Vor kurzem hat Jon Stewart – in den USA und darüber hinaus bekannt für seine satirische Aufbereitung von Nachrichten im Format der „Daily Show“ – zu einer „Rally to Restore Sanity„, also einer Demonstration zur Wiederherstellung der Vernunft aufgerufen. Das Ganze soll am 30. Oktober in Washington stattfinden, ich möchte mich hiermit im übertragenen Sinne dieser Forderung anschließen und zwar keine Demo ankündigen, aber wenigstens zur Wiederherstellung der Vernunft in hiesigen Breitengraden aufrufen.
Es geht darum, schlicht und einfach daran zu erinnern, sich auf das zu besinnen, was vor einigen Jahrhunderten im Rahmen der Aufklärung mühsam erkämpft wurde und was aktuell mehr denn je durch diverseste Demagogen, Selbstdarstellerinnen, Faktenverdreher oder Agitatorinnen verwässert und ausgehöhlt wird. Die Verwendung der menschlichen Vernunft, die Pflege eines zivilisierten Dialogs, unaufgerechte sachliche Berichterstattung, die Anwendung wissenschaftlicher Grundsätze usw. usf.
Natürlich kann man einwenden, dass sich diese Tendenz bereits seit einige Jahren hierzulande und in den anderen westlichen Demokratien ablesen lässt, aber erst jüngst gab es wieder einmal ein paar Anlassfälle, die mir persönlich die Haare zu Berge stehen haben lassen und mich dazu bewogen haben, gerade jetzt dazu Stellung zu beziehen. Immerhin, besser spät als gar nicht.
Vom Forenmystiker zum Unbildungsfernsehen
Beginnen möchte ich mit einem aktuellen Beispiel aus diesem Forum. Vor zwei Wochen habe ich meine Kolumne zum Thema „Meinungsfreiheit“ hier veröffentlicht, der Diskurs im Kommentarforum, der sich bis dato immer sehr sachlich und informativ abgespielt hat und auch für mich persönlich sehr bereichernd war (danke an die Postercommunity!), begann irgendwann in eine Debatte in Sachen „Wissenschaft ist auch oft Esoterik“ abzudriften. (nachzulesen hier). Fragen Sie mich nicht, wie man von der Meinungsfreiheit auf Esoterik kommt, aber herausstechend ist die Tatsache, dass immer öfter mit dem Argument Wissenschaft wäre ideologische Dogmatik gearbeitet wird.
Dieser Einwand ist schlicht und einfach falsch – dazu aber weiter unten.
Am Anfang war die Manipulation
Dass sich die Tendenz wissenschaftliche Argumentation als dogmatische Leerformel anzugreifen nicht nur in Foren ausbreitet, sondern mittlerweile auch „Dokumentationen“ in diesem Stil gedreht werden, die dann auch noch mit dem Prädikat „Besonders wertvoll“ ausgezeichnet werden und sich hernach als Schulfilm u.A. für das Fach „Physik“ anbiedern, ist schlicht und einfach skandalös.
Aktueller Fall ist die manipulative Pseudodokumentation über das Nicht-Phänomen Lichtfasten. Die fundierten Einwände, dass es sich dabei bestenfalls um Unterhaltung, aber nie und nimmer um eine sachliche Dokumentation handelt sind zahlreich und kommen immer häufiger von der Bloggercommunity (u.A. von Niko Alm oder Ulrich Berger), größere Medien wie derstandard.at griffen das Thema erst relativ spät auf.
Ich gehe davon aus, dass es noch keine Stellungnahme aus dem Unterrichtsministerium zur Verwendung dieses Films in österreichischen Schulen gibt.
Bildungsauftrag auf österreichisch
Bei wem jetzt noch nicht die Alarmglocken läuten, es gibt noch genügend Entwicklungen, die zum innerlichen Zusammenzucken taugen.
Bestes Beispiel: der österreichischen Rundfunk. Dort hat man zwar einen Bildungsauftrag zu erfüllen, sieht sich dadurch aber nicht gehindert oben genannten Film mitzuproduzieren, man achtet auch sonst nicht so genau auf eine sachliche Darstellung der Dinge. So beschloss man zum 9. Jahrestag von 9/11, also des Anschlags auf das World Trade Center, eine Dokumentation über eine krause Verschwörungstheorie zu senden, hernach erging man sich auch noch in den jeweiligen Diskussionsformaten darin, diese Thesen ernsthaft zu untersuchen. Thematisiert wurde das ganze wiederum von einem Blogger.
Das ZDF, ganz nebenbei bemerkt, brachte damals jene Dokumentation, die die Verschwörungsszenarien, die den Anschlag als „inside job“ skizzieren, peinlich genau zer- und widerlegte. Bildungsfernsehen also, bloß in Deutschland. Nicht in Österreich.
Es bleibt also mittlerweile nicht mehr bei kleinen Forentrollen, die sachliche Diskussionen mit Argumenten wie „das hat die Physik bloß noch nicht bewiesen, aber das heißt nicht, dass es das nicht gibt“ blockieren, das Phänomen, der Wissenschaft Dogmatik und Starrsinn vorzuwerfen, bzw. Information, die nicht auf sachlicher Basis recherchiert wurde, als Wissenschaft zu verkaufen, breitet sich mittlerweile bis in den staatlichen Rundfunk aus und wird möglichweise bald Unterrichtsmittel für österreichische Schülerinnen und Schüler. Der ORF hat Religion und Wissenschaft neuerlich in einer Abteilung zusammengefasst..
Glauben heißt nichts wissen
Ich werde jetzt keine Brandrede auf die Toleranz der Wissenschaft halten, dazu fehlt hier der Platz, aber für alle, die der wissenschaftlichen Methodik und ihrer grenzenlosen Offenheit für Debatten Zensur und Starrsinn in Bezug auf „nicht erforschte Phänomene“ vorwerfen, sei hier ein für alle mal Folgendes festgehalten: die Wissenschaft verschließt sich rein gar nichts.
Theorien dürfen aufgestellt werden, egal wie absurd sie klingen. Der klitzekleine Unterschied zum Glauben ist jedoch der, dass sie auch einer Testung standhalten müssen. Tun sie das nicht, kann man, so man will, bis zum St. Nimmerleinstag fortfahren, um seinen Beweis zu finden, niemand wird einem das verbieten. Bloß wird die Theorie solange nicht als wissenschaftlich anerkannt, solange sie nicht den strengen Anforderungen im kontrollierten Experiment standhält und sich der Test auch wiederholen lässt.
Esoterikanhängern empfehle ich diesbezüglich die Sichtung dieser Youtubeclips (es gibt noch unzählige weitere), ganz nebenbei bemerkt kann man sich für den Beweis diversester ungeklärter Phänomene noch immer 1 Million Dollar bei der von James Randi ins Leben gerufenen Stiftung abholen. Es lohnt sich übrigens den kurzen Blogeintrag dort zum Thema Skeptizismus durchzulesen.
Wider die Unsachlichkeit
Ein weiteres Phänomen, welches die Vernunft in unserer Gesellschaft bald zur aussterbenden Geisteshaltung machen könnte, ist die Tatsache, dass auch Qualitätsmedien zunehmend auf den Effekt der Marktschreierei setzen.
Ein hervorragendes Beispiel dafür ist der vergangene Woche im Standard veröffentliche Vorschlag eines Politologen namens Peter Hajek, das Wahlrecht der Pensionisten 10 Jahre nach Pensionsantritt zu streichen. Der Grund: Bald würden die Pensionisten ein Drittel (!) aller Wahlberechtigten stellen und, so Hajek, „das ist wirklich eine Gefahr“.
Stellen Sie sich nur vor, Frauen bilden in etwa die Hälfte (!) der Wahlberechtigten, man sollte ihnen das Wahlrecht entziehen, schließlich ist eine derart homogene Wählergruppe nichts anderes als eine Gefahr für die Demokratie!
Unabhängig von der Demokratiefeindlichkeit der Forderung von Herrn Hajek, stellt sich mir die Frage, warum man derartiges in ein Medium, das sich selbst zu den Qualitätsmedien zählt, überhaupt einbringt. Ich vermute es hat mit Publicity, mit dem Faktor Aufregung zu tun. Wenn man schließlich am Boulevard schon hohe Wellen mit allerlei dummen Schlagzeilen macht, muss man sich als qualitativ hochwertiges Medium doch irgendwie zur Wehr setzen, nicht wahr? Da nimmt man dann einen Politologen, der offenbar selbst Aufmerksamkeit braucht, verpackt eine haarsträubende Forderung in einen „Vorschlag“ und raus damit.
Der österreichische Zeitungsmarkt ist bereits jetzt von niveaulosen Boulevardblättern überschwemmt, ich würde mir also insbesondere von den Qualitätszeitungen wünschen, dass sie sich als Bollwerk vor diese Aushöhlung der Seriösität stellen und sich nicht dazu verleiten lassen, nur um eine Debatte zu stimulieren, auf Marktschreier hereinzufallen, oder gar selbst diese Rolle zu übernehmen.
Und jetzt bitte beruhigen wir uns alle wieder, ok?
Die Hysterie und das Krawallmachen, die sich durch unsere gesamte Gesellschaft ziehen, sollten sich doch langsam wieder legen. In diesem Sinne fordere ich, genauso wie Jon Stewart bei seinen Landsleuten in den USA, auch für Österreich eine Rückbesinnung auf die Vernunft. Oder ganz einfach: Sapere aude!
Susanne, 29. September 2010
46 Antworten auf „Aufruf zur Wiederherstellung der Vernunft“
Eigentlich will ich ja vor allem die Kommentare abonnieren. Aber ich kann die Gelegenheit eines Kommentars doch gleich nutzen, hier eine Erinnerung anzubringen, weil das meiner Beobachtung nach von Befürwortern eines wissenschaftlich/empirisch fundierten Weltbilds manchmal „vergessen“ wird:
Das Ernstnehmen der Ergebnisse eines seriösen, wissenschaftlichen Diskurses gilt mE für ALLE Bereiche der Wissenschaft. Sofern jemand für sich selbst wahrnehmen sollte, dass er sich in manchen Bereichen gern auf den momentanen wissenschaftlichen Wissensstand und Konsens beruft, in anderen jedoch gar nicht, wäre dieser Beitrag hier eine Gelegenheit, darüber zu reflektieren.
Und nachdem die Kolumne ja „Demokratie für Fortgeschrittene“ heisst, erlaube ich mir ein politisches Statement: In Österreich stehen meiner Beobachtung nach ausnahmslos alle Parteien mit Teilbereichen der Wissenschaft auf Kriegsfuss. Die Roten negieren konsequent teils einfachste Zusammenhänge der Wirtschaftswissenschaft, die Schwarzen ignorieren den Kenntnisstand der Bildungswissenschaften, die Grünen stehen mE mit Teilbereichen der Physik und Biologie auf Kriegsfuss und mit den Wirtschaftswissenschaften haben sies auch nicht so wirklich, da war nur VdB eine wohltuende Ausnahme.
Bevor ich jetzt um „Belege“ gebeten werde, sag ich gleich dazu, dass es sich hier um eine Einschätzung auf Basis langjähriger Beobachtung handelt, die man teilen mag oder auch nicht. Ich werde die Zeit nicht haben, Beispiele auszurecherchieren, sondern möchte nur einen Gedankenanstoss für eigenes Nachdenken liefern.
Ich finde der Beitrag auf der von dir verlinkten Seite über Skeptiker und was ihr Wert für Wissenschaft und gegen Esotherik ist, bringt den Irrtum derjenigen, die Glauben Wissenschaft wäre Esotherik sehr schön auf den Punkt. Hier der direkte Link: http://www.randi.org/site/index.php/swift-blog/1096-what-it-means-to-be-a-skeptic.html
@Martin – danke dir mal für das konstruktive Mitdiskutieren! In Sachen Grüne und Bio bzw. Physik spielst du vermutlich auf die Gen-Debatte und Atomkraftwerke an? Wie ist deine Sichtweise dazu?
@Tom – danke ich hätte den Beitrag eigentlich gleich selber im Artikel noch mal verlinken sollen.
@Susanne: in aller Kürze: im Bereich herkömmlicher Atomkraft / Kernspaltung halte ich es nach heutigem Stand des Wissens für vordringlich, die Verbrennung fossiler Rohstoffe zurückzudrängen, zumal – so hart/unbegreiflich das in den Ohren vieler klingen wird – die Thematik der (End)lagerung von Atommüll bereits in der Welt ist. Wir müssen das Problem so gut es eben geht lösen, es wird durch eine weitere Nutzung der Kernspaltung für einige Jahrzehnte nicht mehr wesentlich grösser, weil die insgesamt anfallenden Mengen vergleichsweise klein sind. Den Grünen halte ich vor, dass sie einer rational begründbaren Entscheidung wie sie zB Schweden getroffen hat (Ölausstieg jetzt, Kernkraft nicht enthusiatisch aber aus Vernunftgründen noch weiterbetreiben, dann weitersehen) schon grundsätzlich nicht zugänglich sind. Das heisst im Kontext unseres Themas: man kann nicht einmal eine vernunftbasierte Debatte drüber führen, im Zuge derer ich vielleicht zur Überzeugung kommen könnte, dass ich falsch liege.
Weiters glaube ich, nach allem was ich drüber weiss, dass man die Forschung im Bereich Kernfusion nicht aufgeben sollte, solange keine wirklich überragend klar bessere Variante im Bereich erneuerbarer Energien in Sicht ist. Dabei glaube ich, dass die Forschung auch in diesem Bereich NICHT vernachlässigt werden darf. Wir können uns Forschung in beiden Richtungen leisten, hier benötigt es kein Entweder/Oder. Wiederum: Grüne sind einer vernunftbasierten Debatte, die mich von meiner Fehlgeleitetheit überzeugen könnte nicht zugänglich.
Im Bereich (va „grüner“) Gentechnik weiss ich viel zuwenig, um etwas Sinnvolles sagen zu können. Aber eines weiss ich ganz sicher. Ich würde mich nie und nimmer nur auf grüne Stimmen verlassen wollen, wenn es um die Einschätzung ihrer zukünftigen Nützlichkeit/Sicherheit/Einsetzbarkeit geht. Ich sehe im 21. Jahrhundert schon durchaus enorme Probleme kommen. Die Menschheit wächst voraussichtlich noch auf 11 Milliarden bevor sie wieder schrumpft, die Energieversorgung muss auf nachhaltig umgestellt werden, was voraussichtlich die landwirtschaftlichen Flächen belastet, das Welternährungsproblem muss endlich gelöst werden. Hätte ich selbst irgendwo, an irgendeiner Stelle eine Entscheidung zu treffen, ob Menschen verhungern sollen oder Gentechnik eingesetzt wird, wüsste ich wie ich mich entscheiden würde. Wiederum: was ich kritisiere, ist die mangelnde Basis für eine vernunftorientierte Debatte überhaupt. Nicht so sehr die konkrete Position, Nur der Umstand, dass die Basis fehlt, lässt mich – als letztlich auch „Unwissendem“ ratlos zurück. Denn auf Ideologien möchte ich eben nicht vertrauen.
Ich hoffe ich habe es so ca abgesteckt, was ich meine, ohne mir eine Debatte über Atom oder Gen aufzureissen. Die möchte ich nicht führen, zumindest nicht entlang altbekannter ideologisch vorgegebener Linien. Das bringt mir einfach nix.
Dieser Film über Lichtesser (wenn wir den gleichen meinen, „Am Anfang war das Licht“) hat im Kurier 5/5 Punkten. Ich hab gedacht, mich trifft der Schlag.
Die unreflektierte Ablehnung von Gentechnik und (in geringerem Ausmaß) Atomkraft ist auch eine der Sachen, die mich bei den Grünen am meisten stört. Da sind sich zwar glaub ich alle Parteien einig, aber das macht es nicht besser. Von Ökonomie hab ich selber zu wenig Ahnung, als dass ich da irgendwen kritisieren könnte.
Zu der Wissenschaft/Esoterik-Debatte: Mich würde in dem Zusammenhang Susanne Pollys Definition von Esoterik interessieren. Wollte den alten Thread nicht wieder ausgraben, deswegen frag ich hier.
@Martin – in Bezug auf die Kernkraft bin ich mir auch nicht ganz sicher, welche Position vernünftig ist. Das Endlagerungsproblem und die Möglichkeit eines Unfalles schrecken mich von derartigen Kraftwerken sowieso ab, aber andererseits kann man vermutlich nicht leugnen, dass die Technik mit den Jahren sehr viel verbessert wurde. Einige Leute in meinem Bekanntenkreis, mit Abschluss in Physik, argumentieren ähnlich und ich als Nichtphysikerin denke doch, dass die wissen wovon sie reden. Forschung in Sachen Kernfusion sollte unbedingt weiterbetrieben werden, da bin ich einer Meinung mit dir. Was die Gentechnik betrifft, so bin ich offenbar hauptsächlich besorgt, dass derartige Dinge, einmal ausgesät, nicht mehr umkehrbar sind, dass man Nahrungsmittelknappheit auch anders lösen kann, als mit gentechnisch verändertem Saatgut denke ich schon, aber ich habe mich ehrlich gestanden noch nicht ernsthaft mit dieser Thematik auseinandergesetzt.
@Sebastian – ich kann dein Grausen in Bezug auf die Bewertung dieses Films nachvollziehen. Was die Esoterikdebatte mit Susanne Polly betrifft, so müsstest du sie selbst fragen, was ihre Definition ist. Ich will den Thread gar nicht mehr nachlesen, denn es reicht mir schon wenn jemand mit dem Argument daher kommt, Wissenschaft wäre doch nur Esoterik. Außerdem möchte ich ehrlich gesehen, diese unnötige Debatte gar nicht mehr führen müssen.
@Martin Schimak:
Du bewegst dich mit deinen Postings in eine Richtung, in die, wie ich zuerst befürchtete, Susanne gehen würde.
Dort, wo die Wissenschaft zum Ratgeber der Politik wird, wird es, zumindest von der Außenwirkung höchst dogmatisch und diese Entwicklung ist auch daran mit Schuld, dass die institutionelle Wissenschaft immer stärker in Verruf kommt.
Susanne verteidigt da eher auf die wissenschaftliche Methode, mit der man z.B. im Esoterik-Bereich sehr einfach ermitteln kann, ob die Behauptungen der Esoteriker zutreffen.
Der ORF hat aber schon früher Esoterik gepusht. Zum Beispiel Granderwasser in Modern Times, vom späteren Wissenschaftssprecher der SPÖ, Josef Broukal. Grander bekam bekanntlich die höchste wissenschaftliche Auszeichnung der Republik Österreich.
Peter Hajeks Vorstoß ist nicht gegenaufklärerisch, sondern völlig normal im Bereich der philosophischen Diskussion über Herrschaftssysteme und Demokratiemodelle. Problematisch ist aber, dass es immer mehr als „Experten“ titulierte gibt. Bei der PULS4-Runde zur Wien-Wahl sitzen sogar drei Experten, die, wie es scheint, bereits mehr Sendezeit haben, als der Kandidat. Diese „Experten“ üben sich nicht in der objektiven, desinteressierten Analyse, sondern haben alle ihre eigene Agenda und versuchen die Kandidaten im Namen einer objektiven Wissenschaft zu beeinflussen.
Hier sei auch Helene Karmasin erwähnt, die „Motivforscherin“, die schon seit den 90ern im ORF ihr Unwesen treibt.
Ein gutes Beispiel für politisches Gegenaufklärertum sind die Attacken auf Thilo Sarrazin. Speziell die Leugnung der Robustheit und Bedeutung des IQ und der Erblichkeit desselben. Beides ist gesichertes Wissen.
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Die Wissenschaft beschäftigt sich heute zunehmend mit schwierigeren und diversifizierten Fragestellungen und es gibt eine Inflation wissenschaftlicher Betätigungsfelder. Die Aussagekraft und Sicherheit neuer Erkenntnisse sinkt. Wenn man die Studien selber liest, dann steht das ja auch drin, dass die Wissenschaftler ihre Aussagen doppelt und dreifach qualifizieren und auch noch mögentliche, später zu überprüfende Gegenthesen anbieten.
Gleichzeitig wird die Wissenschaft im schnelllebigen Medienzeitalter besonders aktionistisch ausgeschlachtet. Von Journalisten auf der Suche nach Auflage, einzelnen narzisstischen Wissenchaftlern und von Politikern auf der Suche nach Profilierungsfeldern.
Dazu gehören eben die Passivrauch-Frage, Klima, Gentech, Ernährung, Bildung, Gesellschaft, Kriminologie und vieles mehr.
Dadurch wird umgekehrt auch die Wissenschaft politisiert und außerdem ermahnt, nur ja keine politisch inkorrekten Resultate zu bringen.
@Martin Schimak:
Ich bin angesichts deiner sonstigen Fairness erstaunt, mit welcher Sicherheit du speziell die Wirtschaftspolitik der SPÖ und die Bildungspolitik der ÖVP als objektiv unwissenschaftlich abtust.
@Susanne Wie gesagt, es bringt eh gar nix, hier jetzt eine letztlich unqualifizierte Debatte zu führen, weil uns allen das Fachwissen fehlt. Aber gerade deshalb ist mir Dein Beitrag eigentlich so wichtig. Weil er dabei helfen kann, das Verhältnis von Wissen(schaft) und Politik zu klären, und zwar auf eine Art und Weise, die nicht mit dem Finger auf andere zeigt, sondern die Thematik als eine sieht, die alle betrifft.
Zur Klärung von Wissensfragen kann ich mich mit Experten unterhalten. Und kann ihnen kritisch auf den Zahn fühlen, wie es um ihr „Wissen“ wirklich bestellt ist, wenns sein muss jahrelang und immer wiederkehrend. Aber ich muss selbst auch neugierig bleiben und immer damit rechnen, dass sich a. unser Wissen weiterentwickelt und daher die Beurteilung von Technologien sich ändern kann und b. die Rahmenbedingungen, die Umwelt, die Fragen denen wir uns ausgesetzt sehen sich laufend ändern und sich daher unter Abwägung aller Umstände unsere Bereitschaft eine Technologie einzusetzen ändern kann/muss.
Denn was auch klar ist: am Ende des Tages muss gerade beim Einsatz risikobehafteter Technologien die Gesellschaft entscheiden, ob sie sie einsetzen möchte oder auf ihren Einsatz verzichtet. Der demokratische Prozess ist unverzichtbar: in der Politik gehts also ums „Wollen“, nicht primär ums „Wissen“. Wenn eine Gesellschaft allerdings sich nicht mehr ums Wissen als eine der Grundlagen für ihr eigenes „Wollen“ schert, sondern lieber an althergebrachten Überzeugungen festhält, dann schädigt sie sich letztlich selbst. Sie frönt dann einer Art esoterischen, glaubensorientierten, ideologieorientierten Haltung.
Wenn ich das beobachte, dass die Wissensermittlung als Basis der „Wollensermittlung“ letztlich keinen Wert mehr hat, dann unterminiert das mein Vertrauen so stark, dass ich letztlich keine Möglichkeit mehr habe, mich wirklich aus Überzeugung von solchen politischen Vertretern gut vertreten zu fühlen. Wie gesagt: das trifft wieder alle, nicht nur die Grünen. Denn der Prozess, wie sie zu ihren Entscheidungen kommen passt hinten und vorne nicht. Wobei ich mir sicher keine Wunder erwarte, aber eben doch eine grundsätzliche Bereitschaft, alte Überzeugungen fallenzulassen, eine letztlich empirische Grundeinstellung, wenn man so will. Und die sehe ich weit und breit nicht in mir ausreichendem Mass.
@ Martin – volle Zustimmung!
@Dieter: jetzt erst Deinen Comment gelesen.
„Ich bin angesichts deiner sonstigen Fairness erstaunt, mit welcher Sicherheit du speziell die Wirtschaftspolitik der SPÖ und die Bildungspolitik der ÖVP als objektiv unwissenschaftlich abtust.“
Das stimmt auch so nicht ganz, habe ich so nicht geschrieben oder gemeint. Das worums mir geht ist die dogmatische Grundeinstellung in jeweils verschiedenen Bereichen, die es den betroffenen Parteien schon prinzipiell verunmöglicht weiterzulernen. Es geht nicht darum, Politik durch Wissenschaft zu ersetzen, das wäre entsetzlich falsch.
Anders gesagt: ich kann dann eine bestimmte Bevölkerungsgruppe, zB die „einfachen Menschen“ oder die „Frauen“ am besten politisch vertreten, wenn ich das auf Basis des besten uns zur Verfügung stehenden Wissens tue und erst dann politische Schlüsse daraus ziehe.
Worauf Dieter hier auch hinweist, ist, dass Wissenschaft im öffentlichen Diskurs ununterbrochen missbraucht wird und sich auch missbrauchen lässt – das ist keine Einbahnstrasse. Auch daher wird vermutlich das Bild vieler Menschen geprägt, dass es „für alles und jedes eine wissenschaftliche Begleitmusik gibt“. Am Ende bleibt, dass man der Wissenschaft nicht trauen kann.
Damit im Zusammenhang steht auch das Thema der „Schnellebigkeit“, von Dieter angesprochen. Es ist natürlich nicht sinnvoll, auf Basis irgendwelcher „allerneuester“ einzelner Studien Politik zu machen. Sondern ist im Gegenteil wiederum Missbrauch, weil eine kritische Politik jedes Recht und sogar die Pflicht hätte sehr junger wissenschaftlicher Erkenntnis mit Vorsicht zu begegnen. Nicht unwahrscheinlich, dass es sich um Zwischenergebnisse, Halbwissen, oder voreilige Schlüsse handelt oder einfach noch viele Jahre ins Land gehen müssen, bevor man sagen kann, dass es sich um einigermassen vertrauenswürdiges „Wissen“ handelt. Am Ende bleibt wieder das öffentliche Bild, dass man „der Wissenschaft“ nicht trauen kann.
Ich traue Politikern nicht, die derart mit Wissenschaft umgehen. Denn im Grunde machen sie schlicht und einfach ihren Job nicht.
@Susanne
„Fragen Sie mich nicht, wie man von der Meinungsfreiheit auf Esoterik kommt…“ Wundert Dich das tatsächlich? Diskussionen enden (gerade im Netz) oft an ganz anderen Orten, als sie Ausgang nehmen.
Der österreichische Rundfunk hat eine einzige Existenzberechtigung, und die heißt Ö1. Ansonsten habe ich, als ich noch einen Fernseher mein eigen nannte, dort nicht allzu viel Interessantes entdecken können – im Wesentlichen habe ich fernsehen als Zeitverschwendung empfunden.
Zum Thema: Das Problem ist, glaube ich das „Argument“ Wissenschaft. Wir hatten ja vor einiger Zeit eine „Autoritätsdiskussion“ geführt; ich denke, dass die stete Wiederkehr des Vokabels Wissenschaft zumindest ermüdend ist. Vor allem aber ist es nicht notwendig: Dort wo wir argumentieren, also einen nachvollziehbaren, weil rationalen Diskurs führen, ist gewährleistet, dass wir einander verstehen (zugegeben, etwas vereinfacht) – aber was braucht es mehr?
„Theorien dürfen aufgestellt werden, egal wie absurd sie klingen.“ Nur Theorien die widerlegbar (also prüfbar) sind, ansonsten gibt man sich recht schnell dem allgemeinen Gelächter preis.
Und bitte, so etwas nie schrieben: „Esoterikanhängern empfehle ich diesbezüglich…“ Ich lese da nur mehr sehr ungern weiter, mal abgesehen davon, dass es didaktisch kontraproduktiv ist.
Presse und Standard sind Qualitätsmedien? In deren Onlineversionen (besonders bei ersterer) tut man sich schon schwer einen Text vernünftig zu formatieren. Nein: Im Vergleich zu ihren z.B. deutschen Kollegen gibt es einen großen Aufholbedarf.
Und meinst Du nicht des Öfteren Verstand, wo Du Vernunft sagst?
Vielleicht in Anbetracht des Gesagten ein (möglicher) Konsens (auf den ich schon an anderer Stelle gestoßen bin): Politik muss pragmatischer werden, und sich eingestehen, dass wir oftmals nicht wissen, wie sich viele Angelegenheiten entwickeln werden; daher auch nicht, ob wir ein Ziel erreichen werden, und wie wir es erreichen. Das Gegenteil eines „Yes, we can“ in jedem Fall.
Ich bin mir nicht sicher, inwieweit sich diese Abwendung von den Zielen und Grundsätzen der Aufklärung verstärkt hat, oder ob dem nicht vielmehr schon immer so war. Ein paar hundert Jahre nach der Aufklärung wissen wir zumindest eines: Sie wird nie einen glasklaren Sieg davon tragen. Sie wird immer im Kampf mit anti-aufklärerischen Tendenzen stehen.
Weil die Debatte um Grüne Gentechnik hier angesprochen wurde: Zuallererst sei gesagt, dass ich weder eindeutig pro noch eindeutig contra bin. Aber in der Diskussion zeigt sich auf Seiten der Gegnerschaft leider allzu oft eine primitive Wissenschaftsfeindlichkeit. Der Biologe wird da schnell zum Frankenstein erklärt. Man spricht von „unnatürlichem“ Verfahren – unnatürlich? Was soll das heißen? Dass „natürlich“ nicht als Handlungsempfehlung taugt, wissen wir in der Philosophie spätestens seit 1750. Darüber hinaus: Ist Pflanzenzucht „natürlich?“ Hat jemand schon mal beispielsweise die Urform des Mais gesehen? Da erkennt man kaum, dass wir aus dieser Pflanze unseren heutigen Mais gezüchtet haben. Und auch dieser Mais hat den Ur-Mais verdrängt und ist nicht wieder „rückholbar“. Oder hat jemand Angst vor Nektarinen? Nein? Wenn jemand sagen würde, er möchte einen Pfirsich gentechnisch verändern, so dass er keine Haare mehr hat und eine straffere Haut, würde es einen Aufschrei geben. Nochmal: Damit sei nicht gesagt, dass die Gentechnik-Gegner allesamt unaufgeklärte Idioten sind, überhaupt nicht, aber leider sind ihre „Argumente“ nur allzuoft Ausdruck einer Wissenschaftsfeindlichkeit. Damit schaden sie ihrer Sache mehr als sie nützen.
@ metepsilonema: „Der österreichische Rundfunk hat eine einzige Existenzberechtigung, und die heißt Ö1.“ Einspruch. Der öffentlich rechtliche Auftrag umfasst doch nicht „nur“ Bildung und Information, oder? Eine Aufgabe ist doch auch z.B. Unterhaltung. Und ö3 unterhält jeden Tag über eine Million Österreicher. Demnach würde ich schon sagen, dass ö3 perfekt seinen Auftrag erfüllt. (Aber deinen Punkt sehe ich natürlich: Es ist ein bissi viel Unterhaltung und wenig solide Info. Und ganz gaaaanz unangenehm wird’s, wenn ein Unterhaltungsmann eine Doku glaubt drehen zu müssen… 😉
@Dyrnberg
Das war natürlich polemisch; Du hast völlig recht, dass der öffentliche Auftrag auch Sport und Unterhaltung beinhaltet. Aber Ausgewogenheit kann ich im Ö3 keine entdecken. Und es ist ja nicht so, dass es nicht genügend Unterhaltung von privater Seite aus gäbe. Ich kenne auch Klagen (kann und will das zur Zeit nicht selbst beurteilen), dass interessante Kultursendungen im Fernsehen (ORF) meist zu völlig unmöglichen Zeiten gebracht werden, man sich also offenbar nicht traut Hauptabendprogramme damit zu füllen – die Quote scheint wichtiger zu sein…
Aufklärung: Mir scheint, dass man allerspätestens nach Adorno und Horkheimer die Debatte um Aufklärung nicht mehr so einfach führen und entscheiden kann wie zur Zeit Kants. Aufklärung muss mittlerweile Selbstkritik und Selbstreflektivität hinsichtlich ihrer Ziele und der Entwicklungen, die wie Moderne nennen, einschließen.
Argumente gegen Gentechnik zeichnen sich m.E. noch viel stärker durch Ahnungslosigkeit und Angst aus (was nicht heißen soll das Kritik daran verfehlt ist; meine Position wäre, die Notwendigkeit entscheiden zu lassen: Niemand braucht Gentechnik um schöneres Obst zu bekommen, ein Einsatz zur Hungerbekämpfung oder Spritzmittelreduktion ist eine ganz andere Angelegenheit).
@metepsilonema – ich bin nicht der Meinung, dass die Verwendung des Arguments „Wissenschaft“ problematisch ist, genau darum geht es ja, wenn die Diskussion sich um das Thema dreht, dann muss es legitim sein, Wissenschaft als Argument zu verwenden. Wer damit ein Problem hat, sollte sich aus dem Diskurs ausklinken, das steht ja ohnehin jedem frei.
Und ja, alle Theorien dürfen aufgestellt werden, auch wenn sich wer dem Gelächter preis gibt. Wenn sie nicht überprüfbar sind, dann bewegen wir uns ohnehin wieder auf dem Gebiet des Glaubens.
Deiner Bitte „so etwas nie schreiben“ kann ich leider nicht nachkommen, ich schreibe meine Kolumne so wie ich sie schreibe. Punkt. Es steht dir aber jederzeit frei die Lektüre zu beenden, wenn dir eine Wortwahl nicht gefällt.
@dyrnberg – mir ist schon klar, dass die Aufklärung nie und nimmer einen klaren Sieg davon tragen wird, aber nachdem sich Entwicklungen immer in einem Auf und Ab befinden und ich den Eindruck habe, dass es mit dem Einhalten aufklärerischer Prinzipien derzeit wieder mal bergab geht, lohnt es sich immer sich für einen Umschwung in die andere Richtung einzusetzen.
Was die Debatte rund um Genmanipulation et. al betrifft so stimme ich dir und Martin ja zu, dass man als Nichtexperte diesbezüglich oft einfach viel zu wenig weiß, genau deshalb ist es auch sinnvoll sich Expertenmeinungen einzuholen und offen darüber zu diskutieren.
In Sachen ORF bin ich auch der Meinung, dass man es wie im Falle von Ö1 durchaus „kann“, ein gutes Programm zu bieten. Ich verschließe mich auch dem Unterhaltungsfaktor nicht, das ist eben Fernsehen und da kann sowas auch trotz Bildungsauftrag Platz haben. Problematisch wird es eben dort, wo de facto dem Bildungsauftrag nachgekommen wird, dann aber nicht Information, sondern eine Mischung aus Infotainment und Meinung gebracht wird. Abschreckendes Beispiel: der US Sender Fox. Wenn man also im ORF auch langsam damit beginnt, die Grenzen zwischen Nachrichten und Unterhaltung zu verwischen – Stichwort 9/11 „Doku“ dann muss man sich meiner Meinung nach dagegen zur Wehr setzen.
@Susanne
Vielleicht missverstehen wir einander: Ich meine, dass eine Debatte nicht durch die Feststellung entschieden werden darf, dass etwas, nur aus dem Grunde, weil es Wissenschaft sei (oder von einem Wissenschaftler geäußert wurde), richtig ist, also z.B. das Ergebnis einer Studie. Auf hier gilt, dass man begründet, und sich auch die Argumentation der vorliegenden Studie ansieht, ein bloßer Rekurs darauf ist zu wenig. Warum, wird schnell klar, wenn wir uns an die Studien erinnern, die versucht haben, die gesundheitlichen Auswirkungen des Rauchens zu negieren, die von Wissenschaftlern verfasst wurden (und von bestimmen Konzernen „gesponsert“), oder einfach daran, dass auch Wissenschaftler irren können (und sie selbst würden nie anderes behaupten).
„ich schreibe meine Kolumne so wie ich sie schreibe. Punkt. Es steht dir aber jederzeit frei die Lektüre zu beenden, wenn dir eine Wortwahl nicht gefällt.“
Darfst Du. Das hat auch niemand bestritten, aber es ist mir unverständlich warum ihr hier immer wieder so patzig auf Kritik reagiert. Ist euch egal was ihr bewirkt, wer eure Texte liest oder wie sie ankommen? Ich denke es ist kontraproduktiv Esoterikern etwas von oben herab vorzuhalten, das hat noch nie irgendwelche Änderungen bewirkt. Oder war das nicht intendiert?
@metepsilonema – genausowenig aber bringt es etwas zu versuchen, Esoterikanhängern die Welt zu erklären. Deshalb richtet sich mein Aufsatz auch nicht an Leute, die davon überzeugt sind, dass man sich von Licht ernähren kann, sondern an diejenigen, die dazu beitragen wollen, dass sich die diesbezügliche Dummheit, die hierzulande um sich greift nicht noch weiter ausbreitet. Also an Leute, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, bedenkliche Entwicklungen, wie die Zuerkennung des Prädikat „Besonders wertvoll“ an eine Pseudodokumentation, aufzudecken und laustark zu kritisieren.
Gilt Kants Antwort auf die Frage „Was ist Aufklärung?“ nicht mehr? Du musst niemandem die Welt erklären, das war doch sein Postulat, dass „Aufklärung […] der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit [ist].“ Und: „Unmündigkeit […] das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“* Es geht doch darum jemandem eine andere Position näher zubringen, aber nicht aufzuzwingen, entscheiden muss er das dann selbst. Wenn Aufklärung erfolgreich sein kann, dann nur unter der Annahme, dass die allermeisten zu selbstständigem Denken fähig sind, wenn sie denn wollen – darauf beruht unsere Demokratie letztendlich auch.
Es ist doch fundamental, wen Kritik erreichen, und was sie verändern soll. Die, die ohnehin bescheid wissen, werden sie am wenigsten nötig haben. Ein Beispiel in meinem Bekanntenkreis (auch wenn das kein Esoteriker war) zeigte mir unlängst sehr schön, dass eine ruhige, sachliche Darstellung viel Wirkung zeigen kann (es ging um diese Lichtfutterei).
* http://gutenberg.spiegel.de/?id=5&xid=1366&kapitel=1
Passiert ja selten, dass ich das sage, aber da hat Metepsilonema recht. 😉
Natürlich geht es darum, den (ich sags mal ungeschönt) „Dummen“ ihre Dummheiten wegzuerklären.
Aber ihr redet ein bisschen aneinander vorbei, Susanne richtet sich hier nicht an die Aufzuklärenden, sondern an die „Gescheiten“ und ruft sie dazu auf, aufzuklären und sich außerdem auch der Verbreitung von Wahnsinn entgegenzustellen. Ich denke es geht ihr in diesem Beitrag eher ums Mobilisieren zur Aufklärung, als um die Aufklärung selbst.
@Tom
Ich bin mir da nicht ganz sicher: Wenn Susanne sich an die Aufklärenden richtet, aber gleichzeitig sagt, dass diejenigen („die Esoteriker“), die (aus ihrer Sicht) diese Aufklärung am nötigsten haben, sie gar nicht verstehen können, dann sehe ich da schon einen Widerspruch.
Noch ein Beispiel aus eigener Erfahrung, ein echt esoterisches diesmal, vielleicht wird mein Standpunkt dann besser verständlich: Ich kann mich an Diskussionen erinnern, in denen eine Esoterikerin völlig abstrus erscheinende Standpunkte vertreten hat. Wenn man sich aber die Mühe gemacht hat, sich auf ihre Position einzulassen, was nicht einfach war, und viel Geduld benötigte, konnte man erkennen, dass sie sehr konsequent von ganz anderen erkenntnistheoretischen Annahmen ausging, als es jemand tut, der Wissenschaftler ist, oder „Normalverbraucher“. Ihr Standpunkt war nicht falsch, nur eben ein anderer (die praktischen Konsequenzen einmal außer Acht gelassen).
Wenn man nun so weit ist, an einem Punkt, wo man den anderen besser versteht, und sagen kann: Gut, du gehst von anderen Grundlagen aus, und kommst daher an ein anders Ziel, dann gelingt es eher friedlich miteinander auszukommen, und, das ist wichtig, kann jetzt besser über die Konsequenzen der Weltbilder zu verhandeln. Natürlich gibt es Propaganda, Kampf um Aufmerksamkeit, den Krieg der Worte. Aber als letztes Mittel, wenn es nicht mehr anders geht.
Dort wo nur mehr Wissenschaft gilt, landet man in einer Totalität, die ziemlich übel aussehen kann, und blendet Dinge aus, die außerhalb ihrer selbst liegen, das sollte man nicht vergessen (ich meine aber nicht, dass das irgendein Anwesender vertreten hätte).
@metepsilonema Tom hat das schon richtig verstanden – ich richte mich an den Teil der Gesellschaft, der noch einen Rest von Vernunft hat. Desweiteren geht es mir auch darum, diejenigen zu schützen, die noch offen sind sich eine Meinung zu bilden, insbesondere Schüler. Denen den Unterschied zwischen esoterischem Humbug und wissenschaftlicher Arbeit zu erklären, oder ganz einfach eine gesunde Portion Skepsis (die ja die Grundlage jeden wissenschaftlichen Arbeitens, samt Neugier, bildet) zu vermitteln halte ich für überaus wichtig und da setzt auch mein Aufruf an, der an diejenigen Menschen geht, die in Österreich Wissensvermittlung betreiben – Zeitungen, Rundfunk und Schulen, Politiker, Wissenschaftler etc.
D.h. nicht, dass es nicht manchmal sinnvoll wäre, zumindestens zu versuchen, jemandem zu erklären warum Lichtnahrung z.B. ein Blödsinn ist, aber wer fest daran glaubt, wird sich auch von mir nicht davon überzeugen lassen, daher ja die Verwendung von Killerargumenten, wie Wissenschaft wäre auch nur eine Ideologie. Vor allem würde ich wenn, dann das persönliche Gespräch vorziehen, aber – nein – ich würde mich nicht auf die Position eines überzeugten Esoterikanhängers einlassen, das halte ich nicht für zielführend.
Ich habe insbesondere ja auch kein Problem damit, was die Leute privat für Meinungen und Glauben haben, jeder wie er will und ein Auskommen ist diesbezüglich solange voll ok, solange diese Leute nicht versuchen, ihre krausen Theorien als Unterrichtsfach – Stichwort Kreationismus – zu verkaufen. Da hört sich bei mir der Spaß auf.
Ich glaube (mit Popper, dessen Haltung ich da sehr schätze), dass wir niemand überzeugen müssen. Damit fängt das Übel an, sozusagen. Das ist oft bei Diskussionen im Netz zu beobachten (und man macht gerne selbst den Fehler): Jeder kann die vorgetragenen Argumente lesen, nachvollziehen, und sich seine Meinung bilden…
Vielleicht auch noch kurz zu dieser Infotainment-Sache: Du hast recht, dass das grauenhaft ist, vor allem wenn es „gut“ gemacht ist. Aber ich glaube, dass das Bedürfnis und das Angebot immer unterhalten werden zu wollen, und zu können, das erst auf den Plan gerufen haben.
@metepsilonema Ich schätze Deine Haltung des „Sich-in-den-anderen-Hineindenkens“ und versuche das im Grunde selbst so zu leben. Und doch habe ich ein gewisses Problem, wenn ich dann zB lese
„Wenn man sich aber die Mühe gemacht hat, sich auf ihre Position einzulassen, was nicht einfach war, und viel Geduld benötigte, konnte man erkennen, dass sie sehr konsequent von ganz anderen erkenntnistheoretischen Annahmen ausging, als es jemand tut, der Wissenschaftler ist, oder ‚Normalverbraucher‘. Ihr Standpunkt war nicht falsch, nur eben ein anderer“
Das Problem ist, man muss mE zwei Dinge unterscheiden. Das eine ist, dass ich versuche so gut wie möglich zu verstehen, wie der andere denkt.
Und wenn ich darin für mich wertvolle Punkte erkenne, dann kann ich das in mein Denken integrieren und „lernen“.
Andererseits aber, wenn ich trotz oder auch gerade wegen des erfolgreichen Versuchs, mich hineinzudenken, zum Schluss komme, dass ich das verstandene Denkmuster des Anderen für sagen wirs direkt „unterlegen“ halte, dann darf ich eigentlich nicht beim wohlwollenden Lächeln stehenbleiben. Das ist der Punkt an dem alles beliebig werden kann, wenn ich da nicht Stellung beziehe, werde ich nicht nur mir selbst untreu, sondern nehme auch meinem Gegenüber die Chance von mir zu lernen!
Wobei das Problem an sich eigentlich großteils fiktiv sein sollte, denn wenn alle logischen Argumente ausgetauscht sind, sollte am Ende eigentlich die vernünftige Lösung obenauf sein (wobei in einzelnen Diskussionen halt wahrscheinlich so gut wie nie bis zum Ende diskutiert wird).
Leute die das bessere Argument nicht akzeptieren, haben ihrerseits für ihres keine Akzeptanz verdient. Und wenn am Schluss rauskommt, dass ein der aufgeklärten Grundordnung widersprechendes Wertebild (z.B. Rassismus oder Fanatismus) das bessere Argument abblockt, dann ist Toleranz auch nicht angebracht.
Damit ist nicht gesagt, dass es zu allem nur eine gültige Haltung geben kann, weil weder die Menschheit insgesamt noch wir Einzelnen alles wissen können. Aber es gibt dennoch Haltungen, die eben nicht akzeptabel sind.
Beispiel: Der Kreationismus wurde (abgesehen von der Grundproblematik der Annahme eines unbeweisbaren Schöpfers und des missionarischen Charakters) nun schon so oft widerlegt, dass es einfach zur Pflicht wird, seine Lehre an Schulen zu verhindern. Da kann man nicht zurückgelehnt sagen „Hey ok, der Lehrer sieht das so, das müssen wir akzeptieren“.
Eine Anmerkung noch @metepsilonema:
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„Ich glaube, dass wir niemand überzeugen müssen. … Jeder kann die vorgetragenen Argumente lesen, nachvollziehen, und sich seine Meinung bilden…“
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Die Argumente überhaupt vorzutragen ist doch das, was wir „überzeugen“ nennen. Und natürlich müssen wir das tun. Es geht nicht darum, Leute zu etwas zu zwingen, sondern der (oft auch bewussten) Verbreitung von Dummheit und falscher bzw. selektiver Information das vernünftige Argument entgegenzustellen.
@Tom: du hast das was ich meine glaub ich wesentlich besser ausgedrückt.
Und jetzt möcht ich nach nochmaligem Lesen doch auch noch zum letzten Absatz von @metepsilonema Stellung beziehen: „Dort wo nur mehr Wissenschaft gilt, landet man in einer Totalität, die ziemlich übel aussehen kann, und blendet Dinge aus, die außerhalb ihrer selbst liegen, das sollte man nicht vergessen (ich meine aber nicht, dass das irgendein Anwesender vertreten hätte).“
Ich glaube zu wissen, was damit gemeint ist, jedes Weltbild kann zu einer „Verengung“ führen, auch ein von wissenschaftlicher Seite kommendes… und dennoch halte ich den Satz so wie er dasteht für letztlich falsch. Denn er handelt für mich von einer falsch verstandenen „Wissenschaftlichkeit“. Dort wo eine skeptische Grundhaltung zu einer vorschnellen Verächtlichmachung unerforschter Phänomene wird, dort wo angesichts echten wissenschaftlichen Fortschritts die Grenzenlosigkeit unseres Unwissens in Vergessenheit gerät, auch dort wo selbst entwickelte Thesen bis ins Grab verteidigt werden anstatt sich den Thesen eines anderen neugierig zu öffnen, DORT herrscht Totalität unter dem Deckmantel der Wissenschaftlichkeit, die – wie Du sagst – „ziemlich übel aussehen kann“, und Dinge „ausblendet, die außerhalb ihrer selbst liegen“ – ABER dort herrscht eben letztlich keine wahrhaft wissenschaftlicher Zugang, keine wahrhaft wissenschaftliche Haltung.
Der Umstand dass unser Wissenschaftsbetrieb eben nicht nur Leute umfasst, die diese Haltung verstanden haben und leben, sondern auch von arroganten Besserwissern durchzogen ist, darf den Blick auf die wahre Bedeutung von Wissenschaftlichkeit nicht trüben.
@ Tom, Martin, Metepsilonema: Ich glaube im Grunde kommen wir uns ja eh sehr nahe, es geht wohl hauptsächlich um das (Miss)Verständnis von dem was Wissenschaft ist. Das sehe ich ähnlich Tom und Martin. Wissenschaftlichkeit, im wahrsten Sinne des Wortes und in ihrer meines Erachtens nach richtigen Anwendung, lässt sehr viel Spielraum für Argumentation und Theorientestung und ist auch, so glaube ich grenzenlos tolerant. Man kann allem nachgehen und alles überprüfen, aber wogegen ich mich verwehre ist eben die Vereinnahmung der Wissenschaft als Dogma. Das ist sie nämlich nicht. Wissenschaft ist alles andere als Dogmatik und wer genügend unterstützende Fakten für seine Theorie findet, der überzeugt schließlich auch seine Gegner – Stichwort Charles Darwin. Dessen „On the origin of species“ empfehle ich jedem mal zu lesen, weil er sich da einerseits sehr verständlich mit seiner Theorie auseinandersetzt, andererseits aber die Prinzipien der Wissenschaft hochhält und sämtliche seiner Argumente mit Experimenten (die er zum Teil selbst durchgeführt hat) untermauert. Ganz nebenbei ist das Buch auch literarisch wertvoll. So stelle ich mir Wissenschaft im besten Sinne vor und so möchte ich sie auch den Schülern vermittelt sehen.
@Susanne Allerdings muss man umgekehrt find ich auch sehen, dass wahrlich nicht alles im realen Wissenschaftsbetrieb mit diesem besten Verständnis von Wissenschaftlichkeit konform geht. Mann muss daher auch dessen Verfahren gegenüber skeptisch bleiben.
Mir fallen da Dinge ein, die mich in den letzten Jahren nachdenklich gemacht haben: Publikationen im Bereich von als „widerlegt“ geltenden Thesen scheinen es manchmal auch dann nicht durch das Peer Review System zu schaffen, wenn sie formal nicht zu beanstanden sind, etwa weil sich die Journale oder die Reviewer durch eine Freigabe der Publikation nicht in der Community „blamieren“ wollen. Sowas ist im Kern eine unwissenschaftliche Haltung, die im vorauseilenden Gehorsam vor einem letztlich unwissenschaftlich denkenden Publikum getätigt wird. Konkret habe ich u.a. zB einiges dazu gelesen wie die Forschung im Bereich der sogenannten „Kalten Fusion“ in den letzten 20 Jahren sehr versteckt weitergegangen ist, eben weil möglicherweise doch irgendein Phänomen da ist, das vielleicht auch mit einer (kalten) „Kernfusion“ gar nichts zu tun hat. Meinem Eindruck und meiner Beobachtung nach war diesem Forschungsbereich der Zugang zu wissenschaftlicher Veröffentlichung weitestgehend versperrt, weil der Zweig seit dem „öffentlichen Flop“ 1989 als diskreditiert gilt und es daher als tendentiell „peinlich“ gilt, hier weiterzuveröffentlichen. Genau solche Haltungen sind im Kern unwissenschaftlich und man muss daher gerade auch im Bereich „Esowatch“ immer schaun, den seriösen Pfad nicht zu verlassen, an allem zu zweifeln, aber eben auch angesichts des als gesichert geglaubten Wissens spektakuläre Claims für prinzipiell nicht ausgeschlossen zu halten. Deshalb ist auch das Sich-Lustig-Machen über solche Claims für mich immer auch ein bissl problematisch (so sehr ich es oft nachvollziehen kann und/oder durchaus auch selber mal tue)
Da muss man die These in den Raum stellen, dass für die Wissenschaft dasselbe wie für die alltägliche politische Diskussion gilt: Dass ängstliche Tabus schlussendlich nie wirklich gut sind.
@Tom: Ja, und das führt uns auch wieder dorthin zurück, dass wir hier nicht nur von „Wissenschaft“ ieS sprechen, sondern eben von einer vernunftorientierten, möglichst angst- und tabufreien Lebenseinstellung. In deren Rahmen man alles hinterfragen können soll ohne gleich fürchten zu müssen von anderen schon für die Frage angefeindet oder blossgestellt zu werden. Und dazu gehört aber eben auch, dass nicht alles „relativ“ und schwammig ist, sondern dass man zu seinen aktuellen Überzeugungen auch steht. Bei gleichzeitiger Bereitschaft, sie uU auch zu ändern. Das ist, wenn man so will, dann auch ein skeptisch/aufgeklärter Zugang zu Politik.
@ Tom und Martin – stimme zu, hinzuzufügen ist zu deinem vorletzten Comment (Martin) noch, dass ich da durchaus auch in der Forschung Möglichkeiten sehe, die man verbessern oder ändern sollte, weil sie sich letztlich nicht ganz bewährt haben. Das peer review System selbst zum Beispiel ist verbesserungswürdig, da hat es schon des öfteren Vertrauensbrüche bzw. Diebstahl von Daten und Ideen gegeben. Des weiteren finde ich auch die extreme Wettbewerbsorientiertheit in der Wissenschaft z.T. kontraproduktiv. Power Of Citation z.B. – das verlockt zur Gastautorenschaft, oder zur Ehrenautorenschaft und spiegelt nicht den tatsächlichen Forschungsoutput wider, außerdem verbaut es jungen Forschern (ich kann davon ein Lied singen) manchmal den Weg – Stichwort „Publish or Perish“ – da kann noch einiges verbessert werden.
@Martin, Susanne, Tom
Wir stimmen darin überein, dass wir mit der empirischen Wissenschaft eine Methode besitzen, die unter bestimmten Annahmen Wahrscheinlichkeitsaussagen über Hypothesen gestattet. Unser Dissens liegt darin, welcher Anspruch sich aus dem Erfolg dieses Konzepts, der sich, erkenntnistheoretisch nicht ganz unproblematisch, in der Technik und Naturbeherrschung zeigt, ableiten lässt.
Genau daher rührt mein Unbehangen (und vor allem das zahlreicher Philosophen): Aufklärung, Wahrheit, und Wissenschaft wohnt eine Tendenz zur Macht und zur Totalität inne, derer man sich bewusst werden muss. Eine Vernunft, die das nicht mitdenkt, die nicht selbstreflexiv genug ist, um das Andere, um die Ambivalenz zu schützen, „tötet“ sie. Der Anspruch auf eine Wahrheit, radiert alles andere (außer einem) aus, im abstrakten, wie im physischen Sinn: Das 20. Jahrhundert ist voll von Verirrungen im Dienste der Wahrheit, an deren Ende immer Menschen in irgendwelche Lager getrieben wurden. Und es ist völlig gleich, ob das im Dienste der tatsächlichen Wahrheit (die wir ohnehin nicht kennen) oder einer eingebildeten geschieht. Tote bleiben Tote.
Ich sage nicht, dass der Weg den „die Postmoderne“ gegangen ist, der richtige ist; wir müssen den Wahrheitsbegriff nicht verwerfen, aber sehen, dass selbst er kritisiert werden muss – daher meine ich auch, dass ethische und weltanschauliche Fragen nicht Thema der Wissenschaft sein sollen, können und dürfen.
[Ich weiß, das ist drastisch formuliert – ich will damit niemandem persönlich nahe treten.]
Ich habe unseren Dissens oben noch einmal sehr deutlich gezeichnet: Wissenschaft ist keineswegs tolerant, über das was wahr oder falsch ist, wird nicht abgestimmt, es ist nicht beliebig (es geht um das System, nicht um Mängel in demselben). Wenn wir darüber diskutieren, ob etwas Wissenschaftlichkeit beanspruchen kann, wenn wir meinen, dass sich etwas so und so verhält, und eine andere Ansicht falsch ist, bedeutet das einen Machtanspruch – ich glaube, dass in vielen Diskussionen dadurch Verletzungen entstehen (Machtansprüche gibt es natürlich auch von anderer Seite, da steht die Wissenschaft nicht alleine). Auch wenn sich das im Detail relativieren lässt, weil wir korrekter Weise von Vermutungswissen sprechen müssten, werden solche Ansprüche trotzdem gestellt – implizit ist ein solcher in Susannes Beitrag enthalten. Wir können wahrscheinlich nicht ohne sie auskommen, aber es ist sehr wichtig sie zu sehen, und sich entsprechend zu verhalten. Dieser kritische Blick gegen sich selbst ist nichts anderes als Aufklärung.
Das Überzeugen-wollen des Anderen repräsentiert diesen Machtanspruch, der nur dann abgemildert wird wenn ich mich selbst zurückhalte, und ihn auf Grund der vorgetragenen Argumente entscheiden lasse.
Integrationskonflikte entstehen genau aus dieser Problematik heraus: Der Fremde verweigert sich, weil es einen Macht- bzw. Anpassungsdruck verspürt, und die Mehrheitsgesellschaft fühlt sich durch das Fremde in ihrem Selbstverständnis infrage gestellt – Entzug und Infragestellung verstärken einander.
Ein Beispiel das sehr gut illustriert was ein Wahrheitsanspruch ausrichten kann, ist Afghanistan. Der Westen hat dort versucht ein bestimmtes politisches System, das er für das Beste hielt, ohne Rücksicht auf etwas Anders, das vorhanden war, zu installieren, und ist damit gescheitert (zumindest wenn ein funktionierender Rechtsstaat und ein ebensolches politisches System als Referenz gelten) – er hat es nicht vermocht das Andere mitzudenken, zu integrieren.
Zwischen einem rigidem Wahrheitsanspruch und Beliebigkeit ist genug Raum für eine anspruchsvolle Haltung und entsprechender Rücksicht – es ist zumindest bedenkenswert.
Unser Verständnisproblem ist hier einfache Begriffsarbeit.
Wir haben einen normativen Wissenschaftsbegriff, bei dem wir sagen: Offenheit, Kritisierbarkeit und Vielfalt sind (neben vielem anderen) Teil von Wissenschaft. Wo das nicht eingehalten wird, ist gar keine richtige Wissenschaft am Werk.
Du hingegen nutzt den Begriff deskriptiv für alles, was sich Wissenschaft nennt – sich aber nicht unbedingt an solche Normen hält. Durch diese Begrifflichtkeit diskreditieren schlechte Wissenschafter oder Pseudowissenschaft das Prinzip an sich, weil sie sprachlich nicht mehr von den guten getrennt werden können.
Und ja natürlich, dieser Begriffskampf hat mit Machtansprüchen zu tun. Ich halte machtlose Kommunikation, Sprache oder Gesellschaft für nicht machbar und dementsprechend auch nur bis zu einem gewissen Grad für anstrebbar. Andere nicht mehr überzeugen zu wollen, ist so wie ich das verstehe nicht anstrebbar. Es schiene mir abstrus mich selbst von Dingen überzeugen zu wollen, andere aber nicht.
Im hiesigen Fall geht es umt unserem Anspruch, das hehre Prinzip der Wissenschaft zu verteidigen, das so wie wir es uns vorstellen das nützlichste, prouktivste, fairste und beste Wissensproduktionswesen der Menschheit ist. Nicht, dass die Praxis und das System wie gesagt unkritisierbar wäre, aber „Wissenschaft ist auch nur Esoterik“, geht halt zum Beispiel über Kritik hinaus und wird zu einer reinen Vernaderung der Wissenschaft.
Dein Beispiel über den Hintergrund des Afghanistankriegs kann in meinem Begriff nicht als Beispiel für einen wissenschaftlichen Wahrheitsanspruch gelten, wie wir ihn sehen würden, weil diese Dogmatik viel zu viele Zweifel übergangen und Widersprüche ignoriert hat (neben anderen Problemen). So kann Wissenschaft nicht funktionieren – so funktioniert Politik (und zwar notgedrungen auch in Bereichen, die besser glücken als Afghanistan).
Politik hat eigentlich immer mit Bereichen zu tun, die wissenschaftlich unvollständig erforscht oder gar nicht vollständig und eindeutig erforschbar sind. Der Zwang auf Basis unvollkommenen Wissens trotzdem Entscheidungen (und eben auch falsche) zu treffen, darf aber nicht die Wissenschaft an sich diskreditieren.
Wenn man betäubten Katzen das Hirn eröffnet, und daran Ableitungen macht; wenn man lebenden Affen Elektroden implantiert… – das ist das nichts anderes als die Ausübung von Macht.
Aufklärung und Wissenschaft sind keine herrschaftsfreien Räume; ein anderes Verständnis wäre naiv; trotzdem werden wir weiterhin Wissenschaft betreiben und aufklären, aber mit einem anderen Bewusstsein. – Das vielleicht als Kurzfassung.
@Tom
Ich habe bei vielen Deiner Kommentare den Eindruck, dass Du nur oberflächlich auf das Bezug nimmst was andere schreiben, und Dir zu wenig Zeit für eine Antwort nimmst – ich finde das schade, und nicht notwendig.
Äh ja. Fein. Man sieht sich.
@metepsilonema: Richtig verstandene Wissenschaft ist grenzenlos tolerant gegenüber beliebigen Behauptungen, der diesem Anspruch nur unvollkommen genügende reale Wissenschaftsbetrieb nicht immer, ich denke Tom hat das mit seiner Begriffsarbeit hervorragend herausgearbeitet (und der Comment hat btw sicher einiges an Zeit erfordert)
Weils offenbar sein muss, nocheinmal zur „Wahrheit“: Wir brauchen meiner Ansicht keine Adaption, es gibt keinen Anspruch in der Wissenschaft, die Wahrheit zu kennen. Es gibt lediglich den Anspruch, das bestüberprüfte uns momentan real zur Verfügung stehende „Wissen“ hervorzubringen, in dem Sinn, dass es gemäss unserer besten Anstrengungen die wir real leisten können wahrscheinlich die beste Annäherung an Wahrheit ist, die es momentan eben gibt.
Das beinhaltet – en gros, in the long run, tendentiell – einen Anspruch, sich in Teilbereichen einer Wahrheit annähern zu können. Unsere Beschreibungen werden aber immer Modelle bleiben, und selbst wenn sie extrem gut sein sollten, werden wir nie wissen, wie nah wir wirklich an einer „umfassenden“ Wirklichkeit sind.
Es gibt diesen Anspruch an Wahrheit, der der Wissenschaft – auch aufgrund so mancher ihrer grosskotzigen Vertreter – ständig unterstellt wird, so nicht.
Übrigens „Über das was wahr oder falsch ist, wird nicht abgestimmt“ ist ein beliebter Satz des Papstes. Er erhebt einen dogmatischen, materiell-inhaltlichen, absoluten Anspruch auf „Wahrheit“, die Wissenschaft einen empirischen, formell-prozessualen, immer relativ bleibenden.
@Martin
Es kann gut sein dass ich Tom gegenüber ungerecht bin, aber was mich fürchterlich aufregt ist folgendes: Ich habe oben in einem (so glaube ich) klaren Satz formuliert was ich unter Wissenschaft verstehe („Wir stimmen darin überein, dass wir mit der empirischen Wissenschaft eine Methode besitzen, die unter bestimmten Annahmen Wahrscheinlichkeitsaussagen über Hypothesen gestattet.“), und daraus dann bestimmte Folgerungen abgeleitet. Es kann gut sein, dass ich mich irre: a) Entweder ist meine Definition unzulänglich, oder b) meine Schlüsse sind falsch. Ich habe dann weiter geschrieben, dass es um den Anspruch von Wissenschaft geht (mag sein, dass das Wort nicht gut gewählt war). Hier sollte doch spätesten klar sein, dass ich keine Systemfehler meine.
Wenn Tom schreibt „Wir haben einen normativen Wissenschaftsbegriff, bei dem wir sagen: Offenheit, Kritisierbarkeit und Vielfalt sind (neben vielem anderen) Teil von Wissenschaft. Wo das nicht eingehalten wird, ist gar keine richtige Wissenschaft am Werk. Du hingegen nutzt den Begriff deskriptiv für alles, was sich Wissenschaft nennt – sich aber nicht unbedingt an solche Normen hält. Durch diese Begrifflichtkeit diskreditieren schlechte Wissenschafter oder Pseudowissenschaft das Prinzip an sich, weil sie sprachlich nicht mehr von den guten getrennt werden können.“ dann sehe ich kaum noch einen Bezug zu meinem Kommentar – für mich bleibt nur der Schluss, dass Tom nicht genau genug gelesen hat, oder nicht willens war auf das einzugehen was ich geschrieben habe. Außerdem wird mein Afghanistanbeispiel zu einem wissenschaftlichen Wahrheitsanspruch, was ich so nicht geschrieben habe, genauso wenig von Esoterik. Naive, quasireligiöse Heilsversprechen („das hehre Prinzip der Wissenschaft zu verteidigen“) sind wenig produktiv – was soll ich dazu sagen? Und wenn ein (angeblicher) Befürworter von Aufklärung einen herrschaftsfreien Diskurs für nur „bis zu einem gewissen Grad […] anstrebbar“ hält, nun ja… Alles in allem mehr Ärgernis, als ich darauf eingehen möchte.
–
Zum Wahrheitsanspruch: a) Es gibt diesen in der Wissenschaft tatsächlich nicht mehr, aber er tritt, wie mir scheint immer wieder hervor, und muss es bis zu einem gewissen Grad auch (das momentan beste Wissen, die Erklärung der Welt, etc.). b) Der entscheidendere Punkt ist aber ein anderer: Popper etwa hat sehr deutlich gesehen, was ein absolutes Verständnis von Wahrheit anrichten kann, das er z.B. bei Marx fand. Er hütet sich davor, und entwickelt seine Falsifikationstheorie, und Begriffe wie den des Vermutungswissens. Nichtsdestotrotz spricht er an anderer Stelle wörtlich vom „Eliminieren“ falscher Hypothesen, was nichts anderes bedeutet, als dass alles, was falsch, fremd oder anders ist, ausgelöscht werden soll. Das moderne Denken, zudem das wissenschaftliche zählt, ist totalitär in dem Sinne, in dem es immer noch auf das eine zielt, und alles andere negiert, was sich daneben zeigt (dieser Anspruch ist in einem der Kommentare weiter oben schon sehr deutlich formuliert).
Logik und Systematik stehen im Dienst der Wissenschaft und sind Ausdruck von Machtausübung mit dem Ziel klare und eindeutige Aussagen zutreffen – sie sind wie ein Raster, das man über die Welt legt. Jeder Doktorand schafft Ordnung, und implementiert Herrschaft in einem kleinen Teilbereich dieser Welt.
Ich lehne Wissenschaft damit nicht ab, aber sie sollte sich, wie die Aufklärung selbst, reflektieren, und naive Heilsversprechungen endlich aufgeben werden.
@metepsilonema Ich gebe Dir ja in vielem recht was Du da schreibst. Ich find auch Deine Definition gar nicht schlecht. Ich glaube, dass Du die neuerliche Begriffsauseinanderklaubung von Tom (richtigverstandene Wissenschaft auf der einen Seite, realer Wissenschaftsbetrieb samt aufgeblasener Vertreter auf der anderen Seite) aber auch mitausgelöst hast, weil Du in Folge wieder einige Dinge schreibst, die auch in meinem Verständnis damit nicht so richtig zusammengehen. Ich bin in meinen Kommentaren oben bereits darauf eingegangen, was ich meine.
In Deinem letzten Comment passiert das für mich wieder ähnlich: „Es gibt den Wahrheitsanspruch in der Wissenschaft nicht mehr“ – ok, Du schreibst also von der Wissenschaft so wie sie von ihren verständigsten Vetretern gesehen wird. Dann wieder tritt der Anspruch aber doch „immer wieder hervor“ – Du schreibst aber nicht nur vom realen, unvollkommenen Wissenschaftsbetrieb voll weniger verständiger Vertreter, sondern fügst hinzu „und muss es bis zu einem gewissen Grad auch“.
Find ich nicht. Wieso? Der Punkt besteht genau darin, dass es keinen Sinn ergibt, sich an einem anderen Wissen zu orientieren, als dem jeweils momentan besten uns zur Verfügung stehenden. Wir haben kein anderes. Daraus ergibt sich aber eben überhaupt kein Anspruch. Dieses „Wissen“ kann in Teilbereichen völliger Topfen sein. Das ist unbefriedigend, aber wir wissens eben im wahrsten Sinn des Wortes nicht besser.
Das mit dem „Elminieren“ bei Popper interpretierst Du mE völlig falsch. Er „eliminiert“ Theorien schlicht und einfach durch empirische Falsifikation. Das steht im Zentrum seiner Philosophie einer Annäherung an Wahrheit. Das hat bitte rein gar nichts damit zu tun, dass alles was „falsch, fremd oder anders ist, ausgelöscht werden soll“
Weiter: auf welches „eine“ zielt die Wissenschaft angeblich und welches „andere, das sich daneben zeigt“ negiert sie?
Was sie tut, ist, sie sagt sowas wie: „wertvoll“ ist für uns, was alle durch entsprechende Experimente und Messungen sehen und nachvollziehen können, und insofern meinst du vielleicht, dass Wissenschaft das negiert, was nur Einzelne oder Gruppen meinen für sich zu sehen?
Ich glaube gar nicht, dass sie das prinzipiell negiert. Sie versucht dann, es für die angeblich Nichtsehenden nachvollziehbar zu machen, indem sie die von Vetretern der „Sehenden“ behauptete Rückwirkung auf die allen zugängliche Welt unter die Lupe nimmt.
Ich sehe grundsätzlich kaum Dinge, die sich einer wissenschaftlichen Überprüfung entziehen würden. Ausser jene Dinge, bei denen keinerlei wie immer geartete Rückwirkung auf unsere wahrnehmbare Welt behauptet wird. An die kann man dann glauben oder auch nicht. Ich nehme in Bezug auf diese Dinge jedenfalls in unserer allen ähnlich wahrnehmbaren Welt wahr, dass die diesbezüglichen Behauptungen sehr vielfältig, bunt und widersprüchlich sind. Fällt das nur mir auf? Kann ich mir nicht vorstellen. Schon daher kann ich für mich mit Bezug auf diese Dinge daher keinen Grund ableiten, das eine ernster zu nehmen als das andere…
Aber irgendeine zwingende Totalität wirst Du aus so einer Haltung mE wirklich nur schwer ableiten können. Aber: ja, Wissenschaft sollte sich reflektieren und immer wieder selbst an ihrem eigentlichen Anspruch, dem Neuen, Anderen und Fremden gegenüber grenzenlos aufgeschlossen zu sein, messen lassen. Es ist dieses Ideal, das wir immer wieder erneuern und vor Augen haben müssen. Im Sinne der Wiederherstellung der Vernunft.
(Für mich beende ich diesen Thread hiermit. War mir aber ein Fest.)
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„Ein Beispiel das sehr gut illustriert was ein Wahrheitsanspruch ausrichten kann, ist Afghanistan.“
„Außerdem wird mein Afghanistanbeispiel zu einem wissenschaftlichen Wahrheitsanspruch, was ich so nicht geschrieben habe“
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Jetzt ergibt dieser erste Satz natürlich in dieser Diskussion überhaupt nur Sinn, wenn du ihn irgendwie mit dem Thema Wissenschaft verbindest – anonsten steht er ziemlich einsam und grundlos da. Dementsprechend argumentierst du entweder außerhalb des Themas, dann war meine Antwort tatsächlich auch daneben. Oder du widersprichst dir, dann passt meine Antwort haargenau.
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Es gibt diesen [Wahrheitsanspruch] in der Wissenschaft tatsächlich nicht mehr, aber er tritt, wie mir scheint immer wieder hervor, und muss es bis zu einem gewissen Grad auch
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Geil, da muss ich bis zum Widerspruch gar keinen zweiten Satz raussuchen. Deshalb musste ich unsere Begriffe trennen, denn dieser zweite Teil des Satzes, passt mit unserem Wissenschaftsbegriff einfach nicht zusammen – mit deinem aber offensichtlich schon.
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Das moderne Denken, zudem das wissenschaftliche zählt, ist totalitär in dem Sinne, in dem es immer noch auf das eine zielt, und alles andere negiert, was sich daneben zeigt
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Ein existentes Phänomen kann von Wissenschaft nicht negiert werden. Das würde dem eigentlichen Streben von Wissenschaft nach Aufklärung von Phänomenen widersprechen.
Und mein Beitrag war eben wegen solcher Widersprüche und solcher Aussagen von deiner Seite sehr wohl punktgenau auf dich bezogen. Denn er stellt den Unterschied dar, zwischen dem was wir meinen, wenn wir „Wissenschaft“ sagen und dem was du meinst, wenn du „Wissenschaft“ sagst.
Und am Ende: Ich bin zwar marxistisch nicht gut genug bewandert um beurteilen zu können, ob Marx tatsächlich einen absoluten Wahrheitsanspruch erhoben hat, aber dass Popper mit dem „Eliminieren“ das „Fremde“ und „Andere“ gemeint haben soll, halte ich für ein unfassbares Missverständnis seiner Ideen. Er meinte das Falsche weil Falsifizierte. Doch das hat Martin eh schon schön erklärt.
Jetzt brech ich meinen Vorsatz ein letztes Mal für eine letzte Anmerkung zu Popper: Popper war in jungen Jahren aus Empathie Kommunist. Später entwickelte er seine Wissenschaftstheorie und weil er den Marxismus ganz gut kannte, wurde ihm dabei klar, dass dieser aus Sicht seiner empirisch-falsifizierenden Philosophie eine Katastrophe ist. Es handelte sich um ein nicht angreifbares, nicht „falsifizierbares“ Gedankengebäude, das in sich geschlossen eine historische Gesetzmässigkeit mit prognostizierbarem Ausgang konstruiert. Das nannte Popper das „Elend des Historizismus“ und zeigte später in einer Art Übertragung seiner Wissenschaftstheorie, dass geschlossene, einer Falsifizierbarkeit nicht zugängliche oder sich verschliessende Ideengebäude zu geschlossenen, totalitären Gesellschaften führen. Daraus entstand dann seine Abhandlung von der „Offenen Gesellschaft und ihren Feinden“. Seitdem gilt er der Linken tendentiell als „liberal“ bis neoliberal und wird mit allen möglichen Leuten in einen Topf gehauen.
(Man sieht schon, ich bin ein Fan.) Lg!
Gut, dann noch ein abschließender Kommentar vom mir (es hat mich ebenfalls gefreut). Zuerst eine Kleinigkeit zur Normativität, dann zu der Undeutlichkeit, die Du zu Recht bemängelst, und dann noch einmal meine Position (wiederum sehr stark gezeichnet). Und, um das auch noch einmal zu sagen, was mich herausgefordert hat und noch immer herausfordert, sind unreflektiert geäußerte Heilsversprechungen (ein naives Verständnis von Aufklärung oder Wissenschaft), die kritisiert werden müssen, weil sie gefährlich sind (lustiger Weise ist man sich da bei Religionen viel schneller einig).
Warum war ich oben aufgebracht? Tom schrieb: „Wir haben einen normativen Wissenschaftsbegriff, bei dem wir sagen: Offenheit, Kritisierbarkeit und Vielfalt sind (neben vielem anderen) Teil von Wissenschaft. Wo das nicht eingehalten wird, ist gar keine richtige Wissenschaft am Werk.“ Das bedeutet: Lieber metepsilonema, du kannst kritisieren was du willst, am Ende ist nur das Wissenschaft, was „Offenheit, Kritisierbarkeit und Vielfalt“ beinhaltet. Im schlimmsten Fall (wenn meine Kritik der Realität zutreffen sollte) haben wir gar keine real existierende Wissenschaft, sondern nur eine Idee davon, einen Begriff, der im Raum schwebt, aber unsere Idee wäre gerettet. So kann man nicht diskutieren, das ist in meinen Augen Rhetorik, zirkulär, und eine Immunisierungstrategie, wir müssen das prüfen was existiert, was es tut, und welche Ansprüche es vertritt. Und bevor wir das können, müssen wir uns darauf einigen, z.B. durch eine Definition.
–
Was ich mit dem immer wieder hervortreten meinte, lässt sich erneut an Popper zeigen: Einerseits ist er fast demütig in seiner Erkenntnistheorie, andererseits meint er immer wieder gegen die „Pest des Relativismus“ (ich zitiere das jetzt aus dem Gedächtnis) ins Feld ziehen zu müssen (ich halte auch nichts von einem Relativismus der alles einebnet, aber ich verstehe ihn nicht als Feind). Und ich habe ähnliches in zahlreichen Diskussion erlebt, von klugen Leuten, die Ansprüche vertreten, die ich nicht nachvollziehen kann. Vielleicht liegt das doch an der Wissenschaft selbst, an einer bestimmten Art zu denken (und ich bekräftige noch einmal, dass ein idealer Begriff alleine nicht weiter hilft). Was in diesen Diskursen immer mitverhandelt wird ist Herrschaft und Macht. Wer die Welt erklärt, auch wenn das nur vorläufig ist, stellt einen Herrschaftsanspruch.
–
Die Grundthese ist, dass Vernunft, Aufklärung und Wissenschaft (also das, was wir als Moderne bezeichnen) ein System darstellt, das Herrschaft und Machtausübung bedeutet (erinnern wir uns an Bacons Satz, dass Wissen Macht ist). Ein System, das all das, was ihm suspekt, fremd oder anders erscheint, negiert, eliminiert, und beseitigt. Es tut das, in dem es Eindeutigkeit anstrebt, und alles aussiebt, was ihr auf dem Weg dahin in die Quere kommt – im Sinne von Klarheit und Logik, und gegen alles Undeutliche und Ambivalente. Dabei ist es gleich ob dieser Weg endlich ist (wir die Wahrheit irgendwann kennen) oder unendlich (wir also wissen, dass wir sie nie erreichen werden). Wie jemand der schnitzt oder hobelt, und das entfernt, was ihm unnütz erscheint.
Ich tue das Folgende mit einigem Widerstreben, aber die Diskussion hat sonst vermutlich keinen Sinn gehabt. In einem der Kommentare oben steht ein Satz, der genau dieses Denken repräsentiert: „Und wenn am Schluss rauskommt, dass ein der aufgeklärten Grundordnung widersprechendes Wertebild (z.B. Rassismus oder Fanatismus) das bessere Argument abblockt, dann ist Toleranz auch nicht angebracht.“ Nehmen wir die Klammer einmal weg, sie gibt nur ein Beispiel, sie illustriert die Aussage, aber sie schränkt sie nicht ein. Da steht, dass ein der „aufgeklärten Grundordnung widersprechendes Wertebild [das] das bessere Argument abblockt“ nicht zu dulden ist (nicht weil es gegen die Aufklärung auftritt, sondern nur weil es sich ihr verweigert). Öffnen wir die Klammer wieder: In sie passt jede Religion, passt ein im Stammesverband lebender Afghane, ein afroamerikanischer Schamane oder ein erst vor wenigen Jahrzehnten mit der Zivilisation in Kontakt gekommener Indianerstamm im brasilianischen Regenwald. Sie alle stehen gegen das, was wir unter Aufklärung verstehen, und ihr einziges Versäumnis ist es, anders zu sein. Und da sie das sind, haben sie sich einzufügen, oder werden vernichtet (wobei sie weder so noch so, das bleiben dürfen sie waren). Dieser Zugriff ist ein totaler.
Wer die aufklärerische Fackel durch die Menge trägt, sollte sich dem Brandgeruch, der von der verkohlten Haut, und dem verschmorten Fleisch ausgeht, nicht verweigern. Die Chiffren der Moderne, dieses eliminatorische Denken, steckt in allen Totalitarismen des 20. Jahrhunderts, es ist wesensmäßig Aufklärung – sie muss sich, wo sie das noch nicht getan hat, selbst in den Blick bekommen, um ihre Funktion weiter erfüllen zu können.
[Und ich möchte noch einmal sagen, dass das nicht meine Ideen sind, sondern mittleiweile (fast) Philosophiegeschichte.]
Mir geht es auch immer so, man sollte nicht sagen, dass ein Kommentar der letzte war. Volle Zustimmung zu Popper, ein Punkt bleibt aber, und der findet sich oben.
„Im schlimmsten Fall (wenn meine Kritik der Realität zutreffen sollte) haben wir gar keine real existierende Wissenschaft, sondern nur eine Idee davon, einen Begriff, der im Raum schwebt, aber unsere Idee wäre gerettet.“
Das ist nicht der schlimmste Fall. Wir haben dann einen Begriff und eine Idee, an der wir uns orientieren können und wo wir bei Abweichungen wissen, dass wir Fehler machen. Der auf unserer Diskussionsebene schlimmste Fall wäre das Gegenteil, wenn ein Begriff etwas beschreibt und nichts mehr bedeutet.
Normative Begriffe sind nicht nutzlos, sondern verhindern ihre Zweckentfremdung. Bedeutungen wandeln sich natürlich ständig, aber eben deshalb muss man aufpassen, in welche Richtung. Beliebigkeit ist keine Option.
Ein anderes Beispiel als das Wort „Wissenschaft“ über das ich schon mehr nachgedacht habe, wäre das Wort „Demokratie“. Ich würde bei weitem nicht alles was heute in Österreich passiert mit dem Begriff „demokratisch“ veredeln, nur weil es formal im Rahmen einer Demokratie passiert. Auch Demokratie ist für mich ein normativer Begriff zur Orientierung, zu dem zum Beispiel Transparenz, Menschenrechte oder Minderheitenschutz gehören.
Warum? Weil wenn – sagen wir jetzt mal irgendwas – das Abschieben von asylsuchenden Kindern plötzlich zur Folge von „Demokratie“ wird (obwohl es in Wirklichkeit vom Prinzip abweicht), haben Demokraten in Zukunfts nichts mehr, was sie verteidigen können. Und ohne eine herzeigbare Idee, bist du salopp gesagt bei der Überzeugungsarbeit (die ich anscheinend im Gegensatz zu dir für ebenso legitim wie notwendig erachte) im Eimer. Womit wir Wörter aufladen beeinflusst in Folge auch das Handeln.
Und genau deshalb halte ich – zumindest im Rahmen dieser Metadiskussion – nicht die Praxis der Wissenschaft sondern ihr Ideal hoch.
(und ja, jetzt hab ich mich tatsächlich nicht weiter mit deiner Antwort beschäftigt)
Mir fehlt im Moment ein bisschen die Kraft mich noch einmal in die Diskussion zu stürzen, ich folge Martin, und denke, dass die Positionen klar sein sollten (siehe meinen vorvorletzten Kommentar).
Aber um es nicht unproduktiv stehen zu lassen: Ich hatte oben den Eindruck, dass Du Dich auf eine rein idealistische Position zurückziehst. Wen dem nicht so ist, um so besser. Richtig: Wir brauchen eine Idee von Wissenschaft, und sehen uns dann an, wie sie tatsächlich abläuft.
Aber, abseits dessen, die Kritik noch einmal sehr allgemein vorgetragen: Selbst eine Idee von Wahrheit, ein Begriff von gutem Wissen, ganz allgemein alles, das auf eine Ganzheit zustrebt (das Gute, ein Begriff, eine Idee, völlig egal), läuft in Gefahr totalitäre Züge anzunehmen. Man muss, um dem zu entgehen, das Andere stets mitdenken und nicht völlig ausschließen. Ein normativer Begriff allein nützt da nichts, und zwar nicht deshalb, weil er missbraucht wird, sondern weil er ausschließt. Und zwar alles, was er nicht ist. Ich verweise auf mein Beispiel oben zur aufklärerischen Grundordnung.
[Wenn ich manchmal etwas ungehalten reagiere, dann deshalb, weil ich viel Zeit in meine Kommentare stecke, und den Eindruck habe, dass das andere nicht tun – ich sage Eindruck, nicht dass es so ist.]