Der Terrorismus von Oslo als Problem der Rechtspopulisten

Die Terroranschläge von Oslo haben dazu geführt, dass die Inhalte der neuen rechtsextremen Bewegungen ins Rampenlicht gerückt werden. Angst vor und Hass auf Einwanderer und besonders Muslime und ihre angebliche Verschwörung einer “Islamisierung”; Frauenfeindlichkeit; ein Weltbild in der von den konservativen Volksparteien bis hin zu kommunistischen Splittergruppen alles mit “links” bezeichnet und als Heimatverräter verabscheut wird, die Symbolik des Abwehrkampfes christlicher Kreuzritter gegen die Türkenbelagerung und noch einiges mehr hat Breivik als Rechtfertigung seiner Taten herangezogen. All das kennt man dank der FPÖ leider sogar aus dem österreichischen politischen Diskurs. (Sogar die Kreuzrittermontur hat HC Strache schon gegen die Türkenbelagerung angezogen) Aber man sollte es sich mit den Schuldzuweisungen nicht zu einfach machen.

Der Umgang der Rechtspopulisten (von der FPÖ bis zur “Fortschrittspartei” in Norwegen) mit der politischen Debatte nach den Anschlagen hat sich schnell gezeigt. Sie beschuldigen alle, die dieses Thema mit ihnen in Zusammenhang bringen, Teil einer linkslinken Medienverschwörung zu sein. Dass das fast immer völlig aus der Luft gegriffen ist, ist dabei egal. Wer ihre Facebookseiten beobachtet, wird erkennen müssen, dass es ihre Anhängerschaft nicht kümmert, dass mit der Kronen Zeitung die größte Zeitung Österreichs flink zur Ehrenrettung der FPÖ eilt. Die AnhängerInnen akzeptieren den Spin der FPÖ, dass die Medien ihr hier was anzuhängen versuchen. Auch deshalb, weil diese Kommunikationsstrategie nicht neu ist. Sie kommt verlässlich immer dann zum Vorschein, wenn eine Kritik an der Partei schwer anders zu entkräften ist. Das ist bei ihrer Anhängerschaft auch – wie beabsichtigt – hängen geblieben.

Billiges kommt teuer

Anders Breiviks Terroranschlag von Oslo stammt natürlich aus einer Gedankenwelt, der die Rechtspopulistinnen und -extremisten bedauerlicherweise nicht allzu fern sind. Doch wer einfach nur mit dem Finger auf Strache zeigt und “Das hast du zu verantworten!” schreit, wird niemanden damit überzeugen, der es nicht schon vorher war. Man tut der FPÖ & Co. damit sogar einen Gefallen. Es erlaubt ihnen einmal mehr, sich in ihrer ersponnenen Opferrolle darzustellen, und weniger über die augenscheinlichen Parallelen mit dem ideologischem Hintergrund der Terroranschläge zu sprechen.

Abgesehen von der Frage, ob es überhaupt fair ist, die FPÖ frontal für einen Anschlag anzugreifen, in den sie nicht direkt verwickelt ist, führt es also auch nicht wirklich zum möglichen Ziel, ihr irgendwie zu schaden. Die faktischen Verbindungen sind viel zu subtil, um daraus solch schnelles politisches Kapital schlagen zu können.

Die Kosten für die Rechtspopulisten

Da die ideologischen Hintergründe Breiviks sich so offensichtlich mit denen rechtspopulistischer Parteien in Europa überschneiden, werden diese aber ganz automatisch Schaden davon tragen. Das Schlager-Thema der letzten Jahre, die Islamisierungshysterie, ist zum Beispiel für einen Wahlkampf vorerst gestorben. Wer nach diesen schrecklichen Auswüchsen des Hasses auf politische Gegner und kulturell unterschiedliche Menschen wieder in einem Comic ein Kind zum Zwuschelschießen auf Türken auffordert, “Daham statt Islam” oder Sprüche über die Bedrohung des “Wiener Bluts” durch “Fremdes” plakatiert, wird sich rechtfertigen müssen und darauf hingewiesen werden, dass diese politische Kultur die Brutstätte für den nächsten Breivik ist. Und in einem auf diese Weise sensibleren Klima, kann man damit nur noch bei Extremisten punkten.

Wir wollen aber natürlich nicht, dass das zu einer diskursiven Keule verkommt, in der Menschen aus Furcht vor sozialer Ächtung nicht mehr öffentlich sagen was sie denken, auch wenn sie davon überzeugt sind. Das wäre bequem, aber würde uns unweigerlich wieder dahin führen, wo uns Breivik gebracht hat. Das Ziel ist es, dass die Leute ihren Islamhass ablegen oder gar nicht erst auf die Propagandageschichten der Unverbesserlichen hereinfallen.

Symbole nicht aushöhlen lassen, sondern beleben

Denkt man all dies weiter, zeigt sich einmal mehr, wie man auf einer politischen Ebene gegen Populisten, Demagoginnen und ExtremistInnen (egal welcher Art) vorgeht: Nicht indem man sie pauschal mit schrecklichen Labels wie “Faschismus”, “Nazis” oder “Terrorismus” zupflastert. Wenn man das zu oft tut, verliert es für die distanzierteren BeobacherInnen jede Bedeutung – also einen großen Anteil der Bevölkerung. Symbole gegen Extremismus haben auch ihre soziale Wirkung. Aber wird diese überstrapaziert, verkommen sie zu hohlen Phrasen. Die Symbole und Begriffe gegen politischen Extremismus müssen deshalb immer wieder mit begeisterungsfähigen Argumenten und sicheren Fakten unterfüttert werden, damit sie für die Gesellschaft weiterhin wichtig bleiben. Verabsäumt man das, öffnet man der Türen für die Propagandisten ihrer Feinde.

Es ist die Aufgabe von Leuten, die auf die Errungenschaften unserer Zivilisation – Demokratie, Republik, Menschenrechte – acht geben wollen, vor allem den ideologischen Boden von ExtremistInnen zu entlarven und ihnen auf einer inhaltlichen Ebene bessere Argumente entgegen zu richten. Das delegitimiert ihre Grundlage und reduziert ihre Anziehungskraft. Und um dieser argumentativen und sachlichen, politischen Vorgangweise zu entkommen, kann man einer breiten Anhängerschaft dann auch keine “linke Medienverschwörung” vorgaukeln.

Es wäre schon lange an der Zeit, dass die Kräfte der demokratischen Vernunft erklären, warum eine offene Gesellschaft – die Menschenrechte, Vielfalt und Toleranz ehrt auch wenn das phasenweise schwieriger scheint – die viel bessere Idee ist, als das was uns auf so tragische Weise nach Utoya und Oslo geführt hat. Es gibt ja keinen sachlichen Zweifel daran. Aber dass wir im Großen und Ganzen in einer solchen Gesellschaft leben, hat uns zu behäbig gemacht. Die Stimmen, die weiter enthusiastisch für das großartige System der vielfältigen, demokratischen Gesellschaft werben, sind zu lange stumm geblieben.

  • johannes nepomuk hummel

    sie meinen also dass ein anit islam wahlkampf nicht mehr möglich sein soll? sie unverbesserlicher optimist! die fpö wird sie sicher schon bald eines besseren belehren! (wenngleich ich mir das wirklich nicht wünsche)

  • Das “Du” reicht mir völlig.

    Möglich ist vieles. Aber ich meine, dass ein Anti-Islam-Wahlkampf bisher eine einfache Sache für Rechtspopulisten war und in absehbarer Zukunft jedenfalls eine viel schwierigere Angelegenheit sein wird.

  • Mir fehlt der aktiv kommunizierte Gegenentwurf. Mir fehlt eine klare Trennlinie seitens SPÖ und ÖVP. Mir fehlt die Vision und das Bekenntnis zu einer vielfältigen Gesellschaft des Respekts in einer modernen Republik Österreich und einem in Vielfalt vereinten Europa. Auf die FPÖ hinbashen und ständig zu sagen, wie schrecklich sie ist, wie sehr sie die Gesellschaft vergiftet ist zwar inhaltlich richtig, aber seit Jahren wirkungslos.

  • Im Gewand des Ritterordens ist auch Spindelegger schon aufgetreten ( http://derstandard.at/1304553861097/Fuer-das-Heilige-Land-Spindelegger-und-die-Ritter-der-Naechstenliebe, als christlichNaechstenliebender, aber man weiss ja, wann und gegen wen die christlichen Ritter damals losgezogen sind), nicht nur Strache. Und das ist der springende Punkt. In der Einwanderungspolitik versuchen die regierenden Parteien die Rechtspopulisten zu imitieren, weil sie sich davon Wählerstimmen versprechen. Das schürt in allen Lagern die ausländerfeindliche Stimmung und bringt keine Stimmen. Die FPOE kann direkt nichts für die Anschläge. Du hast recht, wenn du sagst, dass vieles verhindert werden kann, wenn die anderen Parteien erklären würden, warum Ausländerfeindlichkeit schlecht ist, anstatt sie zu schüren.

  • Ich werde eventuell später noch einen etwas allgemeineren Kommentar dazu schreiben, möchte aber vorläufig kurz was zu Deinem Punkt “rechtspopulistischer Parteien […] diese aber ganz automatisch Schaden davon tragen” sagen: Wie sich das wirklich entwickeln wird ist jetzt schwierig zu sagen – aber es gibt da auch eine entgegengesetzte Kraft. In einigen Blogs wurde das als Anker-Effekt bezeichnet. Dadurch, dass jetzt ein neues Extrem (Terror) aufgetaucht ist, erscheint einiges, das vorher als extremistisch bezeichnet wurde plötzlich irgendwie doch recht moderat.

    Ganz gut konnte man das beim islamischen Extremismus beobachten: verschiedene islamistische Strömungen, die z.B. in den 90ern als radikal bezeichnet wurde, werden jetzt plötzlich – hauptsächlich weil sie Gewalt grundsätzlich ablehnen – als moderat bezeichnet. Etwas ähnliches konnte man auch beim RAF-Terror beobachten.

    Obwohl dieser Fall jetzt etwas anders gelagert ist (Einzeltäter), halte ich es für prinzipiell möglich, dass manche rechtspopulistische Parteien bei entsprechender Abgrenzung durchaus auch von diesem Anker-Effekt profitieren können.

  • Interessanter Einwand. Muss ich drüber nachdenken.

  • dieter

    Würdest du deine Ansichten ändern, wenn jemand deckungsgleiche Ansichten hätte, diese aber mit Gewalt unterstreichen würde?

    Würden Markus Felber und Robert Misik ihre Ansichten über die angebliche gesellschaftliche Schädlichkeit des Reichtums revidieren, wenn jemand ein paar Dutzend Reiche niedermähen würde?
    Würden Hauptberufliche “gegen Rechts”-Aktivisten und Agitatoren ihre Meinung relativieren, wenn jemand im FPÖ-Bierzelt eine Bombe hochgehen ließe?
    Pim Fortyn wurde ganz konkret erschossen, weil der Attentäter die mediale Verunglimfpung gegen ihn tatsächlich ernst nahm. Die Berichterstattung über seinen Nachfolger Wilders war deswegen nicht milder gestimmt.

    Die Antwort ist freilich “Nein!”. Niemand revidiert seine Überzeugungen, weil jemand zu weit gegangen ist.

    Im Übrigen haben wir ja mit Franz Fuchs eine Parallele hier in Österreich. Der war nach zwei Jahren völlig vergessen. Im globalisierten Internet-Zeitalter kann das bei Breivik sogar noch schneller vonstatten gehen.

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    Der Anders Behring Breivik Kubas, auch bekannt als Che Guevara, tickte nicht anders. Er erschoss wehrlose Andersdenkende oder vermeintliche Verräter höchst persönlich mit gusto. Wieviele weiß keiner so genau. Mindestens aber doppelt so viele wie Breivik. Ein besonderer Jux für Che waren seine Scheinexekutionen.
    2008 hat Michael Häupl diesem Schlächter in Wien ein Denkmal errichtet.

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    Gewalt und Radikalität lassen sich von der Politik nicht völlig fern halten. Die Aufforderung, zwecks Verhinderung von Gewalt die Politik ganz aufzugeben, wird üblicherweise nur an gegnerische Lager gerichtet.

  • dieter

    Das Manifest Breiviks scheint ja eine Art Rohrschach-Test zu sein. Jeder unterstellt ihm eine andere Ideologie.

    Wenig betrachtet wurde die Ähnlichkeit seines Manifests zu einem Rollenspiel-Handbuch. Das ist mir jedenfalls ins Auge gestochen:
    PZ Meyers dazu:
    “http://scienceblogs.com/pharyngula/2011/07/a_glimpse_into_the_deranged_mi.php”

    “Amusingly enough, after mentioning these stalwart, unnamed few, he goes on in further obsessive detail to describe all the different ranks in his order (more than there are members!) and to list with illustrations the various medals that can be awarded, including campaign ribbons for places all around the world.”

    “I know there is a 80%+ chance I am going to die during the operation as I have no intention to surrender to them until I have completed all three primary objectives AND the bonus mission. When I initiate (providing I haven’t been apprehended before then), there is a 70% chance that I will complete the first objective, 40% for the second , 20% for the third and less than 5% chance that I will be able to complete the bonus mission. It is likely that I will pray to God for strength at one point during that operation, as I think most people in that situation would.”

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    Interessant ist auch, dass der christliche Aspekt medial eher heruntergespielt wird. Dazu kommt noch, dass all die traditionalistischen Christen, die selbst gerne polternd über den Kulturmarxismus/Modernismus/Feminisierung usw. schimpfen und eine Revitalisierung eines starken, wehrhaften Christentums einfordern, Breivik das Christ-sein an sich völlig absprechen. Damit beweisen sie, dass sie selbst nur kokettieren. Denn das Christentum, auf das sich Breivik bezieht, hat tatsächlich existiert und die Helden dieser vergangenen Zivilisation wurden bis nicht vor allzu langer Zeit unverblümt gefeiert. Ohne sie hätte sich das Christentum gar nicht durchsetzen und über tausend Jahre behaupten können.

  • “Wenig betrachtet wurde die Ähnlichkeit seines Manifests zu einem Rollenspiel-Handbuch.” – ja doch, ist mir aufgefallen. auch bei seinen ausführungen von bonus-missionen.

    “Würden Markus Felber und Robert Misik ihre Ansichten über die angebliche gesellschaftliche Schädlichkeit des Reichtums revidieren, wenn jemand ein paar Dutzend Reiche niedermähen würde?” – nein. aber schlicht deshalb, weil die ihre distanz zu menschenhatz und gewalt immer sehr genau gewahrt haben, was von den im wald spielenden fpölern, in deren reihen zahlreiche verurteilte hetzer sind, nicht so ganz zu behaupten ist.

    Die FPÖ ist nicht was der Islam für den Jihad ist. Sie ist, was der Islamismus für den Jihad ist.

  • dieter

    Zunächst ist es ziemlich provinziell, die Islamisierungskritik auf den Rechtspopulismus österreichischer Ausprägung zu reduzieren.

    Alice Schwarzer kritisierte den Islam schon, als Strache sich in den Wäldern Kärntens noch auf den 3. WK vorbereitete. Der in Oslo lebende Bruce Bawer ist ein liberaler Schwulenrechtler, der auf der Flucht vor dem schwulenfeindlichen Evangelikalismus der USA in die vermeintliche Idylle der schwulenfreundlichen Niederlande und Skandinaviens zog. Kaum umgesiedelt, wurde er und sein Freund mehrmals von schwulenfeindlichen Muslimen attackiert. Daher sein Engagement.
    Robert Spencers Eltern waren Christen, die aus dem heutigen Syrien vertrieben wurden.
    Christopher Hitchens, Sam Harris, Richard Dawkins seien ebenfalls zu erwähnen. Darüber hinaus freilich der liberale Henryk Broder, Ayan Hirsi Ali, usw.
    Der deutsche Zentralrat der Ex-Muslime wurde von größtenteils (ex)kommunistischen Linken Migranten gegründet.
    Die Liste könnte ich endlos fortsetzen.

    Die FPÖ ist erst spät auf das Thema drauf gekommen. Haider war gar islamophil eingestellt. Weder hat die FPÖ die Islamkritik erfunden, noch ist sie stellvertretend für das große Spektrum an jenen, die in Bezug auf den Islam im wesentlichen die gleichen Ansichten haben (auch wenn sie das sich gegenseitig nicht zugestehen würden).

    Im Gegensatz zu Mark Steyn, der stets ein fatalistisches, auswegsloses Untergangsszenario verbreitet, verspricht die FPÖ einen positiven Lösungsansatz, nämlich FPÖ wählen und mitmachen.

    Breivik zitiert hauptsächlich Mark Steyn und andere Amerikaner. Von Österreich und insbesondere der FPÖ weiß er nichts und rechtspopulistische Parteien hält er ausdrücklich für ineffektiv.

    Genauso wie das dritte Lager hat auch die globalisierungskritische und anti-nationale Linke einen gewalttätigen Flügel, dessen Taten gerne beschwichtigt oder gar als verständliche Reaktion auf angeblich eskalierende Polizeiaktionen verteidigt werden.

    Das Bild, dass Felber oder Misik häufig zeichnen, ist nicht minder akopalyptisch. Beide zeichnen ein nebulöses und fast unbesiegbares Feindbild, das für die meisten Übel dieser Welt verantwortlich wäre.

    Letzteres trifft auch auf radikal-libertäre und anarcho-kapitalistische Kreise zu.

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    Im Übrigen hat Breivik Sozialdemokraten ermordet und nicht Muslime. Jenes Lager, das den meisten Hass auf Sozialdemokraten schürt, ist – jedenfalls in Österreich – das der ÖVP-Hardliner. Wenn in Österreich jemand die sozialistische Jugend attackieren würde, dann würde ich spontan eher auf einen Anhänger von Andreas Unterberger tippen. Breiviks Ideologie ist Unterberger auch viel näher, als der FPÖ.

  • *Zunächst ist es ziemlich provinziell, die Islamisierungskritik auf den Rechtspopulismus österreichischer Ausprägung zu reduzieren.*

    Ja komm, dass ich das nicht tue, sollte dir klar sein.

    *”Im Übrigen hat Breivik Sozialdemokraten ermordet und nicht Muslime. Jenes Lager, das den meisten Hass auf Sozialdemokraten schürt, ist – jedenfalls in Österreich – das der ÖVP-Hardliner.*”

    Breivik hat Sozialdemokraten nicht direkt als Sozialdemokraten ermordet, sondern als Teil einer Gruppierung, die er für Heimatverräter (auch wieder so ein Wort, das unsere Rechtsextremen und -populisten so nutzen) hält. In Norwegen sind die Sozialdemokraten als prägende Regierungspartei da ein großes Ziel, aber prinzipiell (und das schreibt er ja im Manifest) hätte es auch ein ÖVP-Festival sein können. Er nennt in seinem Manifest auch für Österreich 7000 Personen, die er für tötenswert hält und hält sich dabei an alle Parlamentsparteien außer BZÖ und FPÖ – also auch die ÖVP.

  • dieter

    Ich halte eben die Wahl der Opfer für informativer als seine Rationaliserung des Anschlags. Wenn er Muslime sosehr hasst, warum hat er dann keine Moschee in die Luft gesprengt? Das wäre nahe liegender und politisch effektiver gewesen. Die Rechtfertigung des Anschlags auf Jungsozialisten ist um drei Ecken konstruiert.

    Auch der Hass der Ami-Blogger wie Mark Steyn, sowie deren europäische Zuarbeiter, richtet sich primär und unversöhnlich gegen “liberals” bzw. “multiculturalists” usw.

    Der Hauptfeind von PI sind meiner Meinung nach die Grünen (gefolgt von Linke und SPD) und nicht Muslime. Kaum ein Beitrag auf PI, der ohne Seitenhieb auf Claudia Roth und Hans-Christian Ströbele auskommt. Wenn man es nicht anders wüsste, müsste man als Leser zum Eindruck kommen, dass die Grünen seit 50 Jahren die Alleinherrschaft in Deutschland hätten.

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    Meiner Einschätzung nach sind Multikulturalismus oder Kulturmarxismus keine ursächlichen Kräfte, sondern eine alberne, nachträgliche Rationalisierung der Realität. Von dieser Warte aus betrachtet kristallisiert sich mein oben beschriebener Eindruck heraus.

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    In mein Bild fällt übrigens auch die übertriebene Selbstdarstellung als von politischer Korrektheit Unterdrückte. (Siehe z.B. Waxolutionists Kommentar: “Aber war ja klar, das darf man in einem linken Blog gar nicht sagen.” im letzten Thread).

  • @Dieter wendet ein: „Würdest du deine Ansichten ändern, wenn jemand deckungsgleiche Ansichten hätte, diese aber mit Gewalt unterstreichen würde?“

    Ich würde nicht mein Weltbild ändern, aber dieser Person unterstellen, dass sie nur vorgibt, dasselbe Weltbild wie ich zu haben, in Wahrheit aber ein ganz anderes Verständnis aufweist. Dies ist mir allerdings nur dann möglich, wenn mein Weltbild „Gewaltfreiheit“ als substantiellen Faktor beinhaltet. Und an diesem Punkt wird’s spannend: Darf Strache das von sich behaupten? Vor allem vor dem Hintergrund, dass auch Worte als Taten verstanden werden müssen.

    @All: Ich fürchte, #Oslo wird auf Wahrnehmung, Stil und Inhalt der FPÖ geführten Diskurse keinen Einfluss haben. Umso mehr ist @Toms letzter Absatz zu unterstreichen und in die Welt hinaus zu posten. In diesem Sinne würde ich auch den anderen Parteien empfehlen, aus #Oslo nicht politisches Kleingeld gewinnen zu wollen.

    Klar: Jeder weiß, welche Partei der Attentäter in Österreich gewählt hätte. Aber statt mit diesem Prügel auf Strache einzuschlagen und die zarte Kausalität zwischen FPÖ-Plakaten und dem Massaker in Norwegen zu betonen, gilt es, die Themenführerschaft an sich zu reißen. Genau wie Stoltenberg es tut. Nicht die Volksverhetzer hetzen. Die eigenen, positiven Werte betonen. Stoltenberg ist da ein wunderbarer Slogan gelungen: Die Antwort auf Gewalt ist mehr Demokratie.

  • @dieter *”Wenn er Muslime sosehr hasst, warum hat er dann keine Moschee in die Luft gesprengt? Das wäre nahe liegender und politisch effektiver gewesen. Die Rechtfertigung des Anschlags auf Jungsozialisten ist um drei Ecken konstruiert.”*

    Nein, ist es nicht. Das ist eine komplett nachvollziehbare rassistisch-terroristische Logik, wie man sie immer wieder sieht. Dass er als erstes Ziel die Regierungspartei angegriffen hat, bedeutet ja auch nicht, dass er bei Möglichkeit nicht auch Moslems töten würde. Franz Fuchs hat auch nicht nur Ausländer angegriffen.

    Breivik attackierte die, die er für Verräter hält – die sich also angeblich an der Zerstörung seiner schönen heilen Welt beteiligen. Die will er bestrafen und verängstigen. Journalisten, Politiker, Intellektuelle – also alles was Rechtsextreme für links halten – sind seine auserkorenen Ziele, er nennt sie “Traitor” der Kategorie A und B, im Kampf gegen den Multikulturalismus, der unter anderem und vor allem die Islamisierung fördert. Und wie gesagt: Das beinhaltet auch Menschen und Gruppierungen rechts der Mitte.

    Der Mann hat das jahrelang geplant und punktgenau begründet. Es passt auch mit typisch rechtsextremen Denkmustern zusammen. http://youtu.be/X4GrQa2ev7s?t=3m4s (klar kein Beweis dafür, aber eine Veranschaulichung)

    @dyrnberg *”Ich würde nicht mein Weltbild ändern, aber dieser Person unterstellen, dass sie nur vorgibt, dasselbe Weltbild wie ich zu haben, in Wahrheit aber ein ganz anderes Verständnis aufweist. Dies ist mir allerdings nur dann möglich, wenn mein Weltbild „Gewaltfreiheit“ als substantiellen Faktor beinhaltet. “*

    Genau so ist es. Und das gilt soweit ich das sehe so auch für Fellner, Misik und Blumenau – die in Foren in den letzten Tagen einige Male in einen Topf mit rechtsextremen Hetzern gesteckt wurden, was so blöd ist, dass es mich sprachlos macht.

  • dieter

    @Tom:
    Zeige mir bitte, wo in seinem Manifest Muslime als Ziele genannt werden.

    Auf Seiten 807f steht seine eigentliche Forderungen an die europäischen Militärs:

    In Bezug auf Muslime fordert er:

    ————-
    1. Implementation of the assimilation policy included in this document
    or
    2. Deport all Muslim individuals from European soil (who fail to follow the assimilation
    policy or whom are not given the opportunity).
    ————-

    Die Muslime sollen also zum Christentum bekehrt werden. Jene, die ablehnen, sollen deportiert werden. Unter 809ff ist das Assimilierungsprogramm auch noch sehr detailliert beschrieben. Er meint das also ernst und hat sich konkrete Gedanken zur Christianisierung gemacht.

    Das Deportationsprogramm für jene, die nicht zum Christentum übertreten wollen, findet man auf Seite 1301. Jeder Muslim bekommt ganz sozial ein Kilo Gold mit auf den Weg!

    ————-
    All Muslim individuals agree to leave the country voluntarily and peacefully. Each
    individual will (at departure) receive a onetime fee (compensation) equivalent of 1
    kilogram of gold (10 kg for a family of 10).
    ————-

    Wenn er Muslime aus rassistischen Gründen hassen würde, dann würde er ihnen nicht ein Kilo Gold, oder die Taufe anbieten. Außerdem würde er dann nicht christliche Araber dort, wo sie verfolgt werden, nach Europa holen wollen.

    Das ist alles andere als eine klassisch “rassistisch-terroristische Logik”. Ethnische Säuberungen gibt es seit es die Menschheit gibt und diese erfolgen meistens durch die direkte Terrorisierung der fraglichen Zivilbevölkerungen. (Während des Balkankriegs, Hutu vs. Tutsi, Schiiten vs. Sunniten im Irak usw.) und nicht über indirekten Terror gegen Regierungen.

    Nein, es sind Multikulturalisten und die Günstlinge des Multikulturalismus, die er abgrundtief hasst, die er als Terrorziele auserwählt und deren Terrorisierung er detailliert beschreibt. (Z.b. Bobo-Literaturveranstaltungen usw.)

    Jon Stewarts letzte Show unterstreicht meine Analyse sehr eindrücklich.
    a.) Christliche Orientierung Breiviks
    b.) Totale Dämonisierung von “liberals” durch die amerikanische Rechte, zu der auch die Anti-Jihad-Blogger gehören. (Mark Steyn kommt sogar vor)
    http://www.thedailyshow.com/full-episodes/wed-july-27-2011-rachel-weisz

  • Ganz simpel: Warum hasst er die “Multikulturalisten”?

    “Das ist alles andere als eine klassisch “rassistisch-terroristische Logik”.”

    Klassisch hab ich nicht gesagt, nachvollziehbar hab ich gesagt.

  • dieter

    Wie genau dieser Breivik nun genau tickt, weiß allerhöchstens er selbst.

    Ich habe auch eine rassentheoretische Passage gefunden, in der er sich um das verschwinden der nordischen Züge der Elin Nordegrens und Heidi Klums dieser Welt sorgt. Die fragliche Passage passt aber nicht sonderlich zum Rest und es fragt sich auch, ob er diesen Teil früh oder spät in das über Jahre weiterentwickelte Manifest eingefügt hat, also in welche Richtung sich seine Ideologie mit der Zeit entwickelte.

    Seine Eltern sind geschieden. Sein Vater hat seit 15 Jahren nicht mehr mit ihm gesprochen. Von ihrem zweiten Ehemann, der damit prahlt, 500 Sexpartner gehabt zu haben, bekam seine Mutter Herpes, was bei ihr eine Meningitis auslöste. Als Folge einer notwendigen Gehirnoperation hat sie heute die geistige Kapazität einer 10-Jährigen. Sie ist seither in der Frühpension und leidet sehr an ihrem Hirnschaden.
    An all dem sei die sexuelle Revolution der Kulturmarxisten schuld. (1171f)

    ******

    Schlüssig ist die Herleitung seiner Terrorziele schon. Aber ich halte es eben für eine Rationaliserung, also für einen Versuch, die Gewalt gegen seine eigentlichen und primären Hassobjekte moralisch und vernünftig zu begründen.

  • Da stellt sich dann jetzt aber einfach die Frage, wie man das interpretiert – grob gesagt: ob die Ratio oder das Unterbewusste primär schuld ist. Woher der psychische Knacks kommt, der ihn in die Islamophobie treibt, wissen wir natürlich nicht. Können wir uns drauf einigen, dass der Anschlag zumindest unbestreitbar und nicht unwesentlich mit Islamhass in Verbindung steht, Breivik aber sicher auch noch andere Feindbilder hatte?

    Hab da gestern auch eine recht interessante Gender-Perspektive entdeckt http://thesocietypages.org/socimages/2011/07/27/a-tale-of-two-terrorists-redux/