lichtung
manche meinen
lechts und rinks
kann man nicht velwechsern
werch ein illtum(Ernst Jandl)
Diese Woche las ich den Artikel „Wirtschafts(-wissenschaft) als Religion?„. Der ist eine Kritik an der derzeitigen Austeritypolitik, am Glauben vieler Neoliberaler an die Zwangsläufigkeit bestimmter Konsequenzen gewisser wirtschaftlicher Maßnahmen und an den Mainstream-Medien, die neoliberale Orthodoxien „wie eine „Religion“ herunterleiern“.
Der Artikel gab mir zu denken: Gibt es Ähnlichkeiten in Methodik, Rhetorik und Ideologie zwischen religiösen Sektierern und „Free Market“-Ideologen?
Neoliberale Theoretiker, Politiker und Journalisten plädieren für die größtmögliche Freiheit des Marktes und den geringstmöglichen Einfluss des Staates, den sie zum Feindbild erklären. Sie meinen, die Weltwirtschaft präzis mit wissenschaftlichen Methoden erklären und deren Entwicklung genau voraussagen zu können. Sie sind absolut von der Richtigkeit ihrer Theorien überzeugt.
Was ist das Wesen religiöser Sekten? Sie haben einen Gott und/oder eine mythisierte Führungsfigur, zu der man aufschauen kann. Ihre Lehre ist natürlich absolut und fehlerfrei, weshalb sie nicht hinterfragt werden darf. Außerdem ist ihre Sicht der Welt die einzig richtige, ihr Umfeld das einzig akzeptable. Welterklärungen werden möglichst vereinfacht und für die Bevölkerung in ansprechender, verständlicher und mitunter spannender Form transportiert:
Gleichnisse und Horrorgeschichten in der Bibel, Wachturmhefte mit Geschichten und bunten Bildern bei den Zeugen Jehovas, das Buch Mormon, oder sogar als Schund-Science-Fiction-Roman des Scientology-Gründers L. Ron Hubbards „Battlefield Earth“ (der übrigens zusammen mit dem literarisch ähnlich hochstehenden Kapitalismusroman „Atlas Shrugged“ zu den Lieblingsbüchern der neoliberalen Polithoffnung Mitt Romney zählt).
Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass die Methoden der religiösen Sektierern denen der Neoliberalen stark ähneln:
Sowohl Neoliberale als auch fundamentalistische Sekten erklären komplexe Strukturen. Sie stoßen dabei auf Grenzen und bedienen sich des Übersinnlichen, um die Thesen abzurunden, die Lücken zu füllen, das Unerklärbare zu erklären. Sekten haben ihren Gott als allmächtigen Lenker, in dessen Werk nicht eingegriffen werden darf, Neoliberale die ebenso unantastbare „Unsichtbare Hand“, die für das Gleichgewicht der Welt sorgt.
Vergleicht man Monetarismus mit Dianetics von Scientology fällt auf, dass bei beiden Theorien ein wissenschaftliches Fundament besteht, dass einfach nach Gutdünken erweitert, interpretiert und abgeändert wird, bis es in das eigene Konzept passt. Beide stellen einen wissenschaftlichen Anspruch, bauen aber in Wirklichkeit nur ein pseudowissenschaftliches Kartenhaus.
Bei allen Sekten wie beim Neoliberalismus gilt die eigene Klientel als die einzig relevante, alle Andersdenkenden werden als Häretiker abgestempelt. Eine der vornehmsten Aufgaben ist es, solche irrenden Häretiker zu bekehren, ganz egal, wie abstrus das in Anbetracht des sozialen, historischen und wirtschaftlichen Umfelds der zu missionierenden Ungläubigen ist (Beispiel: weniger Steuern und weniger Sozialleistungen sind, so die neoliberale These, selbstverständlich für alle – einschließlich der auf staatliche Leistungen Angewiesenen – gut, weshalb alle das gefälligst auch gut finden zu haben, obwohl von Steuersenkungen nur eine relativ wohlhabende Bevölkerungsschicht profitiert).
Ähnlichkeiten zwischen Religionen und Neoliberalen zeigen sich auch in der Wortwahl. Man spricht gerne in plakativen Gleichnissen. Als Beispiel Andreas Unterberger:
„Es ist eine absurde Kontroverse, die da derzeit tobt: Wachsen oder Sparen? Jene, die die unfinanzierbar gewordene europäische Schuldenexplosion verursacht haben, agitieren nun gegen die (ohnedies nur in einer kleinen Reduktion der Neuverschuldung bestehenden) Sparversuche. Sie wollen die Schuldenkrise durch noch viel mehr Schulden bekämpfen. Wie ein Rauschgiftsüchtiger möchten sie die Schmerzen des Entzugs mit neuem Rauschgift loswerden. Neues Gift verdrängt ja kurzfristig tatsächlich die Probleme. Dass diese dann später umso schlimmer und mit häufig letalen Folgen auftreten, ist im Augenblick egal.“
Man zeigt auch gerne Untergangsszenarien auf, aus denen ein unbeschadeter Ausstieg nur möglich ist, wenn den gepredigten Thesen minutiös nachgekommen wird. Das kann der Weltuntergang und die Apokalypse auf der einen Seite oder der Untergang des Euro oder gar der Demokratie auf der anderen Seite sein.
Wichtigste Gemeinsamkeit ist aber: Die Realität kann die Richtigkeit der Dogmen niemals widerlegen. Evolutionsbiologie und Genetik erklären mit fundiert wissenschaftlichen Methoden (theoretisch und empirisch), warum Schöpfung und unbefleckte Empfängnis nicht möglich sind. Religiöse Sekten negieren das schlichtweg oder schütteln sich hanebüchene Theorien wie „Intelligent Design“ aus dem Ärmel, die mit der eigenen Ideologie konform gehen und von denen sie einfach behaupten, sie wären wissenschaftlich zustande gekommen. Neoliberale konnten jetzt jahrelang beobachten, dass das Bekämpfen der Krise durch die von ihnen geforderte Sparpolitik viele Länder in eine noch tiefere Rezession gestürzt hat. Dennoch halten sie eisern an weiteren Sparmaßnahmen fest.
Das Scheitern der eigenen Maßnahmen kann nie auf einem Fehler der Dogmen beruhen, sondern liegt immer nur daran, dass die gescheiterten Maßnahmen nicht radikal genug, nicht lange genug, nicht intensiv genug durchgeführt wurden.
Tony Judt beschriebt dieses Phänomen in The Memory Chalet:
A top engineer was sent by his king in 1830 to observe the trials of George Stephenson’s Rocket on the newly opened Manchester-Liverpool railway line. The Frenchman sat by the track taking copious notes as the sturdy little engine faultlessly pulled the world’s first railway train back and forth between the two cities. After conscientiously calculating what he has just observed, he reported his finds back to Paris: “The thing is impossible”, he wrote. “It cannot work.”
Religiöser Wahn und Neoliberalismus stehen sich in Inflexibilität und Glaubensfixiertheit in nichts nach.
Das eigentliche Problem daran ist, dass die neoliberalen Fundamentalisten den Diskurs beherrschen. Die jetzige Wirtschaftkrise wird man nur durch die Fähigkeit, aus den bisherigen Ereignissen die richtigen Schlüsse zu ziehen, und flexibel und pragmatisch zu reagieren, bewältigen können.
Und nicht mit einem Ja und Amen zu neuen Kreuzzügen, die die Verwüstung der Welt in Kauf nehmen, um ein zukünftiges marktwirtschaftliches Paradies zu schaffen.
Karin Koller ist eine malende und schreibende Hausfrau und Mutter von drei Kindern. Die gelernte Biochemikerin hat auch ihren eigenen Blog und ist auf Twitter.
49 Antworten auf „Neoliberalismus und Religion“
Schöner Artikel. Das Sendungsbewusstsein, die Unbedingtheit, der Glaube an ewige Dogmen, der Antiempirismus, die feste Überzeugung, die einzig richtige Antwort zu haben, die Freiheit von Zweifel, der Glaube an Allheilmittel, all diese Charakteristika des Neoliberalismus findet man auch: in der katholischen Kirche.
Typisch ist ja für die Vertreter des Neoliberalismus – wie diereligiösen Fundis – dass die Heilslehre ganz unverwaessert umgesetzt werden muss und das menschliche Leid, das die Umsetzung der Heilslehre erfordert, ganz irrelevant ist, weil es ja um ein höheres Ziel geht. Und, dass eine praktische Widerlegung der Lehre unmöglich ist, weil sie ja apriori gilt. Insoweit passt das Zitat über die Eisenbahn gut.
Wer nichts wissen will, der beschränkt sich halt aufs Glauben. Da hat man immer die richtige Antwort auf jedes Problem. Und, wer jetzt, nachdem in Irland, GB, Griechenland, Spanien bewiesen wurde, zu welchen Ergebnissen die Anwendung der neoliberalen Rezepte führt, noch an den Austerityvoodoo glaubt, anstatt sich an der isländischen Politik ein Beispiel zu nehmen, der beweist, dass er den Boden der Realität längst verlassen hat und sich in den Sphären der Metaphysik bewegt. Halstarrigkeit angesichts einer den eigenen Thesen widersprechenden Realität ist ja eine typische Manifestation des religiösen Wahns.
finde den Artikel auch interessant.
Habe aber eine Kritik. Sagen Sie Marktradikal anstelle NeoLiberal. Neoliberalismus ist etwas ganz anderes.
Gruß db
Ich halte von diesem Artikel überhaupt nichts – aus mehreren Gründen. Zunächst darum, weil ich die Sparpolitik (mit wenigen Einschränkunfen) als richtig erachte. Außerdem, weil ich die Verwendung des Worts „neo-liberal“ ablehne – das Wort ist eine Erfingung der Linken, die damit ihre politischen Gegner behängen, niemand bezheichnet sich aber wirklich als neoliberal. Aber darum gehts mir jetzt nicht:
Ok – offensichtlich bist Du gegen die „neoliberale Ideologie“ und Du meinst, Du hast gute Argumente dafür. Aber das glaubt ja wohl jeder – ganz egal um welche Ideologie oder Weltanschauung es geht. Und die Anischten des jeweiligen politischen Gegners einfach als irrationale Religion abzutun ist zwar gehässig, bringt einen aber wohl keinen Schritt weiter. Ich könnte genau das gleiche schreiben und einfach „neoliberalismus“ gegen „keynes“ austauschen. Auch da lassen sich die Untergangsszenarien finden, das „es wurde halt noch nicht genug ausgegeben“ von Krugman passt auch in Dein Schema und die plakativen Gleichnisse sind auch nicht weit („Schwäbische Hausfrau“). Genau genommen kann dieses Schema auf praktisch alles angewendet werden.
Noch eine Frage zum Schluss: Zugegeben – 2 Jahren sparen in Griechenland hat noch nicht den von mir gewünschten Effekt gebracht. Vorher wurde aber 30 Jahre lang mehr ausgegeben als eingenommen. Warum glaubst Du, dass das, was 30 Jahre lang nicht funktioniert hat jetzt plötzlich funktionieren soll. Ist Deine Einstellung nicht in Wirklichkeit viel dogmatischer als meine?
@Michael: Was mich an der Debatte immer ärgert ist, dass hier so getan wird, als würde vernünftiges Sparen gegen sinnloses Prassen ausgespielt. Das ist schlicht eine unehrliche Diskussionsstrategie. Der Protest gegen Austeritätspolitik richtig sich nicht gegen eine mittel- oder langfristige vernünftige Haushaltsführung – ja noch nicht einmal gegen eine kurzfristig vernünftige Budgetpolitik. Er richtet sich gegen einen ganz konkreten Kürzungskurs, der in der Reduktion von staatlichen Leistungen resultiert für die, die sie brauchen. In vielen Ländern auch in Privatisierungen, die kurzfristig Geld reinspülen, auf Sicht erst wieder die Kosten der Allgemeinheit erhöhen.
Und das Plädoyer für staatliche Investitionspolitik lautet auch nicht, dass man jahrzehntelang Minus um des Minus willens machen soll, sondern dass gezielte und sinnvolle Ausgaben getätigt werden sollen und man das Budgetdefizit für solche kurzfristig ruhig auch in Kauf nehmen kann, weil das sich mittelfristig rechnet. Niemand der gegen die Austeritätspolitik ist, fordert damit eine wuchernde Bürokratie, nutzlose Militärausgaben oder Kaviar für alle.
Du hast schon recht: Wuchernde Verwaltungsapparate und Staatsschulden sind ein Problem, das sich lange aufgebaut hat. Dumme Kürzungsorgien von neoliberalen Sozialstaatshassern scheitern aber mindestens ebenso lange. Das sind die beiden Idiotenextreme.
Die vernünftigen Lösungen sind weder kahlschlägernde Zornbinkel noch geldausschüttende Fantasten (wobei von letzteren fehlt eh jede Spur), sonderm kluge Investitionen, effizient-funktionale Bürokratie, sinnvolle Sparmaßnahmen und gezielte Steuererhöhungen für die, die es sich leisten können. Wenn in Griechenland die Energieversorgung wegen Geldnot zusammenbricht und in Spanien 50% Jugendarbeitslosigkeit herbeigespart werden, dann wird das keine Krise lösen.
@michael Ich kritisiere den Neoliberalismus und argumentiere nicht für den Sozialismus. Dein Argument, der Begriff Neoliberalismus sei eine „Erfindung der Linken“ passt genau in die von mir beschriebene Rhetorik. Die „schwäbische Hausfrau“ hat meines Wissens Westerwelle aufs Tapet gebracht.
Springender Punkt ist jedoch, dass die Krise nicht mit einer festgefahrenen Ideologie, die mit missionarischer Innbrunst verbreitet und torquemada’scher Härte exekutiert wird, sondern nur durch Flexibilität und Pragmatismus bewältigt werden kann.
Tatsache ist, dass viele Neoliberale im Grunde derzeit fordern, was Zadie Smith in der NYRB beschreibt:
„this new, shared global reality in which states deregulate to privatize gain and re-regulate to nationalize loss.“
http://www.nybooks.com/blogs/nyrblog/2012/jun/02/north-west-london-blues/
@Michael: wenn man sich gar nicht vorstellen kann, dass jemand, der mit der überhitzten Rhetorik und der starrsinnigen Dogmatik der Neolibs nichts anfangen kann, kein „Linker“ sein kann (und damit Warren Buffet und Bill Gates zu Sozialisten erklärt), wenn man sich nicht einmal vorstellen kann, dass an einer Kritik der eigenen Ansichten was dran sein koennte, wenn man Erfahrungswerte einfach ausblendet, dann befindet man sich auf einer Linie mit religiösen Fundis, die ja auch den Unfehlbarkeitsanspruch haben, und in jedem Kritiker einen Feind sehen.
Nun, ganz unkommentiert kann der Artikel nicht hingenommen werden.
Was die Religionen betrifft, gebe ich Karin Koller recht, sie sind von Übel. Wobei ich noch grundsätzlich unterscheide zwischen Glauben, als was sehr persönliches, und Religionen, die alle sehr kritikwürdig sind.
Nur, man kann nicht Ökonomie und Wirtschaftspolitk mit Religionen und Sekten vergleichen, das wäre Äpfel mit Orangen zu vergleichen.
Aber natürlich hat Frau Koller recht, daß alles, was fundamentalistisch, also extrem, betrieben und vertreten wird, nicht gut sein kann, da dabei das Augenmaß verloren geht.
Wer den Neuliberalismus grundsätzlich verdammt, der hat nichts davon verstanden, da eine Weltwirtschaft ohne Neoliberalismus nicht denkbar ist.
Kritiker mißverwenden oftmals diesen Begriff, wenn sie gewisse ungerechte und unsoziale Entwicklungen im Rahmen des Neoliberalismus brandmarken wollen. Diese Bedeutungswandel passierte erst in den 70-iger Jahren.
Auch nach der Österreichischen Schule, die ja nicht nur sehr berühmt ist, sondern auch heute noch ihrer Gültigkeit hat, wird der Neoliberalismus als unbedingt notwendiges Instrument der marktwirtschaftlichen Steuerung vertreten.
Wenn die dafür zuständigen Minister innerhalb Europas und auch weltweit, nicht in der Lage sind, sich socher Intrumantarien auf richtige Weise zu bedienen, haben sie entweder die falschen Berater oder sind beratunsgsresistent.
@Tom: Ich kann dem was Du schreibst eigentlich eh größtenteils zustimmen. Wenn Investitionen sinnvoll sind, dann kann man sie ja auch auf „Pump“ machen. Und ich hab auch sicher nichts dagegen, wenn z.B. die EU Direktinvestitionen in Griechenland tätigt, um z.B. Infrastruktur zu bauen usw. (natürlich vorausgesetzt, es ist nicht die berühmte Brücke ins nirgendwo).
Leuten wie z.B. Paul Krugman sehen es aber tatsächlich so, dass es praktisch Ausschließlich auf die Geldmenge ankommt und es nebensächlich ist, für was das Geld verwendet wird. Er hat da ja das berühmte Beispiel mit der Abwehr gegen eine vermeintliche Alien-Invasion gebracht. Deren Bau offensichtlich vollkommen nutzlos wäre, aber angeblich unsere wirtschaftlichen Probleme lösen würden. Und genau das lehne ich ab.
Wenn wir uns jetzt also mal einig sind, dass es durchaus wünschenswert ist, Geld für Sinnvolles auszugeben, aber Geld nicht für Beamtenheere, Günstlingswirtschaft usw. verschwendet werden soll, dann kommen wir zum nächsten Problem: Wenn wir jetzt also sagen würden: Austerität ist schlecht, die gesamte EU finanziert Griechenland für ein paar Jahre das Budget (sei es mit direkten Transfers oder mit Krediten/Garantien, wie z.B. Eurobonds), wie können wir dann sicherstellen, dass Griechenland die von uns gekaufte Zeit dazu verwendet, den Staat in einer sinnvollen Art und Weise zu sanieren? Und ich behaupte jetzt mal, dass das extrem schwierig ist – weil das ja jetzt trotz der großen finanziellen Probleme auch kaum passiert.
Wenn man sich aber anschaut, was jetzt schon getan wird, dann kommt man eben auch drauf, dass diese vermeintliche ideologisch geführte „neoliberale“ Austeritätspolitik so nicht wirklich existiert. Natürlich fordern die Länder, die Griechenland Kredite bzw. Garantien geben, dass Griechenland spart. Aber wo gespart wird, entscheidet Griechenland. Es ist nicht die Schuld der „Neoliberalen“, dass Griechenland nicht in der Lage ist, vernünftige Reformen durchzuführen. Es gibt in der EU nun mal keinen Weg, mit dem die Merkel Griechenland dazu zwingen kann, endlich die Steuern effektiv einzuheben und dafür zu sorgen, dass auch die Reeder und die Orthodoxe Kirche (größter Grundbesitzer in Griechenland) Abgabenpflichtig werden. Es wäre ja schon etwas ganz anderes, wenn Griechenland sagen würde – schauts her, wir haben diesen Plan, aber ihr müssts uns jetzt 5 Jahre lang den Rücken freihalten, bis die ganzen Reformen durchgeführt sind. So was gibt es aber nicht – der IWF und die OECD haben nach Ende letzten Jahres explizit gesagt, „es gebe [in den griechischen Ministerien] weder eine Vision über das Reformziel noch eine Kontrolle für die Umsetzung“.
@Karin Koller: Ich hab eigentlich nichts über Sozialismus geschrieben – oder? Jedenfalls war das nicht meine Absicht. Der Begriff Neoliberalismus (jedenfalls so, wie er heute der Linken verwendet wird) ist aber tatsächlich eine Erfindung der Linken. Es gibt keine neoliberale Ideologie – es gibt nur das, was Linke als neoliberal verurteilen. Schon an Deinem Zitat hier sieht man den Durcheinander der dadurch entsteht – ist Bankenrettung neoliberal oder nicht?
Wenn man sich die Staatsquoten und Sozialausgaben der meisten westlichen Staaten anschauten (außer der von den Krisenstaaten wie z.B. Griechenland), dann steigen diese eher – jedenfalls sinken sie nicht. Es gibt keine neoliberalen Ideologen, die die Sozialstaaten zusammenkürzen. Natürlich kommt es zu gewissen Sparzwängen aber nicht wegen dem Neoliberalismus, sondern weil die Kosten für Pensionen und Gesundheit unaufhaltsam steigen (ich hab letztens irgendwo gelesen, dass wenn wir so weitermachen wie bisher das österreichische Budget glaub 2060 nur noch aus Pensionen und Zinszahlungen besteht). Das ist aber nicht die Schuld des Neoliberalismus – oder ist ein niedriges Pensionsantrittsalter jetzt auch schon neoliberal?
@Yvonne: Die Wirtschaft profitiert von staatlichen Investitionen. Umgekehrt ist das Zurückfahren staatlicher Ausgaben und Investitionen schlecht für die Wirtschaft (jedenfalls kurzfristig). Wirtschaftstreibende sehen Austeritätspolitik deswegen meist negativ – sie müssen ja auch auf ihre Firma (böse Zungen behaupten auf ihre Boni) schauen und nicht auf das Wohl des Staates. Ob das gleichbedeutend damit ist, dass Neoliberalismus schlecht für die Wirtschaft ist, kann ich leider nicht beantworten, weil ich wirklich nicht weiß, was Neoliberalismus ist. Sozialisten sind sie deswegen aber sicher keine.
„Leuten wie z.B. Paul Krugman sehen es aber tatsächlich so, dass es praktisch Ausschließlich auf die Geldmenge ankommt und es nebensächlich ist, für was das Geld verwendet wird.“
Das ist es in volkswirtschaftlicher Hinsicht ja auch, Es werden ja permanent Dinge gebaut, die dann ihren Zweck und Wert verlieren. 😉 Dass Krugman das aber nicht ganz so ernst meinte, sollte man schon akzeptieren und erkennen können. Ihm gings darum etwas augenzwinkernd zu sagen, dass irgendwer anfangen muss Geld auszugeben, wenn nicht die ganze Wirtschaft in Liquiditätsengpässe kommen soll. Eine fiktive Alieninvasion abzuwehren wäre da noch besser, als weiterhin nichts zu tun. Was anderes hat er damit nicht sagen wollen.
„Es ist nicht die Schuld der “Neoliberalen”, dass Griechenland nicht in der Lage ist, vernünftige Reformen durchzuführen.“
IWF und EU schreiben Griechenland vor, 150.000 Beamte bis 2015 zu entlassen. Die Reduktion des Beamtenapparats ist nun wie wir gesagt haben ein brauchbares Ziel. Allerdings wird hier eben nicht vorgegeben, dass man bis 2014 ein Konzept erstellen soll, wie man bis 2020 den Staat umkrempeln will. Hier wird highspeed vorgeschrieben und schiere Zahlen anvisiert, ohne jede Qualitätskontrolle. 150.000 Jobs bis 2015. 15.000 allein in diesem Jahr.
Was bedeutet das? Natürlich hat auch Griechenland gewisse Strukturen, die schwer zu durchbrechen sind – und wenn man ganz schnell Beamte loswerden muss, dann werden halt (wie überall) nicht unbedingt die Beamte rausgeschmissen, die den sinnlosesten Job machen, sondern die, die am einfachsten rauszuwerfen sind.
Der Staat wird dadurch nicht besser, die Probleme nur schlimmer. Das weiß man. Das ist logisch. Das wird im aktuellen Kürzungswahn aber schlicht ignoriert. Hier gehts darum, die Finanzmärkte zu besänftigen bzw, mit Geld zu versorgen. Die Griechenlandhilfen – und das sollten wir nie vergessen – gehen ja nicht an die Griechen, die gehen an die europäischen Banken. Es wird ja eben nichts in Griechenland investiert und Griechenland selbst kann nicht mehr investieren. Hier werden die Verluste der Finanzmärkte verstaatlicht.
Und vor diesem Hintergrund ist es auch ein sinnloser Appell von den griechischen Politikern, die keiner Spielraum haben, von der einen Seite erpresst und der anderen an den Mast gewünscht werden, eine große Vision zu fordern. Natürlich sind das sicher auch nicht die fähigsten Menschen der Welt, aber das ist auch nicht zu erwarten und das kann man auch nicht schlicht voraussetzen.
Die weitere Agenda in Griechendland? Lotterie, Gaswerke, die staatliche Raffinerie und weitere Betriebe werden privatisiert. Der Mindestlohn fällt und das Arbeitslosengeld wird zusammengestrichen. Die Kaufkraft? Tot. Die Steuereinnahmen? Endgültig weg. Das Defizit? Wächst trotz radikaler Umwälzungen weiter an.
Hier wird ohne Hirn drübergekürzt weil die Rahmenbedingungen zwischen drastischen Vorgaben und hysterischen Märkten auch keine behirnten Aktionen mehr erlauben – und das ist durchaus ein erzwungener, neoliberaler Prozess.
Dass mit neoliberal ein Kampfbegriff gemeint ist, für eine recht unscharf umrissene, internationale Mainstream-Wirtschaftswissenschaft und -politik zu der sich unter diesem Namen wenige bekennen aber zu der viele gehören,ist mittlerweile auch keine überraschende Erkenntnis mehr. Woher der Begriff stammt ist mehr oder weniger egal, dass er eine Schule mein, in der in jeder Privatisierung, Liberalisierung und Deregulierung und in allen Entfesselungen der Marktwirtschaft im Allgemeinen ein Heil und im intervenierenden Sozial- und Wohlfahrtsstaat die Wurzel allen Übels gesehen wird, ist klar,
Bankenrettungen sind übrigens nicht zwingend neoliberal, wenn man mich fragt. Es kommt aber halt darauf an, warum sie passieren und was die Konsequenzen sind. Die Prozesse, die die letzten Rettungen nötig gemacht haben, waren eine Folge von Liberalisierungen, Privatisierungen und Deregulierungen (alles Dinge, die auch nicht prinzipiell böse sind, aber als unpragmatisches Dogma halt schon). Ob man die Verstaatlichung von Verlusten jetzt als logische Folge dieser Prozesse sieht und damit auch als neoliberal bezeichnet, oder ob man sie nun als rettende Intervention sieht, ist eine irrelevante Geschmacksfrage. Viel fataler ist, dass die neoliberalen Ursachen der aktuellen Situation keineswegs behoben wurden oder werden.
„Es gibt in der EU nun mal keinen Weg, mit dem die Merkel Griechenland dazu zwingen kann, endlich die Steuern effektiv einzuheben und dafür zu sorgen, dass auch die Reeder und die Orthodoxe Kirche (größter Grundbesitzer in Griechenland) Abgabenpflichtig werden.“
Es gibt in der EU auch keinen Weg, mit dem Merkel die Griechen dazu zwingen kann 150.000 Beamte abzubauen, die Pensionen und die Gehälter zu kürzen. Und doch sind diese Forderungen Gegenstand der Auflagen und Kreditverhandlungen, die Besteuerung der orthodoxen Kirche oder der Spitzenverdiener aber nicht (wäre auch schwierig, denn dann müssten die anderen europäischen Staaten das ja auch tun). Was diese Auflagen sind, ist natürlich weder Zufall noch ein gottgegebenes Schicksald, die EU und IWF wider ihres Willens akzeptieren müssen. Es ist eine politische Entscheidung.
Btw. dass das, was als „neoliberal“ kritisiert wird, oft durchaus im Gegensatz zu bedeutenden liberalen Ideen steht, ist übrigens ein Problem das einerseits zwar den Begriff „neoliberal“ etwas problematisch macht, andererseits aber auch in der Natur der Mainstream-Wirtschaftswissenschaften begraben liegt, die diese liberalen Ideen eben nicht immer verstanden haben, sich aber doch gern mit dem Begriff schmücken.
Die Begriffsverwirrung entstammt also in der Verwirrung der Sache, die der Begriff beschreibt.
Es wurde vergessen zu erwähnen, dass sich dieser unnötige Religions-Vergleich auch problemlos auf andere Ideologien anwenden lässt: Kommunismus, Ökologismus, Konservativismus, Sozialismus, Nationalismus etc. Zu Ende gedacht hat jede Wirtschafts- oder Gesellschaftstheorie ihre Götter, Dogmen, Untergangsszenarien und Häretiker. Die meisten Menschen denken bloß nicht im Extrem ihrer bevorzugten Richtung, wie es im Übrigen auch die wenigsten Wirtschaftswissenschaftler tun, deren Vertreter zu 99% eben keine Freimärktler sind, sondern Konservative oder gar verkappte Sozialdemokraten auf Sparkurs.
Der Begriff „neoliberal“ ist, wie Michael bereits angemerkt hat, selbstverständlich ein nichtssagender Kampfbegriff der Linken (genauso wie „Gutmensch“ auf der anderen Seite), mit dem man jeglicher wirtschaftspolitischen Entscheidung, die man nicht für gut befindet, einen fahlen Beigeschmack anheften kann. Dabei bezeichnet sich tatsächlich kaum jemand als „neoliberal“, sondern entweder als liberal – womit er dann entweder wirtschaftsliberal oder linksliberal meint – oder als libertär, da diese beiden Denkweisen auch weder neu, noch im Moment besonders populär sind. Dass einige Wirtschaftswissenschaftler und/oder Politiker zB Bankenrettungen ernsthaft als liberale Maßnahme bezeichnen, macht die Sache natürlich nicht besser und ist eigentlich ein weiteres Argument dafür, den Begriff ein für alle mal zu begraben und die Dinge wieder konkret beim Namen zu nennen. Aber dann polemisiert es sich natürlich nicht so leicht und für die roten Schäfchen einfach verständlich.
@Mathias: jemand, der Leute, die eine andere Meinung vertreten, pauschal als „rote Schäfchen“ bezeichnet, sollte vorsichtig damit sein, anderen undifferenzierte Pauschalierung vorzuwerfen. Der Begriff „neoliberal“ ist natürlich unscharf, aber dennoch notwendig, um eine Abgrenzung zum klassischen Liberalismus, von John Stuart Mill bis zu Keynes (der war doch tatsächlich kein Kommunist, wie die Propaganda glauben machen möchte, sondern ein Liberaler) vorzunehmen, der keineswegs die gleiche antietatistische und jede Regulierung verdammende Grundeinstellung vertreten hat, wie sie jetzt die Nachfolger der Hayeks, Friedmans etc. propagieren. Typisch für den Neoliberalismus ist eben diese Beschränkung ihrer Definition des Liberalismus auf einen Teilbereich des klassischen Liberalismus. Und die Vertreter der Chicagoer Schule, die heute noch als gottgleiche Autoritäten paradiert werden, haben sich durchaus auch selbst als neoliberal bezeichnet. Und, natürlich sind die George Osbornes dieser Welt, die politisch für die von ihnen verursachten Austeritydesaster verantwortlich sind, keine originellen oder tiefen Denker oder gar Wissenschaftler, aber sie exekutieren die neoliberalen Dogmen nach ihrem Verständnis, wie dies etwa die Bischöfe Laun bei den religiösen Dogmen tun.
@Mathias @Michael: Es gibt durchaus Menschen, die sich als neoliberal bezeichnen: http://www.ortneronline.at/ Z. B. nennt Christian Ortner sein Blog „Zentralorgan des Neoliberalismus“.
Es ist richtig, dass der Religionsvergleich von Dogma und Rhetorik auch auf Kommunismus (siehe Ortners Zentralorgan) und Faschismus (mit dem jeweiligen Führer als Gottesersatz) anwendbar ist. Mit diesen Ideologien wollen Neoliberale, die sich in den USA (z. B. Cato- Institute) durchaus mit ihrer Religion vereinen können, wahrscheinlich noch weniger verglichen werden.
Den Vergleich mit Ökologismus (wenn es diesen Begriff überhaupt gibt), Konservativismus und Sozialismus sehe ich weniger.
Falsche Religions- und Sektenkritik (ja, es gibt eine richtige) kommt oft von Aufklärungsgegnern. Kritisiert wird am gegnerischen Feindbild nicht der mystizistisch-obskurantistische Anteil sondern der wissenschaftlich-objektive. Nach diesem Sektenverständnis wären auch die Naturwissenschaften ein Kult. Das ist aber nicht so, denn Wissenschaft zeichnet sich durch das Gegenteil dessen aus, was einen genuinen Kult ausmacht.
@ Alexander: Sobald Wissenschaftlichkeit (vermeintliche oder echte) mit Mystizismus vermischt wird, handelt es sich nicht mehr um Wissenschaft. Deshalb waren die meisten Alchemisten auch keine Wissenschaftler. Wenn du auf Intelligent Design anspielst: Das ist eine Beleidigung für jeden Wissenschaftler, weil es keinerlei wissenschaftliche Basis hat. Auch wenn Kardinal Schönborn das Gegenteil sagt.
@Karin Koller: Die Unterschrift „Zentralorgan des Neoliberalismus“ ist wohl nicht ganz ernst zu nehmen. Es gibt keine Ökonomen usw., die sich Neoliberal bezeichnen, d.h. es gibt keine Neoliberale Ideologie.
Ich will mich für das, was ich jetzt schreibe bei Dir schon im Voraus entschuldigen – aber ist sehe das nun mal so: Das Cato-Institut vertritt liberale Standpunkte. Es werden nicht nur Marktliberale Standpunkte vertreten, sondern es werden u.A. Kriege der USA (Irak, Afghanistan, …) kritisiert, Freigabe oder Dekriminalisierung von Drogen gefordert und sie sind ausgesprochene Unterstützer von Bürgerrechten. Deine Ansicht, dass die politische Überzeugung für eine Zurückdrängung des Einfluss des Staates und die Ablehnung der Gängelung des Einzelnen durch eine Obrigkeit ausschließlich die Ausgeburt einer quasireligiösen Verklärung sein kann ist erschreckend.
Teil des Problems scheint die Verwendung des Begriffs „Neoliberal“ zu sein. Du interessierst Dich überhaupt gar nicht für die Ansichten und Argumenten Deines politischen oder ideologischen Gegenüber. Das einzige, was du weisst ist, dass das Cato-Institut Neoliberal ist. Und das ist für Dich sehr praktisch, weil DU definierst, was Neoliberal ist und nicht das Cato-Institut.
Das Cato-Institut hat übrigens einen Daily Podcast (http://www.cato.org/multimedia/). Ich glaube, Du solltest da mal reinhören.
@Tom: Es geht bei diesem Beispiel tatsächlich um mehr. Es geht darum, ob sich ein Staat automatisch durch das Geldausgeben aus der Wirtschaftskrise befreien kann – unabhängig davon, für was das Geld ausgegeben wird. Und Krugman ist dieser Ansicht, ich aber nicht. Volkswirtschaftlich macht es einen extremen Unterschied, ob das Geld für bedeutende Infrastruktur oder zur Abwehr einer fiktiven Alieninvasion ausgegeben wird. Das Erstere erhöht den Wohlstand der Volkswirtschaft, das letztere nicht.
Dass so viel Geld an die Finanzmärkte ausgegeben wird und dass die Staaten jetzt praktisch am Gängelband von Banken und Investmentfonds hängen ist eine Tragödie. Aber sie wurde selbst verschuldet durch die jahrzehntelange Schuldenpolitik und Reformunfähigkeit. Wer Zahlt, der schafft an – und da Österreich (und Griechenland, …) anscheinend nicht überlebensfähig sind, wenn sie nicht Jahr für Jahr Milliarden vom Finanzsektor bekommen, ist es halt auch so, dass wir nach deren Pfeife tanzen müssen. Und die Theorien von Leuten wie Krugman führen uns immer tiefer und tiefer in die Abhängigkeit von den Finanzmärkten.
Ob die Wirtschaftskrise in den USA durch Deregulierung und Liberalisierung ausgelöst wurde, darüber kann man streiten. Die Krisen in Griechenland, Spanien usw. wurde jedenfalls durch die Einführung des Euro und die daraus resultierenden niedrigen Zinsen hervorgerufen.
„Volkswirtschaftlich macht es einen extremen Unterschied, ob das Geld für bedeutende Infrastruktur oder zur Abwehr einer fiktiven Alieninvasion ausgegeben wird. Das Erstere erhöht den Wohlstand der Volkswirtschaft, das letztere nicht.“
Das stimmt für die unmittelbaren Gewinne. Allerdings wirken staatliche Investitionen ja weiter. Auch eine interstellare Raketenabwehrstation zu bauen braucht Bauarbeiter, die bezahlt werden und Material, das Unternehmen abgekauft wird. Und die geben das Geld dann wiederum für etwas aus, das Wohlstand schafft oder hält. Krugmann sagt selbst, dass es besser ist, bedeutende Infrastruktur zu bauen. Sein Beispiel zielt einzig und allein darauf ab, dass es volkswirtschaftlich am schlimmsten ist, wenn gar nichts mehr ausgegeben wird.
„Ob die Wirtschaftskrise in den USA durch Deregulierung und Liberalisierung ausgelöst wurde, darüber kann man streiten.“
Nein, eigentlich nicht. Das ist gut belegt, dass die Deregulierung der Finanzindustrie dazu geführt hat.
„Die Krisen in Griechenland, Spanien usw. wurde jedenfalls durch die Einführung des Euro und die daraus resultierenden niedrigen Zinsen hervorgerufen.“
Teils. Griechenland ist sowieso ein bisserl ein Spezialfall. Spanien wäre aber ohne die Weltwirtschaftskrise, Bankenrettungen und Immobilienblase heute mit hoher Wahrscheinlichkeit kein Problemfall. Die Staatsschulden sind dort nicht dramatisch.
@Michael: Ortner Online hat eine eigene Rubrik, in der erklärt wird, was „Neoliberal“ ist. Wenn das auch nur ein Witz ist, dann habe ich ihn nicht verstanden.
Meine Fragestellung lautete, ob Methodik, Rhetorik und Ideologie von religiösen Sektierern und „Free Market“-Ideologen einander ähneln. Das ist nicht das gleiche wie „religiöse Verklärung“. Die soll ja bei den Konsumenten der jeweiligen Ideologie erzeugt werden, damit sie nicht mehr über den Tellerrand schauen. Ortner Online und Unterberger passen meiner Meinung nach genau in das Bild. Anhänger von Sekten finden auch immer, dass deren Dogmen in sich schlüssig sind, sonst wären sie wahrscheinlich nicht Anhänger sondern Gegner oder indifferent.
@Karin Koller: Diese Rubrik auf Ortner Online erklärt die traditionelle Bedeutung von „Neoliberal“ – also die soziale Marktwirtschaft, wie sie in Europa (und speziell in Deutschland) nach dem Krieg aufgebaut wurde. Ich vermute mal, dass Du unter „Neoliberal“ was anderes verstehst.
Aber das ist doch genau das, was Du sagst: Jemand, der ein Anhänger des Liberalismus ist, muss sich in einem Zustand einer quasireligiösen Verklärung befinden, die durch die entsprechenden Chefideologen durch rhetorische Tricks und unsaubere Methoden (also die plakativen Gleichnisse, den angeblich drohenden Weltuntergang) herbeigeführt wurde. Und die Chefideologen glauben selber dann auch gar nicht an diese „Religion“, sondern verfolgen irgendwelche vermutlich eigennützigen Ziele (wie z.B. selber weniger Steuern zu zahlen).
@Tom: Hoffentlich jeder ist der Ansicht, dass Geld besser für was sinnvolles ausgegeben wird als für was sinnloses. Dass eine staatliche Investition in etwas Sinnloses für Wirtschaftswachstum, Beschäftigung usw. sorgt ist auch nicht kontrovers. Nur ob das auch langfristig einen Nutzen bringt – da scheiden sich die Geister. Und es gibt ja auch tatsächliche Beispiele dafür, dass man sich durch solche Investitionen nicht automatisch aus seinen Problemen befreien kann – wie man z.B. in Japan sieht.
Natürlich kann man immer sagen, dass die Krise verhindert werden hätte können, hätte es nur die Bankenregulierung X oder Y gegeben. Das ist aber nicht die Ursache der Krise (siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Finanzkrise_ab_2007#Ursachen).
Genauso kann man sagen, dass Spanien ohne Immobilienblase nicht in der Krise wäre – aber die Ursache der Immobilienblase sind die niedrigen Zinsen durch die Euroeinführung.
@michael: nochmal. wenn keiner geld ausgibt, ist die wirtschaft am ende. deshalb ist die investition in etwas enorm sinnloses (die über umwege wenigstens teilweise ja auch in sinnvolles fließt) auf jeden fall besser, als das ende der wirtschaft abzuwarten. dass nachhaltige projekte besser sind, ist banal. das problem ist, dass austeritäts- bzw kürzungspolitik keine nachhaltigen projekte zulässt. dieses problem ist krugmanns ausgangspunkt.
der wikipediaartikel greift in der erklärung der krise viel zu kurz, weil er erst nach dem ende der dotcomblase ansetzt. tatsäch spielen spätestens die deregulierung des kreditsektors in den 80er jahren, einige tax cuts von reagan (die hypotheken auf häuser gegenüber anderen krediten bevorzugten) und die aufhebung des trennbankensystems in den 90ern wesentliche rollen in der vorgeschichte. auch die dotcom-blase kam ja nicht von irgendwo und die niedrigen zinsen als reaktion darauf hat ja niemand aus jux und tollerei vergeben.
auch kann die spanische immobilienblase keine reine folge von eurozinsen sein, denn dieser bauboom hat schon mitte der 90er angefangen. aber selbst das ist nicht einmal zwangsweise interessant, denn die spanische krise explodierte in dem moment, als die EU sich einmischte und spanien zur austeritätspolitik drängte. http://www.nachdenkseiten.de/?p=13435
eine nicht zu unterschätzende ursache für blasen sind afaik übrigens spezielle privatisierungen, nämlich die der pensionssysteme. private pensionsversicherungssysteme haben nämlich schweineviel geld zur verfügung, aber stehen trotzdem unter enormem gewinnzwang, damit sie den leuten diese pensionen auch wieder auszahlen können. die gehören zu den playern, die sich mit großer freude in jede blase reinstürzen und sie kräftig aufblasen. das sind dann fonds, die geld an tausende amerikanische hauseigentümer ohne jede sicherheit in gebündelten paketen verleihen, weil die berechnungsmodelle idiotisch sind und fette gewinne versprechen oder die als wertanlage immobilien an spanischen golfplätzen im niemandsland kaufen…
@ Karin Koller: Was Mystizismus ist, war nicht immer klar (wohl auch dank kirchlicher Okkupation des Bildungssektors). Die Alchemisten haben wohl damals ein eher naturwissenschaftliches Weltbild, was man von den Kreationisten von heute natürlich nicht mehr sagen kann, da diesen die philosophisch-naturiwssenschaftlichen Fakten bekannt sind, sie aber trotzdem an dem Unfug festhalten. Zur Politik: Es gibt auch durchaus Auffassungen, wonach der ganze Sozialismus auf mystizistischen Grundlagen basieren muss, da an ihm festzuhalten unweigerlich in den Staatsbankrott führt. Wenn man das als ökonomisch gebildeter Mensch weiß und dennoch daran festhält, ist man nicht nur m.E. religiös. Aber das ist eine ganze kulturelle Strömung. Man nennt das in der Philosophie „Postmoderne“. Die haben alles im Griff, einschließlich der Definitionen dessen, was als Mystizismus und was als Wissenschaft zu gelten hat.
@Aexander: Ja, Wissenschaft ist sehr undemokratisch. Wie kommen ein paar Elitisten dazu, zu definieren, was Wissenschaft ist und wie die Welt funktioniert? Schon abgehandelt bei Jon Stewart: http://www.thedailyshow.com/watch/wed-october-26-2011/weathering-fights—science—what-s-it-up-to-
@ Karin Koller: Das Identitätsprinzip bestimmt, was Wissenschaft ist bzw. sein kann (erstmalig identifiziert von Aristoteles). Die Natur (und ihr Abbild, die Logik) lässt sich von Menschen nicht sagen, wie sie sein sollte. Insofern ist es richtig, dass über die Erkenntnisse objektiver Wissenschaft nicht abgestimmt werden kann, sondern dass uns diese nur durch Experiment oder Ableitung zugänglich sind. Dennoch gibt es im Wissenschaftsbetrieb demokratische Prozesse, die transparenter sein dürften als die unserer Alltagspolitik. Insofern habe ich in die Wissenschaft mehr Vertrauen als in irgendwelche Politiker, denen Wahrheit eigentlich nichts bedeutet.
„Ähnlichkeiten zwischen Religionen und Neoliberalen zeigen sich auch in der Wortwahl. Man spricht gerne in plakativen Gleichnissen.“ Genau das steht in einem Text, der sich selbst einem arg vereinfachenden und plakativen Gleichnis bedient. Ein Paradebeispiel von unfreiwilliger Ironie.
@Fabian Dinge miteinander zu vergleichen und in Gleichnissen zu sprechen sind zwei verschiedene Dinge. Und der Dativ ist dem Genitiv sein Tod. Aber das war sicher freiwillige Ironie, um mich zu persiflieren.
Liebe Karin, du verachtest freie Märkte, gut das ist deine Meinung, aber kennst du Beispiele wo der freie Handel eingeschränkt ist oder gar verboten und es den Menschen in diesen Ländern besser geht als in Ländern, die freien Handel erlauben?
Das du von Liberalismus oder Neoliberalismus keine Ahnung hast ist schon klar, denn das heisst ja nicht die Abschaffung des Staates! Ganz im Gegenteil, ein funktionierender liberaler Markt braucht einen starken Staat.
Aber Recherche verlangt ja niemand.
@ Christian: Freiheit verlangt, wenn man zur Wurzel geht, nur Selbstdisziplin, den Willen, auf initiatorische Gewalt zu verzichten. Das erfordert noch keinen Staat. Der wird nur dann notwendig, wenn das (mit der Selbstdisziplin) nicht klappt. Dann nämlich ist (organisierte) Selbstverteidigung notwendig. Aber der Markt entsteht schon durch Aggressionsverzicht (Verzicht auf initiatorische Gewalt) und nicht erst durch den Staat. „Der Markt“ ist das was passiert, wenn die Menschen auf illegitime Formen der Gewalt verzichten. Dass der Mensch nicht vollkommen ist und zur Kriminalität neigt ist der Grund warum ein reiner Marktanarchismus Utopie ist. So wie es gegenwärtig aussieht, kommt man um einen muskulösen Minimalstaat („Minarchismus“) nicht herum. Aber die Hoffnung sollte nicht aufgegeben werden. Der Mensch und sein Verhalten unterliegt den Gesetzen der Evolution. Vielleicht entwickeln wir uns zu einer freidlichen SPezies. Wer weiß.
@Alexander: EIN Markt entsteht schon von selbst durch Gewaltverzicht – aber leider noch kein transparenter, fairer und nachhaltiger. Diese Attribute sicherzustellen, sollte m.E. Aufgabe des Staates sein – wobei das nur in extremen Ausnahmefällen heißt, aktiv in ihm mitzumischen oder aggressiv in ihn einzugreifen.
Zum Artikel teile ich viele der schon gebrachten Kritikpunkte, auch wenn ich sachlich vermutlich mit der Autorin großteils ähnlicher Meinung bin. Ich halte ihn für Entertainment für Leser, die bereits alle einer Meinung sind und sich gerne bestätigt fühlen würden – höheren Anspruch scheint er keinen zu erheben.
@C3o: Höherer Anspruch? Zur Bekehrung der neoliberalen Dogmatiker? Zur Bereitstellung eines Lösungswegs aus der Krise? Das war nicht der Sinn des Artikels.
@Christian: Ich verachte die freien Märkte nicht. Die Praxis zeigt aber, dass völlig unregulierte Märkte nicht zum Vorteil der Gesellschaft funktionieren. Es gibt Unterschiede zwischen unreguliertem und freien Markt.
Andererseits wurden gerade in den USA unter Bush sofort Einfuhbeschränkungen bei eine Bedrohung des heimischen „freien“ Marktes eingeführt. So gesehen gibt es den freien Markt, wie du ihn beschreibst, nicht.
@ c3o: Unter der politischen Bedingung der Herrschaftsfreiheit (Aggressionsverzicht) reisen Informationen fre und ungehindert. Durch die dadurch gegebene Informationsfreiheit ist ein Höchstmaß an Transparenz und Bürgerrechten garantiert. // Fairness: definier das mal. Ene Maximierung des Wohlstandsniveaus für alle halte ich schon für eine faire Angelegenheit. Wie kann der Staat den freien Markt erhalten und da gleichzeitig für mehr Fairness sorgen? // Für Nachhaltigkeit sorge jeder selbst. Schonend mit den eigenen Ressourcen umzugehen fällt in den Bereich der Selbstverantwortung. Und Umweltschutz ist eigentlich nichts weiter als Eigentumsschutz (fremder Leute). Wenn wir Herrschaftsfreiheit hätten, dürfte niemand die (natürlichen) Ressourcen des anderen beschädigen. Aggressionsverzicht bedeutet, neben objektiven Bürgerrechten, auch umfassenden Umweltschutz.
„Unter der politischen Bedingung der Herrschaftsfreiheit (Aggressionsverzicht) reisen Informationen frei und ungehindert“
Die politischen Bedingungen der Herrschaftsfreiheit kann man nicht erreichen. Herrschaft/Macht sind soziologische Fixfaktoren. Die Abschaffung des Staates würde nur sein Wirken durch das Wirken anderer Mächtiger ersetzen, die dann aber nicht demokratisch kontrollierbar sind, sondern rein eigennützig agieren.
Abgesehen davon ist die Frage, warum ein Interesse wie „Information“ frei und ungehindert reisen sollte. Es liegt sehr oft im Interesse einzelner, dass sich Information nicht verbreitet.
„Wenn wir Herrschaftsfreiheit hätten, dürfte niemand die (natürlichen) Ressourcen des anderen beschädigen.“
Dir ist klar, dass diese Vorgabe eine Formulierung von politischer Herrschaft und damit komplett paradox ist, oder?
„Aggressionsverzicht bedeutet, neben objektiven Bürgerrechten, auch umfassenden Umweltschutz.“
Wieder. Wenn niemand herrscht, garantiert niemand irgendwelche Rechte und Pflichten. Damit das funktioniert müssten alle Menschen gut, unkorrumpierbar, superintelligent und einer Meinung sein. Du folgst einem völlig utopischem Menschheitsbegriff.
„Aggregationsverzicht“ ist übrigens ein spannendes Wort das nicht einmal Google kennt. Vielleicht böte es sich an kurz zu erklären, was du damit meinst?
@Karin
Kennst du Beispiele von völlig unregulierten Märkten?
Und ja es gibt freiere Märkte und überregulierte und völlig unfreie Märkte. Völlig unreguliert gibt es nicht, will auch niemand. Das Problem ist nur dass viele „Kapitalismuskritiker“ unter freien Märkten gleich Anarchie verstehen. Und auf welche Beschreibung von freien Markt von mir beziehst du dich? So viel hab ich gar nicht geschrieben.
Lustig dass du jetzt plötzlich auch eine Unterscheidung machst zwischen freien Märkten und unregulierten, im Artikel aber von Free-Market schwafelst.
@Alexander: Diese Sicht von Märkten scheint mir eher einem abstrakten mathematischen Modell zu entsprechen als der Realität. Schön wär’s! Information wird zwar nicht aktiv an der Verbreitung gehindert, verbreitet sich aber genausowenig von selbst. Weißt du im Supermarkt, unter welchen Bedingungen was du da kaufst enstanden ist? Dass es das Produkt ums Eck vielleicht günstiger gäbe? Erst Technologie UND gesetzliche Vorgaben, wie etwa der Veröffentlichung von Preis- und Herkunftsdaten können diese Information wirklich freisetzen.
Fairness heißt u.A. die Verhinderung von Preisabsprachen, oder der Erpressbarkeit von Arbeitnehmern – etwa mit einem bedingungslosen Grundeinkommen (der Arbeitsmarkt ist einfach nicht mobil, transparent und durchlässig genug und das Damoklesschwert der Existenzangst zu beeinflussend, dass die Akteure darauf wirklich frei sind, in ihrem Eigeninteresse rational zu handeln). Umweltschutz ist meist Eigentumsschutz zukünftiger Generationen, die für ihre Rechte noch nicht selbst eintreten können…
@christian: „Lustig dass du jetzt plötzlich auch eine Unterscheidung machst zwischen freien Märkten und unregulierten, im Artikel aber von Free-Market schwafelst.“
„Free Market-Ideologie“ ist ein verständlicher Begriff für eben diese neoliberale Chicagoer Schule. Karin wird das nicht umsonst in Anführungszeichen und auf Englisch geschrieben haben.
@ Tom Schaffer:
(1) Du vermengst die Begriffe, die standardsprachlich normalerwiese gut abgegrenzt sind. Macht, die Fähigkeit zu bestrafen und zu belohnen, wird es immer geben. Auch bei Herrschaftsfreiheit. Allerdings gelten bestimmte Formen des Bestrafens (alle die mit initiatorischer Gewalt zu tun haben) als illegitim, andere hingegen, wie zum Beispiel die Macht (mit Geld) zu belohnen als legitim. Wenn sich alle darüber einig wären, würde das ausreichen. Da das aber zur Zeit noch eine Utopie ist, müssen bestimmte Formen der Macht kriminalisiert werden (siehe oben). Dazu ist ein nicht zu kleiner Minimalstaat notwendig.
(2) Informationsfreiheit: Selbstverständlich gibt es Interessen, die dagegen sprechen. Aber die werden nicht berücksichtigt, weil dieses Bürgerrecht nicht nur logisch aus dem Aggressionsverzicht abgeleitet ist, sondern auch ein höheres Gut darstellt. Das ist besser und stärker als das unter den Bedingungen der jetzigen Demokratie.
(3) Wenn niemand über die Ressourcen des anderen (mit privater oder staatlicher Gewalt) bestimmen kann, ist Herrschaft nicht gegeben. Darum ist Umweltschutz eine logische Ableitung und keineswegs paradox (etwas was es nicht geben kann).
(4) Herrschaft ist als Gewaltinitiierung („Aggression“) definiert. Bei mir zumindest. Darum bedarf es einer Abwesenheit von Herrschaft, um einige elementare Rechte zu schützen.
(5) Das nennt man im Englischen auch „Non-aggression Principle“ (NAP). Googel es mal.
@ c3o: Es ist im rationalen Eigeninteresse fair, gerecht, usw. (wohlwollend) zu sein. Wer das (als Anbieter oder Arbeitgeber) nicht begreift, den bestraft der Markt (wir Bürger). Auch Gewerkschaften sind bei Herrschaftsfreiheit nicht verboten, sie dürfen eben nur nicht auf die Unterstützung des Staates setzen und sich anderer Instrumente bedienen. — Kennst du Ayn Rand?
Mein Artikel sollte den Dogmatismus der Neoliberalen aufzeigen, ihre quasireligiöse Vorstellung der Unfehlbarkeit der eigenen Lehre und ihre Negierung der Empirie, soweit deren Ergebnisse mit den Vorgaben der Lehre kollidieren. Einige Kommentare hier bestätigen meine Grundprämissen sehr schön.
@ Karin Koller: Gibt es deiner Meinung nicht auch einen religiösen Sozialismus? Wo auch die Annahmen mit der Empirie kollidieren? Ich denke da zum Beispiel an die Stalinisten und ihre Nachfolger heute.
Das habe ich weiter oben schon geschrieben.
Also das erste was kommt wenn ich free-market google ist das hier: „Free market” is a summary term for an array of exchanges that take place in society. Each exchange is undertaken as a voluntary agreement between two people or between groups of people represented by agents. These two individuals (or agents) exchange two economic goods, either tangible commodities or nontangible services.
http://www.econlib.org/library/Enc/FreeMarket.html
Es ist also nicht klar, das freier Markt mit der Chicagoer Schule einhergeht.
Jedoch würden mich diese konkreten Beispiele interessieren, wo ein eingeschränkter Markt bzw. unfreier Markt besser funktioniert als ein freier. Wovon spricht Karin Koller wenn sie sagt, dass das die Empirie zeigen würde?
Hier wird jeder Katholik beschimpft, weil seine Religion die unbefleckte Empfängnis lehrt, jeder der nicht Kommunist ist oder sich vom Staat etwas bedrängt fühlt als Neoliberaler beschimpft. Im Grunde wird irgendwie die ÖVP beschimpft.
Hier steht, dass die Sparpolitik die Länder in die Rezension geführt hat ohne weitere Analyse und dass Neoliberale Schuld wären. Da kann man doch mal ein paar Beispiele einfordern. Irgendwas konkretes.
Antwort kam bis jetzt keine, sondern es wird weiterhin mit Stereotypen gearbeitet. Also bitte liebe Karin Koller, wir wollen Beispiele sehen, von denen du deine Thesen herleitest. Wo ist diese neoliberale Politik die so viel spart, dass kaum ein Euroland wieder mal keine Schulden macht.
@KarinKoller
Du sagst dass die Neoliberalen fordern, dass Gewinne privatisiert werde und Verluste verstaatlicht. Bitte um
eine Quelle.
Und Sozialismus kann auch religiös sein. Ich empfehle hier das Buch „Zukunft Sozialismus“. Na wenn das mal nicht religiös ist!
@Alexander: „Wer das nicht begreift, den bestraft der Markt“ – Auch hier würde ich sagen: Leider eben in der Praxis oft nicht, da „wir Bürger“ nicht immer wissen/unterscheiden (können), wer wohlwollend handelt und wer nur vorgibt, das zu tun. Ich bleib dabei: Diese Information überträgt sich nicht von selbst und fehlerfrei instantan an alle Marktteilnehmer – da muss eine transparente, demokratische Organisation namens Staat in unserem Namen nachhelfen.
Klar kenn ich Ayn Rand – ich hab aus ihren Gedanken durchaus lehrreiche Impulse mitgenommen.
Ein interessanter Artikel über Ayn Rand: http://www.guardian.co.uk/commentisfree/2012/jun/10/confessions-recovering-objectivist-ayn-rand
Der Papst oder Prophet des Neolibarlismus, Milton Friedman, hat die Währungsunion in unzähligen Stellungnahmen kritisiert und die aktuelle Krise vorhergesehen:
<blockquote>“Your views and mine are currently very much the same on the euro. . . . What most troubles me as it does you is that members of the euro have thrown away the key. Once the euro physically replaces the separate currencies, how in the world do you get out? It’s a major crisis. As a result, I would strongly agree with your view that the euro should be abandoned before January 1, 2002. At the same time, the odds are very great that it will not be abandoned. The defects of the euro will take some time to show up; nothing happens very rapidly in this area. There are fewer than three years to go. Even if difficulties deriving from the euro occur in those three years, the political system is unlikely to react quickly enough to end the euro. As a result, I think it would be very desirable for some systematic thought to be given to devising some way to get out of the straitjacket of the euro after 2002. The least Italy should do is to keep intact the plates which are used to produce lira.”</blockquote>
<blockquote>…the more likely possibility is that there will be asymmetric shocks hitting the different countries. That will mean that the only adjustment mechanism they have to meet that with is fiscal and unemployment: pressure on wages, pressure on prices. They have no way out. With a currency board, there is always the ultimate alternative that you can break the currency board. Hong Kong can dismantle its currency board tomorrow if it wants to. It doesn’t want to and I don’t think it will. But it could. But with the Euro, there is no escape mechanism.
Suppose things go badly and Italy is in trouble, how does Italy get out of the Euro system? It no longer has a lira after whatever it is – 2000 or 2001 – so it’s a very big gamble. I wish the Euro area well; it will be in the self-interest of Australia and the United States that the Euro area be successful. But I’m very much concerned that there’s a lot of uncertainty in prospect. </blockquote>
Da es objektiv keine europäische Volkswirtschaft gibt und diese auch nicht auf technokratischem Wege herbeigeführt werden kann, ist eine volkswirtschaftliche Steuerung, ganz gleich ob keynesianisch, monetaristisch oder sonstwie, nicht mehr möglich. Die aktuelle Misere, in der sich Europa befindet, ist also einzig und alleine den EU-Zentralisierern und deren Groupies anzulasten. Bei den Anhängern der „europäischen Idee“ sind Parallelen zu religiösen Erweckungsbewegungen durchaus zu diagnostizieren.
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An der Ideologiekritik in Karins Beitrag ist durchaus etwas dran, sie gilt aber genauso in Bezug auf den Keynesianismus. Milton Friedman tätigte den berühmten Ausspruch „We are all Keynesians now“ und damit meinte er Keynes‘ Methodologie, auf der auch der Monetarismus basiert und von dem er eigentlich kaum abweicht.
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Religiösen Wahn und insbesondere Verfolgungswahn sehe ich bei den Neoliberalismus-Kritikern. Genauso wie Hexen, Teufelsanbeter und Dämonen im Mittelalter, oder Juden in der heutigen arabischen Welt, werden alle Übel dieser Welt als Machwert „Neoliberaler“ gedeutet. Wie Michael treffend darlegt kann objektiv von Neoliberalismus in der EU keine Rede sein. Darüber hinaus bekennt sich mit Ausnahme von Christian Ortner niemand zum Neoliberalismus. Etablierte Politiker und Intellektuelle übertrumpfen sich gegenseitig darin, andere des Neoliberalismus zu beschuldigen. Trotzdem wird der Neoliberalismus als allgegenwärtige Verschwörung wahr genommen.
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Jenem Land, das die frohe Botschaft Milton Friedmans am meisten erhört hat, nämlich Schweden, geht es übrigens prima.
@ c3o: Klappt doch alles bestens, so wie es ist, oder nicht? Wir haben eine ziemlich starke Verbraucherschutzbewegung die uns vor allerlei Gefahren warnt (ob diese nun objektiv bestehen oder nicht). Wo ein Bedarf ist (zum Beispiel nach Verbraucherschutzinformationen), da entsteht ein Angebot (Journalismus, Verbrauchervereine, etc.), wenn dieser Bereich nicht schon durch den Staat okkupiert ist, was der Betätigung den entsprechenden Incentive nimmt. Sollte sich der Bedarf verstärken, wenn zum Beispiel der Staat sich in Richtung Kernkompetenz zurückzieht, wächst das Angebot organisch nach. Es is utopisch zu glauben, dass Beamte besser denken können als Privatanbieter.