Die Horrormeldungen kommen mittlerweile im Tagesrythmus. Wegen eines Facebook-Posts wurde dort jemand entlassen, mit Google hat man dort jemandes Geheimnisse herausgekramt, über Twitter wurde dies und das ausspioniert und bei Bewerbungsgesprächen wird man schon mal mit einem unvorteilhaften Bild konfrontiert. Die Tools sind übel für die Karriere, schwingt da mit.
Ohne fragwürdige Datenschutzeinstellungen auf so mancher Plattform außer Acht zu lassen: Man kann man weitgehend selbst bestimmen, was im Web steht und wer das sehen kann. Da muss man sich mal zehn Minuten mit den sinnvollen Privacy-Einstellungen einer Plattform beschäftigen. Man darf eben nicht der Gruppe „Ich bin Samstags so blau, dass die Schlümpfe dagegen grün wirken“ beitreten, wenn man kein Risiko eingehen möchte, dass vom Samstagssaufen jemand etwas erfährt.
Und dann sollte man nicht mit seinem Boss und 1.500 anderen Menschen befreundet sein, und dann über Facebook über eben jenen Boss herziehen. Man würde auf dessen Geburtstagsparty wohl auch kaum laut durch den Raum schreien, dass er (oder sie) ein Kotzbrocken ist. (Aber würde das jemand tun, würde es am nächsten Tag nicht als Skandal in der Zeitung stehen.) Doch Taten haben eben Konsequenzen – und blöde Taten eben blöde Konsequenzen.
Alles neu
Es gibt in dieser neuen Internetwelt neben Möglichkeiten auch neue Pflichten und Aufgaben für mündige Bürger. Eigenverantwortung lässt sich nicht abschalten. Es ist schon richtig, Facebook wegen der Standardeinstellungen zu kritisieren. Das lockt Anfänger in eine unnötige Falle. Aber wer sich mit seinen Werkzeugen nicht beschäftigt, bevor er sie nutzt, tut sich halt manchmal weh. Das gilt für Social Media wie für die Motorsäge.
Der fremdbestimmte Teil ist das größere Problem. Einerseits wird man Freunden anhalten müssen, keine Bilder von irgendwelchen Orgien zu veröffentlichen. Da sind die Aufgeklärten und die Schulen in der Verantwortung, die restliche Bevölkerung zu bilden. Man wird aber auch dann regelmäßig die persönlichen Markierungen durchforsten müssen, ob einem da jemand ein faules Ei ins Nest gelegt hat (wer einem mit einem Foto schaden will, konnte das aber eh schon immer).
Und die Plattformen und der Gesetzgeber werden andererseits passende Reaktionen ermöglichen müssen. Dass Bildmarkierungen sich mit wenigen Klick rekonstruieren lassen, darf nicht sein. Dass man sich nicht endgültig aus Netzwerken löschen kann, müsste kriminalisiert werden. Die informationelle Selbstbestimmung muss so weit wie nur irgendwie möglich bewahrt und ausgebaut werden. Datenschutz wird auch ganz besonders im neuen Zeitalter nicht obsolet. Es gibt wie immer vieles zu kritisieren und zu tun.
Nicht blockieren, nicht überrollen lassen
Doch in Zukunft wird Privatheit merkbar öffentlicher sein und die Menschen neue Fähigkeiten im Umgang damit brauchen. Ich glaube nicht, dass sich dieser Zug stoppen lässt. Das hat ein paar negative Seiten, sonst würden wir nicht darüber sprechen. Das hat ein paar positive Seiten, sonst würden wir die Tools gar nicht erst nutzen wollen.
Doch einige Probleme werden sich auch von selbst lösen. Im Moment ist die einfache Zugänglichkeit zu Peinlichkeiten und schlecht gehüteten Heimlichkeiten ein neues Phänomen. In einigen Jahren wird sie normal sein. Dann werden alle paar Partyfotos in ihren Facebook-Profilen haben (oder auf der Plattform, die dann halt der neue heiße Scheiss ist) – und das saubere (Pseudo-)Bild wird für alle schwieriger aufrecht zu erhalten sein. Dann werden sich auch die dümmsten ChefInnen die richtige Frage stellen: Was tut es denn überhaupt zur Sache, dass Angestellte mit Freunden gerne ausgelassen feiern?
Und bei all den Vor- und Nachteilen, die auch das hat: Es wird auch in Zukunft möglich sein, ein Geheimnis zu haben.
5 Antworten auf „Keine Angst vor Facebook“
Ich stimme voll zu – allein, trotzdem ist die Art, wie von den diversen Web 2.0 Plattformen mit unseren Daten umgegangen wird, nachgerade kriminell.
Siehe auch hier: http://suicidemachine.org/
ich halte es für eine große Chance, Dinge zu entkriminalisieren, die (fast) alle tun. Womit wir regelmäßig Konfrontiert werden, das wird für uns zur Normalität. Das hat gute Aspekte – kann aber auch gefährlich werden. #berlusconisierung…
Das Problem ist ja nicht, was der 08/15-User über die Konsum- oder Partygewohnheiten, sexuellen Vorlieben etc. eines anderen Users herausfinden kann. Das kann ich via Privatsphäreeinsteillungen tatsächlich abdrehen und Mutti wird über meine Abnormitäten nie was erfahren.
Das Problem ist vielmehr das geheime Profil, das die Data Miner im Hintergrund über mich erstellen (sie selbst nehmen sich nämlich schon heraus, aus ihrem Wissen ÜBER MICH ein Geheimnis VOR MIR machen zu dürfen). Da kommen Daten gebündelt zusammen, über die sich jedes diktatorische Regime einen Haxen abfreut.
Diese beiden Dinge bitte nicht verwechseln.
Du schreibst „Doch Taten haben eben Konsequenzen – und blöde Taten eben blöde Konsequenzen.“ Das überschneidet sich schon sehr gut mit der Aussage von Google-CEO Eric Schmidt: „If you have something that you don’t want anyone to know, maybe you shouldn’t be doing it in the first place“. In diesem Sinn: Keine Angst vor der Gedankenpolizei!
PS: Den Satz „Doch in Zukunft wird Privatheit merkbar öffentlicher sein“ finde ich lustig. Ähnlich sinnentleert wie „Doch in Zukunft wird Schmerzfreiheit merkbar mehr weh tun“.
Es heißt, dass man ganz einfach darüber nachdenken sollte, was man tut. Auf Facebook zu schreiben „Der Chef ist ein Arsch“, wenn der Chef mit einem auf fb befreundet ist, ist eine saublöde Aktion ähnlich wie wenn ich ihm das ins Gesicht sage.
Das Netz ist kein Raum für Narrenfreiheit, sondern ein ganz normaler Bestandteil unseres Lebens.
Und Privatheit ist im Gegensatz zu Schmerz kein messbarer, konstanter Wert, sondern ein Konzept das sich ständig irgendwie wandelt und auf unterschiedlichste Weise verstanden wird.
Du hast Recht mit der Datenkonzentration und dem Geheimnis darum. Dieses Problem habe ich aber freilich nicht geleugnet – im Gegenteil.
Wenn ich darüber nachdenke, dann ist das Beispiel Schmerz nicht nur für einen rhetorischen sondern auch für einen inhaltlichen Vergleich gut geeignet.
Schmerz ist, so finde ich, ein ebenso subjektives Empfinden wie Privatheit. Privatheit grenzt sich von „öffentlich“ genauso ab, wie sich Schmerz von Nichtschmerz abgrenzt. In beiden Fällen hat jeder eine unterschiedliche Schwelle: Den einen brennt das Chili schon höllisch im Mund, während der andere noch nachwürzen muss. Ditto hat der eine ein Problem mit der Veröffentlichung seiner Fotos auf Facebook und der andere kann gar nicht oft genug markiert werden.
Aber wir sprechen in dieser Debatte nicht nur vom individuellen Empfinden, sondern wie sich die Grenzen kollektiv und gesellschaftlich in Richtung „weniger privat“ verschieben. Und für die, denen diese Verschiebung weh tut, fühlt sich der Verlust der Privatsphäre an, als würde es nur mehr scharfe Gerichte zu essen geben und den ganzen Tag die Zunge brennen.
Dass Medienbildung notwendig ist, wie du schreibst, weil sich viele offensichtlich über die Konsequenzen ihres Tuns nicht bewusst sind, steht eh außer Frage.