Mittlerweile dürfte die Nachricht selbst im hinterletzten Kuhdorf bekannt sein: China hortet Währungsreserven – vor allem in US-Dollar. Oft wird kolportiert, dass China dadurch starken Druck auf die Vereinigten Staaten ausüben kann.

Da die LeserInnen von zurPolitik.com durchwegs kluge Köpfe sind nun eine naive Frage von uns an euch: Sind die USA aufgrund der Währungsreserven von der Volksrepublik China abhängig? Oder ist das Abhängigkeitsverhältnis gar umgekehrt?

Eure Meinung ist gefragt!

  • Frobin Jojo

    Nicht nur durch die Währung, sondern generell durch die Vernetzungen des Welthandels sind China und die USA in immer höherem Ausmaß gegenseitig voneinader abhängig – auf wirtschatlicher Ebene!

    China hat schon lange erkannt, dass die Integration in die Weltwirtschaft dem Land (große) Vorteile bringt. Die Integration Chinas ist auch schon weit fortgeschritten und wird noch weiter gehen … genauso wie die USA nutzt auch China die Vorteile und Regeln des freien Welthandels, wenn sie dem Land nützen (sehr oft) … und beide Länder setzen sich einfach über diese Regeln hinweg (solange es geht oder tragen die Konsequenzen, weil sie es sich leisten können), wenn es Nachteile für die eigene Wirtschaft gibt.

    Nur wozu die Frage nach wirtschaftlichen Abhängigkeiten stellen? In einer Zeit, wo selbst das kleinste Dorf in Afrika in irgendeiner Form von den Entwicklungen auf globalen Märkten abhängig ist.

    Natürlich sind die beiden Länder auf wirtschaflicher Ebene voneinander (und von anderen Faktoren/ Akteuren der globalen Wirtschaft) abhängig -> aber das hindert werder China noch die USA daran auf außenpolitischer Ebene gegeneinander zu intrigieren – insbesonder China macht alles, um dem politischen Einfluss der USA zu schmälern und die Einflusssphären der US-Politik zu begrenzen. Nicht unerfolgreich. In Babysteps, aber kontinuierlich.

    Die wirtschafltiche Abhängigkeit kommt nur dann zur Geltung, wenn es zu einem direkten Krieg der beiden Länder kommen sollte … und das wird in absehbarer Zeit nicht passieren. Und wenn, dann nur in der Taiwan-Frage, wenn China sich stark genug fühlt. Was noch sehr lange dauern wird.

    Und selbt dann würde sich die Frage „Wer ist abhängiger von wem?“ nur dann stellen, wenn der Krieg lange dauert. Dann würde es aber auch weniger um Abhängigkeit voneinander gehen, sondern darum, wer wirtschaflich besser „diversifiziert“ ist … bzw. wer es besser schafft, neben der „Kriegswirtschaft“ auch die das sonstige Business am laufen zu halten. Wohl eher die USA … aber das ist reine Spekulation.

    Und im übrigen häuft China auch Euro-Reserven an. Also die monokausale Reduktion auf „Währungsreserven – wirtschaftliche Abhängigkeit“ ist meiner Meinung nach nicht zielführend.

  • dieter

    Es ist eine gegenseitige Abhängigkeit. Japan besitzt übrigens etwa genau so viele Dollar wie China.

    Beide Länder wollen einen starken Dollar im Vergleich zu den eigenen Währungen, damit sie in die USA und in den Dollarraum exportieren können. Das ist das asiatische Wachstumsmodell. So wird Know-How angezogen und eine eigene Industrie aufgebaut. So haben es Japan, Taiwan und Südkorea in dieser Abfolge gemacht und China kopierte einfach das Modell.

    Das Beispiel von Japan&Co scheint aber zu zeigen, dass man von dieser Politik abhängig wird und nicht mehr so leicht aussteigen kann.

    Wenn China verkaufen würde, dann würde halt der Dollar und damit die amerikanische Kaufkraft fallen, aber gleichzeitig die chinesische Wirtschaft in eine Rezession schlittern, aus der sie nur mit Ankurbelung des eigenen Konsums wieder heraus kommen könnte.

    Paul Krugman und andere prophezeien ja schon seit über zehn Jahren, dass der Dollar irgendwann fallen muss. Aber die sturen Asiaten hören nicht auf das Zeug zu horten.

    Wenn man den Chinesen tatsächlich boshafte merkantilistische Genialität unterstellen würde, dann könnte man unterstellen, dass sie solange warten, bis alle Produktionsmittel irreversibel aus den USA abgezogen wurden, um dann schlagartig auf Binnenkonsum umzustellen und gleichzeitig die USA in die Verarmung zu schicken. Manche Verschwörungstheoretiker behaupten das. Aber die Welt ist halt nicht Sim City, also glaube ich nicht, dass so ein Plan in der Realität funktionieren wird.

  • dieter

    >Nur wozu die Frage nach wirtschaftlichen Abhängigkeiten stellen? In einer >Zeit, wo selbst das kleinste Dorf in Afrika in irgendeiner Form von den >Entwicklungen auf globalen Märkten abhängig ist.
    Die meisten kleinen Dörfer in Afrika betreiben Subsistenzwirtschaft. Die sind primär vom Regenfall abhängig.

    >Die wirtschafltiche Abhängigkeit kommt nur dann zur Geltung, wenn es zu >einem direkten Krieg der beiden Länder kommen sollte
    Zu so einem Krieg wird es niemals kommen. Beide Länder haben Atomwaffen und auch sonst so viel Militär und Waffen, dass das ein suizidales Projekt wäre.
    Niemand hat Interesse an so einem Krieg. Die Welt ist kein Brettspiel, bei der eine Macht am Ende einen totalen Sieg über alle anderen einfahren muss.

  • Frobin Jojo

    @Dieter:

    1.) Wenn du tatsächlich glaubst, dass es primär Regenfall ist, wovon afrikanische Dörfer und afrikanische Menschen abhängig sind, um besser oder zumindest halbwegs über die Runden zu kommen … dann solltest du dringend mal dein veraltetes Wissen auffrischen. Substistenzwirtschaft … funny … gibt’s auch, ja … aber gerade in Afrika merken viele Menschen, dass es sich sehr negativ auf ihr Leben auswirkt, wenn die Chinesen ihre Investitionen abziehen und die Fabriken schließen.

    2.) Ich sagte ja, dass ein Krieg zwischen USA und China in absehbarer Zeit unwahrscheinlich ist. Zu behaupten, dass ein Krieg zweier Atommächte niemals passieren kann (und zwar mit der Begründung, dass es eben Atommächte sind und das dem Prinzip der Abschreckung widerspricht) … nunja, auch das zeugt leider von wenig Verständnis für internationale Politik … denn gerade weil es stimmt, dass die Zeit der totalen Kriege vorbei ist, ist es durchaus möglich, dass auch Atommächte einen regional begrenzten Krieg ausfechten … und dabei begrenzte Mittel einsetzen, aber eben nicht ihre Atomwaffenarsenale …

    … atomare Abschreckung basiert dem Potenzial der gegenseitigen Vernichtung unabhängig davon, wer den Erstschlag ausführt … kein Gewinner … sie funktioniert nicht, wenn von vornherein klar ist, dass keine Seite so weit gehen würde, den anderen zu vernichten (weil es um begrenzte/regionale Interessen geht) … dann kann man das konventionell austragen …

    … Taiwan ist hier ein eher schlechtes Beispiel, weil es durchaus eine 2. Kuba-Krise werden könnte, sollte irgendwann … wie gesagt reine Spekulation … Science-Fiction, wenn man so will.

  • sohalt

    USA und China sind in einer Art symbiotischen Beziehung. Diese gegenseitige Wirtschaftliche Abhängigkeit wird auch manchmal Chimerica genannt.

    China könnte zwar theoretisch den Dollar ruinieren, in dem es die Dollarreserven verkauft. Das Problem dabei ist aber, dass sich die Amerikaner dann die Produkte, die die Chinesen produziert nicht mehr leisten können. D.h. die Amerikaner werden Wohlstand verlieren, die Chinesen ihre Arbeitsplätze.

    Fest steht also, dass es für beide Staaten ein Problem sein wird, wenn diese Beziehung zu Ende geht (und das wird sie irgendwann). Die Frage ist nur, für wen das schlimmer sein wird. Die USA sind eine freie Gesellschaft mit einer sehr effizienten und innovativen Wirtschaftssystem. In China hingegen gibt es keine Freiheit, es gibt Probleme mit Bürokratie und Korruption und es gibt relativ große soziale Spannungen. Man kann sich also überlegen, dass China den etwas größeren Schwarzen Peter hat.

    Das Problem, das China hat ist aber zweischneidig. Es ist nämlich in erster Linie ein Problem der politischen Führung. Dieses grobe Handelsungleichgewicht bedeutet ja für den Otto-Normal-Chinesen nichts weiter, als dass er tagein, tagaus schuftet und die Amerikaner dann die Früchte dieser Arbeit genießen können. Wenn die politische Führung damit aufhören würde die eigene Währung zu schwächen, dann würden die Chinesen mehr für den nationalen Markt produzieren und diese Produkte würden dann den Chinesen zugute kommen.

  • Frobin Jojo

    @sohalt:
    Da stimme ich vollkommen zu. Auf wirtschaftlicher Ebene ist das sicher so (aber eben nicht nur aufgrund der Währungsreserven, sondern auch wegen zahlreicher anderer ökonomischer Faktoren).

    China bzw. das chinesische Regime fährt eine außerordentlich langfristige Strategie … und in absehbarer Zukunft muss das Wachstum einfach passen, damit die Wanderarbeiter auch Arbeitsplätze finden und Geld/ Devisen ins Land kommen … die werden eben zurzeit auch genutzt, um wissenschaftlich, militärisch, außenpolitisch aufzuholen … erst wenn das Regime der Meinung ist, sich auch mehr auf den Binnenmarkt zu konzentrieren wird sich das ändern … wann das sein wird … who knows?

  • Klare Worte heute von Paul Krugman dazu:

    „Right now, China’s dollar holdings don’t give it any leverage over the United States. On the contrary, by dumping dollars China would be doing us a favor.“

    http://krugman.blogs.nytimes.com/2010/03/14/israel-china-america/

  • Und heute nochmal ganz plakativ:

    „As Dean nicely puts it, “China has an unloaded water pistol pointed at our heads.” Actually, it’s even better: China can, if it chooses, throw some cold water on us — but it’s a hot day, and we would actually enjoy it.“

    Und das Ganze sichtlich etwas genervter:

    „Why don’t people get this? Part of the answer is that it’s really hard for non-economists — and many economists, too! — to wrap their minds around the Alice-through-the-looking-glass nature of economics when you’re in a liquidity trap. Even if they’ve heard of the paradox of thrift, they don’t get the extent to which we’re living in a world where more savings — including savings supplied to your economy from outside — are a bad thing.“

    Grandios!

    http://krugman.blogs.nytimes.com/2010/03/15/chinas-water-pistol/