Das Bürgerforum war ein Schritt in die richtige Richtung

Vergangenes Jahr kritisierte ich das Format der gängigen TV Talks, nachdem gerade die “Sommergespräche” im ORF erneut am Anspruch scheiterten, brauchbare Debatten zu produzieren. Am Dienstag brachte derselbe Sender ein neues “Bürgerforum” und machte damit nicht alles anders und gut, aber einen Schritt nach vorne.

Ich war im Vorfeld skeptisch. Der Teaser und Titel (“Die Türken – ewige Außenseiter?”) der Sendung waren sehr provokant und ließen wenig Sensibilität in der Redaktion vermuten. Zum kontroversen Thema war wenig von den meisten teilnehmenden PolitikerInnenn zu erwarten und auch das Durchschnittspublikum hält man bei einem so komplexen Sachgegenstand eher für einen Risikofaktor.

Enttäuschung erwarten

Die Politiker erfüllten die Erwartungen dann auch brav. Strache war noch im Wien-Wahlkampf; Cap schwenkte seine SPÖ auffallend billig; “Integrationsministerin” Fekter wirkte arg uninteressiert und redete gleich in ihrer ersten Wortmeldung weit an der Frage vorbei; Westenthalers größte Leistung war die fragwürdige Erkenntnis, dass das Recht auf Heimat und die Religionsfreiheit sich entgegenstehen (ok, ok – und eine erstaunliche Hautbräunung); und Alev Korun bringt Dinge manchmal einfach nicht auf den Punkt. Aber dies sind nunmal die zuständigen VertreterInnen unserer fünf Parlamentsparteien – daraus kann man dem ORF keinen Strick drehen.

Natürlich glückte nicht alles. Zeitweise kam man vom Thema ab und sprach plötzlich über den Türkeibeitritt zur EU oder verstrickte sich in Wiener Neustädter Schrebergärtenkuriositäten. Gerade der Einstieg mit einem widerlichen Schreiduell aus einem Wiener Gemeindebau war hart zu ertragen. Und die bewusste Konzentration auf Probleme betonte immer wieder das Trennende, und ließ die vielen Bindeglieder zwischen den beiden “Seiten” außer Acht. Doch ansonsten war die Sendung gut gemacht.

Positive Überraschungen

Die Zwischenbeiträge hielten ein ordentliches Maß an Ausgewogenheit. Sie brachten die Diskussion voran, stellten wichtige Informationen zum Thema bereit und schafften Abwechslung, um das Interesse über die gesamte Sendezeit hoch zu halten. Diese war mit über eineinhalb Stunden in Ordnung, eine halbe Stunde mehr hätte das Format vielleicht noch vertragen.

Zudem wurden die einzelnen Fragen vom hervorragend moderierenden Peter Resetarits gut verschärft an die PolitikerInnen herangetragen. Deren Redezeit (ein wesentlicher Kritikpunkt in meinem Sommer-Grant) war zwar recht kurz bemessen, wurde aber im Gegenzug nicht streng eingehalten. Dass das eine echt österreichische Lösung ist, lässt sich hier durchaus einmal positiv verstehen. All das ermöglichte den PolitikerInnen (theoretisch), klar Stellung zu beziehen, statt wie üblich in drei Sätzen Gott und die Welt erklären zu müssen.

Das Publikum war die positivste Überraschung. Statt allzu große Klischees und Fremdschäm-Sprüche brachte es interessante Perspektiven ein. Neben einem etwas nervös wirkenden Strache-Fotos-in-die-Kamera-Halters kam da eine interessante Zufallsauswahl an “echten” NormalbürgerInnen zur Wort, die über ihre Alltags-Eindrücke sprachen. Da wurde über späten Lärm im Gemeindebau geklagt, das Gefühl mitgeteilt auch gut integriert in Österreich nicht gewollt zu werden und bedauert, die “eigenen Leute” wären zu pessimistisch.

Das waren natürlich nicht immer rethorische Meisterwerke, aber der Sinn war ja auch das zu hören, was diese Leute am Thema beschäftigt. Dem muss man als politisch interessierter oder gar aktiver Mensch zuhören, auch wenn es einem nicht immer gefällt. Erstaunlich fand ich, dass sich nahezu alle um einen ruhigen Ton und Differenzierung bemühten. Um dem ganzen Geschehen eine sachlich brauchbare Dimension zu geben, kam auch Input von einigen ExpertInnen und AktivistInnen.

Mehr davon

Das Konzept dürfte sich bewährt haben, mit einem so kontroversen Thema in der der Hauptsendezeit zu diskutieren. Während am Wochenende nur 350.000 Menschen “Im Zentrum” sahen und der “Club 2” vergangene Woche weniger als 200.000 SeherInnen hatte, scheenkte dem “Bürgerforum” 816.000 Menschen ihre Aufmerksamkeit. Das sind bessere Quoten als der “Bergdoktor” und liegt in etwa in der Region der “Millionenshow” oder von “Tatort”. Schon beachtlich für eine politische Diskussion außerhalb von Wahlkampfzeiten.

Alles in allem würde ich mir das Format häufiger wünschen, auch damit es Schritt für Schritt die verbleibenden Baustellen ausbessern kann. Ich könnte es mir ganz gut an der Stelle der traditionellen Wahlkonfrontationen vorstellen. Die Parteien könnten einge Wochen lang VertreterInnen entsenden und je 1,5 Stunden zu den jeweils festgesetzten Themenblöcken disktieren. So könnte man der allzu starken Konzentration auf SpitzenkandidatInnen bei Nationalratswahlen entgegenwirken (und ergänzend dazu Einzel-Interviews mit denen führen, wo Nischenthemen und die spezifischen Steckenpferde ihrer Parteien ausführlich behandelt werden könnten).

Wie fandet ihr das Bürgerforum?

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Fotocredits: ORF TVThek

  • khao

    Die Redner hatten zumeist exakt eine Minute Zeit für eine Antwort, dann folgte ein nervtötendes Klingeln, das an eine Pausenglocke in der Schule erinnert und der Moderator mahnte schon ein, zum Ende zu kommen, wobei die meisten Redner ja ihren ersten Satz noch nicht einmal fertiggesprochen hatten. 60 Sekunden lassen keinen Spielraum für eine ausführliche Antwort, sodass lediglich die Phrasendrescher und Parolenschreier auf ihre Kosten kamen. Ich erachte es zudem als eine Unhöflichkeit, einen Redner mitten im Satz mit einem automatisch generierten Gebimmel zu unterbrechen. Das passt vielleicht für Quizshows, aber nicht für ein Diskussionsformat.

    Die vorgestellten Umfragen waren übrigens zum Teil recht tendenziös, ebenso die Videoeinspielungen. Ich erinnere mich an eine Videoeinspielung, die sinngemäß anmoderiert wurde mit “Wir wollen uns nun ansehen, wie es um die Bildung der jungen Türken bestellt ist”. Was wurde gezeigt? Türkischstämmige Maturanten und Vorzeigetypen. Als ob Schönfärberei es jemals etwas zu gebracht hätte.

  • Ich finde, die Zeit war vor allem dann schnell verbraucht, wenn die Politiker ihre Statements mit etwas komplett Irrelevantem anfingen und damit 30 Sekunden verbrachten. Dannach oder wenn sie etwas interessantes zu sagen hatten, konnten sie auch locker mal eine halbe Minute überziehen. In 60 bis 90 Sekunden kann man zu einer konkreten Frage schon sehr viel sagen, wenn man möchte.

    Und ein bisserl Media Literacy muss man halt auch beim Fernsehen haben. Der von dir genannte Beitrag mit den “türkischstämmigen Vorzeigetypen” hat sehr wohl die Fakten gebracht, dass diese Jugendlichen zu einer Minderheit gehören. Ich fand es sehr gut, dass trotzdem auch mal diese Menschen gezeigt werden. So entstand IMO gerade in diesem Beitrag ein sehr komplettes Gesamtbild. Und genau diese Differenzierung braucht die Debatte doch auch, wenn man von den Trottelklischees mal wegkommen will.

  • Raphael

    Ich finde auch, dass nur wenige interessante Redebeiträge zu hören waren. Die meisten Phrasen kannte man schon. Eventuell bekommt so eine Sendung mehr Tiefgang, wenn nur halb so viele Menschen mit diskutieren und nur halb so viele Themen angeschnitten werden. Politiker sind es gewohnt zu jedem Stichwort 2-3 Sätze zu liefern. Wenn sie zu einem Thema aber mehr sagen müssen, dann kann es interessant werden, insbesondere wenn der politische Gegner Gelegenheit bekommt zu antworten.

  • boki

    ich hatte gestern abend auch einen überraschend positiven eindruck von der sendung. natürlich hat das zu einem wesentlichen teil mit der professionalität und ruhigen ausgewogenheit eines peter resetarits zu tun.

    allerdings ist der größte wert dieser sendung meiner ansicht nach, dass das hauptziel “beteiligung” medial oder persönlich zu gelingen scheint. die aktivierung und berücksichtigung einer interessierten gästeschaft, die gestern im gegensatz zu vielen anderen diskussionsformaten weder zombiehaft noch instrumentalisiert gewirkt hat, umfasst viele positive und versachlichende facetten. dass es hier ebenfalls zu skurrilen aussagen kommt, ist logisch, das manche menschen eben skurril sind (zumindest in diversen situationen).

  • Ich seh mir das gerae nachträglich an, und die erste Frage, die ich mir stelle, ist: In welchen Toaster ist denn der Hojac gefallen?