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Entwicklung: Schweiß, Blut und Zeit

Die Bedingungen, unter denen viele unserer Konsumgüter hergestellt werden, sind schrecklich. Kann man etwas dagegen machen? – Ein Nachdenken von Andreas Sator

Jeder weiß es. Doch kaum jemand macht etwas dagegen. Das schlechte Gewissen hat sich als steter Begleiter unseres Einkaufs etabliert. Kinderarbeit, 70h-Wochen, unmenschliche Arbeitsbedingungen und im Keim erstickte Arbeitnehmervertretungen. Allen voran die Bekleidungsindustrie hat in den letzten Jahren mit Negativschlagzeilen auf sich aufmerksam gemacht.

Doch was können wir dagegen machen? Können wir überhaupt etwas dagegen machen?

Ich beschäftigte mich in Gedanken schon seit einiger Zeit mit dieser Thematik und wollte an dieser Stelle eigentlich eine gründliche Analyse dieses komplexen Sachverhalts abliefern. Das gelingt mir leider noch nicht. Deswegen denke ich mit diesem Beitrag einfach einmal laut darüber nach. Und freue mich auf eine Debatte in den Kommentaren, die mir und vielleicht auch ein paar anderen Menschen weiterhelfen kann.

These 1 – Alles wird von alleine gut

In der Theorie funktioniert Globalisierung bestens. Unternehmen aus entwickelten Ländern lagern ihre Produktion in Billiglohnländer aus, in denen sie kaum soziale und ökologische Standards einhalten müssen. Viele Menschen finden Arbeit, wenn auch qualitativ äußerst schlechte. Mit der Zeit steigen aber ihre Einkommen und damit ihre Ansprüche. Ein Kreislauf wird in Gang gesetzt, der nach einer gewissen Zeit in fairen Löhnen, guten Arbeitsbedingungen und institutionellem Fortschritt, der auch ökologische Standards garantiert, seinen Ausgang findet.

Wenn dem so wäre, dann würde der westliche Konsument mit seinen Einkäufen eine Entwicklung ankurbeln, die global wünschenswert ist. Die ausgebeuteten Arbeitskräfte müssten, so schlimm das jetzt klingen mag, dann wohl im Interesse zukünftiger Generationen schlicht und einfach in den sauren Apfel beißen. Auch die reichen Länder von heute wie etwa Deutschland mussten vor nicht allzu langer Zeit ohne Gewerkschaften und mit 80h-Wochen leben.

These 2 – Alles bleibt schlecht

Die Menschen in den reichen Gebieten der Welt profitieren massiv von der Globalisierung. Zwar verliert man den einen oder anderen Arbeitsplatz aus arbeitsintensiven Industrien an Schwellen- und Entwicklungsländer, doch in Summe kann man auf eine nie zuvor dagewesene Vielfalt an Produkten und Absatzmärkten zugreifen.

Die Arbeiter in den armen Ländern werden aber unterdrückt, ausgebeutet und jeglicher Fortschritt wird von der Elite blockiert. Unser Konsumreichtum basiert und wird auch weiterhin auf den niedrigen sozialen und ökologischen Standards beruhen, unter denen die Menschen auf anderen Teilen der Welt leiden.

These 3 – Der Konsument macht alles gut

Der westliche Konsument ist sich der prekären Lage vieler Arbeiter in ärmeren Ländern bewusst und macht durch seine Kaufentscheidungen bewusst Politik. Er kauft fair gehandelte Bio-Produkte und ändert als Nachfrager das Angebot. Die Unternehmen können gar nicht mehr anders, als ihre Waren mit Gütesiegeln zu zertifizieren, weil ihnen das sonst einfach niemand mehr abkauft.

Nur stellen sich mir da einige Fragen. Ist es nicht utopisch zu glauben, dass dabei jeder mitmacht und wird der Homo oeconomicus, der stets bemüht ist, seinen Nutzen zu maximieren, nicht immer zur billigeren Alternative greifen? Gibt es nicht viel zu viele Menschen, die sich die bestimmt teureren, zertifizierten Produkte nicht leisten können? Und würde das nicht in einem Meer an Gütesiegeln enden, in dem der Überblick an der Kasse abgegeben wird? Oder ist es nicht schlicht und einfach zu viel verlangt, dass ein gestresster, berufstätiger Elternteil in den 15 Minuten, die ihm für den Einkauf bleiben, auf so etwas achtet?

These 4 – Der Staat macht alles gut

Der zuletzt angeführte Punkt, der Informationsaufwand, der mit einem bewussten Einkauf verbunden ist, bringt mich schon zum letzten Punkt, in dem Vater Staat mitmischt. In der Ökonomie spricht man von Informationsdefiziten, die Nachfrager gegenüber den Anbietern haben. Wenn mir jemand eine Hose oder ein Handy verkauft, dann weiß derjenige viel mehr über das Produkt als ich.

Woher soll ich also die Informationen nehmen, um meine Konsumentscheidungen meinen Idealen entsprechend treffen zu können? Vorausgesetzt, dass in einer Gesellschaft das Bewusstsein für fairen und ökologischen Einkauf da ist, kann hier der Staat durch Standards eingreifen. Alles was bei uns verkauft wird, muss bestimmte Kriterien in der Produktion erfüllt haben.

Das klingt nach mächtig viel Bürokratie und ist es wohl auch. Darüber hinaus würde der Handel mit Schwellen-und Entwicklungsländern massiv eingeschränkt werden, wovon die Menschen dort wahrscheinlich noch weniger profitieren würden als wir. Das Ökosoziale Forum tritt übrigens für diesen Vorschlag ein und will das entgangene Geld durch Entwicklungshilfe ersetzen, was meines Erachtens der Politik viel zu große, ökonomische Handlungsspielräume geben und einen Schritt weg von der Markt-, hin zur Planwirtschaft bedeuten würde.

Alternativ könnte dieser Prozess auch von den Unternehmen selbst ausgehen, die den Konsumenten zusätzliche Informationen zur Verfügung stellen. Mein Verstand sagt mir aber, dass das auf freiwilliger Basis wohl nicht geschehen wird.

Fazit

Ich vertrete derzeit die Ansicht, dass These 1 wohl die realistischste ist. Dieser Prozess wird zwar Jahrzehnte andauern und umfasst eine Vielzahl von politischen Reformen, das Ergebnis ist anders aber kaum zu erreichen. Der Konsument aus These 3 kann diesem Vorgang aber durchaus unter die Arme greifen. Trotzdem wird der „korrekte Konsum“ wohl eine Randerscheinung bleiben.

These 2 halte ich so gut wie für ausgeschlossen, die Geschichte der Menschheit und auch aktuelle Entwicklungen deuten darauf hin, dass sich ausgebeutete Menschen vereinigen und aufbegehren. These 4, staatliche Regelungen, halte ich aus den bereits oben angeführten Problemen für nicht zielführend. Der Staat kann dem Konsumenten aber sehr wohl zur Seite stehen. Das tut er auch heute schon, als Beispiel sei Stiftung Warentest genannt.

Doch die Initiative muss nicht zwingend vom Staat ausgehen. Private Institutionen, hier allen voran NGOs, liefern wichtige Informationen für Menschen, die darauf achten möchten, was sie kaufen. Als Beispiel sei hier der „Marktcheck“ von Greenpeace genannt. Auch Filmemacher oder sogar Blogger tragen ihren Teil dazu bei, den sogenannten Informationsdefiziten Herr zu werden.

Wie bereits erwähnt, wird dieser „bewusste Konsum“ eine positive Entwicklung meines Erachtens wohl nur marginal unterstützen können. Auch wenn sich wohl jeder Mensch eine raschere Entwicklung wünschen würde,  wird das wohl leider Utopie bleiben.

Dieser Artikel wird zeitgleich auf www.zuwi.at veröffentlicht.

Bild “Märzenbecher”: © Alf Loidl / PIXELIO
Bild “Himmel”: © Holger Gräbner / PIXELIO

PS: Vor knapp einem Jahr habe ich zu dieser Materie bereits einen Artikel verfasst. Meine Meinung hat sich seither etwas gewandelt, aber keinesfalls gefestigt, wie dieser Beitrag offenbart. Ich freue mich auf Inputs der Leser.

Von Andreas Sator

studiert Volkswirtschaft, mag Gerechtigkeit und fühlt sich politisch irgendwie nirgends wirklich zu Hause. Sein größtes Anliegen ist ihm eine Gesellschaft mit globalerem Bewusstsein.

7 Antworten auf „Entwicklung: Schweiß, Blut und Zeit“

So ungefähr sehe ich das auch.

Den „sauren Apfel“ könnte man aber vermeiden. Subsistenzwirtschaft ist auch kein Zuckerschlecken. Trotzdem ist argumentierbar, dass es viele Menschen in der Frühindustrialisierung schwerer haben. (70h-Woche, Arbeiterslums, Kinder in Kohlegruben).

Das liegt aber meiner Meinung nach an der Geburtenexplosion im Übergang von Subsistenzwirtschaft in die Industrialisierung. Da könnte man freilich auch argumentieren, dass ein Kind, das in der Kohlegrube arbeitet es besser hat, als eines, das schon früh an Mangelernährung nach einer Fehlernte starb.
Familienplanung ist aber freilich die beste Option.

Nur leider scheint das halt selten zu fruchten, es sei denn, es wird, wie in China mit drakonischen Mitteln durchgesetzt.

China hat im großen Stil eigentlich erst von 1990 bis 2000 auf Marktwirtschaft umgestellt. In den 80ern gab es nur kleine Versuchszonen, die nur einen klitzekleinen Teil der Bevölkerung betrafen. Peking stellte 1998 um. Irgendeine Stadt sogar erst im Jahr 2000. Umso erstaunlicher ist der rasante Aufstieg Chinas.

Indien setzte bisher auf Call-Center und Dienstleistungen, verabsäumte es aber, Infrastruktur und Industrie aufzubauen. Es sieht fast so aus, als würden die oberen Kasten dort nur ihre eigene ökonomische Entwicklung vorantreiben.

Der worst case sind freilich konzentrierte Rohstoffvorkommen, die von einem Kleptokraten leichter kontrolliert werden können. Oder aber auch die Elendsbewirtschaftung einiger afrikanischer Herrscher.

Wenn ich Menschen sehe, die bei K** Kleider einkaufen, möchte ich am liebsten hingehen und sie fragen: „Idiot oder tatsächlich bedürftig?“

Bitte jetzt nicht damit kommen, dass die Verflechtungen kompliziert sind und die moralische Reflexion heikel, das schreib ich selbst immer in Papers, aber irgendwann sollte ich mal den Mut haben, Leute anzusprechen und am Watschenbaum zu rütteln. 😉

Also mit diesem Halbsatz lehnst du dich weit aus dem Fenster.

„was meines Erachtens der Politik viel zu große, ökonomische Handlungsspielräume geben und einen Schritt weg von der Markt-, hin zur Planwirtschaft bedeuten würde.“

Wo da ein Schritt Richtung Planwirtschaft zu entdecken sei hätte ich gerne nochmal genauer erläutert.

Siehst du eine Einschränkung des weltweiten, zollfreien Handels tatsächlich als planwirtschaftliche Handlung? Inwieweit hälst du es für die Verantwortung eines Staates den Handel einzuschränken um bspw die Währung stabil zu halten?

Die Einschränkung des Freihandels hat nichts mit Planwirtschaft zu tun. Worauf ich anspiele ist die Idee des Ökosozialen Forums, die Handelsverluste (die ich als nicht unwesentlich einschätze), die aus ökologischen und sozialen Standards, die man Entwicklungsländern aufzwingt, entstehen, durch Entwicklungsgelder auszugleichen. Was macht man damit? Man verhindert die Entfaltung des Marktes und gibt der Politik mächtig viel Kohle in die Hand. Die überlegt sich jetzt, was sie mit dem Geld macht. Die Koordination dieser Gelder übernimmt also nicht mehr der Markt, sondern der Staat. Etwas überspitzt ausgedrückt ist das ein Schritt zur Planwirtschaft.

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