Taktisch wählen

Taktisches Wählen nimmt Überhand. In seiner einfachsten Form machen hunderttausende Menschen ihr Kreuz am Wahlzettel vor allem aus „Protest“ bei irgendeiner Partei. Ich halte das für eine wenig kluge und seltsame Unart. Machen wir ein spieltheoretisches Gedankenexperiment, anhand dessen ich das diskutieren möchte.

Um die Folgen meines taktischen Wählens abzuschätzen, bietet es sich an, davon auszugehen, dass meine Stimme die Einzige bei unserer fiktiven Wahl ist. Zur Verdeutlichung können wir außerdem die Parteienlandschaft auf drei Parteien reduzieren.

A. Die Partei, die ich wählen würde, es aber nun doch nicht tue.
B. Die Partei, die ich aus rein taktischen Gründen stattdessen wähle, obwohl sie mir inhaltlich nicht am Nähesten ist.
C. Die Partei, die ich nie wählen wollte. (Es ist vom Prinzip her egal, ob es eine oder unendlich viele solcher Parteien gibt)

Nachdem ich gewählt habe, finde ich die Parteien und mich in folgender Situation wieder:

1. Egal was ich mit meiner Stimme eigentlich aussagen wollte, Partei B denkt jedenfalls, sie habe alles richtig gemacht und liege mit ihrem Programm richtig. B wird ihr Verhalten nicht ändern und wird gestärkt. Das bedeutet: Das Parlament vertritt nun über Jahre hinweg nicht die Positionen, die mir am Wichtigsten sind. Das ist bestenfalls nicht so schlimm (wenn B eh ganz okay ist) schlechtestenfalls aber idiotisch (wenn B Dinge umsetzen wird, die ich furchtbar finde.

2. Wie steht es nun um Partei A und C? Beide erhalten dieselbe Information von mir: Ich habe mein Kreuz woanders gemacht. Daraus werden A und C schließen, dass sie etwas falsch gemacht haben. Aber was? Sollten A und C sich Positionen annähern, die B so erfolgreich gemacht haben? Oder sollten A und C sich neue Positionen suchen, die noch niemand besetzt hat? Und was, wenn ich meine Meinung ändere, weil ich die Argumente von A oder C nicht gut genug verstanden habe? Oder wenn eine Mischung aus diesen Varianten aus meiner Sicht „schief läuft“. Es könnte sich auch Partei C an B annähern, was A dazu veranlasst, die frei gewordenen Positionen von C zu übernehmen.

Fakt ist: Ich kann mit meinem Protestkreuz nicht mitteilen, was ich mir eigentlich erwarte – sende dem politischen System also ein völlig uninterpretierbares Signal. Und ich kann auch nicht wissen, wie A und C auf den Wahlausgang reagieren werden. Mein taktisches Wahlverhalten ergibt also keinen besonderen Sinn. Weder vertritt das neue Parlament meine wirkliche Meinung, noch kann ich mir sicher sein, dass die von der Taktik anvisierte Partei die richtigen Konsequenzen daraus zieht.

Chancen im echten Leben schlecht

In einem einfachen Experiment wie diesem wäre die Chance noch einigermaßen groß, dass der erhoffte Effekt zufällig auftritt (weil wir sehr wenige Varianten für Verhaltensänderungen in Betracht gezogen haben). In der echten Parteienlandschaft hingegen sind Parteien viel komplexer, Programme indifferenter und unsere Entscheidungen können nur sehr ungenau analysiert werden. In der Realität wird meine Stimme zwar grob als Zustimmung zum Gesamtpaket einer Partei interpretiert, wähle ich eine Partei aber nicht, kann das auf tausend verschiedene Arten analysiert und erklärt werden. Die Chance, dass dann passiert, was ich mir mit meiner Taktik vorgestellt habe, ist verschwindend gering.

Das Grundproblem für „taktische Wähler“ oder auch „Protestwähler“ ist ein simpler Informationsmangel: Mit einer Stimme vermittelt man dem politischen System im Wesentlichen nur, welches Programm bzw. welche Partei man stärken möchte, und diese wird auch gestärkt.

Einzugshürden vertiefen Taktik kaum

Einen spieltheoretischen Sonderfall, den ich irgendwie nicht in ein Gedankenexperiment stecken konnte, stellt wohl eine Einzugshürde ins Parlament darf. Wie jede neue Regel zu einem Spiel, vertieft auch sie die taktischen Optionen. Die Einzugshürde kann sowohl Mehrheiten verhindern (wenn eine Kleinpartei dazu kommt und die anderen Parteien weniger Mandate erhalten) oder Stimmen für die Parlamentszusammensetzung wertlos werden lassen (wenn eine Partei nicht drüberkommt).

Dadurch kann eine taktische Verhaltensänderung also zwar theoretisch etwas bewirken, das kann aber auch nach hinten losgehen. Theoretisch kann ich vielleicht eine unliebsame Mehrheit verhindern. Wähle ich aus taktischen Gründen aber die Partei nicht, die mir wichtig ist, könnte auch diese ihr Verhalten und Programm aus Mangel an Erfolg ändern (oder den Einzug ins Parlament oder gar in die Regierung knapp verpassen). Es ist also im Prinzip eine 50:50 Chance. Auch hier ist der Einfluss einer einzelnen Stimme im Zweifelsfall zu klein, um das Risiko zu lohnen, die eigene Weltanschauung nicht auszudrücken.

Taktisches Wählen ist etwa so, als würde man etwas gegen Massentierhaltung haben, dann bei McDonald’s heimlich einen Protest-Burger essen und zu hoffen, dass Burger King dadurch auf Bioprodukte umsteigt. Faktisch signalisiert ihr mit eurem Kauf nur Zustimmung für McDonald’s, sonst nichts. Alles andere, was ihr in euren Kauf reininterpretiert, bildet ihr euch ein und niemand kann es entschlüsseln. Wenn ihr Burger King verändern wollt, schreibt einen Blog oder Leserbrief, erzählt es einem Meinungsforscher oder engagiert euch bei oder gegen Burger King. Ansonsten esst bei irgendeinem Bio-Restaurant. Das was Geld für den Wirtschaftskreislauf ist, sind Wähler-Stimmen für den politischen Kreislauf.

Die einzige sinnvolle Methode zu wählen, scheint mir deshalb, einfach die Partei zu wählen, von der man sich inhaltlich den größten Fortschritt im eigenen Sinne erhofft. So sind Wahlen als Institution wohl auch gedacht. Es scheint mir auch schlicht die reifeste Verhaltensweise zu sein, das Ergebnis einer demokratischen Wahl und damit den gesellschaftlichen Gestaltungswillen ohne irgendwelche Spielchen zu akzeptieren.

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