Bei den Olympischen Spielen gab es im Spiel um Platz 3 beim Fußball einen politischen Eklat. Ausgetragen wurde die Partie zwischen Südkorea und Japan, erstere gewannen. Daraufhin hielt ein Spieler der Koreaner ein Plakat in die Höhe: „Dokto ist unser Territorium“ stand darauf. Politische Botschaften mag das IOC offiziell nicht, deshalb bat es darum, ihn nicht zur Siegerehrung zu schicken. Das tat sein Verband dann auch nicht.
„Dokto“ („einsame Inseln“) bzw, auf japanisch „Takeshima“ „(Bambusinseln“) sind zwei Inseln im japanischen Meer, um die Japan und Südkorea seit vielen Jahrzehnten streiten. Sie (die „Liancourt-Felsen) sind 2-300 Kilometer von den Küsten beider Länder entfernt, 20 Hektar groß und vulkanischen Ursprungs. Sie sind ebenso unbewohnt wie praktisch zivilisatorisch unbewohnbar und das einzige was halbwegs interessant daran ist, sind einige umliegende Fischgründe. (Die Wikipedia kennt die Elementarteilchen der Geschichte.)
Man könnte meinen, dass einer Person dieser Konflikt besonders wichtig sein muss, damit ein Sportler auf eine so einzigartige Ehrung seiner Leistungen verzichtet. Und so dient die Aktion von Jong Woo Parks Schildwachlerei einzig zu einem: Als Zeugnis des nationalistischen Wahnsinns, der immer noch an vielen Stellen die Welt versaut.
13 Antworten auf „Deppert statt Olympia-Medaille“
fragt sich jetzt nur mehr was du unter Nationalismus verstehst?
Das die Aktion dumm war steht eh ausser Frage. Aber Nationalismus ist für mich nicht unbedingt negativ besezt. Für dich anscheinend schon.
Da frag ich zuerst zurück, weil es keine scharfen, allgemeinen Begriffsbestimmungen gibt und meine Antwort sonst zur Seminararbeit zu verkommen droht: Wann würdest du Nationalismus als positiv sehen?
Es ist nicht alles schwarz oder weiss. Aber wenn zB Hollande aufruft französische Waren zu kaufen kann ich auch nur wenig negatives sehen. Bei Fussballspielen – ok das ist vielleicht Patriotismus, aber da mach ich nicht so eine scharfe Linie.
Wenn die Schweizer am 1. August Nationalfeiertag feiern ist das wahrscheinlich Nationalismus, aber negatives kann ich da nichts sehen (die Österreicher feiern am 26. Oktober weniger die Nation als einfach einen weiteren freien Tag).
Als sich im arabischen Frühling die Menschen gegen Diktaturen auflehnten riefen sie auch nationalistische Parolen und schwangen Nationalflaggen. Es dient sozusagen der Nationenbildung.
Klar gibt es auch negative Beispiele. Aber ich meine einfach dass es nicht ausschliesslich negativ ist. Schliesslich gehts meiner Meinung nach auch ohne andere Nationen herabzusetzen.
Bin gespannt auf deine Antwort.
Abstrakt ist das Thema sehr schwierig. Nationalismus kann für alles Positive auf der Welt genutzt werden, wenn das nationalistische Narativ darauf ausgerichtet ist (zB: „Wir sind ein weltoffenes, tolerantes, hilfsbereites Land in dem jede und jeder seine Chancen und Heimat finden kann, und darauf sind wir stolz“), oder auch in emanzipativen Momenten hilfreich wirken (wie in Ägypten oder wohl auch häufiger in der Geschichte) – aber eben auch für alles Negative, jede Abgrenzung und jeden Hass der Welt (was wahrscheinlich vor allem mit Fortdauer einer Gesellschaft und in Krisenphasen häufiger passiert).
Die Gruppierung von Menschen als Nation halte ich per se für fragwürdig, denn was uns als Nation eint ist im Prinzip nur der Pass, eine sehr vage geographische Sesshaftigkeit und eine stark konstruierte Erzählung von dem was wir angeblich so sind, was aber für das Staatsvolks so niemals pauschal zutrifft. Das ist alles auch stark missbrauchsanfällig.
Im alltäglichen Gebrauch benutze ich Nationalismus eigentlich nie als einen positiven Begriff. Wenns Anlass gibt, ein positives Gruppenempfinden im Bezug auf das Land auszudrücken (etwa im Sport), dann nenn ich das eher Patriotismus und selbst zu dem hab ich immer ein eher distanziertes Verhältnis – weil die potentielle Problematik im Hintergrund immer mitschwingt. Von „Wir sind super“ zu „Die sind Scheisse“ ist es immer nur ein sehr kurzer Weg.
Gute Punkte, nur meine ich dass uns mehr eint als Nation.
Eine (ehemals) gemeinsame Währung, Geschichte, Sprache, Kultur, Religion, Lebensweise, Küche, Getränke, … Natürlich trifft all das niemals auf alle zu, aber Tendenzen sind wohl erkennbar.
Da ist dann auch mal eine gewisse Pragmatik da, gemeinsame Verwaltung, Steuer, Gemeingüter, Politik, … Auch eine gegenseitige Verantwortung die sich in den Sozialsystemen widerspiegelt.
Vor allem die letzten Punkte sehe ich nicht wirklich möglich ohne Staat oder Nation.
Da wir in Nationalstaaten leben haben diese beiden Begriffe natürlich grosse Übereinstimmungen.
>Währung,
anekdotische sache, aber doch mehr wurscht. der euro macht uns jetzt in den augen der meisten ja auch nicht zur europäischen nation.
>Geschichte,
selbst die trennt uns mehr als sie uns eint. die letzten 200 jahre österreich sind keine einende erfahrung. wenn die burschis ihre helden feiern, möchte ich lieber kotzen. wozu die einen ständestaat sagen, sagen die anderen austrofaschismus. was die einen aufgeklärt nennen, finden die anderen reaktionär. wenn die einen die neutralität feiern, finden die anderen sie überholt.
gerade als österreicher muss man doch sagen, dass unsere geschichte (besonders in der näheren vergangenheit) mehr befremdet als sie uns identität stiftet. ungefähr deshalb hat man ja im nationbuilding nach den weltkriegen so stark auf propaganda-bergweltfolklore gesetzt, statt auf die tatsächliche geschichte.
>Sprache,
stimmt nicht wirklich. vorarlberger versteh ich nicht, tirolerisch klingt seltsamer als norddeutsch für mich, kärntner slowenen und burgenlandkroaten versteh ich auch nicht. sie sind aber nicht weniger österreicher als ich.
>Kultur,
was soll das sein? maibaumaufstellen? zeltfestsaufen? neujahrskonzert? sonntagskirchengehen?
>Religion,
nein.
und da bist du mit deinem positiven nationalismusbegriff übrigens bereits längst falsch abgebogen.
mit kultur und religion bist du mitten in dem bereich, wo dein nationsbegriff viel mehr leute überstimmt und ausschließt, als ich ertragen möchte. ich bin nicht gläubig, es gibt agnostische, atheistische, muslimische, jüdische, buddhistische, hinduistische, christliche und sektirererische österreicher. und was der eine an österreich als „kultur“ schätzt, erscheint mir unerträglich (und umgekehrt), es gibt keine einheitliche österreichische kultur.
das ist auch gut so. individualität zuzulassen ist eine große gesellschaftliche leistung (und es gibt übrigens nationen, die das auch feiern, aber die österreichische gehört bedauerlicherweise nicht dazu). kultureller nationalismus kann mit inhomogenität nicht gut umgehen und ist deshalb ein riesiges problem, weil er sehr schnell zu eng wird.
>Lebensweise,
ahja, das hab ich zuletzt in der gösserwerbung gehört, dass wir da was eigenes haben. 😉
>Küche, Getränke,
das sind produkte, keine identitätsstiftenden dinge. und die meisten davon haben „wir“ von wo anders.
>Da ist dann auch mal eine gewisse Pragmatik da,
worin soll die sich ausdrücken? austickende leute, weil sie neue buchstaben auf der nummerntafel kriegen?
>gemeinsame Verwaltung, Steuer, Gemeingüter, Politik, … Auch eine gegenseitige Verantwortung die sich in den Sozialsystemen widerspiegelt
das ist der staat, und der schafft gewisse kollektive regeln und erfahrungen, aber keine hinreichenden um uns wirklich zu vereinheitlichen (und wenn ich eine kollektive identität benutze, dann sollte die ja eben schon irgendwas über die einzelteile dieser gruppe aussagen das über „hat früher die biene maya auf fs1 geschaut und dabei dreh & drink getrunken“ hinausgeht). die steuer ist für einen millionär was anderes als für einen arbeitslosen. die verwaltung auch. die politik sieht jeder anders, verschiedene gemeingüter haben für jeden einen anderen stellenwert.
es gibt österreich und damit gibt es auch dinge, die damit verbunden sind. aber österreich ist (wie jeder staat) ein inhomogener, multikultureller vielvölkerstaat. ein nationalismus der das nicht begreift, ist zwangsläufig ein übel.
Und trotz unterschiedlicher Meinungen sid wir eine Nation.
Zur Geschichte: Trotzdem gibt es diese Geschichte. Viele der in Österreich aufgewachsenen haben Vorfahren die ähnliches erlebt haben. Und diese Geschichte eint egal wie man darauf schaut. Die Folklore gabs einfach zum einen aus Werbegründen zum anderen weil die Leute die heile Welt brauchten nach 2 Weltkriegen.
Zur Sprache: Wennst die Vorarlberger nicht verstehst dann hör mal hin 😉
Nur weil wir vielfältige Dialekte haben und anderssprachige Minderheiten heisst nicht dass es uns nicht ausmacht. Und Nation sein heisst ja nicht mit allen alles zu teilen, sondern Unterschiede darfs schon geben. Aber selbst viele Ausländer reden Dialekt und sind somit österreichische Ausländer, eben typisch. Die Schweizer sind stolz auf ihre 4Sprachigkeit, trotzdem gibt es den Röstigraben, trotzdem sind sie eine Nation.
Auch Politik eint. Schliesslich streiten wir gemeinsam darüber, wie wir unser Zusammenleben organisieren.
Kultur und Religion: Ja die alle gibt es. Und ja zur Kultur gehören Traditionen und Bräuche oder zum Heurigen zu gehen. Und das Christentum hat nun mal das Land geprägt und die meisten haben in Österreich mit dem Christentum Erfahrungen gemacht. Nur weil heute mehr Vielfalt herrscht heisst das nicht, dass man einander ausschliesst. Und die Kultur ist nun mal im Land sehr ähnlich. Wenn Inder ein typisches indisches Fest in Österreich feiern, werden sie wohl sagen dass das typisch Indisch ist und aus ihrem Kulturkreis stammt. Sie werden nicht sagen dass das jetzt zur österreichischen Kultur gehört. Mitfeiern und lernen sag ich da. Wenn Türken eine grosse Hochzeit feiern reden sie von einer türkischen Hochzeit und nicht davon dass das jetzt österreichisch sei.
Wie gesagt es muss nicht alles gleich sein.
Ich habe fast ein Drittel meines Lebens nicht in Österreich verbracht und sehe schon einiges so typisches österreichischrs. es gibt hier eine bestimmte Küche, die Leute kochen anders, und auch die Lebensweise ist anders. Mein Sohn ist Doppelstaatsbürger und er fühlt sich auch als Österreicher. Halt nicht ausschliesslich. Sei nicht so negativ. Und nur weil das Wiener aus Mailand kommt essen wir es anders als die Italiener. Viele Schnitzelhäuser werden von Türken geführt. Das Schnitzelhaus ist trotzdem was typisch österreichisches.
Steuern: Trotzdem zahlen alle in den gleichen Topf und finanzieren gemeinsam die gleichen Sachen.
Und Nation und Multikulti schliessen einander nicht aus. Aber es gibt nun mal eine österreichische Art, Sachen die viele (alle kanns nie geben, weil immer einer dagegenredt) eint. Der Staat soll ja auch nicht vereinheitlichen. Nation sein heisst ja nicht vereinheitlicht. Wenn dich wer fragt woherst kommst entschuldigst dich dann zerst? Auch kaum.
Wenn im Ausland 2 Österreicher einander treffen reden sie gemeinsam. Alle tun dies. Auch Schweizer oder Deutsche tauschen einander zumindest kurz aus. Und das nur weil sie zur gleichen Nation gehören. Und da wird niemand ausgeschlossen.
Aber du findest es anscheinend so unerträglich hier, dass ich moch frage was dich hier noch hält? Denn wenn du ständig nur kotzen möchtest?
Mach doch mal ein paar Auslandsjahre. Vielleicht ändert das deinen Blick. Alles ist in Österreich nicht negativ.
Wenn du Nationalismus ausschliesslich als ausschliessende Ideologie bezeichnest kann ich dir zustimmen. Allerdings sehe ich das eben nicht so. Das ist für mich eher faschistisch.
Denn trotz der Inhomogenität gibt es immer auch Gemeinsames. Es sind eben genau diese kollektive Erfahrungen. Aber du siehst ja schon den Begriff der Nation negativ. Dem kann ich leider überhaupt nicht zustimmen.
Ich denke, man sollte schon auch sehen, dass Nationalismus in manchen Ländern wie z.B. insbesondere USA, Frankreich und Großbritannien schon auch etwas sehr positives ist, da es da durchaus um gemeinsame Ideale wie z.B. die Verfassung geht. Auch kann man es durchaus so sehen, dass der Nationalsozialismus z.T. das Resultat eines nicht entwickelten Nationalismus war – dass also statt der gemeinsamen Idee einer Nation mit gemeinsamen Idealen nur noch die gemeinsame „Rasse“ übrig geblieben ist.
Auch sieht man, dass Staaten, in denen es praktisch vollkommen an Nationalismus fehlt, überhaupt nicht funktionieren – z.B. Afghanistan oder Lybien, wo die Zugehörigkeit zu einem gewissen Stamm meist sehr viel bedeutender ist, als die Zugehörigkeit zu einer Nation.
„Und ja zur Kultur gehören Traditionen und Bräuche oder zum Heurigen zu gehen.“
Zum Heurigen geh ich auch, zum Maibaumaufstellen und zum Heustadtlfest nicht, den Opernball und das Neujahrskonzert seh ich mir auch nicht an. Bin ich jetzt nur halb so österreichisch wie einer, der das alles tut? Oder ist einer der alles tut nur halb so österreichisch wie ich? Wenn wir alle „Österreicher“ im Pass stehen haben, wer legt dann fest, was den „Österreicher“ ausmacht?
„Und das Christentum hat nun mal das Land geprägt und die meisten haben in Österreich mit dem Christentum Erfahrungen gemacht.“
Der Katholizismus ist der Katholizismus und Österreich ist Österreich. Nachdem nicht einmal ansatzweise alle Österreicher Katholiken oder Christen sind, warum sollte das dann plötzlich zur nationalen Identität erklärt werden? Das Christentum gehört zu meinem Leben nur unfreiwillig dazu. Es prägt meine Identität nicht, es wird jenes meiner Kinder nicht prägen. Wenn ich einen Begriff von Österreich bilden würde, dann wäre es nicht enthalten. Wieder: Wer bestimmt das nun?
„Nur weil heute mehr Vielfalt herrscht heisst das nicht, dass man einander ausschliesst. Und die Kultur ist nun mal im Land sehr ähnlich.“
Ach Blödsinn. Kultur ist regional ähnlich, nicht national ähnlich. Österreich ist eine sehr kleine Entität, deshalb wirkt das alles auf den ersten Blick irgendwie ähnlich. Trotzdem gibts regional extreme Unterschiede. Das Leben in Wien unterscheidet sich von dem in Graz, das von dem in Klagenfurt und alle haben fast nichts mit dem in Unterobertupfing im Kleinfischintal zu tun. Bemerke: Ich bestreite nicht, dass es eine Kultur gibt. Ich bestreite, dass sie sich über das einzige definiert, was Österreich objektiv ausmacht – nämlich ein Staat mit klaren Grenzen und Bürgern zu sein.
Wenn du um die halbe Welt reist und dort zwei Menschen triffst, der eine von dort, der andere hat sein Leben lang in deiner Nachbarschaft gelebt, dann wirst du natürlich gewisse Muster bemerken, die dir verraten, welcher von den beiden aus deiner Nachbarschaft ist. selbst dann, wenn der typ von der anderen seite der welt vielleicht viel mehr mit dir gemein hat, als der andere. einfach weil dinge nicht überall auf der welt gleich gemacht werden,
aber 5 Kilometer über der Grenze von Österreich wird dir das nicht gelingen. und genau dort endet aber die angebliche nation.
„Wenn Inder ein typisches indisches Fest in Österreich feiern, werden sie wohl sagen dass das typisch Indisch ist“
und werden damit vielleicht trotzdem ein fest feiern, dass von der milliarde indern die es gibt vielleicht 50% nie feiern würden, weil indien ein gewaltig großes, inhomogenes land mit vielen unterschiedlichen bräuchen ist. dass wir aus 20.000 kilometer entfernung einen vereinfachenden blick über ein land werfen, oder leute von dort eine nationale eigenschaft behaupten, ist ja keine garantie dafür, dass wir oder sie damit recht haben. die chance, dass es im riesigen indien irgendwo bräuche gibt, die es nirgendwo sonst gibt, ist recht groß. die chance, dass diese bräuche tatsächlich in ganz indien gefeiert werden und nirgends sonst, die ist null.
„und aus ihrem Kulturkreis stammt. Sie werden nicht sagen dass das jetzt zur österreichischen Kultur gehört.“
womit wir voll dabei sind, leute die nebeneinander und miteinander leben voneinander abzugrenzen weil etwas angeblich in eine ecke gehört und nicht in eine andere. wie viele generationen wird eine indische familie in der nachbarschaft leben müssen, bis die feste die sie feiern dann auch wirklich dazu gehören? wie viele generationen österreicher müssens dazu sein? oder sind die hier gefeierten feste von heute nicht eigentlich auch noch total fremd, weil die römer und kelten hier früher ganz andere gefeiert haben?
„Sei nicht so negativ.“
Du missverstehst meine Argumentation völlig. Ich bin überhaupt nicht negativ. Dazu gleich noch mehr.
„Und nur weil das Wiener aus Mailand kommt essen wir es anders als die Italiener. Viele Schnitzelhäuser werden von Türken geführt. Das Schnitzelhaus ist trotzdem was typisch österreichisches.“
Ich kann gut damit leben, das Schnitzelhaus zu besuchen und einfach Schnitzelhaus sein zu lassen ohne es in meine Identität zu verweben.
„Und Nation und Multikulti schliessen einander nicht aus.“
Im Endeffekt doch, wenn die Nation eben auch noch eine politisierte Leitkultur drin haben und mehr als nur eine staatliche Entität sein soll. Mit dem was du hier teilweise als österreichisch definiert hast, würde sogar ich mich in dem was ich als meine Kultur verstehe ausgeschlossen fühlen. Ich und meine Vorfahren leben aber seit Jahrhunderten in diesem Land.
„Aber es gibt nun mal eine österreichische Art, Sachen die viele (alle kanns nie geben, weil immer einer dagegenredt) eint.“
Es gibt regionale Eigenheiten und je nach größe eines Landes wahrscheinlich nationale Tendenzen, aber in dem Moment wo du sie zum nationalen Identitätsmerkmal machst, müssen sie auch für alle Mitglieder der Nation zutreffen. Sonst ist es eben nur ein Klischee.
„Der Staat soll ja auch nicht vereinheitlichen. Nation sein heisst ja nicht vereinheitlicht.“
Eine Nation heißt genau das, was man ihr andichtet. Ein Staat ist übrigens auch nicht das Synonym für das was du als Nation definierst.
„Wenn dich wer fragt woherst kommst entschuldigst dich dann zerst?“
Warum sollte ich? Würde ich die Shoah als Teil meiner historischen Identität sehen, müsste ich das vielleicht, aber gerade weil ich das nicht tue, ist das nicht nötig. Wenn ich über dunkle Teile der österreichischen Geschichte lese, dann fühle ich mich den Opfern und Bekämpfern dieser Taten zugehörig, nicht den Tätern.
„Wenn im Ausland 2 Österreicher einander treffen reden sie gemeinsam. Alle tun dies.“
Hä? Was soll ich den Leuten zu sagen haben? Schließ nicht von dir oder von mir aus auch von Mehrheiten auf alle anderen. Im Ausland rede ich Leute an, wenn ich einen Grund dazu habe. Nur dass einer mit einem steirischen Dialekt daherbellt, ist noch kein solcher. Natürlich ist es eine Erleichterung, wenn man einander versteht. Aber ich verstehe Norddeutsche und Züricher nicht schlechter als Montafoner.
„Aber du findest es anscheinend so unerträglich hier, dass ich moch frage was dich hier noch hält?“
Hat doch keiner gesagt. Ich mag meine Heimat. Ich mag das Mürztal, ich mag Wien. Ich mag meine Freunde, meine Familie, das Feld in Pörtschach am Wörthersee, hinter dem Haus meiner Großeltern. Dass ich Nationalismus für ein enorm gefährliches und problematisches Konzept halte, hat doch nichts damit zu tun, ob ich eine Heimat habe, in der ich gerne bin.Ich würde nur nie sagen, dass ganz Österreich meine Heimat ist und jeder Österreicher viel mit mir gemeinsam hat ist. Es sind sehr spezifische Orte, die ich Heimat nenne und spezifische Arten von Menschen, unter denen ich mich wohl fühle. An vielen Stellen in Österreich, fühle ich mich fremd, an so manchem Ort im Ausland heimisch. Manchmal schüttle ich im Ausland den Kopf, wenn ich höre, was ein anderer Österreicher von sich gibt. Der ist nicht automatisch mein Kumpel, nur weil er aus einer ähnlichen Gegend kommt, er hat nicht automatisch viel mit mir gemein. Das geht glaube ich jedem so. Wer glaubt, seine Heimat wäre durch politische Grenzen festgelegt, hat ein seltsames Verständnis von Heimat,
„Denn wenn du ständig nur kotzen möchtest?“
Ständig? Ich hab das sehr konkret über das Geschichtsverständnis von deutschnationalen Burschenschaftern gesagt, sonst eigentlich hier nirgends.
„Mach doch mal ein paar Auslandsjahre. Vielleicht ändert das deinen Blick. Alles ist in Österreich nicht negativ.“
Dass das hier irgendjemand sagt, bildest du dir ein. Ich kritisiere das Konzept des Nationalismus allgemein und deinen Gebrauch davon im Speziellen.
Der Turn mit „zupf dich doch, wenns dir nicht gefällt“ ist übrigens ein klassisches Beispiel dafür, warum mir Nationalismus selbst in seiner vermeintlich halbwegs harmlosen Alltagsform zuwider ist. Was ich kritisiere und nicht ist meine Sache und gibt niemandem das Recht, mich des Landes zu verweisen – auch nicht dann, wenn er eh keine Durchsetzungskraft hat.
„Wenn du Nationalismus ausschliesslich als ausschliessende Ideologie bezeichnest“
Jede Grenze und Kategorie die wir schaffen, ist gleichzeitig ein Begriff dafür, was die Leute, die nicht reinfallen, nicht sind. Nationalismus kann es ohne ausschließende Elemente nicht geben.
„kann ich dir zustimmen. Allerdings sehe ich das eben nicht so.“
Ich verstehe, dass du einen recht legeren Zugang dazu hast und anscheinend tolerant mit Dingen umgehst, die für dich „anders“ sind. Nichts desto trotz ist das was du hier sagst sehr wohl exkludierend und normativ. Du definierst Dinge als österreichisch, von denen du sogar genau weißt, dass sie keinesfalls für alle Österreicher gelten, ja dass sie viele Österreicher sogar explizit ablehnen würden. Natürlich führst du damit implizit eine politische Debatte darüber, wer der „richtige“ Österreicher ist. Der richtige Österreicher ist aber jeder, der das in seinem Pass stehen hat. Das hat nichts mit Kultur, Geschichte, Bräuchen oder Speisen zu tun, sondern mit dem Land, dessen Bürger man ist.
„Das ist für mich eher faschistisch.“
Ein großes Problem dieser Debatte ist, dass wir hier mit sehr brutalen und sehr unterschiedlich definierten Begriffen zu tun haben. Faschismus und Nationalismus sind in vielerlei Form nicht voneinander zu trennen.
„Denn trotz der Inhomogenität gibt es immer auch Gemeinsames. Es sind eben genau diese kollektive Erfahrungen. Aber du siehst ja schon den Begriff der Nation negativ. Dem kann ich leider überhaupt nicht zustimmen.“
Das Prinzip sehe ich als negativ. Das Prinzip eine Gruppe über Dinge zu definieren, die ihren Teilen eigentlich nicht eigens sind, teilweise sogar zuwider. Daraus entsteht langfristig nichts gutes, weil es wie wir festgestellt haben, immanent exkludierend wirkt. Und damit ist noch eine sehr harmlose Definition von „Nationalismus“ beschrieben, der ja meist eher mit dezidiert aggressiven Elementen definiert wird.
Um mit jemandem im Ausland zu tratschen, der meine Sprache spricht, brauche ich Österreich als kulturelle Nation nicht. Da reicht die Sprache. Um ein Wiener Schnitzel zu mögen, brauche ich Österreich weder als Staat noch als Nation. Ein gemeinsames Erlebnis von großen Teilen der österreichischen Bevölkerung ist ein gemeinsames Erlebnis, es ist völlig unnötig es über die eingebildete Nation auch den anderen Staatsbürgern anzudichten, die gar nicht Teil davon, wohl aber der Staatsbevölkerung waren.
Leute die im Nationalismus unbedingt etwas positives und erhaltenswertes sehen wollen, scheinen immer zu befürchten, dass ihre Kultur, Tradition, Religion oder ihr Gemeinschaftsgefühl und die Verbundenheit mit ihrer Heimat gleich mit dem Nationalismus gemeinsam den Bach runtergehen würde. De facto kann das eine problemlos ohne das andere existieren.
@Michael: „Ich denke, man sollte schon auch sehen, dass Nationalismus in manchen Ländern wie z.B. insbesondere USA, Frankreich und Großbritannien schon auch etwas sehr positives ist, da es da durchaus um gemeinsame Ideale wie z.B. die Verfassung geht.“
Ich würde dir zustimmen, dass das Verhältnis zur nationalen Identität dort sympathischer ist und auch aus historisch besseren Gründen gewachsen ist. Aber natürlich ist es auch dort nicht ohne Schattenseiten und nicht ganz so einheitlich.
Du machst jetzt was ich erwartet habe. Du verlangst eine Definition von mir was ein Österreicher ist und bringst Beispiele dafür wo du meinst ich würde jemanden ausschliessen.
Und ich habe schon mal erwähnt dass Nation nich heisst dass alle alles gleich tun oder empfinden müssen. Wenn du das vorraussetzt wird es schwierig, denn dann gibt es keine Nationen.
Und wenn du meinst der katholische Glaube habe das Land nicht geprägt, weiss ich nicht wo du hinschaust. In jedem Dorf steht eine Kapelle oder Kirche, ein grosser Teil vom Dorfleben spielt sich auf den Kirchenplätzen ab, in Wien gehen alle immer am Stephansplatz demonstrieren, oftmals wird das Pflarrhaus als Veranstaltungsort genutzt. Viele Feiertage sind in Österreich katholischen Ursprungs, das berühmteste Weihnachtslied der Welt kommt aus Österreich. Auch wenn du nicht katholisch bist so wird dein Leben davon geprägt und die Kultur im Land ist in vielen Teilen eng mit der Religion verknüpft. Natürlich entwickelt dich das, und neue Elemente kommen hinzu.
Da ist auch nichts ausschliessendes dabei. Muslimische und orthodoxe Freunde von mir sehn sich davon nicht ausgeschlossen. Sie erhalten auch ihre Traditionen und die ihrer Eltern, und sind dabei nicht weniger Österreichisch. Wir haben auch viele Gemeinsamkeiten, einigen würde ich das Label „typical austrian“ umhängen.
Und ich hab nicht gesagt zupf dich oder dich des Landes verwiesen, sondern nur gesagt, das du mal einen Blick von aussen erhaschen solltest.
Und jeder der in seinem Pass Österreich stehen hat ist irgendwie verbunden mit dem Land und prägt es mit und nimmt vieles davon an, und wenn es nur ist, dass man Heurige mag.
Und die Inder waren vielleicht nicht das beste Beispiel, aber auch sie alle haben Gemeinsamkeiten.
Wieso du jedoch den Amis eine nationale Identität zuschreibst, wo dort doch noch viel grössere Unterschiede herrschen vom Nerd in San Francisco bis zum Cowboy in Arizona, jedoch Österreich nicht, erschliesst sich mir nicht.
Wenn du im Ausland mit jemanden zusammenarbeitest und der andere ist zufällig auch Östereicher wirst du dich kurz mit ihm über Österreich unterhalten. Unweigerlich. Dass man nicht wildfremde Leute anspricht ist mir schon klar. Verdreh bitte meine Worte nicht.
Und wenn du von einem Fritzl lest wirst du dich vielleicht irgendwie beschämt fühlen, weil
so etwas in Österreich möglich ist. Dann ist das sehr wahrscheinlich ein Gefühl dass sehr viele Österreicher haben. Und auch diese Schattenseiten gehören dazu.
Nation ist nicht immer positiv. Sie ist bestimmt nicht einheitlich. Und hat viele Facetten.
Man kann sie ablehnen oder auch nicht. Aber sie ist da. Man wird geprägt von ihr.
Du machst es dir sehr einfach indem du die Worte Nation als staatliche Einheit Und Nationalsimsu als politisches Prinzip fast synonym verwendest. Dass es Nationen gibt ist schwer zu leugnen. Dass das Auswirkungen hat auch. Ob Nationalismus deshalb ein positives oder sinnvolles Prinzip ist, ist aber ein anderes Thema.
In meinen Augen denkst du nicht konsequent zu ende, was es bedeutet, einem Staatsvolk einen gemeinsamen kulturell-nationalen Untergrund anzudichten. Bzw du gehst über die Problematik flott hinweg, dass du es einfachfür irrelevant erklärst, dass der Nationenbegriff eigentlich nichts bedeutet, weil es alle möglichen Formen von Österreichern gibt und schon immer gab.
Nationalismus ist die Vorstellung, dass es eine völkische Nation mit gewissen kulturellen etc Gemeinsamkeiten gibt, die meist glorifiziert wird.
Und nochmal: Dass ich nicht denke, dass ein kultureller Nationalismus sinnvoll oder positiv ist, heißt nicht, dass ich nicht kapiere, dass hier katholische Kirchen im Land rumstehen. Geschichte, Tradition, Heimat etc wird durch das Ablehnen eines derartige Nationalismus nicht ausgelöscht.
Von mir aus.