„Die neue Politik“-Kampagne der SPÖ und das „Schwarz macht geil“ der ÖVP waren Versuche der letzten Jahre, bei den jugendlichen WählerInnen wieder besser Fuß zu fassen. Die Parteien treiben sich in den Discos rum, zeichnen Comics, machen Hiphop-Raps. So verstehen Rot und Schwarz und Blau das Wort „Jugendpolitik“. Zahl ihnen vielleicht mal ein Bier, dann werdens dich schon mögen. Während das in unserer Landeshauptstadt wieder mal im Wahlkampf abging, schürten Faymann und Pröll ein Paket, das die Jugendlichen mit Füßen tritt.
Die Analysen zur Budgetbekanntgabe strotzen vor Silben wie „sozial gerecht“, „moderat“ oder „lauwarm„. Das ist ein Hinweis dafür im Wirtschaftsjournalismus einfach zu wenig junge Menschen arbeiten. Denn das Budget mag vielleicht für Spitzenpensionisten, sonstige gut Betuchte und Banken die ohnehin keine Steuern zahlen problemlos sein, aber mit Sicherheit nicht für Ärmere Menschen, Jugendliche und Familien. Von den etwa 1,6 Milliarden Euro an geplanten Einsparungen des Bundesbudgets von 2011 gehen 256 Millionen Euro direkt auf den Rücken der Jugend.
58 Millionen spart Österreich sich durch die Auszahlung der Familienbeihilfe bis 24 statt bisher 26 Jahre, 35.000 Menschen weniger beziehen demnach Familienbeihilfe. 3,6% der ausgabenseitigen Budgetkonsolidierung fällt damit auf 0,4% der Bevölkerung. Und das sind nicht etwa die Superreichen, denen man vielleicht im Krisenfall die 90. Million vom Konto zupft, sondern junge Studierende. Weitere 168 Millionen spart man sich, weil man 16 bis 24-jährigen künftig weniger zahlt. Also auch hauptsächlich SchülerInnen und Studierenden – und zwar nicht die mit gut betuchten Eltern, sondern pauschal alle. Die soziale Durchlässigkeit unseres Arme enorm benachteiligenden Bildungswesen ist damit sicher erleichtert.
Dabei ist der Titel „Familienbeihilfe“ irreführend. Denn in Österreich mildert die Familienbeihilfe ein sehr großes Problem: Dass es kein funktionierendes Stipendiensystem gibt. Auch unter den derzeit bereits schwierigen Bedingungen müssen 45% der Studierenden laut Studierenden-Sozialerhebung 2009 bereits durchgehend neben dem Studium arbeiten (also nicht nur in den Ferien). Während jüngere Studierende das weniger betrifft, liegt der Schnitt im Bereich 25- bis 26-Jährige bei über 50%. Diesen Menschen werden in den kommenden Jahren 2.500 bis 3.000 im Jahr fehlen. Dazu kommen wegfallende Vergünstigungen für Öffitickets (was in Wien weitere 160 Euro Belastung im Jahr bedeutet) und das Ende der Mitversicherung bei den Eltern, was im günstigsten Fall weitere 600 Euro kostet.
Dazu ist vielleicht noch zu sagen, dass diese Generation ohnehin bereits eine ist , die einige Zeit lang Studiengebühren zahlen musste, die ihren Weg auf den Arbeitsmarkt während einer Krise suchen muss. Jobs liegen also nicht gerade auf der Straße. Aber selbst wenn man einen findet, hat die Krise langfristig fatale Folgen: Wer während einer Krise zu arbeiten beginnt verdient fast 10 bis 15 Jahre lang deutlich weniger, als Leute die während einer guten Wirtschaftslage in den Job kommen. (Planet Money Podcast #196, ab Minute 12).
Übrigens, wer nicht studiert und zwischen 18 und 21 Arbeit sucht, bekommt künftig auch keine Familienbeihilfe mehr. Einsparungen dadurch: 30 Millionen Euro. Damit tragen arbeitslose Jugendliche gleich viel zum „ausgewogenen“ Budget bei, wie die (angebliche) Besteuerung von Aktiengewinnen. Klingt sehr gerecht. Hätte man dieses Geld nicht auch bei der im internationalen Vergleich lächerlich hohen Parteienförderung einsparen können? Oder bei Strukturreformen? Oder bei einer Besteuerung von hohen Vermögen? Oder, oder, oder…?
Dass natürlich auch Jugendliche autofahren (vor allem die, die nicht studieren), Rauchen und von allen Weitergaben von Kosten der Wirtschaft an den Kunden betroffen sein werden – und damit auch von den anderen massiven Belastungen direkt betroffen sind – lässt sich schwer quantifizieren. Dass die ohnehin angeschlagene Jugend zwischen hoher Arbeitslosigkeit, schlechten Studienbedingungen und finanziellen Problemen auch noch einen viel zu großen Teil der Krise tragen muss, ist hingegen unbestreitbar.
Ein Dank an die Politik dafür! Ich bin gespannt, ob beim nächsten Rechtsruck (falls die Grünen jetzt nicht sehr gut reagieren, ist der vorprogrammiert) der Jugend wieder alle die Chuzpe haben zu behaupten, dass „endlich über die bösen AusländerInnen geredet werden muss“. Dorks! Verdammte Dorks!
Foto: Stephane Giner, CC2.0 BY-NC-SA
16 Antworten auf „Wir panieren die Jugend, Teil 2011“
Wo Du recht hast, hast Du recht…
Wo die Gewichtung lag, sieht man auch daran, dass die unselige Hacklerregelung mit Zähnen und Klauen verteidigt wurde. Und alles nur, um 3 Jahrgängen Millionen in den Allerwertesten zu blasen… 😉
Das Problem ist wohl auch das wir Jungen keine Lobby haben, und noch dazu ist auch der Zusammenhalt unter den Jugendlichen nicht gegeben. Bei vielen Jungen, die keine höhere Ausbildungen haben, kommen wir Studenten gleich nach den Ausländeren. Das hab ich schon oft genug am eigenen Leib erfahren müssen…
Ich bezweifle stark, dass diese marginalen Umschichtungen einen Rechtsruck oder einen sonstigen Ruck bewirken.
Die Erhöhung der Tabaksteuer ist unmittelbar für die Betroffenen offensichtlich und ärgerlich, aber bald vergessen.
Die Möst-Erhöhung geht in den Schwankungen des Ölpreises sowieso unter.
Die Vermögenszuwachssteuer betrifft etwa 10% der Bevölkerung, die Wertpapiere haben und für die macht das sicher einen qualitativen Unterschied, der nicht so schnell vergessen ist und an den man jedes Jahr zur Steuererklärung erinnert wird.
Fraglich ist, ob die Erhöhung der Möst überhaupt Mehreinnamen bringt, da der Staat ja vom Tanktourismus profitiert und die Einnahmen daraus den Verlust durch Kyoto-Strafzahlungen abdeckt. Aus umweltpolitischer Sicht kann man da aber nur dafür sein. Trotzdem goutieren die Grünen nicht einmal das.
Bei Leuten, für die Rauchen und Sprit wahlentscheidende Motive sind, sind die Grünen sowieso nicht gut angeschrieben. (In Sachen Sprit leider zu Unrecht, denn da trauen sie sich schon lange nichts mehr).
http://www.ortneronline.at/?p=5506
Eine Lobby der Jugend wird man von den Parteien jedenfalls nicht erwarten können, denn wann immer Jugendvertreter der Parteien zu dem Thema diskutieren, beklagen sie gleich im vorauseiligen Gehorsam das Leid der Pensionisten und verlangen sogar Pensionserhöhungen. Dabei kommt das Gros der Ausgabenexplosion nunmal aus diesem Bereich.
Die Jungen haben keine Lobby, und werden so schnell auch keine bekommen, denn kein Jugendvertreter wird innerhalb der Parteien nach oben kommen, wenn er nicht vorauseilenden Gehorsam leistet.
Die Familienbeihilfenkürzung ist möglicher Weise noch nicht durch: http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/604883/index.do?_vl_backlink=/home/politik/innenpolitik/596245/index.do&direct=596245
Die fehlenden Strukturreformvorschläge setzen dem Fass die Krone auf: Hauptsache man hat die Budgetentscheidung hinter die Wahltermine geschoben – die Begründung ist spätestens jetzt entlarvt.
An den Rechtsruck mag ich auch nicht glauben, eher daran, dass unsere Politiker nun noch unbeliebter sein werden, und man kann sie jetzt nicht einmal in Schutz nehmen…
@Tom
Nicht funktionierendes Stipendiumsystem soll heißen, dass es zu wenige gibt, sie zu gering sind, oder mangelnde Treffsicherheit aufweisen?
@mete ja, ja und ja. 😉
[…] This post was mentioned on Twitter by Tom Schaffer, Tom Schaffer, derChristoph, scienceart, Clemens J. Perner and others. Clemens J. Perner said: RT @schaffertom: Neuer Blogpost: Wir panieren die Jugend, Teil 2011 http://is.gd/gfQex #budget #unibrennt […]
In den Salzburger Nachrichten vom letzten Samstag war ein Interview mit Alois von und zu Liechtenstein (hey Titel muss sein) zum Thema direkte Demokratie. Fraglich ob das in AT funktionieren würde, dafür bin ich nicht schlau genug, aber interessant ist’s allemal.
hättest zufällig einen link dazu? =)
[…] http://zurpolitik.com/2010/10/24/wir-panieren-die-jugend-teil-2011/ „Wir sind noch immer völlig fassungslos, dass die Regierung lieber umstrittene Tunnel baut statt […]
Guter Artikel Tom.
Ich bin zwar nicht Markus, aber hier hast du den Link:
http://search.salzburg.com/articles/14001797
danke und danke 🙂
Die Tabaksteuer ist irrwitzig. Warum hat denn die Regierung immer wieder ein Auge darauf, dass die Bürger immer mehr Steuern zahlen müssen. Aber die Industrie wird immer weiter entlastet.
@Karla
Darum geht es eigentlich gar nicht, sondern darum, dass dem Defizit ausgabenseits (Verwaltungsreform, Krankenkassenreform, Kürzung der Parteisubventionen, Reduktion des Defizits staatsnaher Betriebe, Reform des Förderungs[un]wesens, etc.) entgegengewirkt wird, und nicht einnahmenseits. Erst wenn Pröll seine Hausaufgaben macht, kann er mit Fug und Recht von anderen fordern, dass auch sie ihren Teil beitragen müssen.
[…] Sozialdemokraten – doch einfach die Auszahlungsdauer der Familienbeihilfe gekürzt (und halt einmal mehr die Jugend herpaniert). Denn der Peppi traut sich was. Und er ist ein ganz ein harter Kerl. Im Gegensatz zu den […]
[…] dem Budget gefallen. Pflegefälle, jugendliche Arbeitslose, Studierende und Familien müssten nicht auf tausende Euro verzichten – und dazu wären die Investitionen in Bildung um (ausnahmsweise nicht fiktive) 310 Millionen […]
[…] bisher größte Demo dieses Wiener Protestherbsts gegen das jugend-, familien- und armenfeindliche Budget für 2011 der österreichischen Bundesregierung zog heute vom Parlament zur Unviersität für angewandte […]