Vielleicht liegt es an meinem schlichten Gemüt. Vielleicht auch einfach daran, dass ich gerade unter einer Attacke bösartiger Rhinoviren leide, die mich von quasi eh allem Wichtigen abhalten. Oder ich bin schlicht und einfach anspruchslos. Denn kein Medienereignis fand ich bis dato unterhaltender als die Querelen und Skurrilitäten die WikiLeaks mit Cablegate erreichte.

Wirklich erheiternd finde ich gar nicht einmal den Inhalt der bisher veröffentlichten Beiträge. Wenig spektulär, möchte man meinen. Saudi-Arabien ist dem Iran nicht besonders grün, dies dürfte interessierten politischen Beobachtern auch vor Cablegate bewusst gewesen sein. Auch der Umstand, dass österreichische Banken in der Vergangenheit eigenartige Geschäftsbeziehungen pflegten schockiert jetzt nicht über alle Maßen. Westerwelle als außenpolitisches Leichtgewicht? Surprise, surprise! Jetzt haben wir es eben schwarz auf weiß. Was sicher nicht übel ist.

Content? Langweilig!

Nein, die Inhalte der veröffentlichten Depeschen sind es nicht, die für Erheiterungsstürme sorgen. Eine Mischung aus „eh-schon-wissen“ und Tratschgeschichten, die man so auch aus dem Boulevard kennt. Umso erstaunlicher das Getöse, welches darum gemacht wird. Denn die letzten Tage boten alles, was ein ordentlicher Politthriller bieten sollte. Vielleicht mit ein Grund warum die Diskussion über Inhalte immer mehr der Diskussion über die Akteure weicht.

Vergewaltiger? Tollpatsch?

Julian Assange ist das Gesicht von WikiLeaks. Und er wird von Interpol wegen „Sex Crimes“ gesucht. Eine harte Anschuldigung, welche in deutschsprachigen Medien gerne als Vergewaltigung übersetzt wird – was natürlich dann doch abschreckend und rufschädigend wirkt.

Betrachtet man jedoch andere Quellen, so scheint es, dass er wegen eines geplatzten Kondoms zur Fahndung ausgeschrieben wird. Wir halten also fest, dass Assange mithilfe der Mitarbeiter von WikiLeaks die halbe Welt in Aufregung versetzen kann, den Umgang mit Kondomen aber nicht so richtig beherrscht. Assange ein Vergewaltiger, das Opfer von Rufmord oder schlicht ein Tollpatsch?

Versicherungswirtschaft

Jetzt könnte man meinen, der arme (oder fiese) Kerl wäre doch glatt ein Opfer. Aber machtlos ist natürlich kein „Held“. Und so gibt es – wiederum in Thrillermanier – eine Art Versicherung in Form eines verschlüsselten 1,4 GB-Files. Der Aktivierungscode wird übermittelt, sofern Assange oder den WikiLeaks-Mitarbeitern etwas passieren sollte. Was er enthält?

Ich tippe auf das Geheimnis des fünften Beatles und die Wahrheit über Waldheims Pferd. Vielleicht sind aber auch wirklich weltbewegende Geheimnisse enthalten.

Rabiate Reaktionen

Aber vielleicht schadet so eine Versicherung ja auch gar nicht. Denn gewisse Aussagen sind dann doch gelinde gesagt als rabiat (gut, das ist vielleicht nur ein Spinner) zu bezeichnen. Und wenn auf einmal von „Verräter“ und „Terrorist“ im Zuge von Cablegate die Rede ist, dann ist das schon sehr bedenklich. Ebenso wie die Blockierung der WikiLeaks-Homepage. Aber auch das gehört irgendwie zum Unterhaltungsfaktor der gesamten Geschichte.

Unterhaltung?

Ich sprach anfänglich von Unterhaltung und nichts anderes ist die derzeitige mediale Auseinandersetzung mit WikiLeaks. Man ist begierig auf neue Infos, liest eifrig ein Guardian-Leser-Interview. Dabei gäbe es viel ernstere Wege der Auseinandersetzung. Man könnte sich mit der Frage auseinandersetzen, wie transparent Regierungen sein müssten. Wie die internationale Gemeinschaft unser aller Zusammenleben gestaltet und wie sie es gestalten sollte. Diese Fragen gehen im derzeitigen Politthriller aber unter. Denn der Kampf des David gegen Goliath ist eben Emotion. Und Emotion unterhaltet.

Enthüllung

Aber natürlich gibt es auch hier noch ein kleines Detail über Julian Assange, welches von Medien meines Wissens noch nicht berichtet wurde. Denn ob der WikiLeaks-Frontman ein Vergewaltiger oder Tollpatsch ist, das klärt ein hoffentlich faires Gerichtsverfahren. Was jedoch mit ziemlicher Sicherheit feststeht: Bücher sollte man Julian Assange nicht leihen. Denn mit der Rückgabe scheint er es nicht sehr genau zu nehmen. Vielleicht eine glaubhafte Möglichkeit für die Ausstellung eines internationalen Haftbefehls?

Edit: Da die Geschehnisse um WikiLeaks mittlerweile stark auf der Popstarebene angelangt sind, gibts hier noch der Link zu einem umfassenden Porträt von Assange. Wer dann noch immer nicht genug hat, kann sich den früher geführten Blog von Assange angucken.

Foto: blatchOr, CC2.0-BY-NC-ND

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