als 2 Stunden länger. Wir müssen uns nicht nur bei den Klassenschülerzahlen zum OECD-Schnitt hin bewegen, sondern auch bei den Arbeitszeiten/Gehalt der Lehrer. Und das bedeutet Konfrontation und Streik. Es kann und darf nicht sein, dass die Politik andauernd den Schwanz einzieht, wie z.B. letztens schon bei der Gesundheitsreform, nur weil die Ärzte mit Streik drohen, weil sie um ihre lukrativen Pharmaverträge fürchten.

Die Welt bleibt nicht stehen, nur weil die Lehrer ein paar Wochen streiken. Die Politik muss anfangen die Führung übernehmen und sich nicht dauernd von Interessenvertretungen herumschupsen lassen.

!!! | 15. April 2009 | 18:27

Trackbacks

Tom Schaffer sagt:

Wie beliebt die LehrerInnengewerkschaften bei LehrerInnen sind solltest du mal in Schulen fragen. In der Ära-Gehrer gabs da meines Wissens nach Massenaustritte. Die die ich kenne schimpfen über die Gewerkschaft aktuell nicht weniger als über die Bildungsministerin.

Im Übrigen sind die Personalkosten nicht wegen der heutigen Verträge und den LehrerInnen allein zu hoch, sondern weil da noch genug Altlasten drinhängen.

Grundsätzlich ist es ganz einfach: Die Lehrer müssen bei gleichem Gehalt länger arbeiten

Ja, net schlecht. Geben wir jeder Lehrerperson noch 30 weitere Schüler aber nicht mehr Zeit, da wird die Qualität gewaltig steigen.

Die aktuelle Debatte ist wirklich ganz einfach zu bewerten: Alles wurde von der völlig falschen Seite angepackt. Die LehrerInnen müssen wahrscheinlich wirklich länger im Klassenzimmer stehen, aber das kann man nicht einfach verordnen ohne VORHER die vielen Gründe zu beseitigen, warum sie das bisher nicht machen.

15. April 2009 | 18:34

Trackbacks

Hultsch sagt:

@Tom betreffend Mitgliedschaft in der Gewerkschaft: Meines Wissens (ebenfalls Lehrerkind) gibt es zumindest einen Fall in dem einem Lehrer ohne Zustimmung ÖVP-Material zugesendet und untergejubelt wurde.

Solche Praktiken erinnern an den Ostblock: ein staatliches, enges, verstaubtes, altes, von Seilschaften durchzogenes Amt.
Was das Bildungssystem braucht ist eine parteiunabhängig geführte Plattform von Schülern, Eltern, Lehrern, Studenten, Dozenten und Wissenschaftlern, kurz allen Teilnehmern des Bildungssystems! Diese ständigen Abwechslungen und Kurskorrekturen von Ministern tun dem System augenscheinlich nicht gerade gut.

Genauso ist es aber auch um das ständige Blockieren parteipolitischer Interessensvertrettungen bestellt.
Das verkrustete System der Sozialpartnerschaft hat in der Bildung nichts verloren, weil diese mit den Interessen der meisten Beteiligten aber auch gar nichts verbindet, nicht einmal der Name der Gewerkschaft!
Ich kenne jedenfalls nur wenige Lehrer, die sich selbst strikt als Beamte sehen, und diejenigen welche, sind ohnehin meines Erachtens grauenvolle Lehrer und sollten daher auch eine Chance bekommen aus ihrem Lehrberuf austeigen zu können. Übrigens der Hauptgrund vieler Burn-outs: die Ausweglosigkeit des Systems!

Was bringen schon in den Medien inszenierte Schaukämpfe und Schauverhandlungen, in denen dann natürlich ganz bewusst keine der Seiten auch nur einen Milimeter von den Standpunkten abrückt und im Endeffekt auch der noch so kleine aber unwirksame Kompromiss von beiden Seiten hochgelobt wird.

Zuerst wurde das System von der Schülervertretung aufwärts bis hoch zur Ministerin von der ÖVP kalt gestellt. Nun stellt endlich die in der Opposition zwar lauthals schreiende SPÖ schon die zweite Bildungsministerin und setzt einen Schritt hin zum Todesstoß für die Bildungspolitik. Ausserdem ebnet sie dadurch die Bahn für Kanzler Strache.
Denn, die Bildungsverlierer von heute werden von der FPÖ schön weiter benutzt werden. Ich seh den nächsten, lauthals polternden Spruch schon neben einem grinsenden, die Zähne fletschendem Strache stehen: “Wer nix versteht, der geht!”

!!! | 17. April 2009 | 15:33

Trackbacks

Jetzt sag doch was!

Registrierte UserInnen surfen hier ohne Werbung!