Seit den Wahlen in Wien, bei denen der Rechtsaußen-Kandidat an die 27% der Stimmen abkassiert hat (vorläufig, denn das endgültige Ergebnis steht noch aus), drehen sich die Diskussionen in allen möglichen Foren um die Frage: Wer verdammt noch mal ist daran schuld?

Statt auf diese Frage eine wohl ewig unbefriedigende Antwort zu suchen, stellt sich mir in letzter Zeit viel häufiger eine ganz andere – nämlich jene, ob diejenigen Leute in unserem Land, die als Stellvertreter des Souveräns agieren und damit auch quasi die Hüter der Demokratie sind, nicht über die Jahre sozusagen zum Feind im eigenen Bett geworden sind.

Etwas drastischer formuliert könnte man sich fragen: sorgen am Ende genau jene für die die Abschaffung der Demokratie, die sich als ihre Repräsentanten und Repräsentantinnen ausgeben?

Der Fisch beginnt am Kopf zu stinken

Ich meine, dass diese Vermutung nicht unberechtigt ist und auch wenn ich unseren heimischen Politikern nicht mehr Intellekt unterstellen möchte, als notwenig, selbst wenn ich mich davor hüten möchte, auch gleich irgendwelchen Verschwörungsszenarien Vorschub zu leisten, es gibt aktuell mehr als genug Befunde, die darauf hindeuten, dass dieser Prozess in den vergangenen 10 – 15 Jahren eine gewisse Eigendynamik entwickelt hat.

Politiker als Berufsbild

In kaum einem anderen Betätigungsfeld hat sich so etwas wie ein einzementiertes Berufsbild samt einschlägigem Ausbildungsweg herauskristallisiert, wie in der Politik der letzten Jahrzehnte. Alle Parteien besitzen heute ihre eigenen Bildungszentren und Ausbildungsakademien, die großen mehr, die kleinen weniger, in denen sie ihren Nachwuchs heranziehen.

Das Erstaunliche daran ist die Tatsache, dass es in diesen Politikerschulen keine Mindestausbildungsregel gibt, was zählt ist das Parteibuch sowie die Lorbeeren, die sich der Zögling in den diversen Parteihierarchien erarbeitet hat. Wenn man so will – eine Art politisches Wandernadelsystem, das im Elternhaus von politikaffinen Leuten beginnt, sich in den diversen Jugendgruppen fortspinnt und sich im passenden Alter in Abhängigkeit vom Ausprägungsgrad der Ambitionen des betreffenden Hoffnungsträgers in Ämtern und Funktionen niederschlägt.

Listenplätze werden in den allermeisten Parteien nach wie vor nach einem autoritär-undurchsichtigen Präferenzsystem vergeben, aber selbst offenere Verfahren lassen noch genügend Raum für alteingesessene Seilschaften übrig um „ihren“ Favoriten zu pushen.

Quereinsteiger – nein danke!

Quereinsteiger kommen bestenfalls dann zum Zug, wenn der medientechnische Mehrwert zählt. Stichwort Promifaktor – dass sich diesbezüglich immer wieder mehr als skurrile Kandidaten auf die Listen verirren mag Vielfalt widerspiegeln, ist aber bloßes (für das Output an Stimmen offenbar nicht wirklich nützliches) Kalkül. Die jeweiligen Kandidaten verschwinden dann auch oft sehr schnell wieder von der Bildfläche.

Wir basteln uns einen Politiker

Dass ein derartiges System einen ganz bestimmten Typen von Politiker fördert ist selbstredend. Er und sie zeichnen sich im Bezug auf die Partei, die sie repräsentieren, durch folgende nicht abschließend aufgelistete Eigenschaften aus: Gehorsam und Linientreue – der Durschnitt des Parteidurchschnittes. Wichtigstes Asset im Zeitalter der Medien: ein kamerataugliches Äußeres (NLP Seminar bereits inkludiert). Völlig irrelevant werden wiederum Eigenschaften wie Lebenserfahrung, Bildung, Kompetenz oder Integrität.

Pest, Cholera, Ruhr oder doch lieber Ebola?

Während sich die Wählerin aus diesem Potpourri von uninspirierenden Langweilern am Wahltag schließlich das jeweils geringste Übel aussuchen darf oder wie in den vergangenen Jahren immer stärker evident wird, gleich zu Hause bleibt, reagiert man auf der Seite der Kandidaten auf die immer häufiger abzusehenden Wahlniederlagen mit einem Sammelsurium an immer gleichen Ausreden, warum man gerade diese Wahl nicht gewonnen hat. Ein Auszug:

  1. Die anderen haben noch mehr verloren
  2. Wir haben eine beispiellose Aufholjagd geschafft
  3. Wir haben die Herzen der Wähler nicht erreicht (sind aber trotzdem super)

Bedeutungsloses Geschwätz, das immer wieder aufs neue variiert wird, der eine oder andere opportunistische Rattenfänger hat es dann nicht mehr schwer, die letzten frustrierten, aber wahlfreudigen Verlierer der Gesellschaft mit den ebenfalls immer gleichen Parolen einzusammeln.

27% ≠ 27%

Der steigende Unmut der Bevölkerung manifestiert sich jedoch bereits seit Jahren in steigenden Nichtwählerzahlen. Von den Medien gern „vergessen“, von den Parteien erfolgreich verdrängt, zeigt sich bei der Betrachtung dieser Zahlen, die alle Wahlberechtigten reflektieren, ein interessantes Bild.

Diesbezüglich darf ich auf eine Grafik meines geschätzten Blogger-Kollegen Martin Schimak hinweisen, in der er alle Zahlen der Wien-Wahl abgebildet hat.  Seinen dazu verfassten Blogbeitrag empfehle ich dringend zur, wenn geht, mehrmaligen Lektüre.

Ich selbst habe mir vor knapp einem Jahr die Arbeit angetan, eine Aufstellung zu rechnen, wie sich bei Nationalratswahlen der Anteil der Nichtwähler in den vergangenen Jahren stetig vergrößert hat.

Söba schuid

Vergangenen Sonntag also wurde in Wien gewählt und wieder sah man wahlweise schockierte oder strahlende Gesichter auf Seiten der Politik – was kaum jemand festgestellt hat ist, dass es auf der anderen Seite ausschließlich Verlierer gab: die Wähler und Wählerinnen.

Wir müssen uns nach jeder Wahl aufs Neue anhören, warum wir wieder nicht verstanden haben, was der Berufspolitiker uns eigentlich sagen wollte und auf gut Deutsch – warum wir auch diesmal wieder zu dumm waren die Richtigen zu wählen. Als Draufgabe schließlich eine Aussage, die ich noch am Wahlabend hörte: „Es ist ja egal, wie viele wählen gehen, Hauptsache wir gewinnen am Ende. Selbst wenn wir nur mehr von 10 % der Leute gewählt werden. Sind halt selber schuld, wenn sie nicht wählen gehen.“

Die Demokratie schafft sich ab

Sind wir wirklich selber schuld? Gut möglich, schließlich gibt es die Aussage, dass jedes Volk genau die Politiker hat, die es verdient, schon länger. Ich persönlich jedoch glaube nicht daran, dass wir als Wählerinnen schuld sind. Die gestaltende Kraft liegt noch immer in der Politik, auch wenn viele das nicht mehr glauben wollen.

Und selbst wenn ich den politisch Aktiven, die wirklich etwas dazu beitragen wollen, dass sich in unserem Land etwas ändert, jetzt unrecht tue, aber es sei hier trotzdem gesagt: Entweder ihr Wenigen stellt euch jetzt hin und tut etwas dagegen, oder aber der politische Mainstream, der träge untätige Moloch, der aus Funktionärinnen und Kadersoldaten, aus Postensammlern und Demokratieabschafferinnen besteht, wird weiter nichts tun. Wird weiter nur sich selbst versorgen, wird die Bildung im Land so lange verkommen und aushungern lassen, bis wir wieder dort landen, wo wir schon vor vielen Jahren einmal waren. Ob es sich dabei ums Mittelalter handelt oder um die Zeit von 1938 – 1945 ist letztlich irrelevant.

Susanne, 13. Oktober 2010

  • Gnadenlos treffend.

  • @Martin Wow das ging aber schnell – danke! Eine etwas grantigere Kolumne als gewöhnlich, aber ich meine gerechtfertigt.

  • sirrobyn

    susanne, geb dir im befund recht, die schlussfolgerung ist dann doch etwas zu dramatisch. für autoritäre systeme ist die zeit in der westlichen welt vorbei. die gefahr ist eher die scheindemokratie oder postdemokratie (http://amzn.to/dlDVbb).

    ich kann da uns (ich vereinnahme da mal dich und alle anderen politisch interessierten und mitleidenden kollegen im web) nicht aus der pflicht lassen und bin da ganz bei obama: „we are the ones we have been waiting for.“

    solange ich selber nicht bereit bin (was ich aus verschiedenen gründen noch nicht bin) z.b. eine neue partei zu gründen, oder eine untergrundbewegung ;-), so lange halte ich mich mit beschwerde zurück.

    offenbar ist das kreuz mit unserer politik noch nicht schwer genug.

  • @Sirrobyn – also ich sehe die Gefahr für Diktaturen nie gebannt. Die Frage ist, wie sie sich gestaltet und welchen Namen man ihr gibt. Das Stichwort Postdemokratie ist mir zu schwammig, aber solange es Menschen auf diesem Planeten gibt, wird es auch immer Leute geben, die ihre Macht den anderen aufzwingen wollen. Die Tatsache, dass wir seit nunmehr etwas mehr als 60 Jahren mehr oder weniger friedlich im Westen leben, sagt nichts darüber aus, wie sich das in Zukunft entwickeln wird. Wenn der Kampf um Ressourcen härter wird, und wenn ein Großteil der industriellen Arbeitsplätze in die sog. Schwellenländer abwandern, dann wird es hier im Westen unbequem werden. Genau deshalb halte ich es für so wichtig Milliardenbeträge nicht den Banken zu geben, sondern sie ins Bildungssystem zu stecken. Ein verblödetes Volk ist natürlich leichter zu unterdrücken, aber wenn wir zumindestens als Innovationsstandort und Wissensgesellschaft konkurrenzfähig bleiben wollen, dann müsste die Politik schleunigst was dagegen unternehmen.

    Als Politikerin oder Parteifunktionärin sehe ich mich leider nicht, aber trotz meiner Abneigung gegen diesen Beruf hoffe ich doch, dass es hierzulande noch ein paar vernünftige Menschen gibt, die sich das antun wollen. Bei der Untergrundbewegung bin ich natürlich dabei 🙂

  • @sirrobyn ich kann glaub ich sehr gut nachvollziehen, was und wie du das meinst. Allerdings läuft die „Zurückhaltung“, solange du selbst nicht bereit bist jetzt und hier die ultimativen Konsequenzen zu ziehen auch darauf hinaus, dass umso weniger Menschen merken werden, dass sie mit ihren Wahrnehmungen nicht alleine sind.

    Wir sind – vermutlich – in Phase 1 einer grundlegenden Erneuerung unserer im Groben aus den Umbrüchen des ausgehenden 19. Jahrhunderts entstandenen politischen Systeme. Und ich denke, wenn ich sowas vermute nicht in Jahren, sondern mehr in Jahrzehnten. Bewusstwerdungsprozesse müssen nerven, zumal wenn man selbst zu jenen gehört, die einiges von dieser Bewusstwerdung ohnehin bereits in ihr Denken integriert haben.

    Insofern bedeutet „we are the ones we have been waiting for“ jetzt einmal ja gerade auch: Reden drüber. So wie Susanne hier. Es ist der erste Schritt, weitere werden folgen, wenn die Zeit reif ist dafür.

  • ich bin der meinung, dass sich aktiv am politischen journalismus/bloggen zu beteiligen bereits unter „selbst bereit sein was zu tun“ fällt.

  • @tom – das sehe ich genauso – aber man wird ja eben oft aufgefordert doch selbst in die Politik zu gehen, da kann ich dann halt bloß sagen: danke, aber nein danke.

    @martin – wie Tom auch – finde ich es sehr wichtig, nicht und nicht aufzuhören, drüber zu reden und zu schreiben. Man darf den Politikern nicht auch noch einen Grund geben, einfach so weiterzutun wie bisher.

  • Word! Die Entfremdung von den traditionellen Politikvertretern halte ich für das noch zaghafte und orientierungslose Erwachen eines bisher in Europa kaum vorhandenen (direkter)demokratischen Bewusstseins, siehe #s21. Ängste vor einer „unpolitischen“ Generation finde ich unbegründet.

  • @markus An unpolitische Generationen glaube ich auch nicht, es bahnt sich ja jede Generation ihren eigenen Weg zur Politisierung, ich halte Bewegungen wie s21 und die mE wachsende Bloggerszene, die sich intensiv mit dem Thema Politik und Machtmissbrauch auseinandersetzt, für sehr sehr positiv. Da kommt glaube ich noch einiges.

  • Zur unpolitischen Generation werd ich demnächst einen Blogbeitrag schreiben. 😉

  • @Tom ja bitte, schreib einen. mein input: die unpolitische generation wird die politischste generation aller zeiten.

  • Ich möchte noch anmerken, dass es schon auch ein bisschen die Schuld der Medien ist, dass es Quereinsteiger so schwer haben. Es ist unvermeidlich, dass politische Unerfahrenen im Wahlkampf der eine oder andere peinliche Schnitzer unterläuft. Eventuell gibt es auch Vorbelastungen – wie z.B. ein Konkurs oder etwas in der Art. So was ist für die Medien halt interessant. Ein Kandidat, der – um es mal so auszudrücken – immer am Klo was, wenns um irgendwas geht bietet viel weniger Angriffsfläche.

    Wegen der Wahlbeteiligung würde ich mir keine so große Sorgen machen. Gerade Vorzeigedemokratien wie Schweiz oder die USA haben traditionell geringe Wahlbeteiligungen.

    Und wegen der FPÖ sollte sich die SPÖ halt mal überlegen, ob das Ausgrenzen wirklich so eine tolle Idee ist. Die Migrationspolitik ist ja sowieso Bundessache, was kann da eine SPÖ+FPÖ-Koalition in Wien (oder der Steiermark) schaden?

  • dieter

    Bevor ihr hier einen Kollektiv-Suizid begeht, muss ich hier mal einschreiten.

    Ich psychologisiere ungern, aber Linke sind nunmal tendenziell depressiv und neurotisch veranlagt, was die völlig unbegründete Weltuntergangsstimmung hier gut erklären würde. Der kollektive Nervenzusammenbruch wurde offenbar dadurch ausgelöst, dass die FPÖ wie üblich 5% mehr als in den Umfragen bekam.

    Halten wir fest:

    1. Die Absolute der SPÖ ist gebrochen, was demokratiepolitisch das Beste ist, was Wien passieren kann.

    2. Die Wahlbeteiligung ist gestiegen und liegt mit ~65% auch im internationalen Vergleich erstaunlich hoch.

    3. Denjenigen, die nicht wählen, könnt ihre nicht euren Neurotizismus andichten. Ich war bei der BP-Wahl auch nicht wählen. Es war schönes Wetter und es ging eh um nichts. Ohne Sabine Gretners und Christoph Chorherrs konkretes und handfestes, stadtplanerisches Angebot, wäre ich auch diesmal nicht hingegangen.

    Mit Postdemokratie hat das alles nichts zu tun. Eher schon mit vollendeter Sozialdemokratisierung. Alle Parteien teilen sich die gleiche Ideologie und diese ist nun einmal ausgereizt. Manchen gefällt das, anderen nicht. In beiden Fällen gibt es keinen großen Grund zwischen den vier etablierten Parteien zu wählen.

    4. Auch eine Absolute für die FPÖ würde kein Ende der Demokratie einleiten.

    @Susanne:
    “ ——- “
    Genau deshalb halte ich es für so wichtig Milliardenbeträge nicht den Banken zu geben, sondern sie ins Bildungssystem zu stecken. Ein verblödetes Volk ist natürlich leichter zu unterdrücken, aber wenn wir zumindestens als Innovationsstandort und Wissensgesellschaft konkurrenzfähig bleiben wollen, dann müsste die Politik schleunigst was dagegen unternehmen.
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    1. Man muss nicht an der Spitze der Innovation stehen, um am Welthandel teilnehmen zu können. [1]

    2. Gerade die „Spitze der Innovation“ ist häufig ein mörderisches Business mit geringen Margen. Unterhaltungselektronik z.B.. Wir profitieren davon, dass sich andere in diesem Bereich niederkonkurrieren. Der primäre Export Österreichs ist Red Bull.

    3. Ganz besonders Innovationen und reine Kopfarbeit können besonders leicht verlagert werden. (Indien, China)

    4. Unser Bildungssystem ist bereits sauteuer. Man sollte Geld, das wir nicht haben, überhaupt nicht versenken, weder in den Banken, noch im Bildungssystem.

    5. Das Bildungssystem ist ausgereizt. Da gibt es international kaum relevante Unterschiede, wenn man an der Oberfläche kratzt. Einen großen Sprung nach vorne wie unter Kreiskys Zeiten kann es nicht mehr geben. Verblödung (Abnahme des IQ seit Ende der 90er) hat ja wohl eher dysgenische Ursachen, wie Sarrazin aufzeigt. Aber auch das ist nicht das Ende der Welt. Selig sind die geistig Armen.

    [1] http://de.wikipedia.org/wiki/Komparativer_Kostenvorteil

  • Hast dem Strache seinen Spin geschluckt? Die FPÖ wird nicht ausgegrenzt, sie ist nur nicht koalitionstauglich und in ihren Inhalten mit den anderen Parteien inkompatibel. Was willst mit einer Partei, die ihre Meinungen alle paar Monate ändert (Vermögenssteuer) und glaubt alle Probleme der Welt ließen sich auf Ausländer zurückführen, groß koalieren?

    Die FPÖ ist eine unberechenbare, halb neoliberale, halb nationalistische Populistenpartei mit einem Johann Gudenus an der Spitze ihres Wiener Klubs (als wäre ein Strache nicht schlimm genug) deren Personal sich entweder zur Parteispaltung zankt oder … Stichwort Hypo.

    Was bitte stellst dir da für eine Koalition vor? Zumal die SPÖ sehr viele Stimmen überhaupt erst wegen der FPÖ-Ausgrenzung bekommen hat. Nur 8% der Rot-Wähler wollen eine Koalition mit der FPÖ, zehntausende Stimmen die von den Grünen zu den Roten gewandert sind, haben das getan um Strache zu verhindern (was auch immer die Logik dahinter ist).

    Mit der FPÖ darf weiter nicht koaliert werden. Auf dem Weg zur 40%-Partei zerstört die sich eh wieder selbst.

  • dieter

    Noch was zu den Grünen. In vielen Ländern dieser Welt gibt es stabile Kleinparteien, die halt ein gewisses Wählermilieu bindet. Das ist den Grünen gelungen. Volkspartei werden die keine. Sie sollten mit dem, was sie haben zufrieden geben und ihre Politik betreiben.

  • dieter

    “ —– “
    und in ihren Inhalten mit den anderen Parteien inkompatibel
    “ —– “
    Inwiefern?

    “ —– “
    Was willst mit einer Partei, die ihre Meinungen alle paar Monate ändert (Vermögenssteuer)
    “ —– “
    Meinst du die SPÖ?

    Aber ja, das Gerede von „Ausgrenzung“ ist insofern Propaganda, als dass die FPÖ ja davon profitiert. Wenn der Häupl den Strache den Vizebürgermeister anbieten würde, dann würde der sich aber ganz schön ärgern.

  • @Tom: Die Stadt Wien wird sicher keine Vermögenssteuer beschließen. Und was Du immer mit dem „neoliberal“ hast – was soll an der FPÖ (wirtschafts)liberal sein?

    Es ist mir schon klar, dass Du jetzt unbedingt Rot/Grün sehen willst. Und ich bin da ja auch nicht dagegen. Nur bitte kein Rot/Schwarz. Das gilt aber auch für die Steiermark und dort geht sich sonst halt nur Rot/Blau aus.

    Zur Bildung und 1938 wollte ich noch anmerken: Der Nationalsozialismus hat gerade in den Hochschulorganisationen sehr leicht und viel früher als anderswo Fuß gefasst. Das Selber gilt z.T. für den Kommunismus. Die Idee, dass Bildung gegen Totalitarismus (bzw. Faschismus oder was auch immer) schützt kann durch nichts belegt werden.

  • @Dieter Deine Comments sind ja immer sehr launig, informativ und gebildet gleichzeitig. Leute wie Dich bräuchte es im noch öffentlicheren politischen Diskurs, auch wenn ich wahrlich nicht immer Deine Meinungen teile – wohl weil ich in Deinen Augen auch so ein halbdepressiver “Linker” bin. 🙂 Sehr oft kann ich dennoch viel anfangen mit dem was Du schreibst. Schade, dass wir uns nicht persönlich kennen, das könnte an der Generalwahrnehmung “linker Depressiver” dann doch kratzen, wie ich vermute.

    Womit ich beim einzigen Punkt wäre, den Du verbessern kannst (bitte nicht schulmeisternd verstehen, sondern weil ich die Diskussion mit Dir echt schätze): du bist mE zu oft in Opposition zum gerade eben Gesagten. Das erschwert die Dinge dann wieder, macht es schwieriger Deine zweifellos grosse Kompetenz wahrzunehmen. Ich würde mir öfter Zustimmung von Dir wünschen. Lg! 🙂

  • @Michael: Mir ist emotional eigentlich auch schon fast alles lieber als Rot/Schwarz. Nicht zuletzt deshalb, weil ich fürchte, dass eine weitere Fortsetzung der rot/schwarzen Bettgeschichte bis zum St. Nimmerleinstag die Blauen nur noch stärker machen wird. Aber es ist eben sauschwer abzuschätzen, wie man da richtig weiter vorgeht. Das Hauptproblem das ich sehe ist die Inkompetenz, auch emotionale/kommunikative Inkompetenz der Leute, die sich in den Parteien so tummeln. Auf der Basis ist fast jede „Strategie“, die man sich hier abseits des Geschehens zusammenreimt, ohnehin zum Scheitern verurteilt, weil sie sie nicht durchhalten werden können.

  • Zum Thema FPÖ-Koalition:

    Klar – das könnte die Blauen schädigen, möglicherweise verlieren sie wirklich drastisch bei den nächsten (vielleicht sogar vorgezogenen) Wahlen. Dann kommt wieder schwarzrot (uU nur rot) und der Zauber beginnt von vorne. Langfristiger Gewinn: null. Aber der kurzfristige Schaden ist enorm. Unter zwei Stadträten kann man die FPÖ nicht abspeisen – dann bleibt zb Kultur oder ähnliche „Nebenressorts“ bei Strache hängen. In drei bis fünf Jahren kann der dort enormen Schaden anrichten. Man sollte nicht vergessen, dass es nicht Sinn einer Regierung ist, die FPÖ mittels ausgeklügelter Taktiererei obsolet zu machen, sondern vernünftige Politik zu betreiben, die sich mit den echten Problemen dieser Welt (Stadt) beschäftigt. Dafür ist die FPÖ zweifellos am allerwenigsten geeignet.

  • These 1: Moderne Demokratie ist ohne Parteien nicht möglich.

    Begründung: Ohne einen Apparat der zuarbeitet und Aufgaben teilt, ist ein auf sich gestellter Abgeordneter, in der Vielfalt und Komplexität der Themen verloren (man denke an den Wissensstand der meisten Abgeordneten als sie über den Vertrag von Lissabon abstimmten).

    These 2: Wo immer Strukturen vorhanden sind, innerhalb derer Macht und Besitz verhandelt und verteilt wird (also Parteien, Vereine, Unternehmen, NGOs…), werden sich Seilschaften bilden, und Intrigen gesponnen – das liegt m.E. in der menschlichen Natur begründet: Die allermeisten von uns sind nicht ausschließlich Altruisten.

    These 3: Es ist völlig legitim innerhalb einer Partei ein gewisses Maß an Gefolgschaft einzufordern, denn man arbeitet ja auf Grund eines gemeinsamen Ziels zusammen: Zu viele „Abweichler“ gefährden es.

    Daraus folgt: Parteien sind ein notwendiges „Übel“, sie existieren auf Grund eines bestimmten Zwecks, sind „zielorientiert“, und daher in gewissem Sinne auch „rigide“ zu organisieren. Hinzu kommen menschliche Schwächen, Fehler und Neigungen.

    Bevor man fragt, wie man ein solches System optimiert, könnte man noch eine andere Frage stellen: Wäre es für das System selbst nicht besser, wenn das interne Räderwerk etwas anders griffe, sozusagen im Interesse „aller“ (die Frage ist, ob sich ohne diese Einsicht etwas ändern wird/kann)?

    „Die gestaltende Kraft liegt noch immer in der Politik, auch wenn viele das nicht mehr glauben wollen.“ Ich finde Du widersprichst Dir selbst sehr schön, denn dein Artikel beweist doch gerade das Gegenteil. Oder, falls es Dir so besser gefallen sollte: Der Glaube an die Möglichkeit mitgestalten zu können, lässt uns zur Wahlurne schreiten…

    Zum „Argument“ Langweiler: Da fällt man recht schnell in die eigene Grube: Natürlich langweilen Politiker, aber Unterhaltung ist nun mal nicht ihre Aufgabe, und m.E. so ziemlich das Gegenteil von Politik. Da sehe ich den Wähler schon in der Pflicht einmal ein Programm zu lesen, o.ä. zu tun – ich meine wir machen unsere Hausaufgaben doch auch nicht: Wie viele Wähler haben sich tatsächlich die Mühe gemacht, nachzulesen was ihre Partei will? Da schließe ich mich sirrobyn, etwas von der anderen Seite her, an.

    Ein wenig empirische Prüfung wäre nicht schlecht gewesen. Ich mache mal den (provozierenden) Anfang: Jörg Haider hatte mit Sicherheit überdurchschnittliche politische Begabung, und nutzte sie; Wolfgang Schüssel war sicher auch mehr als ein reiner Parteisoldat, und in van der Bellen hatten wir einen der wenigen, die Argumente der Gegenseite aufgegriffen haben, und dem Gegenüber recht geben konnten.

    Ich habe im Zuge der Wahl mit einem Freund diskutiert: Er meinte eine Wahlpflicht von der man sich nur (schmerzhaft) freikaufen kann, wäre die Lösung. Ich glaube das stimmt nur, wenn man es oberflächlicht betrachtet: Wem nutzt es wenn von einem Gutteil unmotiviert und unreflektiert gewählt wird? Beginnt dann die Bauernfängerei nicht erst? Auch da sehe ich, wie in der Demokratie generell ein Element von Freiwilligkeit und Einsicht, ohne die es nicht geht.

  • @Markus
    ****
    Man sollte nicht vergessen, dass es nicht Sinn einer Regierung ist, die FPÖ mittels ausgeklügelter Taktiererei obsolet zu machen, sondern vernünftige Politik zu betreiben, die sich mit den echten Problemen dieser Welt (Stadt) beschäftigt. Dafür ist die FPÖ zweifellos am allerwenigsten geeignet.
    ****

    Word.

  • @Martin
    Verstehe ich nicht ganz: Ich finde Dieters Widerspruch eigentlich recht fruchtbar, sonst dreht sich hier doch alles viel zu sehr im Kreis.

    @Tom
    Selbst bereit sein etwas zu tun: Da Journalismus zunächst ein Beruf ist, sehe ich nicht, wo die „große“ Bereitschaft liegen soll (außer das Engagement geht stark über das was ein Beruf erfordert hinaus)?

    @Dieter
    Das, was ohne Depressionen* alles nicht wäre – ich möchte gar nicht daran denken. Jedenfalls: Ich liebe die meinen (und bitte gleichzeitig das nicht als politische Selbstetikettierung misszuverstehen).

    *im allerweitesten Wortsinn zu denken

  • @metepsilonema:

    Warum soll ein Beruf kein großes Engagement sein? Was glaubst du, weshalb ich politischer Journalist und Blogger sein möchte und bin? Um steinreich zu werden? Ich hätte auch noch andere Talente in denen das einfacher wäre …

    Ein Beruf beinhaltet nicht selten ein Lebenswerk und ist so das ultimative Engagment für eine Sache.

  • dieter

    @Martin:
    “ —- “
    wohl weil ich in Deinen Augen auch so ein halbdepressiver “Linker” bin.
    “ —- “
    Nö.

    Übrigens gibt es auch im reaktionär-libertären Lager (ef-magazin.de, ortneronline.at) ständig Weltuntergangsstimmung. Nur stehen die Rechtsliberalen da drüber. Sie schwelgen in der Empörung über die spätrömische Dekadenz. Ihre persönliche Psychohygiene leidet da aber nicht darunter. Unter anderem auch, weil man sich mit dem heimlich gebunkerten Goldschatz in Sicherheit wägt, die kommenden hyperinflationären Wirren unangetastet durchstehen zu können.

  • @Tom
    Ich wollte nur verhindern, dass Du in Weihrauchwogen versinkst. Kann, genau, ein Beruf kann etwas sein. Das meiste tun wir, weil es uns fasziniert, weil macht Freude macht, weil es Leidenschaft ist, aber nicht aus Pflichtschuldigkeit heraus. Ein Arzt ist nicht bewundernswert, weil er Arzt geworden ist, sondern darin, wie er als ebensolcher handelt.

    @Dieter
    Liberal? Libertär? Reaktionär? Was denn nun?

  • danke für die rettung vor den drohenden weihrauchwogen.

  • dieter

    “ —- “
    Liberal? Libertär? Reaktionär? Was denn nun?
    “ —- “

    Bei ef-magazin.de erscheinen sogar Kommentare pro Zensuswahlrecht und der Vordenker dieses Lagers, Hans Hermann Hoppe, meint, dass die Monarchie der Freiheit zuträglicher wäre als die Demokratie.

    Aber auch wenn man nicht die Definitionen des 19. Jhdts. her nimmt, ist „reaktionär-libertär“ meiner Meinung nach heute durchaus eine stimmige Kategorie.

  • Hoppe bleibt ja nicht bei der Monarchie stehen, er will wo anders hin, und vor allem zeigen, dass Demokratie ein freiheitsfeindliches System ist. Aber eigentlich will ich auf etwas anders hinaus: Wenn „libertär“ einen radikal zugespitzen Freiheitsbegriff bedeutet, dann muss „liberal“ und „reaktionär“ etwas anderes bedeuten, ob 19. Jhd., oder nicht, wir können die Begrifflichkeiten ja selbst umreißen.

  • @Tom
    Bitte, gerne, aber man verstellt sich da mitunter selbst den Blick, und wer wollte das schon…?

  • Thor segne deine edlen Motive und Taten.

  • Edel sei der Mensch, hilfreich und gut: Aber warum gerade der leicht erzürnbare Herr mit seinen beiden Ziegenböcken? Ist das noch eine Unachtsamkeit, oder schon eine kleine Boshaftigkeit, lieber Tom?

  • @Dieter: „Nö.“ Wir halten also fest, man kann dem Beitrag auch uneingeschränkt zustimmen, ohne ein „halbdepressiver Linker“ zu sein.

    Den 2. Teil Deiner obigen Analyse halte ich übrigens für weitgehend falsch:

    – „Innovationen:“ Du siehst den Begriff zu eng. Das von Dir erwähnte Red Bull zB war zweifellos eine Innovation und zwar nicht nur mit Blick auf das Produkt, sondern auch mit Blick auf das über Marke, PR und Sportsponsoring getriebene Marketinggesamtkonzept. „Innovation“ ist gerade auch dort gefragt, wo es um „Kreativität“ im weitesten Sinn geht und das sind tendentiell dann schon die Bereiche, in denen man sich unterscheiden kann, nicht zum Commodity wird, ergo auch höhere Margen hat.

    – Auch dass reine Kopfarbeit besonders leicht verlagert werden kann sehe ich so nicht wirklich. Ja, das wird tendentiell schon noch stärker als bisher kommen, zB in der Softwareentwicklung, aber es gibt Sprachbarrieren und es ist auch eine Preisfrage. Die Löhne in den angesprochenen Ländern werden mittel- bis langfristig entsprechend steigen, die Differenz kleiner werden. Ausserdem sind es eben die Bereiche, in denen typischerweise nicht alle Arbeit verlagerbar ist, weil vor Ort in Europa angepasste, hochspezialisierte Lösungen erarbeitet werden, allenfalls dann spezifizierte Komponentenfertigung auslagerbar ist.

    – Abgesehen davon versetzt uns Bildung auch ganz generell gesprochen in die Lage, unser Leben flexibler und besser zu bewältigen. Das sollte in unser aller Interesse sein.

    – Dass unser Bildungssystem bereits sauteuer ist dürfte mit Blick auf den Schulsektor nicht ganz falsch sein. Hier wird Geld in der zentralistischen Verwaltung und kleinkarierten Uraltstrukturen versenkt, die Qualität die hinten rauskommt ist suboptimal. Mit Blick auf die Universitäten stimmts wohl eher nicht, da haben wir Investitionsbedarf.

    Ich sehe für Europa wie Susanne keine grossartig anderen Optionen als zu versuchen als „Innovationsstandort und Wissensgesellschaft“ konkurrenzfähig zu bleiben. Österreich spielt da eh nur eine untergeordnete Rolle, aber wir leben halt da und ich fänds schade, wenn unsere Kinder alle woanders studieren werden und Österreich tendentiell so eine Art Altersheim/Madeira wird. Aber nüchtern betrachtet natürlich auch eine Option, schon klar.

  • AMEN

  • Leider sehr treffend beschrieben, dem möchte ich nur noch folgendes hinzufügen: http://www.chromosphere.at/blog/wordpress/?p=262

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