Einen „grauslichen Wahlkampf“ (Zitat Michael Häupl) erwartete die Wiener SPÖ. Und abgezielt war das ursprünglich wohl auf den Wahlkampfstil der FPÖ, deren Obmann ja den Bürgermeistersessel beansprucht. Impliziert hat diese Aussage auch, dass die hiesigen Sozialdemokraten auch vorhätten, in fairer Weise um die Wählergunst zu buhlen. Doch daraus ist nichts geworden – und in Wien bahnt sich Rot-Schwarz an.

Wer fürchtet sich vor Schwarzblaugrün?

„Rotgrün“, so einer der Slogans der Wiener Grünen. Und damit einhergehend eine Brechung der roten Absoluten. Und dem nicht genug, einigte man sich mit der Opposition auf die Forderung einer Wahlrechtsänderung. Und – Überraschung – zu jenen Parteien, die sich im Wiener Gemeinderat in nichtregierender Gegnerschaft finden, zählt auch die FPÖ.

Was die SPÖ daraus macht, beansprucht nun seit einiger Zeit schon die Nerven verschiedener grüner Repräsentanten im Internet. Bekannte Köpfe der SP-Stadtpartei, etwa Peko Baxant – deuten eine schwarz-blau-grüne Koalition nach den Wahlen an und machen fleißig Lärm auf der Gefahrentrommel. Ein Sujet der Wiener Grünenobfrau Maria Vassilakou wurde virtuell mit einem „Sag JA zu HC STRACHE“ Sticker verziert.

Wie professionell diese Vorgangsweise ist, mag ich nicht beurteilen. Glaubwürdig ist sie jedenfalls nicht, dafür aber schmutzig. Und viel wichtiger: Dass die SPÖ die sehr indirekte Umarmung durch die Grünen sehr barsch zurückweist, deutet auf die Rot-Schwarze Präferenz hin, die Häupl ja nachgesagt wird. Die kontinuierlich hergestellte Verbindung zwischen Grün und Blau schließt beide nämlich erstmal öffentlich aus dem Kreise bevorzugter Koalitionspartner aus.

Back to Black

Immerhin hat man darin Übung. 1996, in der ersten Wahl mit Häupl als Stadtobmann, fiel die SPÖ in ihr bisher schlechtestes Wahlergebnis in der Bundeshauptstadt. Nur 39,2% der Wähler machten ihr Kreuz damals bei der SPÖ – es folgte die Wiener Variante der Großen Koalition.

Und das funktionierte – wenn auch klar bedingt von der miesen Performance der FP Bundespartei und den damit zurückkehrenden Wählern – zufriedenstellend. 2001 stellten die Sozialdemokraten wieder die Mehrheit an Mandataren – und jetzt sind wir beim Grund für die angestrebte Wahlrechtsänderung – bei 46,9% Stimmanteil.

Die Angst, nach Links auszulaufen

Womit wir wieder am Anfang wären und feststellen können: Die SPÖ ist sich des Verlusts der Absoluten selbst ziemlich sicher und weiß auch, dass der Abfluss zur FPÖ kaum zu bremsen sein wird. Also versucht man das „Grüne Leck“ abzudichten und die Basis für eine „GroKo“ zu legen.

Was mir wiederum sagt, dass die „Wiener Sozis“ (Zitat Baxant) gehörig Angst vor den Grünen haben, die in den letzten Gemeinderatswahlen stets gestärkt hervorgingen. Und es sagt mir, dass Wien Rot-Grün wohl dringend nötig hat, denn Rot-Schwarz wäre aus meiner Sicht Stillstand auf niedrigem Niveau.

Stillstand, den diese lebendige Weltstadt nicht verdient hat.

Georg Pichler ist seit 2007 Parteimitglied der Grünen und seit 2010 Mitglied der Grünen Wien

  • dieter

    Die letzten beiden Absätze kann ich nicht nachvollziehen.

    1. Worin genau besteht das „grüne Leck“? Meinst du, dass SPÖ-Wähler zu Grün wechseln könnten? Die bisherigen Zugewinne kamen doch vom LIF und der ÖVP.

    2. Wenn jemand ein derartiges Leck abgedichtet hat, dann meiner Meinung nach eher die Wiener Grünen mit ihrer einseitigen, voreiligen Koalitionsankündigung. Der politischen Sinn dahinter ist mir nicht ersichtlich. Aber vielleicht weißt du ja näheres über diesen Vorstoß.

  • Ich behaupte, dass eine Annäherung im Sinne einer Koalitionsansage in dieser Form die SP durchaus Wähler kosten kann. Die Grünen sagen ja nicht „machen wir eine Koalition, weil wir euch so super finden“, sondern „machen wir eine Koalition, damit wir wieder Visionen in die Stadtpolitik bringen und das ’sozial‘ in sozialdemokratisch sind“. Ich denke die Wiener SP könnte mit ihren linken Wählern – die es in Wien auch noch in größerer Zahl als im Rest des Landes gibt – durchaus ein Problem kriegen Aber sicher spielt auch eine Rolle, dass fehlende Wehrhaftigkeit (wobei selbige hier ja extrem patschert praktiziert wird) gegenüber einer grünen Ansage auch Wähler am rechten Rand der SP kosten könnte.

  • dieter

    Umgekehrt könnten SPÖ-Linke, die ohnehin vermuten, dass Rot-Grün kommt, ruhigen Gewissens weiterhin treu SPÖ wählen.

    Obwohl SPÖ-Linke zu den eher linken Wiener Grünen praktisch deckungsgleiche Ansichten haben, werden die trotzdem immer rot wählen. Ein Robert Misik wählt niemals Grün.

    Das hat mit Sozialisation, Ästhetik, Milieu und vielem anderen zu tun. 150 Jahre Arbeiterbewegung, Karl Marx, Erinnerungen an rote Fahnen, die Internationale, Maiaufmärsche usw. wirft man nicht so einfach weg. Schon gar nicht zugunsten von Müsli, Bobo-Schickimicki oder selbstgestrickten Pullovern.

    Falls die Grünen auch diesmal Zugewinne verzeichnen, dann wohl durch den anhaltenden Generationenwechsel im Bildungsbürgertum und durch Zuwanderer, die in dieses Milieu passen.

    Nehmen wir ein anderes Beispiel. Die FPÖ ist meiner Meinung nach klar sozialpopulistisch. Das muss sie sogar sein, seit Haider die junge Arbeiterschaft für die FPÖ gewonnen hat. Trotzdem kaufen bildungsbürgerliche Linke der FPÖ das einfach nicht ab und glauben fest, dass diese Partei die Partei der Industriellen und Neoliberalen sein muss.

    Mal was anderes: Was machen die Grünen eigentlich in punkto Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik? Hier sieht es in Wien wirklich deprimierend aus, aber das Thema Wirtschaft wird von keiner Partei beackert.

  • du nimmst an, dass der größte Teil der linken SP-Wähler der vreklärten „Rote-Fahnen-Nostalgie“ nachhängen und nur auf der Basis ihre Wahlentscheidung treffen würden. Das denke ich wiederum nicht, es trifft wohl nur auf einen Großteil der älteren, linken Generation an Wählern zu. Aber auch deren Stimme ist nicht auf ewig für die SPÖ reserviert. Ich kenne das Beispiel eines betagten Herren, der aus dem Bergbau kommt und zutiefst im roten Milieu verankert ist. Und trotzdem hat er bei der letzten LTW in seinem Bundesland die Grünen gewählt.

    Und auch die Nostalgie/Milieu-Generationen wachsen nach, und dann bleibt letztlich der „Bobo-Schickimicki“ als Hindernis. Und das in Zeiten, in denen die Grünen -glücklicherweise- auch beginnen, sozialpopulistische Töne anzuschlagen – sowohl konzeptuell als auch im Wording „wir hauchen der Sozialdemokratie wieder Seele ein“). Und nicht vergessen: Wien ist ein weitgehend urbanes Schlachtfeld

  • eigenartiges vorgehen der spö – welches afaik von den grünen auch leidlich ausgeschlachtet wird.

    schaden wirds den grünen nicht und kein potenzieller grün-wähler wird ernsthafte an die möglichkeit einer grün-blauen partnerschaft glauben. eher werden die grünen ein paar zusätzliche stimmen bekommen, da sie sich durch dieses kleine gefecht etwas präsentieren und von der wiener spö abgrenzen können. im endeffekt aber viel lärm um nichts.

    der einzige positive effekt: das kleine scharmützel zwischen spö und grünen lenkt die mediale aufmerksam ein wenig vom wannabe-bürgermeisterherausforderer bumsti strache ab.

  • dieter

    @Georg Pichler: Der Begriff “Rote-Fahnen-Nostalgie” zeigt Unverständnis und Einstellung zu dem Thema.

    Klar, die klassische Arbeiterklasse wächst heute nicht mehr mit dem Fahnenschwenken auf. Das war meiner Meinung nach ein großer Fehler der SPÖ-Eliten (Vranitzky/Klima), diese Sozialisationsstrukturen als Ballast abzuwerfen, nachdem der (Alb)traum Sozialismus endlich als Irrweg erkannt wurde.

    Aber bei den studentischen Linken sieht das anders aus. Bei denen sind rote Fahnen und Che Guevara populär. Das sind häufig Leute, die selbst in linksintellektuellen, ideologisierten Haushalten aufgewachsen sind und ein eigenes Interesse an dieser Tradition entwickeln, auch wenn sie von den Eltern nur sporadisch gelebt wurde. Sie wollen die glorreiche Tradition weiterführen und daran teilhaben.

    Grüne, die aus bürgerlichen Haushalten kommen, haben da einfach keinen Bezug dazu. Sie sehen sich eher als Rebellen denn als Traditionalisten.

    Und die sozialpopulistischen Töne kommen bei den vermeintlich dadurch Begünstigten eben nicht an, weil das aus dem Munde von Bobos immer wie ein ehrenamtliches Weltverbesserungsprojekt klingt. Rettet die Armen, die Ausländer und die Armutschgerln.

    Alleine schon die Sprache, die die Grünen ständig verwenden („Globalisierungsverlierer“, „Bildungsferne“ usw.) klingen für die Zielgruppe abstoßend und beleidigend, ohne dass das die Grünen merken, weil sie einfach keinen persönliches Verständnis für die Zielgruppe haben.

  • Diese Affinität in Richtung Che und Co existiert bei jungen Grünen aber durchaus auch. Den Unterschied sehe ich nicht unbedingt in der Ideologie – „soziale Gerechtigkeit“ schreiben sich beide Parteien fett auf die Fahnen – sondern eigentlich nur im „Milieu“, und auch da nicht überall. Ich kenne grüne Lehrlinge, wenn auch wenig und ich weiß, dass die Grünen bei Lehrlingen/Berufsschüler/HTLern einen harten Stand haben. Aber warum sollte sich das nicht irgendwann aufbrechen lassen?

  • „Alleine schon die Sprache, die die Grünen ständig verwenden (“Globalisierungsverlierer”, “Bildungsferne” usw.) klingen für die Zielgruppe abstoßend und beleidigend, ohne dass das die Grünen merken, weil sie einfach keinen persönliches Verständnis für die Zielgruppe haben.“

    da muss ich dieter zustimmen. dies sind zwar korrekte und anerkannte begriffe – in der wissenschaft würde ich auf jeden fall darauf zurückgreifen – aber in der politischen kommunikation könnte man durchaus konkreter sein.

    man sollte quasi den dieb beim namen nennen und sich nicht hinter beinahe beschönigenden begriffen verstecken. „bildungsferne“ sind eben menschen, die aus finanziell armen familien stammen – armut als zentraler begriff. „globalisierungsverlierer“ sind menschen, die nur wenig bildung/ausbildung erhalten haben – was wiederum in den meisten fällen mit armut als zentralen begriff zu tun hat (wobei man dann auch noch armut plastisch darstellen müsste).

    ich sehe in der verwendung von korrekten begriffen – wie eben „bildungsferne“ – auch die gefahr, dass die persönlichen tragödien, die sich dahinter verstecken, abgeschwächt und/oder verdeckt werden. zudem erscheint etwa „bildungsferne“ so, wäre dies ein unabänderlicher zustand. ein gewisser fatalismus schwingt da schon mit.

    es besteht also die gefahr, dass der korrekte sprachgebrauch zum agenten wider willen für jene wird, die an unfairen gesellschaftlichen verhältnissen nichts ändern wollen oder sie gar bestärken.

  • @Mig
    die Begriff „Bildungsferne“/“Globalisierungsverlierer“ seh ich bei den Grünen bestenfalls im Wahlprogramm, kaum bis gar nicht im tagespolitischen Wording.,

  • @Georg
    dann scheinen unsere wahrnehmungen ja stark unterschiedlich zu sein. denn lt. meiner wahrnemung tagespolitischer wordings, ist die wortkomplexität der grünen (medial vermittelt) mit sicherheit die komplexeste aller im parlament vertretenen fraktion. ist ja auch keine schande. aber „die lehrlinge“ und die „HTLer“ – wie du weiter oben erwähnst -, aber auch die blue-collars spricht man damit halt nur bedingt an.

  • dieter

    Moser, du hast mich falsch verstanden.

    Ich bin nicht der Ansicht, dass man den Armutschgerln ihre eigene Armseligkeit verheimlichen soll, sondern, dass sie gar nicht armselig sind.

    Globalisierungsvelierer gibt es sowieso kaum. Praktisch die gesamte Menschheit zählt zu den Globalisierungsgewinnern. Und diejenigen, die tatsächlich – eher quantitativ als qualitativ – verloren haben, verteilen sich über viele Bildungsschichten. Stichwort: „Generation Praktikum“. Über Gratispraktika kann ein Installateur oder Feinmechaniker nur lachen. Der Kebap-Verkäufer auch.

    Bildungsferne ist keine Tragödie und außerdem ein irreführender Begriff. Schließlich ist ein BWLer in Bezug auf Geschichte bildungsfern und ein Jurist in Bezug auf Elektrotechnik.

    Bildungsferne interessieren sich nicht für’s ewige Lernen und wollen lieber sofort mehr Geld verdienen. Auf die Lebenszeit durchgerechnet kann das in einigen Fällen durchaus sogar profitabler sein als eine lange Bildungskarriere. Das ist aber nebensächlich.

    Sie wollen auch nicht selten im Freien, mit Menschen, oder mit den eigenen Händen arbeiten. Nicht nur das, es gibt eine Studie die zeigt, dass dass bildungsnahe „white collar“ Männer das auch präferieren würden, wenn sie nicht um Weibchen konkurrieren müssten:

    http://www.bakadesuyo.com/what-would-men-do-if-they-didnt-have-to-impre
    „The results show that if there were no returns to career choices in the marriage market, men would tend to work less, study less, and choose blue‐collar jobs over white‐collar jobs.“

    Darüber hinaus betrachten Bildungsferne die vorgebliche Bildung der Bildungsnahen mit, wie ich meine, einem gesunden Skeptizismus.

    Die angebliche Wissenschaftlichkeit der Armutschgerl-Forschung ist meiner Meinung nach eher Ausdruck des milieutypischen „Knowing what’s best for poor people“ Phänomens:
    http://stuffwhitepeoplelike.com/2008/02/10/62-knowing-whats-best-for-poor-people/

    Die „Wortkomplexität“ verschleiert nicht selten mangelnde Substanz. (z.B. „Cultural Flat Rate“). Praktisch alles, was vernünftig ist, kann man auch klar und verständlich ausdrücken. Die PoWi/SoWi-Sprache hat meiner Meinung nach einfach das Latein im Bildungsbürgertum ersetzt, ohne zusätzliche Klarheit zu verschaffen.

    Ich mache es den Grünen allerdings keinenfalls zum Vorwurf, dass sie, wie andere Parteien auch, eine Milieupartei sind. Ich mache ja selbst primär aus diesem Grund meist mein Kreuzchen bei dieser Partei.

    Das Befremdliche ist, dass sie das selber lange nicht wahrgenommen haben und damit zutiefst unzufrieden sind und die Versuche, über das Milieu hinauszugehen, unbemerkt überheblich wirken und die Sache noch auf kontraproduktive Weise zementieren.

    @Georg:
    Es geht nicht nur um direkte Ansprache. Wenn man beispielsweise Strache vorwirft, zu emotionalisieren und fehlerhaft einfache Lösungen für angeblich komplexe Fragestellungen anzubieten, dann macht man auch indirekt eine beleidigende Aussage über seine Wähler.

    Das wäre kein Problem, wenn man potenzielle FPÖ-Wähler- und Sympathisanten einfach prinzipiell abschreiben würde, genauso wie sich die FPÖ ja auch nicht für das Potenzial der Grünen interessiert. Aber als idealistische Es-allen-recht-machen-wollen-Partei wollen sie das ja nicht.

    Das ist auch ein wesentlicher Unterschied zur SPÖ, die das Proletariat, so wie es ist akzeptiert, während die Grünen eher den Gedanken der „Entproletarisierung des Proletariats“ aus der katholischen Soziallehre fortführen.

  • Raphael

    > Globalisierungsvelierer gibt es sowieso kaum. Praktisch die gesamte Menschheit
    > zählt zu den Globalisierungsgewinnern. Und diejenigen, die tatsächlich – eher
    > quantitativ als qualitativ – verloren haben, verteilen sich über viele
    > Bildungsschichten. Stichwort: “Generation Praktikum”.

    Natürlich zählt primär die Arbeiterschicht zu den Globalisierungsverlierern, weil sich deren Arbeitsplätze billiger „globalisieren“ lassen. “Generation Praktikum” zeigt uns nur, dass junge bildungsnahe Schichten keine geeignete organisatorische Vertretung haben. Das Proletariat der SPÖ wird auch immer kleiner. Nachdem jetzt auch nicht mehr die Bettler aus Rumänien dazugehören, ist die Richtung klar hervorgetreten.

  • wer immer dieser dieter sei: seine aussage, „ein robert misik wählt niemals grün“ ist auf haarsträubende weise falsch.
    robert misik wählt geschätzt in 50 % der fälle grün und in 50 % der fälle rot.
    point.

  • nice

    Warum regen sich die Grünen immer auf, dass die SPÖ die absolute Mehrheit hat?
    bei der letzten Wahl hatten die Roten 49,01% der Stimmen, die Oppositionsparteien hatten gemeinsam 48,23%. Also weniger.

  • Vermutlich weil die SPÖ zum Beispiel 2001 nur 46,9% der Stimmen und trotzdem 52% der Sitze im GR bekam, während die Oppositionsparteien mit 49% der Stimmen eine Minderheit im GR blieben.

  • dieter

    @Robert Misik:
    Hätte ich nicht gedacht. Jetzt wirst du aber endgültig von den Genossen exkommuniziert. 😉

    @Raphael:
    Friseuse, Kellnerin, Gerüstbauer und Installateur kann man nicht nach Indien outsourcen oder mechanisieren. Wissensarbeit sehr wohl.
    Das Industrie-dominierte Oberösterreich hat in Österreich glaube ich die geringste Arbeitslosigkeit.

    Paul Krugman hat schon 1996 in der Mitte des Internet-Hypes eine radikale Gegenhypothese zur Wissensgesellschaft formuliert:
    „Getting Ahead; White Collars Turn Blue“
    http://www.pkarchive.org/economy/GettingAhead.html

    Auf der Konsumseite ist jeder, der ein Handy hat, Litschi beim Hofer kauft und bei Amazon aus den Niederlanden einen Tuning Chip für seinen GTI bestellt, Globalisierungsgewinner.

    Jedenfalls halte ich die Gleichsetzungen Arbeiter/FPÖ-Wähler = Globalisierungsverlierer, Bildungsbürgertum/Grüne = Globalisierungsgewinner für unzutreffend.

  • Raphael

    Selbstverständlich ist die Realität immer komplizierter, so hat sich in Österreich auch Schwerindustrie halten können. Ich dachte eher an Werkschließungen wie Semperit, kenne aber jetzt keine Statistik dazu.

  • Grüne bekennen sich zur gesellschaftlichen Globalisierung und finden das gut. Sie haben keine Angst davor. Bei FPÖ-Wählern herrscht da eher das Gegenteil bis Wurstigkeit. Von dem her finde ich die Gewinner/Verlierer Einteilung in der Hinsicht schon in Ordnung.

    Wenn wir von der wirtschaftlichen Perspektive sprechen, würde mich die Arbeitslosenquote, Einkommensverhältnisse, Arbeitszufriedenheit unter den einzelnen Wählerschichten interessieren.

  • dieter

    „Wenn wir von der wirtschaftlichen Perspektive sprechen, würde mich die Arbeitslosenquote, Einkommensverhältnisse, Arbeitszufriedenheit unter den einzelnen Wählerschichten interessieren.“
    Ich schätze mal das würde sich stark überlappen.

    Kennst du persönlich überhaupt keine FPÖ Wähler? Falls doch, sind das alles Verlierer und Hoffnungslose? Machen HC Strache 34000 Facebook-Freunde diesen Eindruck?

    Oder speist sich dieser Eindruck aus Elizabeth Spiras und Ed Moschitz‘ „Realtitätsrekonstruktionen“?

    „Grüne bekennen sich zur gesellschaftlichen Globalisierung und finden das gut.“
    Was genau soll das sein?

  • Raphael

    @dieter, nachdem Strache eigentlich nur ein Thema hat, wäre es doch sehr verwunderlich, wenn die Mehrheit der FPÖ-Wähler von der gestiegenen Arbeitsmigration profitieren würde. Wahrscheinlicher ist doch, dass viele seiner Wähler darunter leiden und sich in einer Konkurrenzsituation mit Zugewanderten sehen. Globalisierungsgewinner sehen anders aus.

  • @dieter ja ich kenne schon FPÖ Wähler. keine sorge, ich lebe in derselben welt wie du.

  • dieter

    @Raphael
    „@dieter, nachdem Strache eigentlich nur ein Thema hat, wäre es doch sehr verwunderlich, wenn die Mehrheit der FPÖ-Wähler von der gestiegenen Arbeitsmigration profitieren würde. Wahrscheinlicher ist doch, dass viele seiner Wähler darunter leiden und sich in einer Konkurrenzsituation mit Zugewanderten sehen. Globalisierungsgewinner sehen anders aus.“

    Ich erkläre mir das Wahlverhalten eben nicht primär mit Inhalten. Die FPÖ hat objektiv so viele oder so wenige Themen wie die anderen Parteien. Welches Thema hat eigentlich die SPÖ?

    Selbst, wenn FPÖ-Wähler ökonomische Nachteile durch Arbeitsmigration hätten, so ist diese eine politische Fragestellung, die nicht zwingend an Globalisierung gebunden ist. Japan hat ja auch eine Nullzuwanderungspolitik.
    Und als die bürgerlichen Medizinstudenten Konkurrenz aus Deutschland bekamen, hat die ÖVP aber blitzschnell reagiert und sich sogar gegen ein zentrales EU-Gründungsprinzip gestemmt.

    Nationalistische Ungarn, Slowaken, Kurden, Türken, Kroaten und Serben brauchen ja auch keine objektiven ökonomischen Gründe um ihre Animositäten zu kultivieren.

  • Gerade deshalb geht es um das subjektive Empfinden. FPÖler stehen im Schnitt der Globalisierung wesentlich skeptischer gegenüber und begreifen sie viel mehr als Gefahr. Sie haben Angst, dadurch zu verlieren.

    Wie nahezu immer sind solche Gleichsetzungen natürlich nur tendentiell und nicht allgemein gültig. Aber ich denke man kann guten Gewissens die Teilung Globalisierungsgewinner/verlierer und FPÖ/Grüne treffen.

    Zudem ist natürlich Bildung eine Variable die das ökonomische Verlieren unwahrscheinlicher macht. Man darf halt nicht übersehen, dass hierzulande auch die „einfachen Arbeiter“ in der Industrie besser (aus)gebildet sind als in Dritte-Welt-Ländern, und es deshalb Anreize gibt, solche Jobs eben nicht auszulagern.

    Wissensarbeit ist im Gegensatz dazu so gefragt, dass durch globalen Druck zwar die Löhne sinken – allerdings sind die Jobs trotzdem gefragt und die Preise beginnen auf einem hohen Niveau. Die Fließbandarbeit mit dem einen Handgriff hingegen geht gleich ganz flöten, wenn sie ausgelagert wird.

    Journalisten, Lehrer, Künstler, Sozialwissenschafter, Politiker und andere „Wissensarbeiter“ lassen sich übrigens genauso wenig nach Indien auslagern wie Friseure und Kellner. Von dem her würde ich auch der These widersprechen, dass Blue collar weniger anfällig als White collar ist. Es gibt in allen Bereichen Jobs die mehr und Jobs die weniger gefährdet sind.

  • dieter

    „Gerade deshalb geht es um das subjektive Empfinden. FPÖler stehen im Schnitt der Globalisierung wesentlich skeptischer gegenüber und begreifen sie viel mehr als Gefahr. Sie haben Angst, dadurch zu verlieren.“

    Diesen Eindruck kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Globalisierungskritik ist eher links populär. Marcus Felber bei unibrennt, attac im Club2, Erwin Wagenhofers „Let’s Make Money“. Die Blogosphäre ist ja linksgrün dominiert. Da ist Globalisierungsskepsis die Norm. Positiv sind da die paar libertären Blogger.
    Die spärlichen Rechtsblogger schreiben über Ausländer, Transferleistungsbezieher, Islamisierung und Kriminalität.

    „Von dem her würde ich auch der These widersprechen, dass Blue collar weniger anfällig als White collar ist.“

    Das habe ich auch nicht so gemeint. Paul Krugman war einer derjenigen, der gegen den New Economy Hype, der ja auch in einer Spekulationsblase mündete, anschrieb. Da war aufrüttelnde Überspitzung nötig.

    Ulkig ist in dem Zusammenhang die Artikelreihe des Standard zu den Wiener Bezirken. Da wird eigentlich nur über Bobo-Enklaven berichtet, die wie selbstverständlich als jung, hipp, erfolgreich und urban (im Gegensatz zu nicht-urbanen Stadtteilen und Stadtbewohnern?) dargestellt werden:
    http://derstandard.at/1271376677754/Ottakring-Junge-Hippe-in-buntem-Wohngebiet