Spanien dominiert dieser Tage die Titelseiten. Ein fulminanter Sieg des FC Barcelona in der Champions League. Tödliche Gurken, die dann doch nicht schuld waren. Die höchste Arbeitslosenquote in der Europäischen Union. Spanien beherrscht auch die politischen Netzwerke in den Social Networks. Was dort seit zwei Wochen los ist, hat mit Bio-Gemüse und Fußball allerdings wenig zu tun.
Dieser Beitrag ist an dieser Stelle vielleicht fehl am Platz. Wahrscheinlich haben die LeserInnen von zurPolitik die friedlichen Proteste in den spanischen Großstädten verfolgt. Auf Twitter und facebook kommt man ja auch kaum daran vorbei. Anders sieht es in manchen Medien aus. Wer heute auf diePresse.com nach „Spanien“ sucht, findet EHEC, Nadal und den FC Barcelona. Ein einziger Artikel zu den Protesten wurde in der Zeitung in vergangenen sieben Tagen abgedruckt. Laut dem wurde der Plaça Catalunya am Samstag geräumt. Der erfolgreiche Widerstand der BesetzerInnen und die zahlreichen Solidaritätsdemos schafften es nicht mehr in den Artikel. Erst als über Zusammenstöße von Polizei und Fußballfans nach dem Finalsieg des FC Barcelonas berichtet wurde, erfuhren die LeserInnen der Presse, dass das Protestcamp doch noch existierte.
Die karge Berichterstattung verwunderte von Anfang an. Facebook und Twitter waren voll von Berichten und Fotos, Tage bevor die ersten österreichischen Medien das Thema zaghaft aufgriffen. Anders als beim arabischen Frühling, als Vor-Ort Berichte, Analysen und Interviews die Titelblätter und Nachrichtensendungen selbst dann noch füllten, als es dort gar keine europäischen Journalisten mehr gab und nur mehr spekuliert werden konnte, wurden die Proteste in Spanien lange ignoriert. Anders als beim arabischen Frühling, als westliche PolitikerInnen sich überschlugen mit Solidaritätsbekundungen und Beifallsstürmen für das Freiheits- und Demokratiebedürfnis der Menschen, sind Wortmeldungen zu den Protesten in Spanien schwer zu finden.
Das Potential der spanischen Proteste für Medienberichte ähnelt eigentlich dem des arabischen Frühlings: Menschenmassen auf öffentlichen Plätzen, Selbstorganisation, junge Menschen, viele Gefühle. Die Forderungen klingen ähnlich: mehr Demokratie, weniger Korruption. Und auch von Übergriffen der Polizei auf friedliche DemonstrantInnen gibt es zu berichten. Dazu kommt, dass die Verbindungen zwischen Spanien und Österreich viel intensiver sind. Trotzdem ist das mediale Echo mehr als verhalten.
Vielleicht liegt es daran, dass die Menschen in Spanien nicht gegen einen verrückten Despoten, sondern gegen unsere eigenen Strukturen kämpfen. Der arabische Frühling begeisterte, weil Menschen, von denen viele glaubten, dass sie ganz anders wären als wir, oft gar bedrohlich, plötzlich forderten, was wir längst zu besitzen glaubten. Freiheit und Demokratie. Die Überlegenheit westlicher Strukturen zelebrierend konnten Zeitungen verkauft und WählerInnen begeistert werden. Die Proteste in Spanien halten uns hingegen einen Spiegel vor und viele schauen da lieber erst gar nicht hinein.
Was Die Presse angeht, so erklärte Christian Ultsch schon nach den spanischen Regionalwahlen am 23. Mai den LeserInnen, dass die „unbestimmten Empörten“ sich „relativ rasch verlaufen“ würden. Seine KollegInnen gehen anscheinend davon aus, dass die SpanierInnen sich daran halten.
Foto Cover: Vicnaba, Plaça Catalunya, Barcelona
Foto Beitrag: Tranchis, Plaça Catalunya, Barcelona
Spanien beherrscht dieser Tage die Titelseiten. Ein fulminanter Sieg des FC Barcelona in der Champions League. Tödliche Gurken, die dann doch nicht schuld waren. Die höchste Arbeitslosenquote in der Europäischen Union (20.7%). Spanien beherrscht auch die linken Netzwerke in den Social Networks. Was dort seit zwei Wochen los ist, hat mit Bio-Gemüse und Fußball allerdings wenig zu tun.
Dieser Beitrag ist an dieser Stelle vielleicht fehl am Platz. Wahrscheinlich haben die LeserInnen von zurPolitik die friedlichen Proteste in den spanischen Großstädten verfolgt. Auf Twitter und facebook kommt man ja auch kaum daran vorbei. Anders sieht es in manchen Medien aus. Wer heute auf diePresse.com nach „Spanien“ sucht, findet EHEC, Nadal und den FC Barcelona. Ein einziger Artikel zu den Protesten wurde in der Zeitung in vergangenen sieben Tagen abgedruckt. Laut dem wurde der Placa Catalunya am Samstag geräumt. Der erfolgreiche Widerstand der BesetzerInnen und die zahlreichen Solidaritätsdemos schafften es nicht mehr in den Artikel. (http://diepresse.com/home/bildung/universitaet/666085/Spanien_Kein-Platz-an-der-Sonne). Erst als die Presse von den Zusammenstößen von Polizei und Fußballfans nach dem Finalsieg des FC Barcelonas berichtete, erfuhren ihre LeserInnen, dass das Protestcamp doch noch existierte (http://diepresse.com/home/sport/fussball/666142/132-Verletzte-und-111-Festnahmen-nach-BarcaTriumph).
Die karge Berichterstattung verwunderte von Anfang an. Facebook und Twitter waren voll von Berichten und Fotos, Tage bevor die ersten österreichischen Medien das Thema zaghaft aufgriffen. Anders als beim arabischen Frühling, als Vor-Ort Berichte, Analysen und Interviews die Titelblätter und Nachrichtensendungen selbst dann noch füllten, als es dort gar keine europäischen Journalisten mehr gab und nur mehr spekuliert werden konnte, wurden die Proteste in Spanien lange ignoriert. Anders als beim arabischen Frühling, als westliche PolitikerInnen sich überschlugen mit Solidaritätsbekundungen und Beifallsstürmen für das Freiheits- und Demokratiebedürfnis der Menschen, sind Wortmeldungen zu den Protesten in Spanien schwer zu finden.
Das Potential der spanischen Proteste für Medienberichte ähnelt eigentlich dem des arabischen Frühlings: Menschenmassen auf öffentlichen Plätzen, Selbstorganisation, junge Menschen, viele Gefühle. Die Forderungen klingen ähnlich: mehr Demokratie, weniger Korruption. Und auch von Übergriffen der Polizei auf friedliche DemonstrantInnen gibt es zu berichten (http://www.3cat24.cat/video/3547910/Cops-de-porra-als-indignats-de-placa-de-Catalunya). Dazu kommt, dass die Verbindungen zwischen Spanien und Österreich viel intensiver sind. Trotzdem ist das mediale Echo mehr als verhalten.
Vielleicht liegt es daran, dass die Menschen in Spanien nicht gegen einen verrückten Despoten, sondern gegen unsere eigenen Strukturen kämpfen. Der arabische Frühling begeisterte, weil Menschen, von denen viele glaubten, dass sie ganz anders wären als wir, oft gar bedrohlich, plötzlich forderten, was wir längst zu besitzen glaubten. Freiheit und Demokratie. Die Überlegenheit westlicher Strukturen zelebrierend konnten Zeitungen verkauft und WählerInnen begeistert werden. Die Proteste in Spanien halten uns hingegen einen Spiegel vor und viele schauen da lieber erst gar nicht hin.
Was die Presse angeht, so erklärte Christian Ultsch schon nach den spanischen Regionalwahlen am 23. Mai den LeserInnen, dass die „unbestimmten Empörten“ sich „relativ rasch verlaufen“ würden (http://diepresse.com/home/meinung/kommentare/wirtschaftskommentare/664604/Unbestimmte-Empoerte). Vielleicht glauben seine KollegInnen, dass die SpanierInnen sich daran halten.
3 Antworten auf „Durchfallgurken statt Systemkritik“
@Jakob: Ich glaube, du bist in Sachen „arabischer Frühling“ nicht ganz auf dem Laufenden.
Das Potential der spanischen Proteste ist groß. Das hat aber wenig mit deren ausdrücklichen Forderungen zu tun, denn das Problem Spaniens ist der Euro. Spanien kann nicht abwerten, also muss es zu einer inneren Abwertung kommen, was automatisch mit hoher Arbeitslosigkeit verbunden ist. Die Entwicklung Ostdeutschlands ist dafür ein gutes Beispiel, das sich erst jetzt so langsam von der absurden Währungsunion zum Wechselkurs von 1:1 erholt.
Indirekt ist das Potential groß, denn so kann das nötige Chaos entstehen, das den kurzfristigen, aber auch schmerzlichen Schock eines Euro-Ausstiegs auch in der kurzfristigen Perspektive zum geringeren Übel werden lässt.
Die Griechen sind bereits am Besten weg dahin.
Inwiefern bin ich nicht auf dem Laufenden?
danke, triffts sehr gut finde ich. @ dieter: denke der zentrale punkt von jakob ist die mediale nicht-resonanz der ereignisse. egal welchen aspekt man sich ansieht und herausarbeitet, die tatsache dass sich zumindest in südeuropa einen widerständische bewegung organisiert, deren ziele zwar vage sind, ihre wut aber groß genug dass daraus ausdauernder widerstand erwachsen wird, lassen unser emedien (und zwar in ganz europa) einfach aus. es ist legitim udn notwendig, nach den gründen zu fragen, ich habe die medienlogik mit quoten und die angst vor einer überfrachtung der leserInnen / seherInnen mit dem thema „aufstand/revolution“ angeführt. das problem ist der euro, ja. abe rnur an der oberfläche; das projekt der europäischen einigung an sich ist „das problem“, und zugrunde liegt ein rabiat gewordenes wirtschaftssystem, dessen finanzmärkte nicht für die realwirtschaft da sind sondern umgekehrt. das zusammen mit dem europäischen ungleichgewicht führt dazu dass „wir“ die chose ausbaden haben. ich rate dringend dazu, diese wut nicht wegzureden, zu verschleiern, durch das anführen von „gründen“ zu marginaliseren oder zu differenzieren. welche gründe alles auch imemr haben mag, fakt ist, die leute sind wütend (zu recht) und geht alles so weiter, klopft die wut bald höchstselbst an unsere tür.