Blog
Lesezeit:
2.2
Minuten
Die natürliche Feindschaft zwischen unserer Wirtschaft und Demokratie
Ist er jetzt linksradikal geworden? Spinnt er jetzt ganz? Muss ich seinen RSS-Feed abbestellen, weil sonst bald der Verfassungschutz bei mir vorbei schaut? Vielleicht stellen sich manche unter euch gerade diese Fragen. Aber keine Sorge: Freilich ist meine Überschrift vor allem eine böse Provokation die einen Sachverhalt unheimlich aufplustert. Begreift es als Parodie auf die österreichische Medienlogik. Aber worum geht es jetzt eigentlich? Der Aufhänger ist das Urteil gegen die Betreiber von Pirate Bay.
„Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Windmühlen und die anderen Mauern.“ – Sprichwort
[ad#ad-1]Es geht in meinen Augen gar nicht anders, als den Spruch des schwedischen Gerichtes als höchst politisch zu begreifen. Er ist nicht nur eine einfache Feststellung des geltenden Rechts, sondern richtet sich gegen eine neue Auffassung über die Kulturproduktion und ihren Zugang. In der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts begreifen immer mehr Menschen Kulturprodukte als etwas, für dessen Gebrauch sie nicht mehr im bisherigen Modus zahlen sollten. Darunter leiden freilich die, deren Geschäftsmodell aus früheren Jahrhunderten stammt. Doch anstatt die neuen Möglichkeiten so zu nutzen, dass sie mit der neuen Mentalität zusammenpassen, bekämpfen sie die Veränderung.
Millionen werden für Kopierschutzmechanismen ausgegeben, die von der Schwarmintelligenz der Konsumenten ohnehin sofort aufgebröselt werden. Viel Energie wird investiert, um die technologischen Möglichkeiten von heute zu beschränken – nicht zuletzt wird dafür auch der Datenschutz untergraben. Und schlussendlich werden alle bedroht, die anders denken als der antiquierte Teil der Kulturindustrie. Mit Unsummen an Geld sorgt diese dafür, dass die Politik nicht auf die Idee kommt, die wirtschaftlichen Dogmen des 20. Jahrhunderts in Frage zu stellen. Und am Ende werden nicht nur immer wieder exemplarisch einige wenige, gegen die Mittel und Macht der Industrie wehrlose NutzerInnen verklagt um Angst und Schrecken unter allen anderen zu verbreiten, sondern eben auch Angebote wie Pirate Bay, die sich in einer Grauzone am Rande der Gesetze bewegen.
Technologischer Fortschritt wird beschränkt, gesellschaftliche Erneuerung und mit ihr die ganz normalen DurchschnittsbürgerInnen kriminalisiert und in höchst umstrittenen Urteilen werden Menschen verurteilt, die im Gegensatz zu den behäbigen, visionslosen Alt-Industrievertretern mit den neuen Gegebenheiten erfolgreich wirtschaften können. Wie können solche Zustände im Sinn von Politik und Wirtschaft liegen?
Dahinter steckt vielleicht ein immanent demokratiefeindliches Element unserer Wirtschaft: die Beschränkung der Meinungsfreiheit aus rein finanziellen Gründen. Denn wer der Überzeugung ist, dass Menschen freien oder günstigeren Zugang zu Kulturprodukten haben sollten, muss sich außerhalb der Gesetze bewegen. Angesichts des völlig unzureichenden Angebots der Industrie auf diesen Meinungsumschwung gibt es quasi keine anderen Möglichkeiten um diesen Wunsch auszudrücken. Der kommerzielle Markt versagt dabei, das Angebot bereitzustellen (während der Teil des Marktes der es schafft kriminalisiert wird). Und zusätzlich werden die wesentlichen politischen Kräfte mit aller Macht dazu verführt, die nicht funktionierenden Angebote zu schützen.
[ad#ad-1]Wenn man sich ansieht, wie einfach und günstig viele Dinge heute eigentlich sein könnten (und wie viele der tatsächlichen Angebote einfach illegal sind – oder davon bedroht illegalisiert zu werden), muss man zu der Erkenntnis gelangen, dass finanzielle Interessen regelmäßig die Erneuerung von Gesetzen gegen den Nutzen der Mehrheit verhindern. Dabei muss das Angebot nicht einmal gratis sein, aber der Preis muss stimmen. Es ist völlig offensichtlich, dass die Nachfrage momentan mit dem Angebot nichts anfangen kann.
Ähnliche Prozesse sind beim Patentwesen zu beobachten. Oder auch ganz individuell bei Knebelverträgen. Viele Menschen dürfen ihr Wissen nicht der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen, weil es direkt oder indirekt ihrem Unternehmen schaden könnte. Auch den Menschen Informationen vorzuenthalten ist im Wesen undemokratisch.
Hinter diesen Problemem stecken natürlich eine uns bekannte und spannende Frage: Wie kann man sicherstellen, dass beispielsweise das Betreiben von Forschung, Information und Kultur ein gutes Leben ermöglichen? (Was man sich auch jetzt fragen muss: Die meisten Musiker, Autoren, Journalisten, Künstler und jeweiligen -innen kennen diesen Zustand ja heute nicht.) Ich habe das für einen Spezialbereich bereits einmal beantwortet.
Hat dir der Eintrag gefallen? Hilf ihn zu verbreiten!Meine vielleicht etwas unkonventionelle These: Je einfacher ich selbst Menschen im Internet den Zugang zu meinen Publikationen mache, desto eher kann ich selbst etwas damit verdienen.
Tweet





3 Reaktionen bisher
Es ist nicht einmal eine Feststellung geltenden Rechts. Der Richter hat während der Verhandlung alleine das Benutzen von Torrentsoftware als illegal bezeichnet. Das ist auch nach schwedischer Rechtslage faktisch falsch und offenbart, dass er keine Ahnung von der verhandelten Materie hatte. Das Urteil ist imho nicht nur durch politischen Antrieb, sondern zu einem wesentlichen Teil schlicht durch Unverständnis/Inkompetenz zustande gekommen, weshalb ich für die Revision gute Chancen sehe, wenn der Richter nicht erneut aus der Steinzeit kommt.
Like!
0
!!! | 18. April 2009 | 18:01
Ich muss zugeben, dass ich mich damit nicht nähere beschäftigt habe, aber wenn Georg das getan hat, dann sieht dass nach einem typischen erste Instanz Urteil aus. Da sitzen so oft irgendwelche Leute im Richterstuhl (ich kenn einen Seniorstudenten von der Uni der Richter ist. Und leider dümmer als ein Sack Reis.).
Like!
0
!!! | 18. April 2009 | 20:51
Ich bin davon überzeugt daß letztlich alle die sich den neuen Gegebenheiten im 21 Jahrhundert nicht anpassen können oder wollen, aussortiert werden. Allerdings glaube ich, man sollte auch niemandem verteufeln, weil er mit der rasanten Entwicklung der letzten Jahre nicht mithalten kann. Auch wenn so manche Großmutter mittlerweile Google kennen, heißt das noch lange nicht, daß alle mit dem sogenannten WEB2.0 klar kommen. Das fängt schon damit an, daß es dafür eine vollkommen neues Vokabular braucht, das ist wie eine neue Sprache die man auch erst lernen muß.
Außerdem bauen die wenigsten Windmühlen (wird auch schlecht subventioniert) da Mauern einfach und schneller zu bauen sind. Aber…
Zu deiner Überschrift, die Natürliche Feindschaft zwischen Wirtschaft und Demokratie, liegt in der Natur der Dinge, Wirtschaft ist das komplette Gegenteil zur Demokratie. Welches Produkt gebaut wird, wird am ehesten noch demokratisch entschieden, das wie entscheidet einer, der sagt an wo’s lang geht. Was die Wirtschaft ja auch immer wieder bei der Demokratie probiert, ihr zu suggerieren wo’s lang gehen soll.
Aber Gott sei Dank gibt es die von dir erwähnte Schwarmintelligenz, die sich zwar einiges gefallen läßt, aber wenn ein gewissen Punkt überschritten wird, schlägt sie zurück (nicht nur im umgehen von Kopierschutzmechanismen).
Like!
0
!!! | 19. April 2009 | 13:27
Jetzt sag doch was!