Schlechte Nachrichten: Du wirst dich nie zum Millionär arbeiten

Gespräche über Vermögenssteuern für Millionäre zeigen eines: Viele Leute denken, dass man sehr einfach Millionär werden könnte. Das verräterische Argument: Es wäre doch ungerecht, zuerst die viel zu hohen Höchststeuersätze auf Einkommen zu zahlen, und dann auch noch das Ersparte versteuern zu müssen!

Vielleicht ist es die Angst, selbst einmal geschröpfter Millionär zu werden. Vielleicht aber auch außergewöhnliche Empathie mit den geschröpften Reichen. In diesem Gerechtigkeitsempfinden steckt jedenfalls ein großer Selbstbetrug.

Die Realität in Österreich ist diese: Neun von zehn Arbeitnehmern verdienen netto weniger als 38.000 Euro im Jahr (Selbstständige tendentiell schlechter, Zehntelstatistiken fand ich dafür nicht. Hälfte (Median) und Dreiviertel (3. Quartil) liegen jedoch unterhalb jenen der Unselbstständigen (Quelldatei, XLS)).

Zur Verdeutlichung: Falls jemand nur die Hälfte eines solchen Spitzeneinkommens ausgibt, dürfte er sich in 54 Jahren Vermögens-Millionär nennen. Wer mit 14 sofort bestbezahlt zu arbeiten beginnt, und sehr wenig von seinem Einkommen ausgibt, schafft das also vor dem regulären Pensionsantrittsalter von 65 Jahren nicht. Aber falls doch, müsste diese Person im 55. Arbeitsjahr Vermögenssteuern zahlen. Nämlich etwa 90 Euro, wenn man nach dem Modell der SPÖ geht (Vermögen über eine Million Euro mit im Schnitt 0,5% zu besteuern).

Die Wahrheit ist: Millionär wird man in Österreich im Regelfall auch als Topverdiener nicht über Arbeit. Und falls man es irgendwie doch wird, braucht man sich über Vermögenssteuern nur sehr wenige Sorgen machen. Denn erstens verdient man immer noch sehr gut, zweitens sind die Vermögenssteuern niedrig und drittens gehört man dann zu den reichsten Menschen unter den wenigen Reichen in einem der reichsten Länder der Welt.

PS: Wer 38.000 Euro netto im Jahr verdient (also 14 Mal 2714 Euro), ist vom Höchststeuersatz nicht betroffen. Der beginnt erst bei einer Bemessungsgrundlage von 60.000 Euro.

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  • 36,5 Jahre wenn ich 2% Inflation annehme. Dann schaffst in 54 Arbeitsjahren sogar 1,8 Mio. Aber inhaltlich gehe ich d’accord.

    • Inflation führt nur dazu, dass die Million weniger wert ist, nicht dass du schneller hinkommst. 😉 Aber ja, inflationsangepasste Löhne bringen dich schneller hin, nur ist eine Million in 40 Jahren eben auch nicht das, was eine Million heute ist. Die Reallöhne steigen bekanntlich seit 25 Jahren nicht mehr.

      • Gerhard

        Das Unangenehme dabei ist aber, dass die tatsächliche Inflation nie bei 2% p.a. liegt. Das betrifft ja immer nur den offiziell angenommenen Warenkorb.

        Die Löhne werden im Vergleich ja nicht wirklich höher bzw. nur sehr marginal.

        Vergangene Woche habe ich mir aus Interesse mal die Steigerung der Preise in Kaffeehäusern ausgerechnet und “durch die Bank” sind diese in 15 Jahren um etwa 60% – 70% gestiegen – also mehr als 4% p.a. im Schnitt. In den Supermärkten schauts nicht viel besser aus.

        Da kann das Gehalt bei Weitem nicht mithalten. 🙂

  • Michael

    Die Idee ist ja wohl nicht, dass man durch einen normalen Job Millionär wird, sondern dass man halt irgendwann mal eine großartige Idee für irgendwas hat, was einen dann reich macht. Oder dass man eines Tages als Musiker/Schauspieler/Sportler/… entdeckt wird. Oder dass man ganz einfach demnächst mal die sechs Richtigen hat. Wird eher nicht passieren – aber diese Hoffnung ist zutiefst Menschlich und ohne diese Hoffnung und den Antrieb, der daraus entsteht, wäre die Welt vermutlich ein recht trauriger Ort.

    Und von der Perspektive aus kann man das Argument schon nachvollziehen: zuerst racker ich mich ab, und wenn ich es mit viel Glück vielleicht irgendwann mal geschafft habe, dann kommt der Staat und will es mir wieder wegnehmen, weil ich es mir eh leisten könnte.

    Mal ganz davon abgesehen finde ich, dass der Verdacht, eine Vermögenssteuer dient nicht primär dazu, mehr soziale Gerechtigkeit herzustellen sondern dringend notwendige Reformen unseres extrem verschwenderisches System noch etwas länger hinauszuzögern nicht so weit hergeholt ist.

    • Es ist jedenfalls eine irrationale Angst. Und so wie purer Neid ein schlechter Ratgeber wäre, um für eine Vermögenssteuer zu sein, ist irrationale Angst ein schlechter, um dagegen zu sein. Drum find ichs wichtig, die Dimensionen zu verdeutlichen.

      Die Parteien, die Vermögenssteuern fordern, haben übrigens beide auch eine Einkommenssteuerentlastung auf der Agenda. Insofern ist die Befürchtung vielleicht nicht weit hergeholt, aber die Debatte doch klar die einer Umschichtung.

      PS: Ich hab in letzter Zeit schon mit einigen Leuten geredet, die irgendwie der Meinung waren, sie würden sich mal so ein Häuschen um eine Million ersparen und sich das dann nicht mehr leisten können.

  • Florian

    Ich glaube nicht das das Problem ist das viele glauben das sie wirklich mal Millionär werden. Das Problem ist das ist nur eine Scheindiskussion, die gegen einen schnell gefunden Feind geht (die bösen Millionäre) und vom eigentlichen Problem ablenkt: Der Staat schmeißt das Geld mit beiden Händen zum Fenster raus. (Und das durchschauen eben viele und sind deswegen dagegen)

    Würde er das nicht machen, also gäbe es z.B. weniger Korruption, weniger Bahntunnel die dann keiner verwendet, weniger Bürokratie etc. könnte man die Lohnsteuer massiv senken ganz ohne neue Steuern für irgend jemanden.

    Ganze generell gibt es mit so “Ansagen” der Politik aber ein paar Probleme:

    1. Es gibt viel zu wenig Millionäre um sich da substanziell genügend Geld zu holen das es mehr ist als ein Tropfen auf den heißen Stein. Es gibt aber ganz viele mittlere Einkommen und eine minimale Erhöhung dort bringt massiv Mehreinnahmen. (Deswegen redet auch keiner davon die kalte Progression abzuschaffen). Das ganze ist also ein Alibi, ODER wird wieder doch so umgedichtet das es alle trifft (Und eine Wohnung in Wien kostet schnell mal zwischen 300.000 & 400.000€)

    2. Kapital ist ziemlich flüchtig. Neue Steuern auf Vermögen bewirken im Zweifel nur das selbiges immer weniger wird.

    3. Brauchen wir in einem Land mit über 50% Abgabenquote sicher keine neuen Steuern. Wenn dann sollte man zuerst mal die Abgaben für alle anderen als Millionäre kräftig senken. Danach können wir wieder reden.

    4. Hat der Staat Rekordsteuereinnahmen. Und das reicht ihm immer noch nicht? Auch wenn ich mich wiederhole, das legt den Verdacht nahe das nicht die Millionäre die zu wenig Steuern zahlen das Problem sind…

    5. Und zu guter letzt, die die am meisten Verdienen zahlen ja eh schon den Löwenanteil an den Steuern. Wenn man schon über etwas diskutieren müsste dann über die Sozialversicherung. Da herrscht viel mehr Ungerechtigkeit als bei Steuern.

    • 1. Halte ich für ein Gerücht. Für einen Milliardär und Multimillionär sind 0,5% Vermögenssteuern nämlich gleich eine ganz andere Summe. Und solche gibts eben auch. Ich find die Paradoxie spannend: Einerseits solls nix bringen, andererseits aber Sodom und Gomorrha auslösen, wenn man Vermögenssteuern einführt. Beides geht sich nicht gut aus.

      2. Kann passieren, kein Grund es nicht zu probieren. Tun andere Länder ja auch.

      3. Nein, das sollte gleichzeitig passieren. Lohnsteuer senken, Vermögenssteuern zur Gegenfinanzierung. Schlagen übrigens sowohl SPÖ als auch Grüne derzeit so vor.

      4. Es gibt ganz sicher viel Reformbedarf. Ändert aber nichts daran, dass die grundsätzliche Steuerbalance, die sehr stark auf Arbeit und kaum auf Vermögen lieg, in Österreich ein leistungsfeindliches Problem darstellt. Wenn man dann noch bedenkt, dass Stukturreformen lange dauern, selbst wenn sie gelingen, will ich, dass zumindest an dieser Balance geschraubt wird. Dabei, dass der Staat seine Gesamteinnahmenqute nicht mehr steigern sollte, können wir uns einig werden.

      5. Den Löwenanteil an Steuern zahlen die, die viel Einkommen aus Arbeit haben. Wie der ganze Beitrag zeigt sind das aber nicht die, die “am meisten Verdienen”. Kapitalerträge, Einkommen aus Immobilienbesitz, Erbschaften, Gewinne, etc sind wesentlich niedriger besteuert als Arbeit – und das sind die Einkommen der wirklich Reichen.

  • Christian

    Wer 38k im Jahr netto verdient, verdient 63k brutto, ist also vom Höchststeuersatz sehr wohl betroffen.

    • Das stand anfangs so da, ich hab mich aber umstimmen lassen. Muss es mir morgen nochmal ansehen und ggf. wieder korrigieren ^^

      Jedenfalls ist er so gut wie nicht betroffen. Ob nun auf 3000 Euro 50% oder 43% gezahlt werden, macht übers Jahr einen knappen hunderter Unterschied, also 0,3% des Einkommens oder so.

    • Michael

      Es stimmt zwar, dass er 63000 verdient (z.B. http://onlinerechner.haude.at/bmf/brutto-netto-rechner.html), allerdings wird die Sozialversicherung (11.288,48) vorher abgezogen, bevor die Einkommensteuer berechnet wird. (glaub ich zumindest)

      • Stimmt, das wars. Und damit liegt die Bemesserungsgrundlage bei rund 54.000 Euro, was nicht im Höchststeuersatz liegt. Erst ab ca. 72.000 Euro Brutto käme man demnach – wenn man wirklich nichts abschreiben kann, was unwahrscheinlich ist – in den Höchststeuersatz.

  • Das Problem ist einfach: Wer vor 30 Jahren umgerechnet 60.000 p.A verdient hat, war damals ein Grossverdiener. Da war der Höchssteuersatz irgendwie angemessen. Wer heute diesen Betrag verdient, ist im Mittelstand.

    Darum müssen die Steuer jetzt angepasst werden und zwar nach unten.

    • Nein, du bist wie die Einkommenstatistik zeigt damit auch heute eben keinesfalls im “Mittelstand” (ich nehme an, du meinst die Mittelschicht, denn darüber ob du Unternehmer bist, sagt die Einkommenshöhe ja nix aus).

      Im Text habe ich diesen Irrtum doch bereits ausgeführt: “Neun von zehn Arbeitnehmern verdienen netto weniger als 38.000 Euro im Jahr (Selbstständige tendentiell schlechter…)”

      Und brutto hab ich gerade nochmal gecheckt: 90% aller 4,1 Mio. unselbstständig tätigen Arbeitnehmer (bei insgesamt 4,2 Mio. Erwerbstätigen) in Österreich verdienen weniger als 58.000 Euro Brutto. Darüber zu liegen ist schwerlich als Mittelschicht deklarierbar (alle Zahlen bei Statistik Austria zu finden und aus 2012).

      Die Kalte Progression, die du da ja implizit ansprichst, ist natürlich trotzdem ein Problem. Aber wir sollten aufhören ständig Reiche und Mittelschicht zu verwechseln (wobei ichs gleich dazu sage, dass hier auch niemand glauben sollte, ich würde derartigen Reichtum verwerflich finden – es geht zuerst mal um Faktenfindung).

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