Falter
Der von mir sonst hochgeschätzte Armin Thurnher schrieb im aktuellen Falter einen schrecklich schrecklichen Leitartikel (online leider nicht verfügbar). Das Internet sei „ein Medium“ für Leute die einer Gratis-Mentalität folgen würden und „die Zeitungsverläge kaputtmacht“, nachdem sie schon die Musikindustrie runiert hätten und außerdem geistiges Eigentum unterwandern würden. Es sei „ein Medium“ für „feige“ Hinter-Synonymen-Verstecker, weshalb sich jeder identifizieren müssen solle, der publizieren will. Und angeblich gehe das Gefühl für Qualität im Internet auch verloren, weil eine veraltete Google-News-Meldung hysterische Börsianer in Panik versetzen konnte.

Nichts davon ist so clever, wie man das von ihm gewohnt ist.

Mein Contra im Einzelnen:

Das Internet als „ein Medium“:
Ich tue es Martin Blumenau gleich und stelle nur fest, dass das Internet kein Medium ist, sondern eine Distributionstechnologie. Thurnher weiß das laut dem letzten Satz auch. Fragt sich, warum er dieses Wissen trotzdem nicht berücksichtigt?

Die Internetuser und ihre „Gratis-Mentalität“:
[ad#ad-1]Bezahlservices für Information setzten sich bisher im Internet tatsächlich noch nicht durch (und werden das vermutlich auf absehbare Zeit flächendeckend nicht tun – ich erwarte eher eine ausgeprägtere Spendenmentalität).

Die attestierte Gratis-Mentalität ist aber nur ein Teil der Wahrheit. Internet-NutzerInnen sind in bisher nicht dagewesenem Ausmaß bereit, MedienmacherInnen ihre wertvollen Daten zu überlassen. Sie stellen Inhalte zur Verfügung und erweitern das Angebot (wenn man sie lässt). Sie helfen bei allerlei Dingen (wenn man sie fragt). Sie liefern direktes Feedback auf Artikel und verbessern so die Qualität derselben (wenn sie ernst genommen werden). Und wenn sie nicht in wahnwitzigem Ausmaß zugemüllt werden, akzeptieren sie Werbung, die ihnen schlussendlich so zielsicher wie nie angeboten werden kann.

Schon Print-Zeitungen finanzieren sich zu großen Teilen über Werbung. Im Internet ist das Verhältnis noch viel weiter in diese Richtung gerutscht – wird das Bezahlmodell abgeschafft. Aber die NutzerInnen sind zu großen Teilen bereit, das Angebot anders zu entgelten. Es liegt am Unternehmen, das auch in Geld umzumünzen.

Das Internet wird die Zeitungsverläge kaputt machen:
Zeitungsverläge, die sich vom Internet kaputtmachen lassen, sind kein Verlust (die Redaktionen manchmal schon). Auf der Konferenz der International Newsmedia Agency in Wien hörte ich vor einigen Wochen einen Satz, der an die anwesenden Medienmacher gerichtet war. Sinngemäß: „Ihr seid keine Papierbedrucker, ihr seid Informationsanbieter – Journalisten, Geschichtenerzähler und Kommentatoren.“

Das Internet hat schon die Musikindustrie ruiniert:
Das Internet hat die Musikindustrie nicht kaputt gemacht. Die Musikindustrie hat das Internet verschlafen und kommt nun erst langsam darin an (und das auch vorrangig dank externen Unternehmen wie Apple). Wer lieber jahrelang Konsumenten verklagt, als eine unzweifelhaft vorhandene Nachfrage zu bedienen, sollte eh ruiniert werden. Bei Äußerungen der ersten These vermisse ich außerdem oft die Erkenntnis, das niemand unbedingt aufgeblasene Musikverläge braucht, wenn man sein Geld viel direkter den Künstlern selbst zukommen lassen kann.

Das Internet unterläuft geistiges Eigentum:
Creative Commons sind eine Erfindung „des Internets“. Eine tolle Erfindung, die von deutlich mehr Menschen respektiert wird, als die Copyright-Lizenz (die seit jeher ausgehebelt wird, was jetzt nur besonders ersichtlich wird).

Ich weiß ja nicht, wie es anderen Schaffenden geht, aber mein „geistiges Eigentum“ publiziere ich ohnehin deshalb, weil es möglichst viele kennenlernen sollen.

Zwischenfrage von mir an mich selbst: Aber kann man davon auch leben?
Meine vielleicht etwas unkonventionelle These: Je einfacher ich selbst Menschen im Internet den Zugang zu meinen Publikationen mache, desto eher kann ich selbst etwas damit verdienen.

Warum? Weil es dann niemand mehr über windige Kanäle stehlen muss, sondern alles im von mir kontrollierten Umfeld konsumieren kann.

Es ist meine Sache, ob ich in diesem nun Werbung schalte, Spendenmöglichkeiten installiere oder Merchandising-Produkte verkaufe. Ob ich meine durch die freie Verbreitung gewonnene Bekanntheit nutze, um als bezahlter Experte auf Konferenzen zu sprechen, als Filmemacher Leute ins Kino zu locken, als Musiker mehr Menschen zu meinen Konzerten zu bewegen oder als Autor mehr Bücher an die Leser meines Blogs absetze … kommt natürlich darauf an …

Soweit zur Umwegrentabilität, aber die Erfahrung zeigt auch: Wenn Menschen etwas mögen, dann lassen sie es auch möglichst nicht untergehen und unterstützen es.

Gerade sammelt die Wikipedia wieder viele Millionen Dollar für ihre Aufrechterhaltung – und bekommt sie. (Ist es wirklich ein Verlust für irgendjemanden, dass der Brockhaus auf deren Erfolg reagiert, indem er seine Inhalte auch Schritt für Schritt allen zur Verfügung stellt?) Eine Radiostation in Chicago finanziert ihre Internet-Downloadstruktur völlig über Spenden (150.000$ im Jahr).

Und ich kenne sogar Menschen, die für besondere Leistungen auch im Internet bezahlen.

Die Anonymität der NutzerInnen als Problem:
Wie in jeder Öffentlichkeit soll nur publizieren dürfen, wer sich auch zu erkennen gibt, meint Thurnher. Sonst müssten manchmal Foren geschlossen werden, weil (wie im Fall des toten Jörg Haider) bei manchen die Sicherungen durchbrennen. Einfache Antwort: Wen interessieren eigentlich diese ganze Forentrolle?

Es steht jedem Medium offen, eine entsprechende Registrierung vorauszusetzen. Aber genauso wie ich Piratenradios starten und Untergrundzeitungen drucken kann, kann ich auch anonym bloggen und wenn es erlaubt ist eben auch Artikel kommentieren – nur leichter. Persönlichkeit bestimmt allerdings Glaubwürdigkeit, deshalb sollte man das im Allgemeinen eher nicht tun.

Man sollte dabei eines nicht vergessen: Anonymität verleitet zwar zur Scharlatanerie, aber sie erleichtert auch andere, gute Dinge. Das ist vielleicht selten wirklich nützlich, aber dafür dann besonders wertvoll. Abgesehen davon können nur die bedenklichsten aller Methoden überhaupt einigermaßen sicherstellen, dass niemand anonym schimpfen kann.

Es gibt einen Qualitätsgefühl-Verlust durch das Internet
Ist das Internet das neue Radio, weil Börsianer in Massen auftretend grundsätzlich nicht ganz dicht sind? Als ein amerikanischer Radiosender Ende der 1930er (also auch etwa 20 Jahre nach der Etablierung „des Mediums Radio“) ein Krieg der Welten-Hörspiel von Orson Welles übertrug, kam es anscheinend zu einer kleinen Massenpanik. Als vor wenigen Monaten die Mär der menschenbedrohenden Vogelgrippe durch alle Arten von Medien ging, liefen die Menschen los und „plünderten“ die Grippe-Impfbestände. Hysteriker gibt es immer.

Geschätzter Herr Thurnher, dieses Qualitätsgefühls-Argument klingt dann doch zu sehr nach „Versteh ich nicht, braucht man nicht“. Wer mit der Internetnutzung vertraut ist, entwickelt sogar ein sehr gutes Gefühl für Qualität von Inhalten – ich behaupte ein besseres als Zeitungsleser. Man lernt schließlich schnell die Zeichen für Qualität zu erkennen. Und man kann den Gehalt einer Information fast immer in Sekunden nachprüfen.

Das hätten die verblödeten American Airlines-Aktionäre besser auch gemacht.

Papier ist jedenfalls ebensowenig Zeichen für Qualität wie Bits und Bytes welche sind.

Zum Schluss sagt Thurnher, man müsse zumindest über all das diskutieren:
Tut man.
Zum Glück.
Im „Scheiss Internet„.

Wäre schön, wenn man Herrn Thurnher und den Falter dort zukünftig auch finden würde. Jede weitere kluge Stimme ist hier höchstwillkommen.

{democracy:30}
  • Armin Thurnher und die Nicht-Bezahler, die er nicht versteht: http://is.gd/cC2N

  • Toller Artikel, gratuliere 😉

  • Einfach nur: Bravo
    Ich respektiere Thurnhers Meinung ( wie jede andere auch ),aber schliesse mich voll deiner an.
    lg Günter

  • kann ich hundertprozentig unterschreiben.

    wenn der falter das internet selbst besser nutzte (vgl. derstandard.at) fände sein qualitäts- und aufdeckerjournalismus vielleicht mehr publikum als die paar intellektuellen und wer sich dafür hält in wien und graz.

  • Mig

    Super Artikel, gut argumentiert. Nur den Orson WellEs musst dir noch genauer ansehen 😉

  • Orson Welles, H.G Wells. Da kann man schonmal durcheinander kommen.

    Ansonsten: Spinnt ihr? Ich kann doch nicht von allen voll recht bekommen. Wisst ihr, was das mit meinem Ego anrichtet?! 😉

  • Ja, weiß ich. Werd ich beim nächsten Besuch beim Pokern wieder zurechtstutzen, dein Ego 😛

  • Ja bitte, am besten genauso wie sonst immer. Ich brauch eh Geld. 😉

  • Michael

    @Tom: Ich bin leider auch einverstanden 😉 Nur eins hätt ich gern näher ausgeführt:

    „Anonymität verleitet zwar zur Scharlatanerie, aber sie erleichtert auch andere, gute Dinge. Das ist vielleicht selten wirklich nützlich, aber dafür dann besonders wertvoll.“

    Welche anonymen Dinge sind nicht nützlich, dabeiaber gleichzeitig wertvoll? Das muss schon was ziemlich spezielles sein.

  • Was mir vorschwebte waren Dinge, bei denen es meistens darum ging ungefährdet riskante Dinge zu tun. Etwa ein brisantes, möglicherweise illegales Interna eines Betriebs zu verraten, Stellung gegen Extremisten beziehen zu können oder auch einfach nur unerkannt ein Contra geben zu können. Sowas in der Art halt.

    Ja, mutiger wäre all das unmaskiert, aber nicht jeder der etwas Richtiges zu sagen hat muss auch ein Held sein.

  • dieter

    Armin Thurnher will also neben der Mediaprint nun auch das Internet zerschlagen. 😀

    Der Vergleich mit der Musikindustrie hinkt gewaltig. Schließlich will man ein und dasselbe Stück, das man schon irgendwo im Radio gehört hat, beliebig oft anhören. Zeitungsartikel sind Einwegprodukte, die für Gesprächsstoff sorgen.
    Insofern ist der Vergleich mit der Fernsehindustrie ein besserer, die ebenfalls das Problem hat, dass ihr die lukrative, junge Zielgruppe abspenstig wird.

    Anonymität: Das Internet ist auch ein Stammtisch. Ein Anonymitätsverbot käme einem Verbot privater Versammlungen nach sowjetischem Vorbild gleich. Die demokratische Gesellschaft braucht auch Möglichkeiten, sich privat austauschen zu können, ohne dass Arbeitgeber, Staat oder sonstwer darüber Bescheid weiß.

    Die Musikindustrie basiert auf staatlich zugesprochenen Eigentumsrechten, die heutzutage nicht mehr kontrollierbar sind. Vielleicht wird sie verschwinden oder auf einen Bruchteil zusammenschrumpfen. Wichtig ist aber, dass es weiterhin Musik gibt und da bin ich zuversichtlich, schließlich musizierte man auch schon bevor man Urheberrechte kannte.

    Die Frage aus meiner Sicht ist also, was Zeitungen für mich leisten und ob und wie das Internet das ersetzen kann.

    Kommentare und Leitartikel: Das gibt es heute zur Genüge, denn heute kann jeder sein eigener Chefredakteur werden.

    Expertenwissen: Hole ich mir direkt von den Blogs der Experten. Bei Paul Krugman erfährt man mehr über die Lage der Wirtschaft als im Wirtschaftsteil einer Zeitung.

    Objektivität und Ausgewogenheit: Hier wird es problematisch, denn viele Blogger sind parteiisch und lesen offenbar auch häufig nur Blogs von Gleichgesinnten. Aber wenigstens weiß man woran man ist, gegenüber der durch Chefredakteure und Selbstselektion gesteuerten Pseudoobjektivität von Zeitungen. Kommentatoren leisten den Informationsaustausch zwischen verschiedenen Lagern.

    Investigativer Journalismus, Informationsbeschaffung, Reportagen: Hier wird es wirklich kritisch. Momentan kann nichts einen Journalisten ersetzen, der einem Politiker ein Mikrophon unter die Nase hält und eine unangenehme Frage stellt. Manche Grünpolitiker lassen sich auf ihren Blogs auf freiwilliger Basis in Diskussionen verwickeln. Das rechne ich ihnen hoch an.
    Aber dazu kann niemand gezwungen werden und möglicherweise ist das in Hinblick auf den Wahlerfolg sogar kontraproduktiv.

    Ein Florian Klenk könnte seine Reportagen vielleicht verkaufen, wenn es irgeneine Form von Micropayment gäbe.

    In einem amerikanischen Wirtschaftsblog wurde gemutmaßt, dass sich das Gewicht hin zu den Presseagenturen verschieben wird. Vielleicht können sich die ja über spenden Finanzieren.

    Spendenfinanzierung von Organisationen wie Wikipedia klappt glaube ich eher, als einer Privatperson zu spenden. Letzteres hat etwas von Bettelei.

  • auch einverstanden mit dem, was du ausdrücken willst.
    oder hättest du wieder Widerworte von mir erwartet, nach dem letzten Mal? 😉
    nur wieso Gastkommentar. ich dachte, das ist ein Leitartikel, was der immer schreibt im Falter.
    ansonsten kann ich das nur unterschreiben.

  • schöne gegenrede 😉 was die anonymität der nutzer betrifft kann ich mich tom nur anschließen, eröffnet vielfach einfach auch diskussionsmöglichkeiten, die bei einer registrierungspflicht so nie zustande kommen könnten.

  • @weltbeobachterin danke für den richtigen einwand. weiß nicht wie ich auf gastkommentar gekommen bin.

    @dieter ich denke auch, dass spenden für die kleinblogger nicht relevant sein werden. vielleicht wenn sich mehrere zusammenschließen.

  • Thomas

    Ich geb Dir nicht Recht, weil ich noch viel weiter gehen würd… 😉 Das Internet ist kein Übel, ohne Internet wäre eine Demokratie unvollständig. Durchs Internet kommen Informationen schneller und ungefiltert zu jedem der sie haben will.

    Und Blogger sind ein wichtiger Teil davon. Als erstes Beispiel fällt mir jetzt ein eigentlich unwichtiges ein: Jörg Haider war angeblich vor seinem Tod in einem Homsexuellentreff. In Wirklichkeit ists mir – besonders als Liberalem – vollkommen wurscht was er gemacht hat. (Deshalb ists auch ein blödes weil unwichtiges Beispiel). Aber in den Zeitungen ist mal maximal von einem „Szenelokal“, falls überhaupt die Rede gewesen. Die ersten Informationen wo er war waren in Blogs, erst Tage später (und vermutlich auch nur weils durch Blogs eh schon bekannt war) hat die Österreich das irgendwann in die Zeitung übernommen. Ohne Internet wär diese Information verloren gegangen. Blödes Beispiel, weil unwichtig. Zeigt aber, dass durch Blogs Infos wesentlich schneller und ungefilterter zum Interessenten kommen.

    Oder Blogger bei Parteitagen. Durch Blogs kann man ungefiltert, oder zumindest nicht aus der Partei, fast live erfahren was bei einer solchen Veranstaltung passiert.

    Oder „Blogger“ bei Naturkatastrophen. Bevor der erste CNN Bericht mit Bildern vom Tsunami gelaufen ist, hats schon für aktuelle Zeitrechnung Ewigkeiten zuvor Bilder im Internet in irgendwelchen Blogs gegeben.

    Oder Blogger in „diktatorischen“ Ländern. Ich mein, ich weiß nicht wie die Situation mit dem Internet in vielen Ländern ist. Informationen über Menschrechtsverletzungen in Ländern, in denen der Staat jedes Medium kontrolliert, gibts NUR in Blogs.

    Also Herr Thurnher: Das Internet ist nicht das böse. Das Internet ist in Wirklichkeit gelebte Demokratie! Weil jeder seine Sicht der Dinge oder seine Informationen der Welt in Kürze kundtun kann.

  • siehe auch auf http://buerohengst.soup.io

    WILLKOMMEN IM SCHEISS INTERNET

    Wer den aktuellen Leitartikel von Armin Thurnher im Falter gelesen hat, braucht keine Kirche und keine Lesung aus dem Evangelium mehr, um herauszufinden, welcher Thematik so kurz vor heilig Abend sorgenvoll gedacht werden müsse.
    Der Tenor der Aussagen in seinem Predigtdienst ist in Anlehnung an die provokative Aussage des altbackenen ORF Programmdirektors und Digital-Dinosauriers Wolfgang Lorenz gehalten. Und um seinem dieswöchigen Opus die gewohnte gesellschaftskritische Relevanz einzuhauchen, wringt sich Thurnher, der ansonsten so wackere Kämpfer gegen Medienkonzentration und Ewig-Gestriges, ein paar Absätze aus seinem Gehirn, die das Internet als nicht ernstzunehmendes Medium abqualifizieren. Doch leider hat er ebensowenig verstanden wie ein Blogger-Dandy mit Hut auf.

    Kurzer Einschub:

    Das damit im Zusammenhang stehende peinliche Ränkespiel österreichischer Vertreter des hyperintellektuellen Journalismus (Martin Blumenau und Tex Rubinowitz) soll an dieser Stelle jetzt nicht thematisiert werden. Wer jetzt von den beiden seine Profilierungsneurosen mit anstrengenderen Formulierungen und „witzigerem“ Schreib-Habitus ausleben kann, sollen andere entscheiden.

    Die Internet-User und ihre Gratis-Mentalität:

    Das die Web 2.0 Generation für Informationen aus dem Internet keinen Cent bezahlen möchte, ist klar und zwar aus einem ganz einfachen Grund: Weil sie es nicht anders gewohnt ist. Es war nie anders. Das hat nichts mit einer „Mentalität“ zu tun. Wenn die wirtschaftliche Währung eine andere ist (User-Daten mit Hobbys, persönlichen Geschmackskundgebungen und Einkaufsgewohnheiten wie auf Facebook und StudiVZ anstatt Bargeldzahlungen), schaut die Sache bereits anders aus. Dass hier zum Vorteil der Medienportale zielsicher Werbung betrieben wird und somit auf dem Wege der Umwegrentabilität die Kassa klingelt, klingt plausibel, ist aber in Wahrheit einfach übertrieben. Kaum jemand lässt sich gerne im Internet mit Pop Up-, Banner- und E-Mailwerbung zumüllen.
    Die meisten User, die als Hauptwohnsitz das wirkliche Leben gemeldet haben, sind eben NICHT bereit, das Angebot auf eine „andere“ entgeldliche Art zu nützen, solange sie nicht genötigt werden.
    Dass die Verlage bisher keine brauchbaren Strategien entwickelt haben, wie sie den Konsumenten zur Gegenverrechnung zwingen können, ist das wahre Dillema.

    Das Internet wird die Zeitungsverlage kaputt machen:

    Zeitungsverlage,die sich vom Internet zerstören lassen, sind kein Verlust. Medienunternehmen, die sich von der Kommunikationsrevolution kannibalisieren lassen, haben die Abfahrt des Reisebuses in die Zukunft ganz einfach verpasst. Da hat der Pete Daugherty der Publizistik schon recht.
    Der nächste Tritt geht aber in die Magengrube. Für Thurnher „unterläuft das Freiheitsgefühl im Internet das Urheberrecht, also jede Form des geistigen Eigentums als illegitim. Zweitens meint dieses Freiheitsgefühl ohne den Grund der Freiheit auszukommen, dass sich nämlich Personen offen mit ihrer Identität zu ihren Grundsätzen und Äußerungen bekennen. Sich dazu bekennen zu dürfen, war ja eine der ersten Forderungen der sich emanzipierenden Bürger. Jetzt verstehen die Myriaden von Postern ihre Freiheit so, dass sie sich nicht aus der Deckung zu wagen brauchen und hinter Pseudonymen verstecken können. Feiger geht’s nicht, mit Freiheit hat das nichts zu tun“.
    Da steht also der weise Mann hoch oben auf den goldenen Zinnen seiner Burg, und schaut tief auf den Pöbel herab. Redaktionsatmosphäre contra Blogosphäre. Verlagsriese contra Ein-Mann Büro.

    Deutlicher kann Arroganz wohl kaum zum Ausdruck kommen, gegen eine aufziehendes Meinungsforum der Massen. Es gibt halt mittlerweile mehr Meinungen als die eine vom Chefredakteur, und Copyright-Fragen sind, mal abgesehen von der Musikindustrie, weitaus weniger problematisch als es die Panikmache der etablierten Medienleute uns Glauben machen möchte. Gegen Meinungsvielfalt spricht im übrigen sowieso kaum etwas, und wenn es daran geht die Anonymitität der User anzuprangern, folgt auch Thurnher einem ziemlich ungeschickten Muster. Konstruktive Kritik muss nicht immer einen Namen tragen, genauso wenig wie die Destruktivität von Web-Idioten ernsthaft für Aufregung sorgen sollte. Die Welt ist mit an 100 Prozent grenzender Sicherheit durch die Entwicklung des Internet nicht weniger demokratisch geworden (wohl eher das Gegenteil ist der Fall). Anonym bloggen und kommentieren muss erlaubt sein.

    „Der Qualitätsverlust durch das Internet“:

    Das dann der Falter-Chef am Ende noch einen Aktionärs-Fauxpass infolge eines virtuellen Informationsskandals erwähnt um das Internet pauschal als Krisenverschärfer hinzustellen und damit die Web-Gegnerschaft endgültig hinter sich zu versammeln, ist die eine Sache. Das dabei gerne vergessen wird, dass durch das Internet mehr Wissen und mehr Bildung für mehr Menschen als je zuvor zugänglich gemacht wird (weil es einfach billiger ist als jede Bibliothek), ist die andere Sache. Wo man Thurnher sicherlich recht geben muss, ist, dass es darauf ankommt, was die Menschen daraus machen. Wenn der bloggende Dandy schreibt, dass diejenigen, die „mit der Internetnutzung vertraut sind“ (wahrscheinlich meinte er den konstruktiven Umgang mit der Technologie, die Knöpfe auf Tastatur und Maus findet heute jeder 11-Jährige), „ein bessers Qualitätsgefühl für Inhalte entwickeln als Zeitungsleser“, dann ist das vielleicht doch ein wenig übereifrig dahingedacht. Das Redigieren eines Informations-Sammelsuriums durch mehrere Redakteur wird wohl niemals eine überflüssige Tätigkeit werden, die Zeitung immer ein kompaktes Produkt sein, und letztendlich werden dutzende Augenpaare immer noch mehr sehen, als ein Einzelnes.

  • Und wo hab ich jetzt eigentlich irgendwas nicht verstanden? Abgesehen von kleinen Meinungsunterschieden bzw. unterschiedlichen Einschätzungen zu Detailfragen find ich bei dir leider kein Contra.

    PS: Ich mag „Pete Doherty der Publizistik“ und „Blogger Dandy“ als Begriff sehr – etablier das! 😉

  • bin da letzte woche drüber gestolpert – und habs ebenfalls kaum glauben können, der von mir wirklich sehr geschätzte thurnher beinahe in argumentationstiefen wie der herr kirchweger betr. kommentar vom armin wolf (http://manfredbruckner.blogspot.com/2008/12/es-fehlen-einem-die-worte.html). das schmerzt – und lässt mich einmal mehr behaupten: die finanzkrise wie auch die krise der medien sind in großem maße generationengesteuert und also: eine krise von alten männern! (vgl: http://manfredbruckner.blogspot.com/2008/12/wolfgang-lorenz-und-die-finanzkrise.html)

  • Ein Finanzsprecher der britischen Labour meinte einmal, dass das Problem der heutigen Sozialdemokratie sei, dass die Menschen gerne immer den anderen den Sozialismus an den Hals wünschen würden, aber selber möchten sie alle Vorzüge der freien Marktwirtschaft, und bloß keine Steuern.

    Sinngemäß argumentiert hier auch Herr Thurnher, dem linken Gesinnungskreis bekannterweise nicht völlig abgeneigt. Freies Wissen, das globale Dorf, die weltweite kostenfreie Vernetzung mit Gesinnungsgenossen ist eine prima Sache. Aber bitte nicht wenn man selber von einem Print-Verlag sein Einkommen erzielen muss…

  • cc2cc

    und noch so ein auswuchs des orf: http://forwardme.de/64054b.go
    bitte nicht falsch verstehen: der grundgedanke und die kuenstlerische umsetzung ist gut – aber auch nachhaltig?

    (doch – fuer mich gibts einen bezug zum topic 😉 )

  • dieter

    Diese Woche hat Armin Thurnher noch mal nachgelegt und weitere Internet-Kritik in Aussicht gestellt. Nunmehr sieht er es als beklagenswert, dass Nachrichtenmagazine und ZIB künftig nicht mehr als einheitlicher Gesprächsstoff für den „gebildeten Teil der Nation“ dienen können. Er sieht sogar den Zusammenhang der Gesellschaft gefährdet. Das klingt wie das Lamentieren der Kirche über den Bedeutungsverlust der Sonntagspredigt.

    Ich für meinen Teil bin froh, dass Blogger die Themen diskutieren, die sie wirklich interessieren und nicht einige wenige Chefredakteure vorgeben, was der dieswöchige Gesprächsstoff der Nation zu sein hat. Letzterer dreht sich doch häufig nur um tagespolitisches Hickhack, das in zwei Monaten schon vergessen sein wird.

    Dabei fällt mir ein weiterer Vorteil von Blogs ein: Jeder Blog ist auch sein eigenes Archiv. Das Internet hat eine unendliche Aufmerksamkeitsspanne.

  • Vor allem ist es nicht richtig, dass es bei Internet-Portalen nicht genauso die großen Themen gibt über die überall gesprochen wird. Gerade Blogger sind (viel zu oft?) Zweit- oder Drittnutzer eines Themas, das sie dann im guten Fall um eine Perspektive oder Dimension erweitern.

    Ich denke der Herr Thurnherr sollte bevor er weiterredet wirklich mal ein paar Gespräche mit Experten oder ganz einfach erfahreneren Nutzern führen.

  • Danke für den Artikel. Die Argumente von Thurnherr durften wirklich nicht so stehenbleiben. Bis auf den Punkt „Anonymität“ bin ich auch voll und ganz auf Deiner Seite. Nur die elenden Pseudonyme gehen mir genauso auf die Nerven wie Herrn Thurnherr. Nicht die Hacker-Mentalität sondern mehr deren Auswirkung auf unsere Bürgerrechte. Ich finde es essentiell, dass wir unsere freie Meinung leben und verteidigen. Wenn sich eine Kultur anonymisiert braucht sie auch keine Rechte des Individuums mehr. Hier sollten wir mehr einfordern. Aber ansonsten … ganz auf Deiner Seite.

  • Anonymität hat positive und negative Seiten, und nicht jede Internetpublikation hat politischen Hintergrund und/oder tangiert die Bewahrung der Diskussionskultur. Die Forderung nach einer Abschaffung der Anonymität ist schlichtweg überzogen und höchstbedenklich.

  • Wer redet denn von Abschaffen? Ich stehe nur einer Kultur der biedermeierlichen Anonymität skeptisch gegenüber und sehe in ihr ein Desavoieren einer Zivilcourage-Kultur. Nicht schwarz/weiß, einfach nur als Denkanstoß.

  • Thurnher wollte, dass man im Internet nur posten darf, wenn man sich zu erkennen gibt. Das hätte ich schon als Abschaffung verstanden.

    Skepsis ist angebracht. Wie gesagt, es gibt genug Grund die Anonymität kritisch zu beäugen. Man sollte halt nie außer acht lassen, wie wichtig sie auch gleichzeitig ist.

  • Ja, die Forderung von Thurnher ist überzogen, da gebe ich Dir vollkommen recht!

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