„Das kannst du nicht!“, „Dafür bist du zu dumm!“, „Wenn ich so aussehen würde wie du ……“, „Wenn ich das nicht kapiere, dann kapiert du das schon lange nicht!“ – Es sind diese Sätze, die mich des Öfteren aus dem Schlaf reißen wenn ich auf Reisen bin oder unruhige Zeiten erlebe. Das quasi Kind in mir, das wehrlos gegenüber anderen und immer gern die „Zielscheibe“ war, wenn man so will. Kinder können grausam sein. Und glaubt mir, eines möchte ich nicht nochmal erleben: meine Schulzeit.
Ein Gastbeitrag von Christoph Gütl.

Wenn ich durch meine Heimat spaziere und die alten Schauplätze meiner frühen Jugend kreuze, kommen mir diese Gedanken wieder hoch. Abgeschlossen habe ich damit und es ist mein gutes Recht mich an jene Zeit zu erinnern, die mich bis heute ziemlich prägt. Ich glaubte damals an das Gute im Menschen und war der Meinung, dass wir alle bestrebt sind, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Was Kinder nun so denken.

Mit zunehmenden „Alter“ und einigen Reisen zu so mancher nicht-touristischen Destination kippte diese Meinung immer mehr ins Negative. Wo andere Bücher lasen und brav die Schulbank drückten, las ich dieselben Werke während ich über Bahnhöfe und Flughäfen spazierte oder per Auto, als Beifahrer, zu fernen Zielen mit Freunden, Bekannten und Unbekannten reiste. Dass diese Eigenschaft nicht sehr förderlich für unser Leistungssystem ist, war mir vollkommen bewusst. Auch wenn es mir manche Türe zuschlug, ich bereue diese Entscheidung zu keiner einzigen Sekunde meines Lebens.

Doch zurück zum Ursprung.

Kinder können grausam sein, weil sie ehrlich sind und einem gerade ins Gesicht sagen, was sie denken. Das liegt zum einem daran, dass sie nicht abschätzen können, wie weit man mit seinen Worten gehen „darf“, die bekanntlich mächtiger als jedes Schwert sein können. Wenn man sie richtig einsetzt.

Doch ich finde, dass „Erwachsene“ noch grausamer sein können. Warum? Ganz einfach: Weil viele von uns nicht mehr die Courage oder den Mut haben, die Dinge beim Namen zu nennen. Weil wir uns damit begnügen, die meisten Dinge unter den Tisch fallen zu lassen, man möchte ja nicht „streiten“. Bekanntschaften, Freundschaften, ja sogar Partnerschaften basieren in heutiger Zeit auf diesem Modell des „Aushaltens“.

Warum auch immer.

Doch es wird schlimmer, je mehr der Mensch hat. Auch da muss ich wieder an meine Kindheit denken. Jene Kinder, die alles hatten, waren für mich die schlimmsten. Arrogant, verzogen und mit dem Wissen ausgerüstet „dass es da Papa scho richten wird“. Etwas, das sich bis ins erwachsene Alter nicht ändert. Es gibt nichts Fragwürdigeres als diese Gattung von Menschen, die alles haben und noch mehr wollen. Und inzwischen gibt es ziemlich viele von diesen.

Auch wenn das meiste auf Schulden und anderem aufgebaut ist.

Das Hallstätter Amtshaus.

Wir leben im Überfluss und verschließen uns immer mehr, jeder von uns baut sich eine Traumwelt, in der er der Held ist und nichts und niemand fürchten muss. Eine Flucht vor dem kargen Alltag, den man sich so gesehen auch selbst erschaffen hat, richtig?

Alles was fremd ist, wird abgelehnt und verneint. Es wird nicht einmal hinterfragt. Genau wie auch Kinder sein können, bis zu einem gewissen Grad.

Aktuell kann man dies an der leidigen Asyl-Debatte ablesen, die in Österreich gerade stattfindet und mir neben dem Fremdschämen auch eine gewisse Fassungslosigkeit ins Gesicht legt.

Nein, ich bin kein Träumer und kein Gutmensch. Aber ich werde nie verstehen, warum wir jenen die Türe vor der Nase zuknallen, welche momentan am nötigsten Hilfe brauchen. Wir verstehen sie nicht mal und viele von uns wollen sich die Probleme oder Umstände nicht anhören.

„Interessiert mich nicht!“, „Geht mich nichts an!“ oder typisch österreichisch: „Und weida?! Mir gehts ja vü schlechter!“

Wisst ihr, in einem habt ihr Recht. Es geht euch viel schlechter, in euren Köpfen. Ich weiß nicht, wo da die Menschlichkeit aufgehört hat zu arbeiten oder seit wann man wieder in Rassen unterscheidet und Angst hat „man könnte was verlieren.“

Kinder haben auch immer Angst, etwas zu verlieren. Spielzeug zum Beispiel. Und wenn wir ehrlich sind, besitzen wir auch alle nur Spielzeug, right?

Aber Kinder haben auch etwas Wundervolles an sich, was mich hoffen lässt. Eine Güte, eine Herzenswärme und Kinder werten nicht in Hautfarben oder dergleichen. Das Gift des Rassismus und der Religion wird dann über „kompetente“ Erwachsene und dem Schulsystem in die Köpfe injiziert.

Ich bin ein Beobachter und ich mag Kinder, sehr gerne sogar, ich beobachte liebend gerne Kinder im Alltag und beim Spielen. Es ist interessant, wie Kinder ihre Welt erforschen. Hoffen wir das bleibt so und unsere ach so „tolle Gesellschaft“ raubt auch nicht noch diesen Teil von Kindlichkeit.

Ich denke an viele Freunde und Bekannte die Eltern sind und einen super Job als selbige machen. Ich bin froh zu wissen, dass eine Generation heranwächst, die genauso die Dinge hinterfragen wird und nicht alles schluckt und isst, was auf dem großen Silberteller serviert wird.

Ja, Kinder können grausam sein, aber genau auch das Gegenteil. Und das gibt mir Hoffnung.

Aber die Frage zum Schluss ist ja die eine: Werden wir alle je „erwachsen“? Oder bleiben wir nicht alle in verschiedenen Zyklen stehen?

Wer weiß, wer weiß.

Wir sind alle eins, wir sind keine Nationen, wir sind Menschen.

Christoph Gütl ist freier Kulturjournalist, Blogger und geht nebenberuflich auch seiner Leidenschaft als Fotograf nach, die er seit seinem 15. Lebensjahr pflegt. Er kennt die österreichische Musikszene, bereist im Rahmen seiner Arbeit ganz Europa und versteht sich als weltoffener, liberaler Humanist. Ihr findet seine Artikel und Bilder auf wedontcare.at und Facebook.

Foto: Christoph Gütl