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Unpolitische Generation? My ass!

Die unpolitische Generation ist nicht die Jugend von heute. Es ist keine und jede Generation die es jemals gab – Ein Schimpfwort von Tom Schaffer

Bisher bei zurPolitik.com: Susannes Artikel über PolitikerInnen als Demokratieproblem stieß eine Diskussion über die Sage von der „unpolitischen Generation“ an. Diese Phrase wird vor allem gern als diffamierender Vorwurf an die Jugend verwendet. Sie beklagt, dass die Gschroppen sich für nichts interessieren und den Arsch nicht hochkriegen. Ich habe sie schon (fast) immer für ein saublödes Märchen gehalten.

Fast immer, weil ich mit 16 schon eine Phase hatte, als ich über meine Generation frustriert war. Entmutigt, weil sich im Freundeskreis wenige fanden mit denen man sich über die politischen Nachrichten unterhalten konnte. Sollte es einigen meiner jüngeren LeserInnen heute auch so gehen: Keine Angst! Das geht vorbei. Ihr werdet in den nächsten Jahren eure Gruppen finden, wo das anders ist. Und es werden euch auch solche bleiben, wo das so bleibt.

Der Vorwurf der unpolitischen Generation könnte an jede Generation zu jeder Zeit gerichtet werden. Sieht man sich den „Durchschnittsmenschen“ aller Generationen an, erblickt man immer eine unpolitische Person. Schön sichtbar ist das bei Familientreffen. Da verhängen Omis sogar explizite Sprechverbote über Politik, weil sie Streitigkeiten bei den seltenen intimen Treffen vermeiden wollen. (Das gelegentliche Schockzitat über Ausländer fehlt trotzdem wohl selten.)

Ein gesteigertes Politinteresse ist immer ein Minderheitenphänomen. Sich permanent für das Parteiengeschehen zu interessieren, der Weltpolitik zu folgen oder gar das Wissen für einen analytischen Zugang dazu haben, das ist was für eine kleine Menge an Freaks – Leute wie vermutlich euch oder mich.

Jede Generation hat aber ihre Themen, bei denen die Masse mitmacht, weil sie einen zeitgeschichtlichen Nerv treffen. Im Kleinen ziehen tausend Menschen ins Museumsquartier, wenn man ihnen dort einige Freiheiten verbieten will. Oder hunderte OrtsbewohnerInnen stehen auf, wenn man eine Aslywerberfamilie aus ihrer Mitte reißen möchte.

#unibrennt und #s21 sind zwei aktuelle Beispiele dafür, wenn großen Themen betroffen sind. Diese Bewegungen brachen los, weil Bildung seit Jahren verschlechtert und die Jugend allgemein verarscht wird und die Schnauze voll hat – und im anderen Fall, weil die Demokratie verwahrlost (die trotz aller meistgezeigten Uninteressiertheit niemand verlieren will). Anfang des Jahrzehnts war der Pazifismus in Form der Gegnerschaft zum Irak-Krieg ein Thema. Zigtausende Schüler standen auf Europas Straßen und wünschten Bush jr. zum Teufel.

Ich erinnere mich gut an unsere ungenehmigte Demo von einigen hundert Leuten unseres Gymnasiums (an das einige hundert Leute gehen). Es war der Morgen der Invasion in den Irak und wir legten den Durchzugsverkehr im Stadtzentrum Kapfenbergs lahm, bis uns die Polizei nach einigen Stunden des Platzes verwies (wir erkannten, dass es in dieser globalen Frage keinen Zweck hätte, eine Anzeige hinzunehmen und das Zeichen war gesetzt). Da waren jene Leute mit dabei, von deren Polituninteressiertheit ich kurz davor noch so frustriert war.

Es sind die Rahmenbedingungen, die eine Generation politisieren. Und damit greife ich gerne einen Kommentar von Martin Schimak zu Susannes Artikel auf: „Die unpolitische Generation wird die politischste Generation aller Zeiten„. Ich bin nicht sicher, ob das stimmt. Politik wird wohl ein Minderheiteninteresse bleiben.

Aber wenn man sich die heutigen Rahmenbedingungen ansieht, dann sind da viele potentielle Impulse für eine Politisierung von Massen. Vielleicht mehr als in vergangenen Jahrzehnten: Die Missachtung der Jugend, Integration und Zuwanderung, Globalisierungserscheinungen, Redemokratisierung, Bildung, Sozialabbau, das Verschwinden öffentlichen Raums und Güter, die Missachtung von bürgerlichen Freiheiten, Klimaschutz oder auch Umweltschutz sind und werden große Themen unserer Zeit sein. Wir haben uns mit all dem hier schon öfters beschäftigt. Vieles davon ist nicht neu, manches schon. Aber all das birgt immensen Zündstoff. Irgendwo im Hinterkopf und Herz hat auch der „unpolitischste“ Mensch zu diesen Fragen seine Haltungen und Werte. Und in manchen Situationen werden sie zum Ausbruch kommen.

Das Gerede von der unpolitischen Generation ist und war schon immer Geschwafel von Leuten, die nicht richtig hinsehen und -hören können. Auch von solchen die glauben, dass Raps, Comics, discobesuchende Politiker, von Parteien geschmissene Partys oder ein Facebook-Account allein das sind, was die Jungen wollen. Die, die denken, dass sie damit echte Jugendpolitik ersetzen können. (Dorks!) Manchmal ist es auch die Leier jener, die in ihrem Frust überhaupt nur noch das Schlechte sehen.

Eines jedenfalls ist mir heute wie schon (fast) immer klar: Mit der Wahrheit hat diese Phrase nicht das Geringste zu tun.

Fotocredits: designer-wg.de, CC2.0 BY-NC

Von Tom Schaffer

ist Journalist, studiert Politikwissenschaft in Wien und ist der Gründer von zurPolitik.com, ballverliebt.eu und rebell.at.

6 Antworten auf „Unpolitische Generation? My ass!“

Der Vorwurf des Desinteresses kommt im Übrigen normalerweise von jenen, denen die Unterstützung durch die Jugend versagt bleibt. Wer die Stimmen nicht bekommt, schimpft über die „politikverdrossenen“ und „verantwortungslosen“ Jungen. Wer Widerspruch einstecken muss, ärgert sich und hätte lieber das Gewicht seiner Klientel verstärkt – Zensuswahlrecht, Mehrfachstimmen für Eltern und dergleichen.

Das ist so nicht ganz richtig glaube ich. Die Jugend wird ja nicht nur von PolitikerInnen (die trauen sich das meistens nicht laut sagen) sondern auch quer durch alle Medien permanent gedroschen, wurst ob die Autoren links oder rechts stehen. Man sehe sich nur die gängige Rezeption diverser Jugendstudien an. Eklatant ist natürlich, dass der Jugend bei jeder Wahl mit großen Blau-Anteilen eine Rechtsradikalität nachgesagt wird, jetzt aber wo die Jugend der FPÖ einen kleinen Denkzettel mitgegeben hat, wird das nicht groß thematisiert. Aber mir gehts hier nicht nur um die Politik und Medien, sondern allgemein mit dem gesellschaftlichen Umgang mit der Jugend.

@ahabicher: ist hier off topic, aber das Zensuswahlrecht in einem Atemzug mit Überlegungen zum Kinderwahlrecht zu nennen ist für mich deplaziert. Man mag über zweiteres trefflich streiten und es ablehnen – mein Standpunkt ist tendentiell ablehnend – aber seinem Wesen nach ist es die Überlegung, dem „allgemeinen“ Wahlrecht nach der Einbeziehung der weniger vermögenden Schichten und der Frauen zum vollkommenen Durchbruch zu verhelfen und auch die Kinder miteinzubeziehen. Kinder sind im Grunde ab 0 Jahren „rechtsfähig“ (können Träger von Rechten und Pflichten sein), aber nicht „geschäftsfähig“ (können diese noch nicht selbst ausüben). Es gibt gute Gründe, das im Bereich politischer Rechte anders sehen zu wollen und diese erst mit Volljährigkeit entstehen zu lassen, aber es gibt auch gar nicht so schlechte Argumente dagegen. Daher bitte nicht diese Überlegungen in ein Eck mit reaktionären Versuchen zu stellen, das Wahlrecht ins 19. Jahrhundert zurückzukatapultieren. 🙂

Das ist wirklich eine wichtige Unterscheidung: aktiv mit Politik beschäftigen sich immer nur wenige, potentiell aktivierbar sind aber doch die allermeisten. Viele, die der heutigen Jugend Desinteresse vorwerfen, haben immer schon zu den besonders Engagierten gezählt und haben irgendwoher die Vorstellung, dass sich Leute wie sie zahlenmäßig ganz enorm vermehrt haben sollten. Warum, kann ich nicht ganz nachvollziehen.

Ich kenne auch solche Demonstrationen aus der Schülerzeit. Das Muster war meist das: ein paar Engagierte bringen das Thema auf, ernten Zustimmung und organisieren das Ganze. Dabei sind unterm Strich sehr viele; aber bei weitem nicht alle, weil sie persönlich so stark politisiert wären, sondern mehr aus gruppendynamischen Gründen (natürlich auch, weil sie das Anliegen grundsätzlich in Ordnung finden). In der Erinnerung der Engagierten mutieren sie aber allzu oft zu einer hochpolitisch interessierten Masse, also zu Leuten, die genauso interessiert wie sie selbst sind. Wenn dann – nachdem der unmittelbare Anlass vorbei ist – erst recht wieder nur sie als dauerhaft Begeisterte übrigbleiben, beklagen sie den Verfall der Welt, Sitten und überhaupt. Später werden sehr viele von ihnen dann Journalisten, Politiker und sonstige Stützen der Gesellschaft und verfügen dann a) über eine noch getrübtere Erinnerung und b) über die Macht, ihre Meinung zur herrschenden zu machen…

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Viele, die der heutigen Jugend Desinteresse vorwerfen, haben immer schon zu den besonders Engagierten gezählt
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Das gilt wahrscheinlich für die Vorwürfe die über Medien und Politik ausgetragen werden. In der sonstigen Gesellschaft sind die Uninteressiertesten und Uninformiertesten oft die Mauler, die von der Jugend was ganz anderes einfordern. Oft sinds auch Leute, die mal engagiert waren, es jetzt aber nicht mehr sind.

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