Blog

Lesezeit:

1

Minuten

Der unechte Susan Boyle-Mythos

Das Video mit der unattraktiven Frau die plötzlich in einer dieser ekligen Casting-Shows alle mit ihrer Wahnsinnsstimme überrascht kennt ihr mittlerweile vermutlich alle. Falls nein. Hier. Das Schöne daran ist dieser eine Augenblick der Überraschung, wenn es einigen (allen voran der Jury) einzuschießen scheint, dass sie oberflächlich sind. Den AugenverdreherInnen und In-sich-hinein-Kichernden: “Hoho! Die Dicke will berühmt werden. Ja weiß sie denn nicht wo wir leben?“. Aber diese Leute wechseln schnell in die Rolle der moralisch Überlegenen (“Ich habs kapiert, die anderen nicht”), stehen auf und jubeln und der momentante Hype ist falsch, unecht.

[ad#ad-1]Ohne dass sich etwas an der Oberflächlichkeit der Gesellschaft geändert hätte, wird das Boyle-Video herumgereicht und die gute Susan gefeiert. Aber sie wird nicht gemocht, weil sie gut singen kann. Sie wird gemocht, weil sie gut singen kann, obwohl sie allgemein als hässlich gilt (wäre sie nicht im Fernsehen). Das ist vergleichbar mit den Talkshows, in denen die Bösen öffentlich ausgepfiffen werden, die sonst in der Gesellschaft achselzuckend als Durchschnitt akzeptiert werden – das Böse ist in dem Fall halt nicht die homophobe Macho-Tussi von nebenan, sondern das Publikum allgemein. Aber nur die wenigsten Problemfälle werden sich eingestehen, dass sie ein Teil dessen sind. Der ganze Aufruhr lohnt sich, wenn nur ein paar Menschen beim nächsten Mal etwas umfassender denken. Die große Revolution des Schönheitsideal ist aber nicht ausgebrochen. Die Oberflächlichkeit regiert weiter.

| 26. May 2009

12 Reaktionen bisher

    Georg sagt:

    Da gehts auch nicht primär um ein Schöhnheitsideal. Die Oberflächlichkeit besteht darin, dass die Leute – wie du ja geschrieben hast – vom unattraktiven Äußeren auf ihr gesangliches Können geschlossen haben. Aber nicht nur das: Ihr Auftritt inkl. Krächzestimme bevor sie singt schreibt ihr ja quasi “LOSER” über die Stirn und es folgt wiederum der Querschluss auf das, weswegen sie in diese “eklige Casting-Show” (ja, ich bin sonst auch kein großer Freund davon) gekommen ist: Ihren Gesang.

    Sie widerlegt damit mehrere oberflächliche, “klischeehafte” Erwartungen, und wenn das Video auch nur ein paar Leute dazu gebracht hat, in ähnlichen Situationen ihr Urteil nicht zu vorschnell zu fällen, dann hat es mMn schon viel erreicht.

    Obwohl das Video um die Welt geht wird es freileich kein globales Umdenken auslösen und einen Wandel in sozialere, empathischere Gesellschaften herbeiführen. Aber für sich gesehen wars immerhin ein ganz kleiner Schritt.

    Like! Thumb up 0

    !!! | 26. May 2009 | 10:25
    Michael sagt:

    In der Popmusik (aber nicht nur da) kommt es ja nicht nur drauf an, wie gut jemand singen kann, sondern es wird jeweils ein “Gesamtpaket” verkauft. Ob das ein Schönling ist, den alle Mädchen heiraten wollen, die Frau mit dem entsprechenden Aussehen, die als Wix-Vorlage Verwendung findet oder der Star mit dem sozialen Gewissen, der niedliche Rehlein in Afrika rettet ist letztlich egal.

    Und Boyle funktioniert nicht deswegen, weil die Menschen ihre Vorurteile überwinden und nur ihren Gesang hören, sondern weil sich viele mit ihr identifizieren können: Nachdem die Gesellschaft Boyle 40 Jahre lang bösartiger weise ignoriert hat und ihr Talent nicht zu schätzen wusste wird die wahre Ordnung doch noch hergestellt und Boyle erhält endlich das, was sie immer schon verdient hat: Verehrung, Bewunderung, Berühmtheit usw.

    Like! Thumb up 0

    !!! | 26. May 2009 | 11:23
    Tom Schaffer sagt:

    Auf Boyle bezogen ist der Hype natürlich berechtigt. Es sei ihr vergönnt, dass sie die Ausnahme ist die dem Schicksal entflieht, das sie mit unzähligen anderen teilt – nämlich wegen der allgemeinen Oberflächlichkeit nicht das Potential ausschöpfen zu können.

    Manchmal halte ich es einfach für wichtig zu sagen was ein Phänomen halt nicht ist. Und ich denke sie ist eben für viele nicht primär eine Identifikationsfigur, sondern ein Feigenblatt mit dem sie beweisen wollen, dass sie ja eh gar nicht oberflächlich sind.

    Like! Thumb up 0

    26. May 2009 | 11:44
    dieter sagt:

    Erstens war das ganze sicher inszeniert. Die wissen doch schon beim ersten Vorsingen, wie es um das Talent bestellt ist und wie man ungewöhnliche Leute zwecks daramturgischem Effekt verwenden kann. Man lässt halt ein paar untalentierte vor zum Auslachen und ein paar Leute, die das Publikum überraschen sollen. Das ist alles abkekartert, inklusive dem Interview.

    Zweitens sehe ich nicht, wie das von euch geforderte Schönheitideal gemäß eurer eigenen Kritik ethischer sein soll. Denn eine schöne Stimme ist auch nur angeboren (und hängt unter anderem von der Gesichtssymetrie ab, die wiederum ein äußeres Schönheitsideal ist).

    Die Kritik an Schönheitsidealen ist häufig selbst egoistisch, da sie üblicherweise darauf hinaus läuft, dass die jeweiligen Kritiker attraktiver sein wollen.

    Öffentliches Singen ist auch Schauspiel und dazu gehört ein glaubwürdiges äußeres. In diesem Fall war das sogar stimmig, weil der ausgewählte Text zu ihr und ihrer kolportierten Lebensgeschichte passt.

    Like! Thumb up 0

    !!! | 26. May 2009 | 13:06
    Tom Schaffer sagt:

    Ein Schönheitsideal ist prinzipiell keine Schande, Oberflächlichkeit aber schon.

    PS: Ich hab übrigens auch immer vermutet, dass das alles inszeniert ist.

    Like! Thumb up 0

    26. May 2009 | 13:12
    marlies sagt:

    Konnte mich auch nicht dem Eindruck verwehren, dass es sich um eine Inszenierung handelt;

    jep, neues Gutmenschentum ausgerufen. Je größer die Distanz zu anderen wird, umso besser kann (darf) man sich fühlen.

    Anscheinend sind Goldkehlchen mit optischen “Makel” in diesem Biz nicht mehr vorstellbar.

    Beobachte eher den Hype um Susan Boyle und hab mich gewundert, warum die Leute so entzückt sind von ihrer Stimme. Den Punkt fand ich viel wichtiger, dass die Stimme gar nicht so “amazing” ist.

    Ein Weg, um mit der 230ten Castingshow wieder in die Schlagzeilen zu kommen.

    Like! Thumb up 0

    !!! | 26. May 2009 | 17:01
    Laura sagt:

    noch ein andrer intelligenter artikel über das boyle-phänomen:

    http://www.anglofille.com/2009/04/16/susan-boyle/#more-3695

    Like! Thumb up 0

    !!! | 27. May 2009 | 00:37
    Georg sagt:

    Der Anglofille Artikel spannt einen guten Bogen. Der Auftritt Boyles (mag er nun inszeniert sein oder nicht) hat mehr Sachen ausgelöst:

    – den angesprochenen Kuriositätseffekt (“Boah, die is schirch aber kann singen!?”). Das trifft für mich nicht zu, ich hätte diese Performance – siehe nächster Punkt – nicht unbedingt erwartet aber ich bin auch nicht völlig vom Gegenteil ausgegangen.

    – man wird sich der eigenen Oberflächlichkeit bewusst, weil man zuerst einmal “automatisch” ein bisschen reagiert wie das Publikum. Ich hab ehrlich auch keine Glanzperformance erwartet. Mehr wegen ihrer “Krächzestimme” beim Sprechen, ein wenig aber auch wohl aufgrund ihres Aussehens.

    – man wird sich der kollektiven Oberflächlichkeit bewusst, die sich vom Publikum als “Stimmungsstatist” bis hin zu den Juroren zieht

    – und folglich beginnt man auch wieder darüber nachzudenken, wo und warum welche “Standards” angelegt werden, wieso etwa auch im Musik-Biz ein Maßstab Einzug gehalten hat, der mit gesanglichem Können nichts zu tun hat. So entsteht auch wieder kritisches Hinterfragen.

    Wie weit dieser Denkprozess bei den einzelnen Zusehern vorangeschritten ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Mich hat Susan Boyles Auftritt durchaus wachgerüttelt und dazu beigetragen mich in manchen Situationen wieder etwas mehr zu hinterfragen. Durchaus möglich, dass es für viele beim Kuriosum wider des Idealbilds der singenden Schöhnheit geblieben ist.

    Doch wie ich bereits gesagt hab: Selbst wenn nur ein Bruchteil da drüber hinausgekommen ist, hat das schon viel bewirkt. Und wenns eine durchgeplante Inszenierung war, hatte sie einen positiven Nebeneffekt.

    Like! Thumb up 0

    !!! | 27. May 2009 | 02:00
    tobi sagt:

    Wieso wird um Boyle so ein Aufwand gemacht. Das gleiche geschah doch schon bei Paul Potts. Die gleichen Beweggründe, die gleiche Heuchlerei.

    Like! Thumb up 0

    !!! | 27. May 2009 | 15:52
    Tom Schaffer sagt:

    oi, irgendwoher kannte ich den namen, aber die performance nicht. ja ist lustig – exakt die gleiche sache ^^

    Like! Thumb up 0

    27. May 2009 | 17:16
    Michael sagt:

    Ein bisschen Klatsch zu Susan Boyle (SuBo) bei The Sun (nicht den Cartoon ganz unten auf der Seite übersehen).

    Like! Thumb up 0

    !!! | 28. May 2009 | 06:12
    Robert Lender sagt:
    !!! | 30. May 2009 | 21:01

    Jetzt sag doch was!

    Registrierte UserInnen surfen hier ohne Werbung!