Gerald Bäck versuchte kürzlich zu erklären, weshalb er keinen Flattr-Button in seinem Blog einbaut. Seine Argumente gegen den Dienst (Was ist Flattr?) sind vorrangig allgemeiner Natur und mir mittlerweile öfters begegnet. Einverstanden bin ich nicht, deshalb möchte ich sie hier kurz besprechen.

1. Flattr verteile von Unten nach Oben.

Im schlimmsten Fall„, meint Gerald, führe Flattr dazu, dass bekanntere Angebote Geld verdienen und kleinere Angebote nur Peanuts abgreifen. Ich verstehe nicht wirklich, warum das ein schlimmer Fall ist. Fakt ist: Wer ein größeres Angebot hat bedient mehr Interessen, hat mehr Aufwand und verdient es deshalb auch, mehr zu bekommen. Niemand hat Flattr entwickelt, damit der vierzigste Katzenblogger von unten zu unermesslichem Reichtum gelangt.

Fakt ist aber trotzdem auch, dass das Argument grudsätzlich nicht stimmt: Mit einem guten Artikel, der den Spendewillen der LeserInnen trifft, kann auch ein einzelner, kleiner Blogger mehr Geld durch Flattr zugespritzt bekommen, als mit einem halben Jahr an Google Adsense Einnahmen (die zudem nicht gezielt erfolgen können). Während aktuelle Finanzierungsmodelle reichweitenstarke Seiten bevorzugen (kleine Seiten bekommen ja schon keine anständige Werbung), ist bei Flattr einzig die Qualität (in der ein oder anderen Form) und die Frequenz in der sie geliefert werden kann entscheidend .

2.Flattr beeinflusse, worüber geschrieben wird.

Mit der Möglichkeit besonders populäre Themen aufzugreifen, könne man dank Flattr Geld verdienen, weshalb nur noch über Populäres geschrieben werden könnte, befürchtet Gerald. Auch diesem Argument möchte ich grundsätzlich widersprechen – auch weil es Leuten die Flattr nutzen pauschal ein wenig unterstellt, sie würden sich anpassen. Was ich frech finde.

Warum stimmt es nicht? Das beschreibt Gerald in seinem Beitrag unbeabsichtigt selbst: „Die Währung mit der in diesem [seinem] Blog bezahlt wird, ist Aufmerksamkeit in der Form von Visits, Kommentaren und Backlinks und das reicht mir.“ Das was Gerald selbst „reicht“, unterscheidet sich in keiner Weise von Flattr. Jede Währung folgt immer einer Aufmerksamkeitsökonomie. Bezahlmodelle, Spenden, Werbung und Aufmerksamkeit sind sind anfällig dafür, dass Populäres besser vergütet wird als Nischenprodukte.

Doch schon lange vor Flattr, dem Facebook-Like-Button oder Digg wussten BloggerInnen, welche Themen ihnen sichere Aufmerksamkeit bringen. Das ist nicht auf das Web beschränkt: Selbst egomanische SchwaflerInnen im Hyde Park wissen genau, mit welchen Themen sie sich in den Mittelpunkt rücken. Populismus ist keine Frage der Währung. Dass man dem Reiz der schnellen Belohnung nicht nachgibt, ist immer eine Frage der Qualität. Und eine der Nachhaltigkeit: Ein Blog interessiert schnell niemanden, wenn es immer wieder nur dieselben Dinge produziert. (Nebenbei: Es ist aber auch das logische Ziel von Content, populär zu werden. Niemand produziert für möglichst wenige KonsumentInnen.)

3. Man wisse nicht, ob man den Content oder die Sache flattrt.

Schaut euch diese Naziseite an, da wird ein Übergriff auf ein Zuwandererviertel geplant“ – Widerwärtiger Inhalt, wichtige Sache. Wer war angesichts solcher Facebook-Statusmeldungen noch nicht verwirrt, ob er auf „Gefällt mir“ drücken soll? Einerseits beschert das dem Inhalt mehr Aufmerksamkeit, andererseits erzeugen die Worte aber eine völlig irrsinnige Bedeutung (die auch von Dritten falsch verstanden werden könnten).

Das ist aber ein rein semantisches Problem durch die Formulierung „Gefällt mir“. Ähnliches sieht Gerald auch bei Flattr. Doch der Dienst macht eigentlich sehr deutlich klar, was beim Klick passiert: Es ist völlig klar, dass du nicht den im Inhalt erwähnten Nazis hilfst, sondern dem Produzenten „schmeichelst“ (to flatter), weil er den Inhalt produziert hat (und den machst du nebenbei etwas bekannter). Und du bleibst dabei für den Produzenten und Dritte unerkannt. Wer hingegen auf einer Naziseite den Flattr-Button drückt, mit der Absicht die Welt auf die drohende Gefahr aufmerksam zu machen, muss einfach als unfähig und hilflos gelten.

4. Flattr profitiere von der inzestiösen Community

Behauptet wird, dass BloggerInnen sich gegenseitig Flattrn und (das hat Gerald nicht geschrieben, aber andere – auch in seinen Kommentaren) so vor allem Flattr selbst über die Gebühren abcasht.

Dass der Dienst Geld verdienen möchte, halte ich für kein Geheimnis und für kein Hindernis. Das Einsatzminimum von zwei monatlichen Euro (von denen 10% an die Schweden gehen, was übrigens mit wachsender Community sinken soll) halte ich aber für keine unverschämte Teilnahmegebühr.

Wer guten Content produziert bekommt das schon in der aktuellen, geschlossenen Betaphase leicht wieder rein.
Wer einfach nur spenden möchte, zahlt bei anderen Diensten mehr Gebühren. (Der Konkurrenzservice Kachingle nimmt 15 Prozent. Bei einer direkten Paypal-Spende von zwei Euro, bleiben dem Empfänger wegen der Pauschale gerade 1,58 Euro (gegen 1,8 bei Flattr). Erst ab sechs Euro sind die direkte Spendegebühren einer einmaligen(!) Transaktion etwas niedriger. An mehrere Angebote zu spenden steigert die Kosten gewaltig. Micropayment ist so unmöglich.)

Sicherlich gibt es bei Flattr für ProduzentInnen einen größeren Anreiz, sich am Geschehen zu beteiligen (nämlich nicht nur Philanthropie sondern auch Gewinnmöglichkeit). Warum sollten die auch nicht zahlen? Immerhin sind BloggerInnen nunmal auch die KonsumentInnen der Dienste. Wenn ich mir meinen Bekanntenkreis ansehe, ist es allerdings ein Irrtum zu glauben, dass nur Leute die selbst produzieren auch Flattr nutzen. Es gibt das Bedürfnis vieler Menschen, Inhalte zu belohnen, die sie interessant finden – obwohl sie das nicht tun müssten. Dazu braucht es einen Dienst wie Flattr, der ihnen das komfortabel und mit geringen Kosten ermöglicht (wie Flattr noch besser wäre).

Und daran anknüpfend bleibt für mich nur eine Argumentation von Gerald übrig, der ich nichts entgegensetzen kann: „Zahlen für Artikel? Will ich sowas? Nein.“ Sein Grund sei der hier weiter oben erwähnte: Er selbst gebe sich in seinem Blog mit Aufmerksamkeit zufrieden – folglich müssen das wohl auch alle anderen tun. Das ist als Ansicht völlig in Ordnung, wird sich aber durch kein System ändern. Warum dieser (oder irgendein anderer) Entwurf zur Vergütung von frei verfügbarem Content für Gerald dann „sympathisch“ oder „spannend“ ist, erschließt sich mir nicht. Wer nicht zahlen will, will nicht zahlen.

Die angehaftete Bemerkung, Leuten die Daumen zu drücken, die versuchen mit dem Bloggen Geld zu verdienen, finde ich dann schon etwas zynisch.