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Bitte krempelt die TV-Talks um!

Gerade habe ich in der ORF TV Thek das Sommergespräch von Ingrid Thurnher mit Eva Glawischnig und Claus Raidl nachgesehen. Ich muss (im Jahr 1 nach der Vorjahreskatastrophe) feststellen: Das Format ist immer noch ein Witz und gehört in dieser Form abgeschafft. Ebenso wie die gesamte TV Talk-Kultur. Sie ist mittlerweile Journalismus in einer demokratieschädigenden Form.

Wer hatte denn diese Idee? Eine Journalistin mit zwei Personen in 45 Minuten über ein Dutzend Themen sprechen zu lassen und dazwischen noch Publikumsfragen einzustreuen? Und dachte diese Person dabei, das journalistische Ziel erreichen zu können, dem TV-Publikum Ideen besser verständlich zu machen? Wenn das der Plan war, ist er gründlich misslungen. Heraus kam ein Gebrabbel, das sich auf Sager und Signalworte zuspitzt. Daraus kann sich kein Zuseher ein Bild über irgendetwas machen.

Diese Art von Talk verbricht nicht nur der ORF, sondern jede Fernsehstation. “Ich muss schnell machen, denn wir haben noch so viel zu besprechen und so wenig Zeit”, ist das Standardrepertoire jeder Moderation – ob das nun der Puls Talk of Town, ATV Am Punkt, die Sommergespräche oder die Wahlkonfrontationen sind. Als Gesprächspartner hast du drei Sätze, dann wirst du unterbrochen. Und dann musst du betteln: “Darf ich noch einen Satz sagen?” – “Ja einen Satz, aber bitte schnell. Wir haben noch zwei Minuten und müssen noch die Existenz Gottes beweisen – und herausfinden, wie Sie die Weltwirtschaftskrise besiegen.”

Verkürzte Verkürzungen

Dieses System zwingt selbst intelligente PolitikerInnen (die Existenz wird an dieser Stelle unterstellt) dazu, ihre Inhalte in emotionalisierte Phrasen zu verpacken. Wie man das Steuersystem gerechter macht in 20 Worten? Wie ich die Energieversorung revolutioniere in unter einer Minute? Wie wir unsere Bildung finanzieren in einer vom Gesprächsgegner unterbrochenen Kurzantwort?

Natürlich müssen JournalistInnen die PolitikerInnen irgendwann in ihrem Redeschwall stoppen. Aber wenn man ihnen schon vom Konzept her überhaupt keine Zeit gibt, ihre Pläne zu erklären, dann zwingt man sie förmlich dazu, sich jede Sekunde Sendezeit mit ausgedehnten Sätzen, vorgefertigten Messages und “catchy” Sagern zu erraufen – mögen sie auch so gar nicht passen. Wenn man schon keine Inhalte anbringen kann, dann doch wenigstens Signale für meine Klientel.

Raidl erkannte das Problem glaube ich, und er warf es im Sommergespräch der Politik vor: “In der Politik genügt es, eine Idee hinauszublasen und die Schlagzeile zu bekommen”. Und manches von den Problemen liegt natürlich schon am Naturell des genau gebrieften Politprofis. Doch die stete Verkürzung beschleunigt eine Abwärtsspirale der Gesprächskultur, in der überhaupt keine brauchbare Information mehr vermittelt wird. Auch Raidl, ein gescheiter Mann mit der nervigen Tendenz zum polternden Allesbesserwissen, kam an einem der vielen Punkte an denen es interessant zu werden drohte nicht auf die Idee zu sagen: “Ach vergessen wir doch den Rest, über DAS sollten wir einfach die restliche Sendezeit sprechen”.

Wenn JournalistInnen die schon vereinfachten Wertlosigkeiten dann auch noch in einen Satz verkürzen wollen (Thurnher zu Glawischnig: “Sie sind also links von der SPÖ.”), weil sich auch der ORF von seinem Sommergespräch Schlagzeilen in den Zeitungen erhofft, wird das Elend auf den Punkt gebracht. Nicht Sach- oder wenigstens Hausverstand bei Lösungen werden vermittelt, sondern Kurzmeldungen erdacht und einfache, bekannte Erklärungsmuster befriedigt.

Auch deshalb wirkt unsere Politik völlig visionslos. In einer Fernsehsendung (und damit immer noch dem einflussreichsten Medium) zu erklären, wie ein neues Konzept (z.B. ein Grundeinkommen) unsere Welt ändern wird? Das geht einfach nicht.

Alle verlieren

Wenn niemand mehr erklären darf (und muss), was er eigentlich denkt, verlieren fast alle: Informationen zur Willensbildung und der Wettkampf der besseren Ideen sind die Existenzgrundlage von demokratischer Politik – es gibt sie nicht. Die Information verständlich zu machen und zu hinterfragen ist die Existenzgrundlage von Medien – das bieten sie nicht. Die interessierten ZuseherInnen werden vor den Kopf gestoßen, weil ihr Interesse an aufschlussreichen Gesprächen nicht befriedigt wird. Und die uninteressierten ZuseherInnen können sicher sein, dass sie das Wesentliche aus einer ganzen Sendung am Besten morgen einfach auf einem Flyer lesen, und schauen stattdessen irgendein intelligenzhemmendes Blödformat.

Die einzigen Profiteure dieses Nicht-Talks sind jene, die tatsächlich nicht mehr drauf haben, als mit Sprüchen und Signalwörtern um sich zu werfen. Für das Publikum ist nicht zu sehen, wer zur Phrase gewzungen wird und wer gar nicht mehr drauf hat. Oh wie würde es manche schleudern, müssten sie erklären, was “Asylmissbrauch” bedeuten soll! Was ist denn diese “Heimat” eigentlich, die sie zu schützen behaupten? Ob hinter jedem “Wir dürfen die Bildung nicht vernachlässigen” eine durchdachte Idee steckt? Und haben das Konzept “Gleichberechtigung” eigentlich alle verstanden, die es so eifrig beschwören?

Wenn die SendungsmacherInnen nicht anfangen, ihre eigentliche Aufgabe zurück in den Blick zu nehmen, werden wir all das und noch viel mehr aus dem Fernsehen nicht erfahren.

Fotocredit: Screenshots von tvthek.orf.at

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| 17. August 2010

10 Reaktionen bisher

    Armin Soyka sagt:

    Wenn ich das richtig weiß ist der ORF verpflichtet sich Gedanken über ein Programm zu machen (also Sitzungen usw) wenn eine gewisse Anzahl an Menschen sich über eine Sendung aufregen. Ich glaube sieben oder so? Weiß jemand mehr dazu? Vielleicht wäre das ja eine Möglichkeit?

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    !!! | 17. August 2010 | 17:36
    dieter sagt:

    Warum wirfst du alle TV-Talks in einen Topf?

    Talk of Town gefällt mir sehr gut. Die letzte Änderung gefällt mir nicht (SMS-Abstimmung, Diskussionsteilnehmer sitzen anstatt zu stehen), aber ansonsten wird jeweils nur ein – häufig tagesaktuelles – Thema diskutiert. (tw. repetitiv im Sommerloch) Und dazu werden auch Leute außerhalb der Sozialpartnerschaft eingeladen und die Moderatoren machen einen guten Job.

    ATV Am Punkt ist auch passabel, abgesehen von dem unnötigen “Experten-Urteil” aus dem Off.

    Schlecht ist primär “im Zentrum” und noch übler eben die unsäglichen Sommergespräche. Die Moderatoren sind parteiisch großkoalitionär und scheinen an der Kultuvierung einer inhaltlichen und sachlichen Debatte nicht interessiert zu sein. Und es werden immer die gleichen Leute eingeladen.

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    !!! | 17. August 2010 | 20:55
    Tom Schaffer sagt:

    Weil die in Sachen Zeitdruck alle unter demselben Problem leiden. Wenn das viele Themen in 45 Minuten sind verschlimmert das zwar alles, aber auch wenn ich nur ein Thema habe und dort nicht mehr als drei Sätze sagen kann ohne dass jemand auf die Uhr deutet, ist das wertlos.

    Ich hab bei all diesen Formaten ständig das Gefühl, dass da überhaupt nichts mehr erklärt werden kann, auch wenn es das dringend müsste.

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    18. August 2010 | 00:03
    Philipp Muhr sagt:

    Muss dir leider in allem Recht geben… ich stelle mir ja schon seit Langem vor, wie die ORF-Journalisten diese ihre Methode an Kapazunder wie Helmut Schmidt versuchen, der rauchend, langsam und ausholend sprechend, laaange Sprechpausen, ausführliche Antworten gibt, fallweise sogar einfach nur mit Ja oder Nein antwortet ohne Erklärungen…
    Ich gebe dem Gespräch 10 Minuten, dann steht Helmut Schmidt einfach auf und tut sich das nicht mehr an…

    Auch eine Maischberger und eine Anne Will (deutsches TV) möchten zu den nächsten Fragen kommen, aber nicht um jeden Preis ihre Fragenliste abarbeiten, um ihr journalistisches Ego zu befriedigen! Entsprechend angenehmer und entspannter zum Anschauen sind deren Sendungen (vulgo Gesprächs- und Diskussionskultur)

    Das Hauptproblem des ORF ist, dass er sich nicht die Freiheit nimmt, zu überziehen, obwohl er es sich leisten könnte aufgrund des öffentlichen Auftrags (der impliziert, dass man Politikern die Möglichkeit gibt, Politik zu machen anstatt populistische Phrasen runterzubeten), aber da dürfte der nachfolgende minutenlange Werbeblock wichtiger sein…

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    !!! | 18. August 2010 | 00:26
    weltbeobachterin sagt:

    recht hast du!
    neben die Standard-Sprechblasen gewisser Politiker ist genau dieses Gehetze wegen der Zeit, weshalb ich mir die Sommergespräche heuer erspare. Gerade bei der Frau Thurnher fällt mir das extrem auf, weil sie das doch pro Sendung mindestens 10 mal unterbringt. Ich denke grad bei Polittalks ist weniger mehr. Nicht nur von den Fragen her – ja ich will auch nähere Ausführungen haben und man kann ja dann sicher schön nachhaken. Aber auch von den “Features” her wäre es optimal gewesen. Wieso nicht Themenvorgabe vom ORF (Bereich Wirtschaft) und dann PArteichef und Wirtschaftskapitän gegeneinander diskutieren lassen. Glawischnig vs. Raidl wär in dem Punkt sicherlich ein spannender Krimi gewesen. Der ORF gibt die Themenpunkte vor – das wär so etwa wie das TV-Duell Kreisky vs. Taus. http://www.youtube.com/watch?v=-xJxbGh0Uxc (natürlich erfordert es Aufwand geeignete Widerparts zu finden, die eloquent sind)
    jetzt ganz radikal. Wie wärs die Sommergespräche einfach durch kritische Reportagen zu ersetzen. kurzgesagt: Hintergrundwissen statt Teflongeschwätz! Statt den Sommergesprächen mit den Parteichefs, eine Reportage was die Partei in den vergangenen Jahr machte und um Veränderungen und Widersprüche offenzulegen. (wo man Freund und Feind zu Wort kommen lässt). Wobei da sicher das Problem des Intervenierens bleibt…

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    !!! | 19. August 2010 | 14:05
    Johannes sagt:

    Am großartigsten find ich ja den wieder-eingeführten “Open-End Club 2″

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    !!! | 6. September 2010 | 03:13
    Tom Schaffer sagt:

    Du meinst den, der nach 1,5 Stunden immer völlig spontan und überraschend beendet wird? ;)

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    6. September 2010 | 11:27
    Ron-Weasley sagt:

    Bin alles andere als ein Sympathisant der Grünen, obwohl ich bürgerlich bin aber schon ehere rechtsliberal.
    Allerdings haben Sie mit der Kritik der ORF sowie ATV und Puls4
    Sende-Formate bei Polit-Diskussionen ins schwarze getroffen.
    Was man derzeit aufführt ist gelinde gesagt Quarks!

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    !!! | 20. August 2011 | 01:45

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