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Demokratie 2.0

Macht uns das Web zu besseren Demokraten oder sitzen wir durch die Öffentlichkeit von Wikileaks und Co. einer Demokratisierungsillusion auf – Eine Betrachtung von Susanne Zoehrer

Die Wellen, die Wikileaks in den vergangenen Wochen und Monaten, insbesondere seit den jüngsten Veröffentlichungen, geschlagen hat, haben mich veranlasst mir ein paar Gedanken zum Thema (Re-) Demokratisierung der Zivilgesellschaft zu machen.

Schließlich scheinen sich gerade in letzter Zeit mehr oder weniger lose Kollektive von Bürgern und Bürgerinnen zu organisieren und man stellt sich die Frage, ob es das Web ist, das die Leute zum politischen Aktivismus inspiriert oder ob dieser Eindruck möglicherweise täuscht.

Demokratisiert uns das Web?

Seit man sich über diverseste Plattformen auf unkomplizierteste Weise vernetzen und organisieren kann, Stichwort Web 2.0 bzw. social web, haben sich hier und dort vermehrt auch politisch motivierte Initiativen gegründet, die sich auf die eine oder andere Weise die Durchsetzung oder Einhaltung demokratischer Grundwerte auf die Fahnen heften.

Ob man nun den Präsidentschaftswahlkampf von Barack Obama, oder die Twitteraktivitäten rund um die so genannte „Grüne Revolution“ im Iran betrachtet, die Proteste in Deutschland gegen die Atommülltransporte nach Gorleben oder die Bewegung rund um Stuttgart 21, überall werden in Windeseile live-streams hochgezogen sowie Petitionen, Aufrufe und Informationen über Versammlungsorte verbreitet, zum Teil formiert sich breitester Widerstand, der wie jüngst im Falle der Wikileaksveröffentlichungen US-amerikanischer Botschaftsdepeschen zu einer Art kollektiven Solidarisierung führt.

Die Frage, ob derartige Bewegungen erfolgreich sind oder nicht, stellt sich in dem Fall nicht, viel mehr geht es darum, ob man davon sprechen kann, dass das Web, wenn man so will, das Web 2.0, eine Art Redemokratisierung der sogenannten „Spaßgesellschaft“ in die Wege geleitet hat.

„Die heutige Jugend“

Die Argumentation rund um die sogenannte „heutige Jugend“ werde ich mir diesbezüglich ersparen, weil ich sie für obsolet halte. Schließlich hat man die jeweilige jüngste Generation zu jedem beliebigen Zeitpunkt der Geschichte als faul, verdorben oder überhaupt als Wegbereiter des endgültigen Niedergangs der Menschheit identifiziert – egal wie weit man in der Geschichte zurückgeht, ob man bei Platon oder Aristoteles nachliest, die „heutige“ Jugend war immer schon nutzlos.

Was wirklich interessiert, ist die Frage, ob das Web demokratischen, aufgeklärten Idealen eine Renaissance beschert, oder ob man nicht vielleicht bloß Sprachrohr und Sprecher verwechselt?

Demokratisiert kann nur werden, wer bereits demokratisch denkt

Ich persönlich bin in dieser Hinsicht der Meinung, dass die neuen Informationskanäle zwar sehr viel Potential bergen, dass sich gigantische Datenmassen weltweit verbreiten und jedem zugänglich machen lassen, dass es aber trotz allem darauf ankommt, ob die Empfänger auch im wahrsten Sinne des Wortes dafür empfänglich sind. Wer sich für Wahlen nicht interessiert, wird auch dann nicht wählen, wenn er oder sie nicht überzeugt ist, dass die Ausübung des Wahlrechtes de facto Veränderungen bewirken kann.

Und schließlich gibt es einen gewaltigen Unterschied zwischen einem Klick auf einen Like-Button (zum jeweils aktuellen Protestaufruf) und der Überwindung, sich darüber hinaus im „analogen“ Leben zu engagieren und einzubringen.

Zeit aufzuwachen!

Gut möglich, dass wir gerade jetzt eine Art Paradigmenwechsel erleben, bei dem man bloß zweierlei Dinge unterscheiden muss. Zum Einen, die persönliche Bereitschaft der Einzelnen sich aktiv, d.h. draußen auf der Straße, in der Wahlzelle, als politische Kandidatin etc. zu beteiligen und zum Anderen, die multiplen Verbreitungssmöglichkeiten und -formen, die das Web als Mittel zur Aufklärung und Information bereitstellt.

Ich bin nämlich der Meinung, dass die aktuelle Generation der sogenannten „Jungen“ zwar nicht mehr oder weniger politisch engagiert ist als die Vorgängergeneration und dass es durch Wikileaks und Co. nicht unbedingt zu einer Renaissance des „aufgeklärten Bürgertums“ kommt, dass also das Web per se keine (Re-)Demokratisierung der Zivilgesellschaft bewirkt, sondern, dass es bloß ein optimales Mittel zur Verbreitung jener Informationen ist, die gerade jetzt auf eine, durch verschiedenste weltpolitische Vorgänge (Stichwort Weltwirtschaftskrise, Klimawandel etc) hellhörig gewordene und meiner Meinung nach stetig wachsende Personengruppe trifft und bei diesen Leuten eine schlummernde Bereitschaft sich aktiv gegen die herrschenden Zustände zu wehren weckt.

Aufgeklärt kann schließlich nur der sein, der über die Werte der Aufklärung (zumindest ansatzweise) Bescheid weiß. Diesbezüglich scheinen Kampagnen wie die von Wikileaks oder ähnlichen Bewegungen einen wertvollen Dienst zu leisten, indem sie alle, die über einen Zugang zum Web verfügen und sich für das Thema interessieren, darüber informieren, was zum Beispiel Presse- und Informationsfreiheit eigentlich bedeuten.

Und vielleicht gibt es durch die Bewusstmachung dieses, für jegliche Bürgerrechtsbewegung unverzichtbaren, Wissens heute und vermittelt durch das Transportmittel Web genügend Rezipienten, die sich eventuell zum ersten Mal in ihrem Leben überlegen, was Zensur bedeutet, was es heißt, wenn Regierungen, die demokratisch gewählt wurden, darüber nachdenken ausländische Staatsbürger wegen Hochverrats anzuklagen, vielleicht führt das Informationszeitalter dann tatsächlich zu einer Re-Aufklärung der Konsumenten und vielleicht erinnern sich diese Konsumenten beim nächsten Mal, wenn ihre Rechte beschnitten werden daran, was Abraham Lincoln vor fast 150 Jahren in seiner Gettysburg Address erwähnt hat.

„…that this nation, under God, shall have a new birth of freedom – and that government of the people, by the people, for the people, shall not perish from the earth.“

Atheisten und Agnostiker sind herzlich eingeladen die Klausel „under God“ weglassen, bei „this nation“ möge man jedes x-beliebige Land der Welt einfügen, der Rest ist auch heute noch uneingeschränkt gültig.

Susanne, 15. Dezember 2010

Von Susanne Zoehrer

hat studiert und einige Jahre in den USA gelebt, ein paar Monate in Frankreich und ist auch sonst gern unterwegs. Interessiert sich für Musik, Kunst, Literatur, neue Medien und vieles mehr. Lebt zur Zeit in Wien.

6 Antworten auf „Demokratie 2.0“

Schöner Artikel!
Ich teile auch den Skeptizismus gegenüber der realen Entfaltung des Demokratie-Potentials des Internets.
Aber, denen die sich engagieren wollen, bietet es mit Sicherheit neue (vielleicht bessere?) Möglichkeiten, das auch zu tun. Aber diese Menschen hätten wohl auch ohne Internet einen Weg gefunden.

@alter Igel – danke! Stimmt, ich denke tatsächlich, dass die Möglichkeiten der Verbreitung durch das Internet aktuell so gut sind, wie sie noch nie zuvor waren. Das mindert zwar nicht das Risiko der Beschaffung, wie man an Bradley Manning sieht, aber die Verteilung der Dokumente ist effizient, kostengünstig und breitflächig.

ich würd nicht nur gern das „under god“ weglassen, sondern auch „this nation“ durch „this world“ ersetzen. zugegeben noch zukunftsmusik, aber dass demokratie auch in großen flächenstaaten funktionieren könne hat vor ein paar hundert jahren auch noch niemand geglaubt. insofern sehe ich die angesprochene „bildungsfunktion“, also das vermitteln der bedeutung einiger zentraler grundbestandteile von demokratie, als sehr positiv. und lässt mich für die zukunft hoffen, dass irgendwann government of the people, by the people, for the people umgesetzt wird, ohne sich drum zu kümmern wo denn the people grad herkommen…

@partypaul – klingt schön, ist aber imho utopisch. Ich bezweifle, dass sich derart viele unterschiedliche Partikularinteressen, wie es sie in der Weltbevölkerung gibt, in einem Weltstaat vereinbaren lassen. Dann müsste es ohnehin wieder eine föderalistische Struktur geben und wo das letztlich hinführt, sieht man ja am Beispiel Österreich.

@susanne zoehrer: uptopisch ja, freilich. aber eine konkrete utopie kann ja nicht schaden, oder? zudem gibts die föderalistische blockiererei auf globaler ebene auch heute schon zur genüge (klimapolitik?). welche alternativen gibts ansonsten, um probleme die über einzelne staaten und staatenverbände hinaus gehen zu lösen?

@partypaul – natürlich sind mir Utopien lieber als Dystopien 😉 – leider weiß ich aber auch keine Antwort auf deine Frage nach Alternativen. Ich bin lediglich der Meinung, dass die sog. Zivilgesellschaft ihre Rechte stärker einfordern muss. Selbst wenn sie wie im Falle von Wikileaks mitunter zu unorthodoxen Mitteln greift, oder im Sinne des zivilen Ungehorsam sogar geltende Rechte bricht.

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