Ein Problem mit dem Geschichtsverständnis vieler Menschen heutzutage ist nicht, dass sie die NS-Zeit gut finden. Das tun tatsächlich nur die widerlichsten und dümmsten Menschen, eine kleine Gruppe. Das Problem viel größerer Teile der Bevölkerung ist, dass sie die Nazis als eine Art „Monster“ verstehen. Das hat fatale Auswirkungen auf das heutige politische Denken.

So wird es für viele Leute möglich, sich als aufrechter Anti-Nazi zu verstehen und heute trotzdem autoritäre, faschistische, nationalistische, rassistische oder allgemein menschenfeindliche Politik zu befürworten.

Warum?

Ein Monster ist per Definition ein eingebildetes Wesen – eine unnatürliche, nicht reale, eigentlich unmögliche und grundschlechte Kreatur, die unerklärlich böse ist. Wenn man die historischen Nazis so versteht, vergisst man darauf, zu verstehen, warum sie möglich waren und wie sie sich im Alltag tatsächlich verhalten haben. Man versteht sie nicht richtig und kann sie deshalb heute nicht erkennen.

Wer heutige Extremisten an eingebildeten Monstern misst statt ihren echten menschlichen Spiegelbildern aus der Geschichte, muss diese heutigen Extremisten im Vergleich ja als geradezu harmlos sehen.

Die Logik geht so: Wenn einer nett reden und dabei freundlich lächeln und vielleicht noch lieb zu Vieherln oder anständig gegenüber seinen Mitarbeitern sein kann und Freunde hat, dann kann der doch kein Monster sein, also auch kein Nazi!

Das Problem daran ist, dass viele Nazis auch nett reden und freundlich lächeln konnten und lieb zu Vieherln und anständig gegenüber ihren Mitarbeitern waren und Freunde hatten.

Die Nazis waren keine Monster-Karikaturen, sie waren Menschen, die im Einzelnen und im Kollektiv monströse Dinge taten. Teils weil sie selbst nicht aufpassten, wohin sie sich entwickelten. Teils, weil andere nicht aufpassten, was für Gedanken und Menschen da an politischer Macht gewannen. (Und aus anderen Gründen.)

Nur wenn wir die Nazis als echte Menschen und die Menschen der 1920er bis 40er-Jahre als im Wesentlichen gleich wie uns selbst verstehen, können wir heute auch jene Menschen und Gedanken unter uns erkennen, die in 80 Jahren vielleicht als Monster gesehen werden.

Und dann bleiben die und deren Taten hoffentlich eingebildet.

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  • Leser 123

    Satire? Also lachen musste ich schon, top.

  • Starost

    Dem mohammedanischen Terror wird ja auch immer der nette Moslem vom Gemüseladen gegenübergestellt, um zu belegen, dass die meisten Islamanhänger doch eigentlich ganz lieb sind und der Terror somit nur die Entartung einer im Grunde friedlichen Weltanschauung sei. War dann wohl mit Auschwitz auch so? Insofern ganz lustiger Artikel.

    • Schön, dass er dich belustigt. Schade, dass du ihn nicht zu verstehen scheinst und mit Logikumkehr zu verunstalten versuchst.

      Mein Argument ist nicht, dass die Nazis nett und Wölfe im Schafspelz waren. Die Shoah war von langer Hand und systematisch geplant und sie war angekündigt und aus der NS-Ideologie ableitbar. Mein Argument ist, dass die Nazis keine Comic-Schurken waren und man ihre geistigen Erben nur erkennen wird, wenn man nicht nach Comic-Schurken sucht, sondern nach Menschen, die wie sie ticken.

      Die Nazis sind das Äquivalent zum IS. Was keine Überraschung ist, beide Gruppierungen sind rechtsextrem.

      • Starost

        Der IS ist noch weit besser aus dem Koran ableitbar als Auschwitz aus „Mein Kampf“, denn in Gegensatz zu letzterem Buch schreibt der Koran das ausdrücklich vor, was der IS 1:1 befolgt, und das schon seit bald 1400 Jahren. Zum Glück sehen das viele Gemüsehändler nicht als persönliche Handlungsaufforderung. Das Äquivalent zum IS wären demgemäß auch nicht „die Nazis“, sondern konkret die Totenkopf-SS-Einsatzgruppen. Nur „rechtsradikal“ waren beide nicht. Weil beide nicht in das klassische Schema von „rechts“ und „links“ pass(t)en. Aber ich verstehe, dass die linke Gleichung „ein Feind von Leuten, die sich für Linke halten, kann selbst unmöglich links sein“ bequem ist.

      • Ich habe nicht rechtsradikal, sondern rechtsextrem geschrieben. Und sowohl der IS als auch die NSDAP (ja, „die Nazis“) waren bzw sind rechtsextrem: Totalitäre, rückwärtsgewandte, völkische Faschisten und streng dogmatischen Weltbildern. Sie haben sogar die Judenfeindlichkeit gemein.

        „Der IS ist noch weit besser aus dem Koran ableitbar als Auschwitz aus „Mein Kampf“, denn in Gegensatz zu letzterem Buch schreibt der Koran das ausdrücklich vor, was der IS 1:1 befolgt, und das schon seit bald 1400 Jahren. Zum Glück sehen das viele Gemüsehändler nicht als persönliche Handlungsaufforderung. “

        Diese Interpretation der Lehren des Koran finden sie beim IS super, wenn du sagst, dass hunderte Millionen Menschen ihre Religion eigentlich falsch ausüben und Extremisten als einzige wirklich der Lehre folgen. Anders würde deren Propaganda das auch nicht formulieren.

        „Weil beide nicht in das klassische Schema von „rechts“ und „links“ pass(t)en.“

        Rechtsextremismus ist nicht das Gegenstück zum Linksextremismus. Beides (bzw auch deren jeweilige Unterkategorien) sind unterschiedliche Gegenstücke zur liberalen Demokratie.

        Daran gemessen sind Rechtsextreme „extrem“. Und deshalb passen Nazis und IS sogar ganz wunderbar in diese Begriffe rein rein. Sie halten nichts von Toleranz gegenüber Andersdenkenden, der Gleichheit aller Menschen, der Freiheit des Einzelnen, den universellen Menschenrechten oder wissenschaftlicher Vernunft. Vom Bücherverbrennen über die Expansionspolitik bis zum Völkermorden haben sie so ziemlich alles gemeinsam. Sie habe extrem ähnliche Antworten auf das alles, sie unterscheiden sich lediglich dadurch, woher sie die Legitimation ihres rassistischen Kreuzzuges beziehen: religiösen Wahn oder völkischem Wahn.

        Wenn dir „Links-“ und „Rechtsextremismus“ als Begriffe zu schwammig sind (was akademisch betrachtet durchaus nachvollziehbar wäre), kannst du das auch alles unter dem Begriff „Extremismus“ subsumieren und musst dann halt andere Prädikate finden, um die Unterschiede zwischen extremen Anarchisten, extremen Kommunisten, extremen Faschisten, extremen Gottesstaatlern und anderen Extremisten herauszuarbeiten.

        Die gravierenden Ähnlichkeiten zwischen IS und NS blieben natürlich übrig und „links“ oder auch „linksextrem“ ist an beiden einfach gar nix.

        „Aber ich verstehe, dass die linke Gleichung „ein Feind von Leuten, die sich für Linke halten, kann selbst unmöglich links sein“ bequem ist.“

        Es ist amüsant, dass du behauptest, die Nazis und der IS würden nicht ins links-rechts-Schema passen und dann im Nachsatz versuchst, all diese Begriffe neu zu deuten und diese Gruppierungen der Linken zuzuschreiben.

      • Starost

        Die Nazis „sind“ nicht, sie waren.