Der Mensch lebt sein Leben ohne zu hinterfragen. Mit der Sekunde, in der er das Licht der Welt erblickt, wird er mit Werten und Normen konfrontiert. Und ohne es zu merken, werden sie ganz schnell die seinen.

Warum gefallen mir gerade karierte Hemden? Und wieso werden die Menschen in 30 Jahren ganz andere Hemden tragen, und meine Hemden von heute hässlich finden? Warum strebt Franz nach beruflichem Erfolg während Karl sein Leben dem Leistungssport widmet? Wieso ist Beate so gerne in Museen und Helga viel lieber im Fußballstadion?

Wie kann der nur sein Leben damit verbringen, 80 Stunden in der Woche zu arbeiten? Und warum trägt der bitte seine Hose unter dem Allerwärtesten und die Kappe schief? Wir sind Produkt unserer Erfahrungen und funktionieren alle relativ gleich. Wer sich dessen nicht bewusst ist, wird die Welt, und die Menschen, nie verstehen.

Der Kampf gegen das Mittelmaß

Der Mensch lebt sein Leben ohne zu hinterfragen. Täte er das nicht, würde er wahrscheinlich verzweifeln. Man kann den Drang zum Durchschnitt auch als legitimen Schutzmechanismus bezeichnen. Doch hin und wieder schert der eine oder andere aus, macht sich Gedanken über eine der tausend unbewussten Quasi-Gesetzmäßigkeiten seines Alltags. Als Reaktion erfährt er oft Häme, Spott und Ignoranz.

Aktuelles Beispiel: Eine Bekannte hat sich entschlossen, keine Tiere mehr zu essen. Ich halte das für einen mutigen Schritt und freue mich für sie. Sie ist glücklich mit ihrer bewussten Entscheidung und fühlt sich gut. Doch ihre Familie unterstützt sie nur wenig. Bei jeder Gelegenheit wird auf ihre Entscheidung angespielt, ihr das eigene Unverständnis vermittelt. Sie ist aus dem Durchschnitt ausgebrochen. Und das sieht der Durchschnitt gar nicht gerne. Er sieht seine stabile Welt, es war doch schon immer so, in Gefahr. Und viel zu oft sorgt diese Reaktion dafür, dass man es das nächste Mal lieber lässt, sich mit ihm anzulegen.

Seine Komplizen, Häme, Spott und Ignoranz und der Drang des Einzelnen, von seinen Mitmenschen Anerkennung und Respekt zu erfahren, sorgt dafür, dass alle schön im Durchschnitt bleiben. Und das sind die meisten von uns: nichts weiter als Durchschnitt. Wir alle sind soziale Wesen und leben in Gruppen, sind Herdenmenschen. In der Arbeit, unter Freunden, im Sportverein oder, seit einigen Jahren, auch in sozialen Netzwerken wie Twitter. Am besten nicht auffallen, keine Fragen stellen, nicken und nachmachen.

Alternative Durchschnitt

Obwohl wahrscheinlich die meisten von sich behaupten würden, dass sie sich vom sogenannten Mainstream unterscheiden, also irgendetwas anders, besser oder mehr machen, sind wir alle nicht mehr als verdammt langweiliger Durchschnitt. Der Indie mit seiner coolen Stofftasche, der Intellektuelle mit seiner 300 m2 fassenden Privatbibliothek oder der Automechaniker im aufgemotzten 3er Golf.

Sie alle sind nicht mehr als das Ergebnis gesellschaftlicher Prozesse, die den Menschen zum Mittelmaß im jeweiligen sozialen Feld drängen. Entfernt man sich, aus welchen Gründen auch immer, aus Feld A, sorgt der Hang zur unhinterfragten Alltagsbewältigung schneller als man glauben möchte dafür, dass man auch in Feld B nichts anderes ist als, Sie dürfen raten, Durchschnitt.

Der Mensch lebt sein Leben ohne zu hinterfragen. Und selbst der größte Querdenker richtet es sich irgendwann einmal ein. Lebt sein Leben, bequem, hört auf zu hinterfragen und stirbt irgendwann. Als Durchschnitt. Und so schlimm ist das alles auch eigentlich gar nicht, denn irgendwie ist es doch auch schön, dazuzugehören.

Bild © Gerd Altmann / PIXELIO

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  • http://www.southparkstudios.com/clips/154308/the-goth-kids
    Ab 1:40 kommt die passende Punchline. 😉

  • Als sozialphilosophischer Versuch funktioniert der Text nicht, insofern die zentralen Begrifflichkeiten nicht zu definieren sind und in Frage steht, ob es so etwas wie Durchschnitt eigentlich gibt, wenn ja, inwiefern. Als Essay funktioniert der Text – da könnte man die Pointe aber auch anders setzen: Als wäre es immer unreflektiert und bequem, dem Durchschnitt zu folgen. Das kann mitunter harte Arbeit und Resultat bewusster Entscheidung sein. 😉 Auch muss der Durchschnitt nicht langweiliger sein als jene, die sich von ihm distanzieren wollen. Der Kampf ums Anderssein – und das wäre doch der Mainstream unserer Zeit – kann unglaublich fad und geschmacklos sein.
    Im Übrigen zu Deinem aktuellen Beispiel: Da gab’s neulich eine Psychologiestudie zum Thema, warum Fleischesser über Vegetarier spotten. Man kann sich’s eh denken, dennoch: Eine Leseempfehlung für Deine Freundin: http://www.sueddeutsche.de/wissen/psychologie-und-ernaehrung-warum-fleischesser-vegetarier-anfeinden-1.1274443
     
     
     

  • „Dazuzugehören“ ist oft viel Arbeit, das stimmt. Aber es verlangt eben nicht von dir, dass du dir selbst Gedanken machst, über dich, das Leben und die Welt als ganzes. Du übernimmst eben einfach Normen und machst sie zu den eigenen Werten. 

    Das von dir angesprochene „Anders“ oder „Alternativ“ sein ist sowieso einer der größten Widersprüche unserer Zeit.

  • “Dazuzugehören” ist oft viel Arbeit, das stimmt. Aber es verlangt eben nicht von dir, dass du dir selbst Gedanken machst, über dich, das Leben und die Welt als ganzes.Du übernimmst eben einfach Normen und machst sie zu den eigenen Werten.

    Stimmt doch nicht. Man stellt sich doch auch die Frage, wo man dazugehören möchte, wie weit man dazugehören möchte und man gibt das Gehirn auch nicht zwingend mit der Annäherung an eine Subkultur ab. Außerdem: Die Gruppe bildet sich ja auch aus irgendwas: Es muss dort also auch Leute geben, die das prägen, wozu sie gehören. Jemand der wo dazugehört kann ebenso eigenständig sein, wie jemand der nirgends dazu gehört. Ein Einzelgänger kann genauso gedankenlos sein, wie der nächstbeste Mitläufer.

    „Das von dir angesprochene “Anders” oder “Alternativ” sein ist sowieso einer der größten Widersprüche unserer Zeit“ 

    Menschen sind nicht eindimensional. Zugehörigkeit ist in den seltensten Fällen sowas ähnliches wie eine Straßengang wo man entweder ganz oder gar nicht dabei und nur dort oder tot ist. Das Anderssein ist die Normalität unserer Zeit, weil sich jeder seine eigenen Facetten geben/nehmen/schaffen kann. Und eben gerade das orientiert sich nicht am Durchschnitt, sondern am Individuum. 😉