Taktisch wählen

Taktisches Wählen nimmt Überhand. In seiner einfachsten Form machen hunderttausende Menschen ihr Kreuz am Wahlzettel vor allem aus „Protest“ bei irgendeiner Partei. Ich halte das für eine wenig kluge und seltsame Unart. Machen wir ein spieltheoretisches Gedankenexperiment, anhand dessen ich das diskutieren möchte.

Um die Folgen meines taktischen Wählens abzuschätzen, bietet es sich an, davon auszugehen, dass meine Stimme die Einzige bei unserer fiktiven Wahl ist. Zur Verdeutlichung können wir außerdem die Parteienlandschaft auf drei Parteien reduzieren.

A. Die Partei, die ich wählen würde, es aber nun doch nicht tue.
B. Die Partei, die ich aus rein taktischen Gründen stattdessen wähle, obwohl sie mir inhaltlich nicht am Nähesten ist.
C. Die Partei, die ich nie wählen wollte. (Es ist vom Prinzip her egal, ob es eine oder unendlich viele solcher Parteien gibt)

Nachdem ich gewählt habe, finde ich die Parteien und mich in folgender Situation wieder:

1. Egal was ich mit meiner Stimme eigentlich aussagen wollte, Partei B denkt jedenfalls, sie habe alles richtig gemacht und liege mit ihrem Programm richtig. B wird ihr Verhalten nicht ändern und wird gestärkt. Das bedeutet: Das Parlament vertritt nun über Jahre hinweg nicht die Positionen, die mir am Wichtigsten sind. Das ist bestenfalls nicht so schlimm (wenn B eh ganz okay ist) schlechtestenfalls aber idiotisch (wenn B Dinge umsetzen wird, die ich furchtbar finde.

2. Wie steht es nun um Partei A und C? Beide erhalten dieselbe Information von mir: Ich habe mein Kreuz woanders gemacht. Daraus werden A und C schließen, dass sie etwas falsch gemacht haben. Aber was? Sollten A und C sich Positionen annähern, die B so erfolgreich gemacht haben? Oder sollten A und C sich neue Positionen suchen, die noch niemand besetzt hat? Und was, wenn ich meine Meinung ändere, weil ich die Argumente von A oder C nicht gut genug verstanden habe? Oder wenn eine Mischung aus diesen Varianten aus meiner Sicht „schief läuft“. Es könnte sich auch Partei C an B annähern, was A dazu veranlasst, die frei gewordenen Positionen von C zu übernehmen.

Fakt ist: Ich kann mit meinem Protestkreuz nicht mitteilen, was ich mir eigentlich erwarte – sende dem politischen System also ein völlig uninterpretierbares Signal. Und ich kann auch nicht wissen, wie A und C auf den Wahlausgang reagieren werden. Mein taktisches Wahlverhalten ergibt also keinen besonderen Sinn. Weder vertritt das neue Parlament meine wirkliche Meinung, noch kann ich mir sicher sein, dass die von der Taktik anvisierte Partei die richtigen Konsequenzen daraus zieht.

Chancen im echten Leben schlecht

In einem einfachen Experiment wie diesem wäre die Chance noch einigermaßen groß, dass der erhoffte Effekt zufällig auftritt (weil wir sehr wenige Varianten für Verhaltensänderungen in Betracht gezogen haben). In der echten Parteienlandschaft hingegen sind Parteien viel komplexer, Programme indifferenter und unsere Entscheidungen können nur sehr ungenau analysiert werden. In der Realität wird meine Stimme zwar grob als Zustimmung zum Gesamtpaket einer Partei interpretiert, wähle ich eine Partei aber nicht, kann das auf tausend verschiedene Arten analysiert und erklärt werden. Die Chance, dass dann passiert, was ich mir mit meiner Taktik vorgestellt habe, ist verschwindend gering.

Das Grundproblem für „taktische Wähler“ oder auch „Protestwähler“ ist ein simpler Informationsmangel: Mit einer Stimme vermittelt man dem politischen System im Wesentlichen nur, welches Programm bzw. welche Partei man stärken möchte, und diese wird auch gestärkt.

Einzugshürden vertiefen Taktik kaum

Einen spieltheoretischen Sonderfall, den ich irgendwie nicht in ein Gedankenexperiment stecken konnte, stellt wohl eine Einzugshürde ins Parlament darf. Wie jede neue Regel zu einem Spiel, vertieft auch sie die taktischen Optionen. Die Einzugshürde kann sowohl Mehrheiten verhindern (wenn eine Kleinpartei dazu kommt und die anderen Parteien weniger Mandate erhalten) oder Stimmen für die Parlamentszusammensetzung wertlos werden lassen (wenn eine Partei nicht drüberkommt).

Dadurch kann eine taktische Verhaltensänderung also zwar theoretisch etwas bewirken, das kann aber auch nach hinten losgehen. Theoretisch kann ich vielleicht eine unliebsame Mehrheit verhindern. Wähle ich aus taktischen Gründen aber die Partei nicht, die mir wichtig ist, könnte auch diese ihr Verhalten und Programm aus Mangel an Erfolg ändern (oder den Einzug ins Parlament oder gar in die Regierung knapp verpassen). Es ist also im Prinzip eine 50:50 Chance. Auch hier ist der Einfluss einer einzelnen Stimme im Zweifelsfall zu klein, um das Risiko zu lohnen, die eigene Weltanschauung nicht auszudrücken.

Taktisches Wählen ist etwa so, als würde man etwas gegen Massentierhaltung haben, dann bei McDonald’s heimlich einen Protest-Burger essen und zu hoffen, dass Burger King dadurch auf Bioprodukte umsteigt. Faktisch signalisiert ihr mit eurem Kauf nur Zustimmung für McDonald’s, sonst nichts. Alles andere, was ihr in euren Kauf reininterpretiert, bildet ihr euch ein und niemand kann es entschlüsseln. Wenn ihr Burger King verändern wollt, schreibt einen Blog oder Leserbrief, erzählt es einem Meinungsforscher oder engagiert euch bei oder gegen Burger King. Ansonsten esst bei irgendeinem Bio-Restaurant. Das was Geld für den Wirtschaftskreislauf ist, sind Wähler-Stimmen für den politischen Kreislauf.

Die einzige sinnvolle Methode zu wählen, scheint mir deshalb, einfach die Partei zu wählen, von der man sich inhaltlich den größten Fortschritt im eigenen Sinne erhofft. So sind Wahlen als Institution wohl auch gedacht. Es scheint mir auch schlicht die reifeste Verhaltensweise zu sein, das Ergebnis einer demokratischen Wahl und damit den gesellschaftlichen Gestaltungswillen ohne irgendwelche Spielchen zu akzeptieren.

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  • Das Beispiel mit Burger King und McDonalds gefällt mir, allerdings ist es genauso stupide gegen Massentierhaltung anzukämpfen und dann versuchen Bio Futter zu bekommen. Bio ist Massentierhaltung per excellence. Dann lieber Freiland, Bio heißt nicht automatisch dass es den Tieren gut geht.

  • Herbert Geyer

    Die Stimme der Partei zu geben, die man gerade noch am wenigsten für unwählbar hält, kann allerdings genauso zu Missverständnissen führen: Die glaubt dann, alles richtig gemacht zu haben, und verstärkt dann vielleicht gerade die Fehler, die mich diesmal abgehalten haben, sie aus Überzeugung zu wählen.

    Und gar nicht wählen geht gar nicht. Da glauben alle, noch populistischer werden zu müssen, um mich doch noch zu erreichen.

    Wählen ist eine unheimlich schwierige Aufgabe.

    • Nein. Wählen ist wie gerade beschrieben unheimlich einfach. Du wählst, was du stärken willst. Alles andere ist eine unnötige Überverkomplizierung.

      Und eine „gerade noch am wenigsten unwählbare Partei“ muss man in meinen Augen nicht wählen, wenn man die eigene Suderei nicht ganz so ernst nimmt. Dazu hab ich kürzlich ja das hier geschrieben: http://zurpolitik.com/2013/09/26/rundumbeschimpfung-verdammt-nochmal-geht-wahlen/

      • Max Stein

        Ich kann das Argument total verstehen. Keine der Parteien überzeugt mich vollends, weder vom Programm, noch von den Kandidaten. Wenn ich wählen könnte, würde ich wohl die Neos wählen, weil es mit dem verstaubten Politapparat aufnehmen wollen, obwohl vieles in ihrem Programm mich nicht anspricht. Was soll man sonst bei der Wahl tun? Leere Wahlzettel beeindrucken niemanden.
        Da ich hier nicht hauptgemeldet bin muessen sich andere darueber den kopf zerbrechen.

  • Phil

    Zum taktisch Wählen fehlt mir noch die „taktisch ungültig wählen“ Variante; die Nichtwähler oder ungültig-Wähler wurden bisher nicht mal irgendwie von den im Parlament vertretenen Parteien wahr genommen, also geht dieser „Protest“ genauso unter.

    • Was heißt auch „sie werden nicht wahrgenommen“? Bei jeder Wahl stampfts eh drei neue Parteien und Wahllisten aus dem Boden und trotzdem bleiben so viele Leute dahein. Nichtwähler sind einfach keine politisch erfassbare Gruppe. Ein großer Teil von ihnen wählt aus Desinteresse nicht oder aus irgendwelchen irrationalen Gründen. Darauf lässt sich halt auch schwer reagieren.

      Was soll „ich wähle niemanden“ auch ausdrücken? Wer keine Partei hat, die ihm nahesteht, muss eine gründen und nicht bestehenden abverlangen, dass sie ihr Wesen komplett ändern.

  • dieter

    Soweit so richtig.

    Taktisches wählen kann aber etwas in Hinblick auf die Exekutive bewirken. Die Verwaltungsreform ist unumstritten, wird aber nicht umgesetzt, solange die Begünstigten des Status Quo an der Macht sind. Erst wenn Rot oder Schwarz rausfliegt und es einen regelmäßigen Wechsel bei Reformverweigerung gibt, können die Privilegien beider Lager demontiert werden. Es reicht möglicherweise auch die plausible Drohung, dass dieses geschehen kann.

    Nachdem es diesmal soviel aussichtsreiche Auswahl gibt, kann man Protest und Überzeugung bequem verbinden.

    • Bei dem was du sagst, stehen ja programmatische Dinge im Vordergrund. Wenn ich sage „Eigentlich wähl ich die X, aber ich glaube, dass Y in den nächsten Jahren mehr voranbringt“, dann ist das nur sehr beschränkt taktisches Wählen und eigentlich ein ganz normales Wählen nach Inhalten.

  • vCjK

    Was habe ich davon, dass ich die Piraten gewählt habe? Auf die nächsten vier Jahre nichts handfestes.
    Wer Einfluss auf die Zusammensetzung des Bundestags nehmen will, der muss eben eine Partei wählen die auch rein kommt. Und wer seine Anliegen besser von einer rot-rot-grünen Koalition als von einer großen Koalition vertreten sieht würde mit einer Stimme fur die SPD eher nicht das bekommen was er sich wünscht. Es geht nicht um Spielchen, sondern darum den bestmöglichen Kompromiss zu finden um seine Interessen zu vertreten.
    Ohne Kompromisse keine Mitsprache.

    • „Was habe ich davon, dass ich die Piraten gewählt habe? Auf die nächsten vier Jahre nichts handfestes“.

      Du hast deinen demokratischen Willen ausgedrückt. Wie erwähnt: Es ist imo auch ein Zeichen von Reife, die Konsquenzen davon zu akzeptieren.

      Es geht nicht um Spielchen, sondern darum den bestmöglichen Kompromiss zu finden um seine Interessen zu vertreten.

      Die Kompromisse schließen aber die Parteien, nicht die Wähler. Und die Frage, welche Koalitionen mit „meiner“ Partei möglich sind, ist ja durchaus eine inhaltliche. Was ich oben anspreche betrifft vor allem das Protest- und Verhinderungswählen.

  • stefanct

    ganz ehrlich… das ist dein schwächster blog-eintrag, den ich bis jetzt gelesen habe, und ich hab schon viele gelesen 😉

    du versuchst dich zwar theoretisch dem problem anzunähern, vernachlässigst dabei aber viel zu viel und endest dann in einer komplett weltfremden conclusio.

    angenommen mir sind mehr mitsprache in der demokratie und netzfreiheit wichtig, und im großen und ganzen wären die piraten die partei, die ich mir am meisten im nationalrat wünsche. sollte ich sie dann unbedingt wählen? nein, natürlich nicht, weil man mit einer stimme für eine nicht im nationalrat vertretene partei die stärksten parteien am meisten stärkt, und das unter umständen schädlicher ist, als wenn die piraten gestärkt (aber unter 5%) aus der wahl hervorgehen.

    d.h. natürlich auch nicht, daß man sie auf keinen fall wählen sollte, aber man muß die möglichen folgen abwägen und dann entscheiden. bei dieser wahl werden a) es die piraten nicht in den NR schaffen, b) die grünen die einzigen sein, die auch nur annähernd die anliegen der piraten vertreten werden. IMHO ist taktisch wählen in diesem fall sehr angebracht, wenn man grün ansonsten nicht zu feindlich gegenübersteht. ich würde sogar so weit gehen, daß die piraten selbst eine wahlempfehlung für die grünen abgeben sollten, sofern sie auch der meinung sind, daß sie nicht reinkommen (was ja lt ihnen gar nicht so eindeutig ist). 🙂

    • angenommen mir sind mehr mitsprache in der demokratie und netzfreiheit wichtig, und im großen und ganzen wären die piraten die partei, die ich mir am meisten im nationalrat wünsche. sollte ich sie dann unbedingt wählen? nein, natürlich nicht, weil man mit einer stimme für eine nicht im nationalrat vertretene partei die stärksten parteien am meisten stärkt, und das unter umständen schädlicher ist, als wenn die piraten gestärkt (aber unter 5%) aus der wahl hervorgehen.

      Erstens liegt die einzugshürde bei 4% 😉
      Zweitens: doch, mein argument ist, dass du die piraten dann wählen solltest. nachdem jeder wähler nur für seine eigene wahl verantwortlich sein kann, kommen wir zu einer bestmöglichen annäherung an ein repräsentatives parlament, wenn jeder gemäß seiner sicht der dinge wählt – und nicht in antizipation von dingen, die sich realistisch betrachtet nicht antizipieren lassen. und wenn man das nicht tut, dann sollte man zumindest in betracht ziehen, dass auch das wählen einer anderen Partei eine reaktion im politischen System verursacht, die man möglicherweise so weder antizipiert noch gewollt hat.

      Wer gestern zB taktisch NEOS gewählt hat, obwohl er eigentlich programmatisch ein Grüner ist, muss nun sehen, dass die Grünen weder für ihre Inhalte noch Oppositionsarbeit belohnt wurden und möglicherweise beginnen, Dinge anders zu machen. Wer die Grünen statt die Piraten gewählt hat, kann nur hoffen, dass diese sich von ihrem doch schwachen Ergebnis nicht entmutigen lassen. Das sind nur zwei von vielen unvorhersehbaren Konsequenzen taktischen Wählens, weshalb ich es als irrationale Art zu wählen betrachte. Das Wahlsystem erlaubt dank seiner „Informationsvermittlungsarmut“ (Was für ein Wort, ich sollte Bürokrat oder Wissenschafter werden!) keine nachvollziehbare Taktik.

      • stefanct

        daß die piraten nicht reinkommen, war offensichtlich für jeden, der sich ein wenig dafür interessiert hat. genauso wie es klar war, daß die neos ganz gute chancen haben, aber es knapp werden könnte. ich denke bis hierher sind wir uns einig.

        nun geht es um die frage was tun? hoffen, daß die neos ausreichend selbst mobilisieren können, oder taktisch wählen (denn – auch da sind wir uns wohl einig – den meisten grünwählern war/ist ein einzug der neos lieber, als eine GroKo). wenn nun „alle“ grünen taktisch neos gewählt hätten, würde das genau zu deinem worst-case scenario führen und die neos unrepräsentativ 2-stellig im nationalrat sitzen und die grünen verloren haben mit all den konsequenzen. zugegeben, das richtige maß abzuschätzen ist schwer bis unmöglich – nur die alternative ist halt ein ergebnis zu akzeptieren, daß man noch weniger will.

        unser wahlsystem erlaubt ausreichend kommunikation, um sein wahlverhalten zu erklären: vor der wahl im wahlkampf sogar in form von direkten gesprächen, danach in blogs, tweets, emails, forenbeiträgen… und die message ist bei den grünen offensichtlich auch angekommen (siehe chorherr blog zb). ich seh den ausgang dieser wahl als paradebeispiel, was taktisches wählen leisten kann… nur bei den neos ist das nicht wirklich angekommen, soweit ich das beurteilen kann… macht nix, sind sie wenigstens motiviert bei der arbeit 😉

      • „daß die piraten nicht reinkommen, war offensichtlich für jeden, der sich ein wenig dafür interessiert hat.“

        Ja, und wer sich ein bisserl mehr interessiert hätte, hätte auch gewusst, dass die Piraten mit 0,2% mehr der Stimmen eine Wahlkampfkostenrückerstattung erhalten hätten, die ihnen nun fehlt.

        „(denn – auch da sind wir uns wohl einig – den meisten grünwählern war/ist ein einzug der neos lieber, als eine GroKo).“

        Ich bin ehrlich gesagt nicht sicher, dass das stimmt. Die Angst der meisten Grünen sind wohl Rechtskoalitionen, nicht „große Koalitionen“. Und viel hätt ja nicht gefehlt, dann wär das vielleicht sogar die einzige mögliche Regierungsform gewesen. Wenn sich Rot-Schwarz nicht ausgegangen wäre, wäre Schwarz-Blau-Stronach die einzig realistische Variante abgesehen von Neuwahlen …

        „unser wahlsystem erlaubt ausreichend kommunikation, um sein wahlverhalten zu erklären“

        Gleichzeitig macht genau das die meisten Formen taktischen Wählens vollkommen hinfällig, weil man seine Unzufriedenheit auch formulieren kann, ohne etwas zu wählen, was man eigentlich nicht unbedingt wählen will.

        nur bei den neos ist das nicht wirklich angekommen, soweit ich das beurteilen kann

        Bei den NEOS ist angekommen, dass sie 5% der Menschen gewählt haben und das wohl bei ähnlichen Umständen wieder tun würden. Was sonst müssen sie wissen?

      • Martin Schimak

        Zu den Neos: stefanct scheint zu suggerieren, dass der grossteil des erfolg der neos auf taktisch wählende genuine grünwähler zurückzuführen ist. das glaube ich nicht. erstens die wählerströme deuten darauf hin, dass es drei grössere gruppen gibt, die neos gewählt haben. ehemalige (liberale-mit-bauchweh-)schwarze, ehemalige (liberale-mit-bauchweh-)grüne, und ehemalige „sonstige“ – ich vermute das ist das liberale forum von 2008. Plus diverse Zuströme aus allen Richtungen.

        Ich habe eine andere these zum thema hier. Es hat was mit dem Bauchweh zu tun: die neos haben genuin liberale wähler eingesammelt, die es schon ihr halbes leben lang gewohnt waren „taktisch“ andere Parteien zu wählen. und diesmal aber die taktik taktik haben sein lassen. Dazu gehören u.a. auch Grünwähler, die aber de facto immer nur zentrumsliberale Leihstimmen waren. Klar schmerzt es, wenn man die dann doch mal zurückgeben muss. Zurückkommen werden sie aber nur, wenn Neos so einiges falsch macht und der bösesten Versuchung fast aller liberalen Parteien erliegt, nicht im Links/Rechts-Zentrum zu bleiben, sondern nach weit rechts abzurutschen. Wir werden es sehen.

      • Ich glaube für einen großen Teil der NEOS-Wähler hast du recht, Martin. Obs allerdings ohne die Grünen Taktiker wirklich gereicht hätte, vermag ich nicht zu sagen. Denn dass es diese gegeben hat, weiß ich einfach aus vielen persönlichen Gesprächen. Und es wäre komisch, wenn ich die einzigen paar Leute in Österreich kennen würde, die so gedacht haben. 😉

      • Martin Schimak

        Naja, es sind 57000 der 2008-Grünwähler in Richtung Neos gewandert, also rund 1,3%punkte der gültigen Stimmen. Sagen wir 50% davon sind genuin grün, 50% bauchweh-grün, dann wäre Neos immer noch drin gewesen. Ich glaube es spielt in Summe sogar noch eine wesentlich kleinere Rolle, u.a. auch weil sich Taktisch-Wähler immer auch in alle Richtungen gegenseitig annullieren… was zB mit den Liberalen, die an einen Erfolg von Neos nicht geglaubt haben und/oder sie noch gar nicht gekannt haben. Die 5% sind ja bei einem Bekanntheitsgrad von etwa 2/3 zustande gekommen.

      • Ich bezweifle deine Sicht der Dinge, aber viel mehr als meine Intuition hab ich dafür momentan nicht zu bieten. 😉

      • Martin Schimak

        Mmh. Deine Intuition macht mich etwas ratlos. Vielleicht so: mehr Leute „zulasten grün“ als der sichtbare Wählerstrom ergeben sich, wenn man davon ausgeht, dass Neos das zusätzliche Potential für Grün teilweise abgezogen hat, also jene Wähler die 2008 NICHT Grün gewählt haben, diesmal damit (in Umfragen) geliebäugelt haben und am Ende dann Neos gewählt haben. Das ist sicher auch teilweise der Fall. Und hätten die alle Grün gewählt wäre es für Neos noch knapper geworden oder wäre es sich knapp nicht ausgegangen.

        Ich geh aber mal davon aus, dass deine vielen persönlichen Gespräche mit „Grünen Taktikern“ eher Leute waren, die eben 2008 schon Grün gewählt haben. Sonst wären sie ja eher keine Taktiker, oder? Und diese Leute sind daher alle in dem 57.000er Wählerstrom. Ich gehe daher momentan (intuitiv) davon aus, dass Du < 57000 Gespräche geführt hast… 🙂

      • Meine Gespräche waren meist mit Leuten, die zwischen Grün und NEOS geschwankt sind. Einige davon haben früher auch SPÖ gewählt. Und grün war da halt die inhaltliche, NEOS die taktische Variante. Insofern greifen durchaus beide Ebenen, die du ansprichst.

        Und die 57.000 Wechselwähler (die ja auch nicht punktgenau sind, sondern durchaus mehr sein KÖNNTEN) liegen ja schon allein im Bereich des Einzugs oder Nichteinzugs. Insofern: Vielleicht wär sichs ausgegangen, aber sicher ists nicht. Wenn 19% des Ergebnisses der NEOS auf taktische Wähler zurückzuführen wäre, wär das zu viel für sie.

        Und nicht vergessen: Taktisch gewählt haben ja nicht nur Grün-Wähler …

      • Martin Schimak

        Wir können hier weiterspekulieren – ich bin sicher, dass der Wiedereinzug der Neos ganz allein von ihnen selbst abhängen wird. Genauso wie ich sicher bin, dass die Grünen auch nächstes Mal ihren eigenen (wie immer kleinen, aber nachhaltigen) Erfolg in einen medialen Mißerfolg ummünzen werden – samt der Aussage man sei Opfer taktischer Wähler geworden. Meist waren es in der Vergangenheit die taktischen Rotwähler, diesmal sinds die Neoswähler. Die Aussage schallt in meinen Ohren solange ich politisch denken kann… und ja das reicht leider schon bis zur Geburt der Grünen zurück… 🙂

  • Pingback: Zur Nationalratswahl in Österreich: Warum man nicht taktisch wählen sollte – Astrodicticum Simplex()

  • Martin Schimak

    Du sagst hier öfter „Wähle was Du stärken willst.“ Aber liegt darin nicht eigentlich auch schon eine gewisse Prise Taktik? Denn „stärken“ will ich, was ich für unterrepräsentiert halte. Damit orientiere ich mich aber automatisch am letzten Wahlergebnis und/oder aktuellen Umfragen – und wähle uU nicht was mir am nächsten steht, sondern was mir im Mix des politischen Stimmengewirrs derzeit am meisten fehlt.

    Ist das eine Form des taktischen Wählens, die Du ablehnst?

    • „Denn “stärken” will ich, was ich für unterrepräsentiert halte. Denn “stärken” will ich, was ich für unterrepräsentiert halte.“

      Die Ausgangslage hab ich einfach anders angenommen als du. IMO beginnt jede Wahl bei 0 und jede Stimme ist eine Stärkung. Das ist auch das einzig sinnvolle aus der individuellen Perspektive des Wählers, denn die relative Stärke ergibt sich ja nur aus der allgemeinen Wahl und dem historischen Vergleich. Das zu bedenken macht für den einzelnen in meinem obigen Argument ja gerade wenig Sinn.

      • Martin Schimak

        Verstehe. Das war also nur ein Missverständnis bezüglich der Ausgangslage.

        Trotzdem glaube ich, dass ich ein etwas anderes Politikverständnis habe als Du, das ua auch zu einer etwas anderen Einschätzung des Themas „Taktisches Wählen“ führt. Mein innerer Zeiger startet nämlich zweifellos nicht bei Null. Kann er gar nicht, weil ich mir vorstellen kann, anders zu wählen, ohne dass sich meine Position oder die Positionen der zu wählenden Parteien verändert hätten. Das ist dann der Fall, wenn sich die Positionen der mich umgebenden Menschen so verändern, dass ich denke, dass ich dazu beitragen muss etwas wieder in Balance bringen, das tendentiell aus dem Gleichgewicht gerät.

        Ich wähle also sicher nicht kurzfristig taktisch, aber durchaus werteorientiert taktisch. MaW: ich werfe hier in die Diskussion, dass „Balance“ zwischen politischen Polen zu halten ein Wert für sich ist. Wenn man sich an diesem Wert orientiert kann der Zeiger nicht bei Null starten.

        Hier spielt sicher auch rein, dass ich noch nie wirklich das Gefühl hatte, irgendwo ein für alle mal beheimatet zu sein. Zumindest nicht auf der immer so dominant den Diskurs bestimmenden Links/Rechts Achse. Auf der Autoritär/Liberal Achse bin ich zweifellos ausgeprägt liberal. Was autoritär/liberal anlangt glaube ich, dass die liberalen Ansätze umso überlegener werden umso komplexer/vielfältiger unsere Gesellschaft wird und umso gebildeter die Menschen. Was links/rechts anbelangt glaube ich aber dass es immerwährend um die richtige Balance gehen wird.

  • Schneeemann

    Du näherst dich dem Thema auf eine derart unterkomplexe Art, dass es wehtut. Das modische Anführen der Spieltheorie, als Basis deiner Behauptungen, macht s nicht besser.
    Es ist ja rethorisch schon unterirdisch eine Gedanken mit „Fakt ist:“ einzuleiten, aber deiner ist dann auch einfach mal kein Fakt.
    Viele Deutungen von Nich- und Protestwahlstimmen zeugen von eklatantem Unwissen über deren Motivation.
    Warum bedienst du dich eines Gedankenexpirimentes? Dies ist die schwächste aller Beweisformen und wird daher eher eingesetzt, wenn es um nicht erreichbare Extrembedingungen geht. Du nutzt sie, um etwas real greifbar, komplexes zu Simplifizieren. Warum? Weil du es nicht verstehst. Etwas nicht verstehen, ok. Aber dann wirre Theorien basteln, um die eigene Vorgehensweise, als die einzig sinnvolle zu postulieren? Meine Güte!

    Woher kommt dieser Zorn auf Protest- und Nichtwähler, dass er solche Blüten treibt?

    Übrigens, kein persönlicher Fortschritt ist jemals durch das Wählen einer Partei erzielt worden. Der wird durch uns selbst als Individuum oder uns selbst als Gesellschaft, jenseits einer Regierungen erzielt. So platt das klingt, auch hier bestätigen Ausnahmen nur die Regel.

    • Nichts von dem was du hier sagst ist ein Argument oder eine Verbesserung des Ausgangsbeitrags (diese Verbesserungen und neuen Argumente sind übrigens etwas, auf das ich mich bei jedem Blogeintrag freue, den ich schreibe).

      Insofern danke für die bloße Abneigungsbekundung und schönen Sonntag. 😉

      • stefanct

        da machst du es dir ein wenig zu leicht. die verbesserungsvorschläge sind da durchaus enthalten: eine meinung als solche kennzeichnen und nicht abstruse theorien mit herbeierfundenen fakten versuchen zu „beweisen“. ich bitte um ein wenig mehr selbstkritik.

      • Sorry, aber mit Frechheiten wie „du verstehst es nicht“, „es ist unterirdisch“, „die modische Anführung“, „wirre Theorie“, „Woher der Zorn?“ kommt man jedenfalls bei mir nicht durch mit irgendeinem möglicherweise dahinterstehenden Subtext, den ich auch beim mehrfachen Lesen nicht erkennen kann.

        Vor allem wenn man sich zuerst darüber aufregt, dass ich aus meinem ausführlichen Stück ein „Fakt ist“ ableite und selbst dann mit einer faktischen Schlussfolgerung ohne jeglichen Beleg und jedes Argument abschließt („Übrigens, kein persönlicher Fortschritt ist jemals…“)

  • Strikt nach Präferenz zu wählen ist auch eine Taktik – nur eine andere.

    Aber wenn Parteien wissen wollen, wieso sie gewählt oder nicht gewählt werden, dann befragen sie Meinungsforschungsinstitute und analysieren die Wählerwanderung.

    Außerdem kann man der Partei der man die Stimme vorenthält einen Brief schreiben, in dem steht, was man will – oder man geht gleich selbst wöchentlich zur Parteiversammlung.

  • Sven

    Ich kann Schneemann nur zustimmen: Die primäre Modellannahme (nur ein Wähler) lässt keinerlei Schluss über reale Wahlvorgänge zu. Alle Folgerungen basieren auf dieser Prämisse, die gleichbedeutend mit vollständigen Informationen zwischen den „Spielteilnehmern“ ist. Ebenso wird völlig ausgeblendet, dass das Spiel aus mehreren, aufeinanderfolgenden Wahlen besteht. Die letzte Fehlannahme besteht darin, dass außer der Wahl keine Informationen in Richtung der Parteien laufen. Im Zeitalter von Umfragen natürlich Quatsch. Parteien unterliegen zwischen Wahlen Richtungsänderungen. Die Wahlen sind Zäsuren. Anschließend läuft die Analyse, warum die Wähler abgewandert oder zugeströmt sind, dann wird das Profil entsprechend geändert.

    • „Die primäre Modellannahme (nur ein Wähler) lässt keinerlei Schluss über reale Wahlvorgänge zu.“

      Man ist aber nur ein Wähler. Mein Argument ist, dass die Konsequenzen der eigenen Wahl sich dadurch verdeutlichen lassen, dass man die Wahl gedanklich auch darauf reduziert

      „Alle Folgerungen basieren auf dieser Prämisse, die gleichbedeutend mit vollständigen Informationen zwischen den “Spielteilnehmern” ist.“

      Nein, sie ist gleichbedeutend mit keiner Information zwischen den Spielteilnehmern. Die einzige Information die man im Experiment hat, ist das Programm der Parteien. Die einzige Information, die man abgibt, ist die Zustimmung zu einer Partei. Das ist im ersten Teil realitätsnah, im zweiten absolut korrekt. Über das was andere tun kann man im realen Leben nur spekulieren und es auch nicht beeinflussen, deshalb braucht man es eben auch nicht zu modellieren.

      „Ebenso wird völlig ausgeblendet, dass das Spiel aus mehreren, aufeinanderfolgenden Wahlen besteht. Es gibt z.B. sowas wie “Mitleidswähler” oder Wähler, die eine Partei nur wählen, damit sie nicht von der politischen Landschaft verschwindet, weil sie man sie (in einzelnen Punkten) als wichtiges Korrektiv versteht, ohne dass das gesamte Programm als wahlfähig empfunden wird. „

      Im Gegenteil: Das wird überhaupt nicht ausgeblendet, das ist genau das, was kritisiert wird. Denn faktisch wird das gesamte Programm gewählt.

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