Essensverschwendung im Westen

In “Viel Nahrung nur für den Mistkübel“, einem interessanten Artikel aus dem morgigen Printstandard, schreibt Regina Bruckner folgendes:

Umso erstaunlicher, dass in den USA und in Europa gleichzeitig bis zu 50 Prozent der Nahrungsmittel jedes Jahr im Mist landen. Jedes zweite Salathäuptel, jeder zweite Erdapfel, jedes fünfte Brot erreichen nicht einmal, Kühlschränke, Obstschüsseln und Brotdosen der Konsumenten. In Österreich sind es nach Erhebungen des Instituts für Abfallwirtschaft auf der Wiener Universität für Bodenkultur (Boku) bis zu beachtlichen 166.000 Tonnen an angebrochenen und original verpackten Lebensmitteln, die alleine die Haushalte jährlich in den Restmüll befördern, wie Boku-Expertin Felicitas Schneider im Gespräch mit derStandard.at sagt. Eine 100.000-Einwohner-Stadt könnte davon gut und gerne leben. Die Speisereste oder der Biomüll sind da noch gar nicht mitgezählt, keine Suppe oder saure Milch, die den Weg in den Kanal finden, und keine übrig gelassene Nudelportion eingerechnet.

Die Faktenlage ist zwar nicht wirklich neu, in konkreten Zahlen dann aber doch immer wieder brutal.

  • Pine Apple

    Wiener Tafel! Engagieren! Gute Sache. http://www.wienertafel.at

  • Da lobe ich mir doch glatt die alten Konservativen. Bei denen war und ist es teilweise noch immer eine “Sünde”, Lebensmittel wegzuwerfen… 😉

  • A geh, 2 Euro am Sonntag in den Klingelbeutel und alles is wieder gut.

  • Wie sollte denn irgendwas “gut” werden, nur weil ein paar alte Leute keine Lebensmittel wegwerfen? Den Hauptanteil der Verschwendung tragen ja der Hygiene-, Gesundheits- und Frischewahn. Ich wollte nur so nebenbei sagen, dass nicht alles an der Einstellung der alten “Konserven” sooo schlecht war und ist… 😉

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  • dieter

    Im Kontext der vorherrschenden zivilisationsfeindlichen, postmodernen Geisteshaltung impliziert “Im Westen wird bis zu 50% weggeschmissen”, dass es in der dritten Welt, bzw. früher besser gewesen wäre.

    Kritik über das Zustandekommen der Zahl vermisst man. Hauptsache, sie eignet sich zum Selbst-, Fremd- und Kollektivschämen.

    Vor der Grünen Revolution und der modernen, industriellen Landwirtschaft musste ein Großteil der Ernte für Nutztiere und für die Aussaht aufbewahrt werden. Dank Monstanto, Traktoren, Mähdreschern und LKWs wird heute viel sparsamer und nachhaltiger mit Energie und Ressourcen um.

    In vielen Ländern der dritten Welt, wie z.B. in Indien gibt es keine moderne Kühlketten und keine Logistik. Dementsprechend verrottet dort die meiste Nahrung, während große Teile der Bevölkerung hungern. Die indische Regierung will daher Supermärkte und Großhändler nach westlichem Vorbild forcieren.

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    Im übrigen sind Nahrungsmittel Biomasse, die biologisch abbaubar ist und wieder in den Kreislauf kommt.

    Ich kaufe ja auch hie und da das verbilligte Brot beim Hofer. Das muss man aber schnell aufbrauchen. Das kann nach zwei Tagen zum Schimmeln anfangen. Wenn dieses Brot einfach so im normalen Regal bleiben würde, gäbe es bestimmt einen Schimmelbrotskandal.

    Wie Henryk Broder stets bemerkt, hat der Westen zwei Möglichkeiten. Er kann es entweder richtig machen, oder er kann es verkehrt machen.

    Wenn die Industrie zu effizient mit Nahrungsmitteln umgeht (Gammelfleisch oder in “Nuggets” gepresste Fleischreste usw.), dann heißt es schnell, der neoliberale Westen wäre nur auf Profitmaximierung aus und dass wir heute im Gegensatz zu Opi und Omi keine Wertschätzung mehr für Qualität hätten und alles fressen würden.

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    Der Hinweis auf die Religion ist aber interessant. Früher hatten Neurotiker und Menschen, die ein ständiges Bedürfnis haben, sich für sich oder andere zu schämen, oder selbstgerechte Moralapostel eine Möglichkeit, diese destruktiven Angewohnheiten im Christentum auszuleben und zu erfüllen. Im Idealfall im Kloster und damit in sicherer Entfernung zur restlichen Gesellschaft.

    Heute zetteln und forcieren solche Leute Schulddebatten an.

    Wenn es einmal eine vernünftige Diskussion zur Abwägung Lebensmittelsicherheit von Effizienz gäbe, oder realistische, praktische Verbesserungsvorschläge, statt “Umdenken” (= Beichten, Bereuen, Umkehren), dann wäre das Thema ja ganz interessant.

  • “Im Kontext der vorherrschenden zivilisationsfeindlichen, postmodernen Geisteshaltung impliziert ‘Im Westen wird bis zu 50% weggeschmissen’, dass es in der dritten Welt, bzw. früher besser gewesen wäre.”

    Nein, impliziert es nicht. Es impliziert lediglich, dass “im Westen” viel zu viel weggeschmissen wird.

  • word.

  • dieter

    “Nein, impliziert es nicht. Es impliziert lediglich, dass “im Westen” viel zu viel weggeschmissen wird.”

    Streng genommen ja. Aber in der Praxis sieht das anders aus. (Siehe auch Standard-Forum) Die Debatte ist ja hinreichend bekannt. Sie wird in regelmäßigen Abständen geführt, um dann unproduktiv in der Forderung des “Umdenkens” und viel Moralisierung zu münden.

    Dabei wäre eine solche Debatte inhaltlich interessant. Was kann man tun? Welche praktischen Tipps für den Alltag, die im Einklang mit der menschlichen Natur stehen, kann man finden? Die Erkenntnisse aus der behavioural economics Forschung könnten hier nützlich sein.

    Hier ein aktueller, interessanter Artikel aus der Washington Post zum Thema:
    Cafeteria trays vanishing from colleges in effort to save food
    http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2011/02/17/AR2011021707238.html

    Wenn man Essen auf einem Tablett austeilt, neigen wir offenbar dazu, mehr drauf zu laden. Vielleicht würde es auch reichen, die Tabletts kleiner zu machen.

    Erst neulich gab’s auf CNBC eine Dokumenation über Supermärkte und deren Tricks. Dort wurde erklärt, dass die Einkaufswägen in den letzten Jahren bewusst vergrößert wurden, weil dann bis zu 40% mehr eingekauft wird. Außerdem werden Supermärkte zunehmend Labyrinth-artig angelegt, damit man mehr Waren sieht und einkauft.

    Aldi ist ja die Antithese zu alldem und wächst zum Glück auch in den USA rasant.

    Auch die Aufhebung der Verpackungsverordnung in der EU halte ich für positiv. Wenn die Hersteller den Packungsinhalt verkleinern, ohne, dass der Konsument das merkt, dann hat er bisher offenbar zu viel gekauft.