40 Zimmer bietet das Damson Dene Hotel, das rund 150 Kilometer entfernt von Manchester und Liverpool abgelegen in einem Wald steht und als der perfekte Rückzugsort für eine Pause vom Alltag beworben wird. Am stillen Lande könnte jedoch die eine oder andere Turbulenz im Anmarsch sein, denn wie bei NBC News zu erfahren ist, hat der Besitzer des Betriebs, Jonathan Denby, die Bibel aus den Gästeräumlichkeiten verbannt. Dem nicht genug, liegt zur Lektüre nun E. L. James‘ pikanter Roman „Fifty Shades of Grey“ auf.

Fesselspiele statt Abendmahl

Das Werk, so liest man, hat es in sich. Statt mit einem omniszenten Weltschöpfer, dessen weltlichen Zögling oder Briefen seiner Gefolgschaft wird man im modernen Bestseller mit allerlei Sex-Abenteuer des Protagonisten konfrontiert – Bondage-Spielchen inklusive. Auch wenn Denby das Werk nicht gelesen haben will und die Wahl auf das Buch aufgrund seiner aktuellen Popularität gefallen ist, ist das wohl ein Stilbruch der besonderen Sorte, wenngleich die „Tradition“ offenbar  schon länger bröckelt.

Und ich heiße das ausdrücklich gut. Nicht, weil mich „Fifty Shades of Grey“ im Besonderen faszinieren würde – ich kenne nicht mehr als den Titel -, sondern weil Denby’s Entschluss Zündstoff für eine Diskussion bietet. Nur in wenigen Unterkünften, in denen ich bisher gastiert habe, ist das Buch nicht aufgelegen.

Ausschließende Aufdringlichkeit

Aber was hat eine Bibel in einem Hotelzimmer zu suchen? Gar nix, finde ich. Selbstverständlich steht es dem jeweiligen Betreiber frei, Literatur in den Gasträumlichkeiten aufzulegen – immerhin geht es hier nicht um Kreuze in Schulklassen. Genauso wie es jedem Gast freisteht, darin zu lesen oder das Buch zu ignorieren. Ein religiöses Werk in dieser Form aufzunehmen hat aber auch Symbolkraft und kann den Eindruck vermitteln, in einer dezidiert religios ausgerichteten Unterkunft gelandet zu sein. Anders formuliert: Auch ohne Lesezwang wirkt es aufdringlich, insbesondere da die meisten Hotels Gäste aus aller Welt und mit den unterschiedlichsten (oder ganz ohne) Konfessionen beherbergen.

Es kann auch einen ausgrenzenden Eindruck machen. Warum kann ein Christ in seinem „Standardwerk“ schmökern, der Moslem aber nicht im Koran und der Pastafari nicht im Evangelium des FSM? Um dieser (gewinnbringenden) Vielfalt Genüge zu tun, müsste man allerlei Liturgie vorbereiten. Was kostentechnisch und logistisch vermutlich zum Problem wird, selbst wenn man klassisches Papier mit einem E-Reader ersetzt.

Harry Potter schlägt Jesus

Auch wenn die fünfzig Grautöne ob ihrer Anzüglichkeit nicht jeden Gast begeistern werden, ist die Idee, statt einer Bibel beliebte Trivialliteratur anzubieten eine gute. Ihre Vertreter werden rund um den Globus gelesen und überwinden in der Regel kulturelle und religiose Grenzen. Die Glaubensfrage wird damit zur Geschmacksfrage. Ob man an einem Buch aufgrund der erzählerischen Fertigkeiten des Autors Gefallen findet, oder nicht, ist wesentlich weniger heikel, als sich wegen seiner eigenen Religion benachteiligt oder ausgegegrenzt zu fühlen. Auch wenn nicht jeder Besucher auf so etwas empfindlich reagiert, kann dieser Faktor über die Wiederkehr eines Gastes entscheiden.

Ich persönlich finde eine Bibel – oder andere Liturgie – auf Hotelzimmern zumindest irritierend. Dementsprechend halte ich es mit Jonathan Denby, der religiose Schriften neben den Gästebetten in einer säkularen Gesellschaft für „absolut unangemessen“ befindet.

Fotos: Mikamatto@Flickr / CC-BY 2.0